Vergesst Cancun!

Das 2-Grad-Ziel ist nicht mehr zu halten. „Denn es bleibt nicht mehr viel Zeit, um „das Unbeherrschbare noch zu vermeiden und das Unvermeidbare sicher zu beherrschen“. (Homepage vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. http://www.pik-potsdam.de/forschung)

„Der Pfad, auf dem wir gegenwärtig sind, geht Richtung 4-5 Grad“. (Dr. Anders Levermann, PIK).

Und die globalen Trends deuten in eben diese Richtung: das Wirtschaftswachstum mit den damit verbundenen Emissionen insbesondere in Asien und Lateinamerika geht weiter steil nach oben. Treiber ist u.a. das weitere starke Wachstum der Weltbevölkerung, die zunehmende Verstädterung (mehr als 50% der Weltbevölkerung leben in den sogenannten Mega-Cities wie Hongkong, Seoul, Sao Paolo etc.).
Der Energieverbrauch der Weltbevölkerung steigt.
Die Emissionen steigen.

Trotz Kyoto. Trotz internationaler Klimadiplomatie. Trotz Emmissionshandel.
Dies ist eine wichtige Einsicht: trotz Klimadiplomatie, trotz Energieeinsparprogrammen, trotz Klimaschutzmaßnahmen – steigen die Emmissionen.
Das Scheitern des UN-Gipfels in Kopenhagen vor einem Jahr und die aktuellen Bedingungen in Cancun zeigen: die Diplomatie ist zu langsam, um auf die Herausforderungen zu reagieren.
Notwendige Kompromisse werden, je höher man in den politischen Ebenen geht (lokal, Kreis, Land, Bund, Europa, UN) immer schwerer gefunden. Der Langsamste bestimmt das Tempo im Tross.
Jetzt in Cancun werden nicht einmal die Staatschefs anreisen. Sie überlassen ihren Umweltministern die „Bühne“ (was ja immer ein wenig ans Theater erinnert…..).

Um Missverständnissen vorzubeugen: es gibt keine Alternative zu Klimaschutzmaßnahmen und zu Klimadiplomatie.
Denn sie könnten den Anstieg der Emmissionen vielleicht doch verlangsamen.
Aber: zu einem Stopp der Emmissionen ab 2050 wird es nicht kommen. Der Trends wegen.
Dies jedoch wäre nötig, um das 2-Grad-Ziel (Erwärmung der Atmosphäre um nicht mehr als 2 Grad) zu erreichen.

Das Wachstum der Weltbevölkerung und des Energiehungers frisst die Einspareffekte auf. Es ist schneller als die Einsparungen.
Deshalb ist wohl richtig: Der gegenwärtige Pfad geht auf 4-5 Grad Temperaturanstieg in der Atmosphäre hinaus.

In meinen Augen wäre es daher ein Zeichen verantwortlicher Politik, wenn man den Menschen nicht länger etwas vormachen würde.
Es wäre verantwortlich, den Menschen zu sagen, daß man sich auf die Folgen des Anstiegs der Durchschnittstemperatur um 4-5 Grad bis Ende des Jahrhunderts einstellt.

Es ist falsch, den Menschen zu sagen, daß man den Klimawandel stoppen könnte. Alle Trends sprechen dagegen.
Vielleicht gelingt es, den Anstieg der Emmissionen etwas zu verlangsamen. Aber selbst dafür wären einschneidende Schritte nötig. Die Ergebnisse der bisherigen Klimaverhandlungen und auch die Effekte der bislang eingesetzten Klimaschutzmaßnahmen jedoch deuten in eine andere Richtung. Sie reichen bei weitem nicht aus, um eine wirksame Verlangsamung des Anstiegs der Emmissionen zu erreichen.

Wir wissen sehr genau, daß beispielsweise die Effizienzgewinne bei der Entwicklung von Motoren (deutlich weniger Spritverbrauch) vom Wachstum des Verkehrs (insbesondere des Schwerlast- und Flugverkehrs) mehr als aufgefressen wird.
Ähnliches gibt es vom Energiehunger der Städte zu berichten. Er wird immer stärker.

Die Folgen sind überaus komplex und sollen hier nicht dargestellt werden. Es genügt, auf die Arbeiten des IPCC dazu zu verweisen. Vieles ist bereits gesichert. Die Prognosen werden auch – dank moderner Höchstleistungsrechner – immer regionaler und präziser.

Am Wissen liegt es nicht.
Es liegt auch nicht am Wollen (daß wir es mit einem Systemfehler zu tun haben, darauf hatte ich kürzlich im blog hingewiesen. („Und? Heute schon verdrängt?“).
Man weiß zwar noch zu wenig über die sozialwissenschaftlichen Zusammenhänge des Klimawandels, weshalb das PIK nun entsprechende Schwerpunktforschung eingerichtet hat (Näheres auf der Homepage). Aber die wesentlichen Zusammenhänge sind mittlerweile deutlich.

Da die internationale Forschercommunity seit längerem auf ein zentrales Problem hinweist – uns läuft die Zeit davon, um noch reagieren zu können – müsste m.E. ein Umdenken in der Hinsicht stattfinden, daß man sich auf den 4-5 Grad Anstieg einstellt. (Wenn es dank Klimaschutzmaßnahmen weniger wird, um so besser).

Wenn man dies jedoch tatsächlich tun würde – hätte das sehr weitreichende Konsequenzen für Parlament und Administration.
Denn man würde von der Annahme ausgehen, daß die Prognose eintrifft: Anstieg der durschnittlichen Temperatur um 4-5 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.
Von diesem „archimedischen Punkt“ aus würde man relativ zügig entwickeln können, was zu tun wäre.
Ein paar Stichworte:

1. Einrichtung eines wirklich entscheidungsfähigen green cabinet. (Erste Vorarbeiten dazu gibt es in einigen Staaten, auch in Deutschland; aber die Durchsetzungsfähigkeit dieser Gremien ist nicht gegeben; es fehlt beispielsweise ein Veto-Recht vor Zuleitung ins Kabinett).

