
Zur Zeit lese ich die 160-seitige Personalakte Schaefer-Ast aus dem Archiv der Universität des Bauhauses Weimar. Da notiert Schaefer-Ast, er sei als „Kriegsfreiwilliger“ in den Ersten Weltkrieg gezogen und mit „60%“ kriegsbeschädigt aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekommen.
Konkret hieß das: Das rechte Auge war verloren, ein Arm war verletzt. Man überliest so etwas schnell, ich will aber innehalten und nachfragen: was war das eigentlich mit den „Gesichtsentstellten“, mit den „Kriegsversehrten“ mit den „Zitterern“ im Ersten Weltkrieg, der „Urkatastrophe der 20. Jahrhunderts“?
Schaefer – der Künstlername „Ast“ kam erst später dazu – gehörte zu ihnen. Im Buch wird es einen Exkurs zum Thema geben, der hier vorab schon einmal skizziert sein soll:
Exkurs. Die Kriegsversehrten des Ersten Weltkrieges
Das Trauma der Gesichtsversehrten[1].
Als „Denkmäler des Schreckens“ bezeichnete der Berliner Journalist Erich Kuttner die Gesichtsversehrten 1920 im „Vorwärts“. Der Begründer der Kriegshinterbliebenenfürsorge beklagte, dass das Leiden dieser Männer nach dem Krieg tabuisiert wurde. Um sie mache selbst der „patentierte Patriotismus einen weiten Bogen“: Er hat sie „vergessen, denn sie stören ihn“, so Kuttner. Die „Kriegszermalmten“ nannte Erich Kuttner, selbst 1916 vor Verdun schwer verwundet, das Heer der Amputierten, Blinden, Entstellten. Die an Leib und Seele verwundeten Männer kämpften ein Leben lang mit ihren Traumata, wie Erich Maria Remarque 1928 in seinem Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ beschrieb: „Wir werden uns nicht mehr zurechtfinden können. Man wird uns auch nicht verstehen (…). Die Jahre werden zerrinnen, und schließlich werden wir zugrunde gehen.“
Im Nachkriegsdeutschland jedoch gerieten die Gesichtsversehrten zum Tabu, weil sie allzu schmachvoll an die Niederlage und Sinnlosigkeit der Opfer erinnerten[2].
„Im Ersten Weltkrieg waren in Deutschland und Österreich nach aktuellem Stand der Forschung knapp mehr als 700.000 überlebende Soldaten von Verwundungen betroffen. Gesichtsverletzungen stellten zwar mit etwa 5-14% der Verwundeten nur eine unter vielen Formen der Kriegsverletzung dar, ihre Auswirkungen waren jedoch für die Betroffenen umso verheerender. Schon während der Behandlung stellte sich heraus, dass neben den Schmerzen, den Schwierigkeiten beim Essen und dem Unvermögen zu sprechen oder mimisch zu kommunizieren, die Entstellungen im Gesicht für viele der Soldaten besonders schwer zu ertragen waren“[3]
Zu den körperlichen Verwundungen kamen die seelischen[4]. Die Männer kamen als „Zitterer“ von der Front zurück oder entwickelten andere schwere Neurosen oder psycho-somatische Störungen – und konnten kaum behandelt werden.
Bei Schaefer-Ast trat hinzu: er war nicht irgendwo, sondern er war an der „Westfront“[5] – also in jenem seit 1914 festgefahrenen fürchterlichen Stellungskrieg, der von Remarque in seinem Buch „Im Westen nichts Neues“ so eindrucksvoll beschrieben wurde. Giftgas, Maschinengewehre (daher die vielen Gesichtsverletzungen), Panzer, Grabenkrieg – all das hat Schaefer gesehen, erlebt, durchlitten – und am Ende kam er als „Geschlagener“, als „Kriegsversehrter“ zurück. Das Gesicht entstellt, das rechte Auge verloren. „60%“ beschädigt. Er war 28 Jahre alt, als der Erste Weltkrieg zu Ende war.
Die furchtbare Bilanz des Ersten Weltkriegs: etwa 8,5 Millionen Gefallene, mehr als 21 Millionen Verwundete und fast acht Millionen Kriegsgefangene und Vermisste, dazu unzählige traumatisierte Menschen.
Der Krieg war zu Ende, aber die Beschädigungen blieben.
Die Verletzten waren ja noch da. Sie irrten als Arbeitslose durch die Städte, eine angemessene Entschädigung oder gar Kriegsversehrtenfürsorge gab es noch nicht.
Schaefer reihte sich ein in das riesige Heer der kriegsversehrten Arbeitslosen.
Nach dem Krieg war er u.a. „lange Zeit erwerbslos“[6] ,Verkäufer für Pudding-Pulver von Oetker[7]. Gelegenheitsgrafiker. Er produziert Werbematerial, Plakate, Zeitungs-, Buch-, Illustriertenzeichnungen, Schutzumschläge.
Wir müssen damit rechnen, dass sich die Erlebnisse des Ersten Weltkrieges tief in die Seele des Zeichners und Grafikers eingegraben und ihre Spuren in seinem Leben hinterlassen haben.
[1] https://www.spiegel.de/geschichte/erster-weltkrieg-das-trauma-der-gesichtsversehrten-a-1236985.html
[2] Zum Thema auch: https://weimar.bundesarchiv.de/WEIMAR/DE/Content/Virtuelle-Ausstellungen/Nach-dem-grossen-Krieg/kriegsversehrte.html
[3] https://aesthetischepraxis.de/Texte2/Gesichter_WK_I_Broschuere.pdf
[4] https://www.sueddeutsche.de/politik/psychische-leiden-im-ersten-weltkrieg-vom-schlachtfeld-in-die-hoelle-der-nervenaerzte-1.1871045
[5] https://www.sueddeutsche.de/politik/erster-weltkrieg-wahnsinn-westfront-1.1856656
[6] Personalakte Weimar, a.a.O. Blatt 34
[7] Buck, 14









Das Bild hing bei uns zu Hause in der Garage. Niemand hat es wirklich beachtet. Jetzt, knapp 50 Jahre später, sehe ich es mir genauer an.