2. Fokussierung aller mittelfristigen Planungsprozesse auf das Thema Klimawandel (in Deutschland z.B. Bundesverkehrswegeplan (Laufzeit 15 Jahre) (diese Planung hat noch einen Ölpreis von vor zehn Jahren zur Grundlage…..); Stadtentwicklungspolitik (erste Anfänge gibt es mit der Leipzig-Charta); MifriFi (die von Karl Schiller eingeführte mittelfristige Finanzplanung des Bundes, die sie etwas unabhängiger von Konjunkturzyklen machen soll); Küstenschutzmaßnahmen (allein die Hafenstädte werden in den kommenden Jahren enormen Finanzierungsbedarf haben); Fokussierung der Forschungspolitik (es ist beispielsweise ein Unding, wieviel Geld der Bund in der seit 50 Jahren erfolglosen Fusionsforschung versenkt, ohne, daß es zu brauchbaren Ergebnissen kommt) auf Effizienz, Neue Materialien, Senkung der Energieverbräuche; Klimafolgenforschung. Dies würde beispielsweise bedeuten, daß die Finanzierung der ausseruniversitären Forschung in Deutschland sehr viel stärker als bislang tatsächlich transdisziplinär möglich werden müsste. Davon sind wir meilenweit entfernt (man stelle mal einen wirklich transdisziplinären Forschungsantrag bei der DFG, dann merkt man schnell, wovon ich rede).

3. Präzisierung der zu erwartenden Folgen des Klimawandels in allen anderen Politikfeldern (es gibt kein Ressort, das nicht vom Klimawandel betroffen ist): exemplarisch:  Auswirkungen in der Land- und Forstwirtschaft; in der Außen- und Sicherheitspolitik; in der Migrationspolitik; Auswirkungen auf die Energiewirtschaft und übrigen Wirtschaftsbereiche; Auswirkungen im Gesundheitssystem (die extrem heißen Sommer in vergangenen Jahren haben beispielsweise zum starken Anstieg von Todesopfern geführt).

4. Einrichtung von wirklich transdisziplinär arbeitenden parlamentarischen Arbeitsgruppen (mit Ausnahme der Arbeitsgruppen Energie ist die parlamentarische Arbeit noch sehr stark segmentiert; wirklich transdisziplinäres Arbeiten sehr ungewohnt).

5. Verbesserung der Kooperation über Fraktionsgrenzen hinweg. (nichts eignet sich weniger zum Parteienstreit als das Thema Klimawandel, denn die Folgen müssen bezahlt werden, egal, wer grad regiert). Ich weiß, daß gerade dieser Punkt angesichts des parlamentarischen Alltags überaus kühn ist und schnell das Votum „ist ja lächerlich“ bekommt. Dennoch sei’s gesagt.

Gesamtgesellschaftlich wäre es überaus wünschenswert, wenn dem Thema Klimawandel weitaus mehr seriöse Aufmerksamkeit gewidmet würde. Im Moment hat das Thema Zyklen, die von immer den selben Bildern von „untergehenden Inseln“ etc. begleitet werden – ohne wirklich zu einer wirksamen Veränderung des Denkens beizutragen. Diese Marktschreierei hilft nicht.
Nicht nur Fachjournalisten, sondern insbesondere die Herausgeber großer Medien haben auch eine Verantwortung – nicht nur die, sich um Einschaltquoten und Verkaufszahlen zu kümmern. Die Herausforderung besteht ja gerade darin, zu einer Veränderung des Denkens auf eine Weise beizutragen, die nicht von Sensationslust, Einschaltquoten und kurzfristigen „Erfolgen“ geprägt ist, sondern sich wirklich darum bemüht, zu veränderten Denken zu kommen.

Am Anfang der Bemühungen um eine wirksame Vorbereitung auf die voraussehbaren Entwicklungen stünde jedoch die nüchterne Einsicht: der Klimawandel ist nicht zu stoppen. Vielleicht gelingt es, ihn ein wenig abzumildern. Es wäre vorausschauend und verantwortliche Politik, sich auf den Korridor von 4-5 Grad vorzubereiten (z.B. die Einführung einer neuen Technologie wie z.B. eines Elektro-Autos bis zum Erreichen der Massenmarkt-Schwelle(die wird bei etwa 1 Million verkaufter Einheiten erreicht; Deutschland hat das Ziel, 2020 diese 1 Million e-cars auf den Straßen zu haben) dauert etwa 8 – 10 Jahre!).

Um es in einem Bild zu sagen: es ist vielleicht wie bei der Diagnose einer schweren Erkrankung. Es genügt nicht, die Ursachen in der Vergangenheit zu analysieren (falsche Lebensweise), sondern es kommt nun darauf an, mit der Diagnose verändert weiterzuleben. Dies bedeutet: eine radikale Veränderung. Man muss lernen, „mit der Krankheit zu leben“.

Heute (1.12.2010) sind diese Zusammenhänge sehr schön in diesem Artikel über den neuen UN-Bericht dargestellt:
http://www.taz.de/1/zukunft/umwelt/artikel/1/die-gigatonnen-luecke/

Deshalb stünde am Anfang eines solchen Bemühens eine nüchterne Ehrlichkeit:

Vergesst Cancun!

…mit dem Gesicht zum Volk

Heute sah man Maschinenpistolen vor dem Reichstag.
Die Träger hatten das Gesicht zum Volk.

Menschen waren gekommen, um zu demonstrieren, sich „herzuzeigen“. Und ihre Meinung.
Dass sie nicht einverstanden seien mit dem, was da drinnen beschlossen werden würde.
Das Parlament befasst sich mit dem Haushalt. Und die Regierenden feiern es schon als Erfolg, daß die Aufnahme neuer Schulden geringer ausfalle, als gedacht; es ist ein Ritual.
Der Wirtschaftsminister lässt Zweifel an der Qualität seiner Lektüre aufkommen mit der Formulierung, es gäbe einen „Aufschwung wie im Bilderbuch“.
Man beschließt den Haushalt am Tag, an dem die Amerikaner ebenso lange in Afghanistan sind wie einst die Russen.
Und jeder fragt: „wie lange noch?“
Der Verteidigungsminister jedoch verleiht einen Orden. An einen Toten.
Auch an diesem Tage. Es ist ein novum.
Mit Absichten verbunden.
Gleichzeitig klirren die Gazetten von sich täglich überstürzenden Meldungen von „größeren Rettungsschirmen“, die aufgespannt werden müssten, um den Euro zu retten.
Irland, Spanien, Portugal – sie brauchen Geld. Vor allem ihre Banken.
Von über einer Billion ist die Rede. Fast täglich verdoppelt sich die Summe, die aufgebracht werden müsse. Nach Meinung jener, die davon profitieren.
Vom „Zerfall Europas“ ist gar die Rede.
Der Haushalt wird beschlossen am Ende einer turbulenten Woche, die vom Wort „Terror“ bestimmt war.
Heut wird ein Brief öffentlich, in dem der Innenminister seiner Kollegin im Justizressort nahelegt, doch ihren Widerstand gegen zu verschärfende Gesetze aufzugeben. Die „Angst vor dem Terror“ bestimmt das veröffentlichte Bild dieser Tage. Es geht darum, nun endlich den Sicherheitsbehörden die Mittel in die Hand zu geben, die sie nach ihrer Meinung brauchen.
Gegebenenfalls durch neues Gesetz.
Das Volk ist aufgebracht.
Die Kommentare in Gazetten und insbesondere im Netz werden sarkastischer, schärfer im Ton, ironischer.
Man lacht sie aus.
Die da drinnen. In jenem Haus, vor dem die Maschinenpistolen zu sehen sind.

Nicht nur in Deutschland.

Die FAZ von heute geht unter dem Titel „Der kommende Aufstand“ auf Entwicklungen in Frankreich ein.
Auf jene Schrift, die dort unter gleichem Titel kursiert.
Was jene Schrift beklagt, ist dies:
„Eine Entscheidung über diese Gesellschaft sei nahe. Ihre Familien korrodierten, die Arbeitswelt zerfalle, niemand glaube mehr an das, was sein Leben bestimme, jeder sei nur noch damit beschäftigt, sich selbst zu verkaufen.“ (FAZ-online von heute, 26.11.2010).

Jugendliche und Künstler sind wie Seismografen.
Sie kündigen ein Beben an, bevor es kommt.
Der Michel verurteilt sie gern als „Spinner“. Jugendliche Spinner zudem.
Und macht es sich zu einfach damit.

Es gärt im Lande. Und zwar gewaltig.
Wenn man aufmerksam Gazetten, TV und social media verfolgt, zeigt es sich schnell.
Der Motiv-Mix, der selbst im ruhigen Stuttgart zum Massenprotest führt – längst geht es nicht mehr nur um eine Zughaltestelle und deren Kosten – wird nun sogar im Ländle sichtbar. Selbst alteingesessene Stuttgarter verstehen nicht mehr, was in ihrer Stadt vor sich geht. Man konnte es in der Zeitung lesen.
Millionenfach haben Menschen öffentlich gezeigt, was sie von der Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke halten, denen der Bundesrat nun heute zugestimmt hat.
Und millionenfach wenden sich die Menschen ab und verschwinden im Privaten.
Die Wahlbeteiligung spricht eine deutliche Sprache.
Der Michel bunkert sich ein.
Und schaut in die Röhre.

Der Graben zwischen einer Politik, die schon lange nicht mehr das Heft des Handelns in der Hand hält und einer Bevölkerung, die immer irritierter auf die Vorgänge schaut, die ie schon lange nicht mehr versteht, wird immer tiefer.

Das Reden davon, es sei „auf einem guten Wege“, was man da beschlossen habe in jenem Haus, vor dem die Maschinenpistolen stehen, ist hohl.
Niemand glaubt dem mehr.
Selbst die nicht, die es sagen.

Der Kaiser ist nackt.
Um es zu verbergen, stehen nun die Maschinenpistolen vor dem Parlament.
Ihre Träger haben – das Gesicht zum Volk.

Und? Heute schon verdrängt?

„Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“

Lese ich am Morgen und halte inne.

Was für ein Satz! Da redet ein junger Mann. Der arbeitet in Potsdam. Als Forscher. Am Institut für Klimafolgenforschung.
Dr. Anders Levermann. Er schreibt am IV. Bericht für das IPCC, das weltgrößte Netz von Instituten und Wissenschaftlern, die sich mit dem Klimawandel und seinen Folgen beschäftigen. Selbst das PENTAGON hat den Klimawandel als „größere Gefahr als der Terrorismus“ bezeichnet.

Da sitzt nun also dieser junge Doktor und sagt dem Journalisten ins Mikrofon: „Wir hoffen, dass die Risiken und die Folgen der Erwärmung handhabbar bleiben, wenn wir unter 2 Grad bleiben. Der Pfad, auf dem wir gerade sind, führt uns aber bis zum Ende des Jahrhunderts zu 4 oder 5 Grad.

Sagt er so. Und dann fügt er den Satz dazu, über den ich gestolpert bin:  „Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“

Nun werden die Menschen in Zeiten von Massenkommunikationsmitteln geradezu überschwemmt mit irgendwelchen Informationen. In der ganzen Fülle gibt es ein rares Gut: Aufmerksamkeit.
Wer wie ich gern still arbeitet, in Ruhe liest und aufnimmt, hat die Möglichkeit, zu filtern. Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden. Und den Sätzen nach-zudenken. Deshalb führt dieser Satz des jungen Doktors da aus Potsdam zur Frage: wenn es stimmt, was er sagt, und ich habe keinen Grund, es zu bezweifeln – welche Chance hat seine Erkenntnis und die seiner Kollegen, gehört, d.h. politikwirksam zu werden?

Nun kenne ich den politischen Alltag aus zwanzig Jahren eigener Berufserfahrung. Weiß um die unsäglich langsamen parlamentarischen Prozesse. Je höher die Ebenen – Länder, Bund, Europa, UNO – um so langsamer werden sie und um so winziger werden die Punkte, auf die man sich im Kompromiss der Interessen verständigen kann. Die großen Klimakonferenzen geben ein beredetes Zeugnis.

Wenn wir also annehmen müssen, daß unsere politischen Systeme zu langsam reagieren auf die Herausforderung.
Wenn wir also annehmen müssen, daß der erzielbare Kompromiss nicht zu dem eigentlich notwendigen Ziel führt, nämlich “ 0 Emission ab 2050″, was bedeutet das?
Man kann natürlich die Hoffnung auf Prozesse setzen, die auch ohne Politik ablaufen: Menschen kaufen bewusster ein; Industrie sieht Anlage- und Verdienstmöglichkeiten in „grünen Technologien“, die sich aus Erneuerbaren Energien speisen.
Nur: auch das wird nicht reichen.

Als ich im Verkehrsministerium als Staatssekretär anfing (ich war u.a. zuständig für neue Treibstoffe und Elektromobilität), habe ich meinen Fachleuten als erstes eine sehr einfache Frage gestellt. „Wenn wir den Tag X annehmen, an dem das Öl alle ist. Wieviel von der an diesem Tag allein für Heizung und Verkehr benötigten Energie könnten wir, wenn wir die weltweit modernsten Technologien und Treibstoffe einsetzen würden, substituieren?“
Meine Fachleute im Haus wussten nicht sofort eine Antwort.
Als wir uns wieder trafen sagten sie: „35%.

Das ist eine interessante Zahl.
Denn sie sagt: 65% des benötigten Energiebedarfes müssten dann woanders her kommen. Nicht aus Öl, nicht aus neuen Treibstoffen (inclusive H2, E-mobility etc.), nicht aus neuen Technologien – sondern aus Verbrauchsvermeidung: Effizienz.
Um dies jedoch zu erreichen, so weiß ich noch aus meiner Zeit im Bundesforschungsministerium, bräuchten wir mindestens einen Energieeffizienzgewinn im mix der Technologien von etwa 4% – pro Jahr! Derzeit haben wir etwa 1,4%. Man weiß, daß man beispielsweise bei der Erzeugung von Stahlplatten bis zu 80% Energie sparen kann, wenn man sie spritzt, statt walzt. Die Energie-Enquete, deren Mitglied ich war, hat umfangreiches Material bereit gestellt, was alles „ginge“ und auch schon praktiziert wird. Aber: um eine neue Technologie wirklich am Markt durchzusetzen, braucht man – das ist etwas von der Technologie abhängig – bis zu zehn Jahren!

Auch dies ein wichtiger Hinweis: da tut sich eine Schere auf zwischen dem, was nötig wäre und dem, was bei bestem Willen überhaupt leistbar ist – angesichts der oben beschriebenen Langsamkeit von parlamentarischen Prozessen und erreichbaren Kompromissen.
Es liegt also nicht (nur) am guten Willen.
Da gibt es einen Fehler im System: wir können nicht umsetzen, was wir wissen. Auch bei gutem Willen nicht. (Wobei ein wenig mehr Mut in Parlament und Regierung durchaus wünschenswert wäre….).

Dies wiederum bedeutet: die Wahrscheinlichkeit ist nicht klein, daß dieser junge Mann aus Potsdam, der da an seinem Bericht für den Weltklimarat schreibt, Recht haben könnte:

Der Pfad, auf dem wir gerade sind, führt uns aber bis zum Ende des Jahrhunderts zu 4 oder 5 Grad.

Kann man das aushalten? Innerlich?
Die Vorstellung von diesem Szenario? Ich meine „Ende des Jahrhunderts“ das ist ja nicht mehr lange hin. Das sind neunzig Jahre. Davon erlebt mein Sohn noch ne ganze Menge. Und eventuelle Enkel ohnehin. Es bleibt also sozusagen „in der Familie“.

Was würde es denn bedeuten, wenn der junge Doktor aus Potsdam mit seiner persönlichen Einschätzung Recht hat?: „Ich persönlich glaube nicht, dass die Gesellschaftsform, wie wir sie derzeit in Europa gewohnt sind, mit Rechtsstaatlichkeit, bürgerlichen Freiheiten und wirtschaftlicher Prosperität, solch einen rapiden Temperaturanstieg überstehen würde.“
Er spricht von dem „Pfad“ auf dem wir gerade sind.
Und: die weltweiten Trends – enormes Wachstum vor allem in Asien und Südamerika mit entsprechenden Energieverbräuchen und Emmissionen – deuten ja eher darauf hin, daß dieser Pfad noch steiler werden wird, statt „0 Emissionen ab 2050%.

Diese Überlegungen sind in ihrer Konsequenz dermaßen komplex und gewaltig – dass die Menschen verdrängen.
Ich weiß, wovon ich da rede.
Als ich auf der europäischen Verkehrsministerkonferenz vor zwei Jahren mit den Kollegen aus den Niederlanden und Spanien zusammensaß und wir uns eine Arbeitsgruppe der europäischen Hafenstädte zum Klimawandel überlegten, da war uns klar, daß uns die Zeit davon läuft. „Bei uns kommts schon über die Kaimauern“ sagte mir mein spanischer Kollege.
Wir wissen, daß auch auf die deutschen Hafenstädte und Küsten enorme finanzielle Belastungen zukommen werden.
Ein Europa wird man ein neues Finanzausgleichssystem benötigen, weil es Regionen gibt, die stärker und welche, die weniger stark betroffen sein werden.
Mein niederländischer Kollege meinte nur: „Na, irgendwie wär es ja nicht einzusehen, daß wir dann jede Hochwasserwelle des Rheins allein bezahlen sollten, wenn bei uns die Wanne volläuft. Mein Land steht jetzt schon zu großen Teilen unterhalb des Meeresspiegels. Wenn die Prognosen einträfen, würde das für die Niederlande ein Landverlust von 50% bedeuten.“ Ich habe ihn gefragt, wie sich seine Regierung darauf vorbereitet: das kleine Land gibt über eine Milliarde Euro jährlich aus, um im Meer vor den gewaltigen Deichen Sand aufzuspülen und so den Wellen die Kraft zu nehmen.
Nur: dies hat ja auch etwas vom spielenden Kind am Strand des Meeres, das sich eine Kleckerburg baut……

Es wäre absolut zwingend für Politik und Gesellschaft, dieses überaus komplexe Thema „Klimawandel“ und die Folgen prioritär (also vorrangig) zu bearbeiten. Die üblichen Schuldzuweisungen („die da oben wollen nicht“, „die Industrie ist schuld“ etc. pp) genügen bei weitem nicht, um angemessene Antworten zu entwickeln.
Aber diese Priorisierung findet nicht statt.

Weil die Informationsflut die Menschen überfordert. Übrigens auch die Menschen in den Parlamenten.
Weil sie nicht mehr zwischen Wichtigem und weniger Wichtigem unterscheiden können.
Die Sache ist ihnen zu kompliziert und sie ist ihnen zu komplex.
Man wendet sich ab. Ins Private.

Also, wie ist es: heute schon verdrängt?

das ganze Interview hier:

http://www.n-tv.de/politik/9-Grad-sind-unwahrscheinlich-article2001591.html

Ich bin ein rares Federvieh…. neue Gedichte von Lothar Petzold

Schmal kommt das Bändchen daher.
Mit Gedichten über die Vögel unsrer Heimat.
Ich halte ein: das gibt’s doch schon. In Hülle und Fülle. Diese Vogelbücher.
Mit Fotos gar und Silben, die den Ton des Gesangs nachahmen wollen. Kaum etwas ist lächerlicher, wenn man das Hören kennt.

Doch dies hier ist anders.

Ich kenne den Mann, der diese Zeilen schrieb.
Preise hat er gewonnen. (u.a. Paul-Gerhardt-Preis 2007)
Viele seiner Worte sind zu Liedern geworden. Und werden gesungen.

Ich seh ihn sitzen an seinem Tisch, vor den Büchern. Groß und schwer.
Am See in Zeuthen bei Berlin.
Und sehe, wie er lauscht.
Sehe das Kind in ihm lauschen.

Er hat als Kind schon lauschen müssen. Im Krieg. Als die Bomben fielen und er im Keller saß voller Angst.

Wenn Lothar Petzold heute lauscht, kann er schreiben:

„Doch folge ich dem Lied,
das aus dem Baume bricht,
flieg ich von meinem Ort
hinauf zum Licht.“

Da schreibt ein Hörender. Einer, der es versteht, hinter die Dinge zu lauschen.
Er schreibt von der Liebe.
Von der „großen Melodie“, die in dem kleinen Vogel singt – wenn man zu hören versteht.

Nun ist es kühn, in unseren Tagen, zugelärmt von Seltsamkeiten, hinter die Dinge zu lauschen.
Petzold weiß das.
„Ich bin ein rares Federvieh….“ lässt er den Ortolan sagen (S. 13), jenen „vergessenen Vogel“ aus der Gruppe der Sperlingsvögel, die man in Frankreich und Italien in Alkohol ertränkt, rupft und brät. „Sein Bestand ist gefährdet“, weiß der erklärende Text zu berichten.

Ich weiß, warum Petzold sich in die Vögel verhört hat.
Sie erzählen ihm etwas über sich.
Er hört, wozu er in Resonanz ist.

Aber, da lugt auch der andre Petzold aus dem Geäst, der mit der großen Kraft.
Der von der „großen Melodie“ weiß, die alles trägt und durchklingt.
Die winzige Grasmücke lässt er singen:

„Ist mein Kleid auch unscheinbar,
doch nicht so meine Stimme.
Ich klinge einer Orgel gleich,
volltönend sei die Minne!“

Da seh ich ihn sitzen. Lothar Petzold. In seiner großen Gestalt und mit seiner großen Sehnsucht.
Wie er lauscht.
Und wieder Kraft tankt.
In der Großen Melodie, die die kleinen Vögel singen.

Ein anrührendes Büchlein. Für Menschen, die bereit sind, hinter die Worte zu hören.
Lothar Petzold
„Wer singt denn da?“
WIEDENVERLAG Schwerin

http://www.wieden-verlag.de/index.php5?go=Start

und über den Autor: Lothar_Petzold@t-online.de

Die Hysterie hat einen Namen

Nie sei die Sicherheit Deutschlands so bedroht gewesen, wie in diesen Tagen, verkündet der eigentlich recht still agierende Bundesinnenminister vor laufenden Kameras und die Gazetten drucken eifrig ab, was ihnen da präsentiert wird.
Und siehe da:
Pünktlich vor der Innenministerkonferenz findet sich ein „gefährliches Gepäckstück“ in einem Flugzeug aus Namibia, das Richtung Deutschland unterwegs ist.
Waffenstarrende Polizei ist plötzlich auf den Straßen, „sichert“ Bahnhöfe und Sparkassen.
Der Chef der Polizeigewerkschaft GdP lässt öffentlich beim Bundesinnenminister anfragen, wie sich denn die Bevölkerung nun verhalten solle.
Den Polizeibeamten wird gar der Urlaub gestrichen, weil Gefahr im Verzuge sei.
Hoch schwillt die Welle der Angst.
Online-Ausgaben von Zeitungen testen ihre Leserschaft mit der Frage nach deren Sicherheitsgefühl.

Und siehe da:
Kaum ist die Innenministerkonferenz vorüber, eilt der Bundesinnenminister erneut vor die Mikrofone, um der erstaunten Öffentlichkeit mitzuteilen, jenes Gepäckstück dort im fernen Afrika sei ein „Testkoffer“ gewesen und er könne nicht ausschließen, dass eben jener „Testkoffer“ „von deutschen Sicherheitsbehörden platziert“ worden sei.

Ja, wo samma denn?

„Er könne nicht ausschließen?“
Was weiß der Innenminister eigentlich?
Wie koppelt er sich eigentlich mit dem Kanzleramt?
Es ist unglaublich lächerlich.
Avanti Dilettanti!
Der ganze Vorgang zeigt grobe handwerkliche Fehler in einem hochsensiblen Feld: der Innenpolitik.
Das Parlament reagiert prompt.
Debatten nach „Vorratsdatenspeicherung“ werden erneut lautstark geführt.
Die Protagonisten der jeweiligen Position tönen ihre alten Argumente erneut in immer noch bereitstehende Mikrofone.
Das Land erregt sich.

Und fängt schließlich an zu lachen.
Bei facebook und twitter werden die Kommentare bissig und zynisch. Die Leute beginnen, „die da oben“ einfach auszulachen.
Man amüsiert sich über den „Testkoffer am Welttoilettentag“
Der „Test“ geht nach hinten los.
Typischer „Testkoffer“: ein Furz eben.
Diese ganze Sicherheitshysterie ist ein gewaltiger Irrglaube: dass der Staat die Menschen von Anschlägen sichern könnte in Zeiten privatisierter Gewalt. (Eppler)
Es ist ebenso ein gewaltiger Irrtum, zu glauben, dass sich die Sicherheit durch „Warnungen“ wie die des Bundesinnenministers erhöhen ließe.
Studien vom Max-Planck-Institut für Bildungsforschung zeigen, dass häufig das Gegenteil der Fall ist.
Im Übrigen zeigt die nüchterne Statistik, dass die Wahrscheinlichkeit, durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen, um ein Vieltausendfaches niedriger liegt, als im Lotto einen Sechser zu gewinnen.

Die Sicherheitsbehörden sollen in der Stille ihre Arbeit tun so gut sie können.
Aber sie sollen aufhören, mit der Angst der Leute zu spielen.

Was also ist die Botschaft jener bizarren Geschichte vom „Testkoffer aus Namibia“?
Die Botschaft soll sein: „wir haben alles im Griff. Die Sicherheitsbehörden funktionieren. Der Staat ist handlungsfähig.“
Aber das ist nicht die Botschaft.
Die reale Botschaft ist: „wir haben euch verklapst. Wir haben mit euren Ängsten gespielt. Denn wir wissen wie Ihr: eine hundertprozentige Sicherheit gibt es nicht. Kann es nicht geben. Denn das Leben lässt sich nicht versichern.“

Des Pudels Kern wird am Abend des 19. November ersichtlich: Der Bundesinnenminister sieht eine „Sicherheitslücke“. Und die Innenminister der Länder fordern eine schnelle Wiedereinführung der Vorratsdatenspeicherung.

Was wie eine farce klang und wirkte, erweist sich als solche.
Das Spiel mit den Ängsten der Menschen – um ein innenpolitisches Ziel durchzudrücken.

Trendy. Oder: das Vaterunser einmal anders

Wir Menschen werden immer mehr.
10 Milliarden sind wir demnächst.
Der Globus ächzt unter unsrer Last.
Unsere Wirtschaft wächst.
Wir sind noch stolz drauf.

Aber:
Die Grundlagen schwinden, die uns geschenkt sind.
Die Rohstoffe nehmen ab.
Und werden teurer.
Für viele unbezahlbar.
Wir werden Kriege führen deshalb.
Nicht mal sauberes Wasser haben alle.

Das Klima haben wir so verändert,
Dass sich sogar die Klimazonen verschieben.
Wüsten wachsen.
Wälder schwinden.
Das Meer ist sauer.
Die Arten sterben.
Viele, bevor wir sie überhaupt entdeckt und verstanden haben.

Du hast uns einst “Krone der Schöpfung” genannt, Gott.
Und: “Ebenbild”
Das ist lange her.
Wir aber schlagen uns die Schädel ein,
Richten uns zu Grunde,
Grenzen aus,
Verwehren dem Flüchtling das Lebensrecht.
Sperren unsre Grenzen zu.

Ich kann verstehen, wenn Menschen wieder sprechen:
“Dein Reich komme”.
Endlich.

Denn mit unserem Können ist’s nicht weit her.
Es spricht sich herum.

Deshalb sprechen wir:
“Erlöse uns.
Von dem Bösen.
Das in uns ist.”
Lehre uns.
Die Ehrfurcht vor dem Leben.

Wir hoffen, dass Dein Friede wirklich höher ist
Als unsre Vernunft.

Etwas vom Geben. Und von der Hoffnung.

Im Internet hab ich ihn getroffen. Stefan Knüppel, CEO von Opportunity International Deutschland. (http://www.oid.org).
Ich las den Ticker. Im Ministerium. Dass da einer die neue Stelle mit deutlich besserem Gehalt abgelehnt habe, um sein Wissen als Banker einer kleinen privaten Stiftung zur Verfügung zu stellen.
“Bringt mir den Mann!” hab ich zu meinen Mitarbeitern gesagt.
Dann saßen wir zusammen. Und wurden Freunde.
In Mocambique waren wir. Zusammen mit anderen, die von ihrem Geld gegeben hatten. Damit andere geben könnten. Eines Tages.
Microcredits.
Wir sahen in Afrika, was aus unserem Geld geworden war: eine Gruppe von Kleinstunternehmern, Frauen, die einen kleinen Laden betrieben; Männer, die eine Näherei eröffnet hatten.
Mit einem winzigen Kredit von Opportunity International Deutschland, der deutschen Sektion des weltweit arbeitenden Netzwerks von Opportunity International.
2 Millionen Menschen konnte OI bislang schon unterstützen.
Einmal gegeben: vielfach eingesetzt. Micro-Credits.
Sie bekommen, wenn ihre Kreditnehmergruppe das so entscheidet, von Opportunity einen winzigen Kredit – durchschnittlich 126 Euro – , um sich eine Ziege zu kaufen oder eine Nähmaschine, um ihr Sortiment im “Geschäft” zu erweitern oder in eine Ausbildung zu investieren. Damit sie ihre Familie und sich selbst besser ernähren können.
Die Gruppe bürgt für den Kredit. Und achtet darauf, dass die Zuverlässigen das Geld bekommen – und zurückzahlen mit einem kleinen Zins, der verwendet wird, um die Ausbildungskosten zu bezahlen, die zum Programm dazugehören: Gesundheitsvorsorge, AIDS-Prävention vor allem; ländliche Entwicklung; Buchhaltung.
Einmal pro Woche trifft sich die Gruppe, um zu besprechen, wie die Dinge stehen. Im Geschäft. Und privat.
93% Rückzahlungsquote haben wir. Das ist enorm hoch. Die Frauen sind die besten Partner, sie sind sehr zuverlässig.
Fürs kommende Jahr haben wir uns vorgenommen, 100 neue Kreditnehmergruppen zu gründen. In Afrika und auf den Philippinen. Dort hat OID die stärksten Partner, die in der Lage sind, ein so großes Programm auch umzusetzen.
100 neue Kreditnehmergruppen.
Das bedeutet: 500.000 Euro sind einzuwerben.
Denn: eine Kreditnehmergruppe, wir nennen sie “trust bank” – Bank des Vertrauens -, kann mit etwa 5.000 Euro eingerichtet werden.
Wir erreichen mit den neuen Gruppen etwa 16.000 Menschen.
Viele unserer Partner sind Analphabeten. Keine Bank der Welt würde ihnen Geld geben. Denn sie haben keine Sicherheiten.
Wir aber vertrauen ihnen.
Deshalb gelingt die Arbeit.
Man kann mit Hilfe von Opportunity International Deutschland auch in die Länder fahren und die Projekte besichtigen, mit den Partnern sprechen und sich ein eigenes Bild machen.
Aber vorsichtig: man infiziert sich dabei. Mit Hoffnung.

„Der kommt oft am weitesten, der nicht weiß, wohin er geht“ – Christian Morgenstern

Mit seinen „Galgenliedern“ bin ich aufgewachsen.
Aber von seiner Verbindung zu Rudolf Steiner und Hendrik Ibsen, zu Dostojewskis Texten und von seiner „stillen Seite“ wußte ich bislang nichts.
Heut früh bin ich bei der Lektüre über einen Satz von ihm gestolpert: „Wer Gott aufgibt, löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln“.

Manche Sätze sind so überraschend, daß sie mich festhalten. Zum Nach-Lesen, zum Nach-Denken auffordern.
Ein neuer Gast am Tisch: Christian Morgenstern.

Er war krank sein Leben lang. Hatte sich angesteckt bei seiner Mutter. Tuberkulose.
Monatelang musste er in Liegekuren zubringen. Hat erfahren, was für ein zerbrechliches Gefäß der Körper sein kann.

Sein Vater wollte, daß Christian beim Militär Karriere macht. Das wurde nichts.
Die beiden hatten ein schwieriges Verhältnis. Manche sprechen gar von einem „Bruch“ in der Beziehung.

Weltberühmt wurden seine Texte erst nach seinem Tod 1914.
Besonders bekannt: die „Galgenlieder“.

Aber: dieser überraschende Mann hatte eine sehr stille Seite. Eine spirituelle Begabung.
Die Lyriksammlung „Einkehr“ (1910) gibt Auskunft.
Exemplarisch vielleicht dies:

Eine Glocke in stiller Nacht . . .
Was mag sie wollen ? Was ist geschehn?
Nirgends Feuerzeichen zu sehn.
Nirgends eine Seele, die wacht.

Klingt es nicht, als schlüge sich
dumpf wer an die Brust von Erz:
Schmerz – Schmerz – Schmerz – Schmerz.
Welt, mein Ich, wie quälst du Mich!

Doch, sagt Meister Eckehart,
war auch solche dunkle Klage
schon am Anfang aller Tage
Seinem Geiste Gegenwart.

Seinem Geist? O Mund, gib Ruh‘;
lass mich nicht in Worte fallen.
Einer Glocke nächtlich Lallen
darf mich lehren; doch nicht du.

Meister Ekkehart, der Mystiker und Seelenkenner ist da in diesem Text. Ich bin überrascht, ihn beim Humoristen und Satiriker Morgenstern zu finden. Die Neugier auf diesen interessanten Mann wächst.
Ich lese von seiner engen Beziehung zu Rudolf Steiner, von seiner Übersetzung von Hendrik Ibsen. Erfahre, daß er sich lange Zeit mit Fjodor Dostojewski beschäftigt hat.

Es ist eine schöne Begegnung an diesem Herbsttag.
Christian Morgenstern zeigt mir heute eine verborgene, stille Seite, die mich überrascht und anspricht.

Novembertag

Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.

Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Geberde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.

 

Marsch, marsch! Jetzt gehts an die Substanz, Herr zu Guttenberg!

Der Verteidigungsminister findet, es sei legitim, wenn die Bundeswehr „die Handelswege absichert“.
Ist ja auch irgendwie einzusehen.
In einer Zeit, in der begehrte Rohstoffe für Elektoautos, Computer und andere begehrte Waren immer knapper werden; in Zeiten, in denen die deutsche Wirtschaft „ernste Probleme“ zu erkennen glaubt, angesichts der Rohstoffknappheit im vom Export abhängigen, rohstoffarmen Land – da meint der Verteidigungsminister, es sei legitim, wenn die Bundeswehr „die Sicherung der Handelswege“ übernähme.

Man achte auf den Zeitpunkt dieses Statements des Verteidigungsministers.

Selten hat einer so offen und klar gesagt, worum es ihm und einigen anderen geht.
Und selten war der Widerspruch im Land so gering.

Das, was Guttenberg vorträgt, ist Kolonialismus in reinster Form. Es geht im Kern um die Verteidigung wirtschaftlicher Interessen.
„Wir brauchen die Rohstoffe, die in euren Ländern liegen. Und wir werden mit der Armee dafür sorgen, daß diese Rohstoffe auch unser Land erreichen“.

Das ist im Kern der Hauptsatz, der sich hinter seinem rhetorischen Nebel verbirgt.

Und dagegen gilt es, Widerspruch anzumelden.

In einer Welt, in der die Abhängigkeit der Länder voneinander in atemberaubenden Tempo zunimmt, ist es nicht klug, einen derart kolonialen Ton anzuschlagen, wie es Herr zu Guttenberg tut. Es ist kurzsichtig, weil es Konflikte verschärft in einer Welt, die Befriedung der wachsenden Konfliktpotenziale braucht.
Aber es macht deutlich, wie da einige denken.
Sie denken: „Hauptsache wir! Und wenn wir dazu die Armee zu Hilfe nehmen müssen“.
Also: Marsch! Marsch!

Es geht um „Verteidigung deutscher Interessen“.
Das hat man schon oft gehört.
Das ist aber bislang niemals gut ausgegangen. Wenn sich die „Verteidigung deutscher Interessen“ mit dem Klang von Soldatenstiefeln auf den Straßen ferner Länder verbindet.

Guttenberg sagt, was er denkt. Aber er geht zu weit.
Es ist ihm anzurechnen, daß er sagt, was er denkt.

Klarheit ist manchmal hilfreich.
Man weiß, wo der Gegner steht.

Was ist, statt der militärischen Verteidigung deutscher Wirtschaftsinteressen, eine sinnvolle Zukunft?

„Schwerter zu Pflugscharen!“ (Micha 2).

Ich weiß, daß viele diesen alten Satz für eine Phantasterei halten.
Mir ist das nicht neu.
Deshalb irritiert es mich auch nicht mehr.

Wenn zu Guttenberg den Versuch unternimmt, die Sicherung wirtschaftlicher Interessen Deutschland mit militärischen Mitteln zu begründen.
Dann ist ihm zu widersprechen.

Laut. Und deutlich.

http://www.fr-online.de/politik/guttenberg-macht-den-koehler/-/1472596/4819482/-/index.html

Es ist Krieg – entrüstet Euch! Nachdenken über das Motto der Friedensdekade

Das  Motto klingt anstößig. Frech vielleicht sogar. Klingt in den Ohren schrill.
Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland veranstalten nun schon seit langen Jahren immer im Herbst, kurz vor der Adventszeit, die „Friedens-Dekade“.
Zehn Tage, an denen schwerpunktmäßig die Themenfelder abgeschritten und bedacht sein wollen, die unsere Welt oft so unfriedlich sein lassen.

Ich finde, dieses Motto „Es ist Krieg – entrüstet Euch!“  ist von den Vorbereitungsgruppen für die diesjährige Dekade glücklich gewählt worden.
Denn: es ermöglicht eine breite Diskussion, vielfältige Zugänge, die Wurzeln des Unfriedens freizulegen.

a. Der Zugang zum militärisch verursachten Unfrieden: da fallen mir die vielen militärischen Konflikte und Kriege ein, an denen auch Deutsche beteiligt oder in sie „verwickelt“ sind: Afghanistan, Horn von Afrika, Bürgerkriege in Afrika, Irak etc. Wir haben eine breite Debatte in unserem Land über die Frage, ob es im Januar eine weitere Verlängerung des Mandats für deutsche Soldaten in Afghanistan geben sollte. Ich gehöre zu denen, die für einen schnellstmöglichen Abzug plädieren.

b. Der Zugang zum ökologischen Unfrieden: Wir wissen, daß die Zerstörung der Welt exponentiell wächst, nicht linear. Die Stichworte: Artensterben (ökonomische Schäden von mehreren Billionen Dollar stehen uns bevor, wenn wir nicht umsteuern); Klimawandel: unsere Fachleute im Ministerium, internationale Experten der Klimaforschung, Sicherheitsexperten z.B. des amerikanischen Militärs sagen uns: der Klimawandel ist die Herausforderung schlechthin, vor der die Menschheit steht.  Der Stern-Report von Sir Nicolas Stern hat ökonomisch vorgerechnet, weshalb schneller und wirksamer Klimaschutz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist: wir könnten die Schäden nämlich nicht mehr bezahlen und die Folgen für den Globus wären, was zunehmende Kriegsgefahren, Völkerwanderungen (Klimaflüchtlinge) etc. anbetrifft nur noch von den „reichen“ Staaten zu bewältigen.

c) Der Zugang zum sozialen Unfrieden: die Konflikte zwischen Arm und Reich nehmen zu. Bildungsarme Schichten gegen Bildunseliten; einkommensarme Schichten gegen eine kleine Gruppe von Menschen, die man zu den „Superreichen“ zählt – die sozialen Spannungen wachsen. Bei uns im Land und im globalen Maßstab. Die Ursachen sind zahlreich, Lösungen nicht einfach.

c) Der Zugang zum Unfrieden in der Sprache. Es fällt auf, daß in unserer von Massenmedien (wozu ich auch das Internet und Web 2.0 zähle) geprägten Welt die Bereitschaft zur gewaltsamen Sprache zunimmt.
Solche Sprache ist Folge gewaltsamen Denkens. Und Folge der gewaltsamen Sprache ist Gewalt in der Gesellschaft.

Dies deutet darauf hin, daß in unserem Inneren offenbar etwas nicht mehr „stimmt“: woher kommt die Bereitschaft zu zunehmend gewaltsamem „Denken“ – zu gewaltbereiter, unüberlegter Sprache und in der Folge zur Gewaltbereitschaft auch im Tun?

Wir werden also durch das Motto der Dekade auch auf die seelischen Prozesse hingewiesen, die in uns ablaufen und unser Tun bestimmen.

Ein sehr breiter Fächer tut sich auf, in diesen Tagen im Herbst 2010 gründlich inne zu halten, nach- zu denken. Neue Wege zu entdecken.

Damit wir friedlicher werden.

Im Denken.
In der Sprache.
Und im Tun.

Mich hat der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung politisch geprägt. Ich bin sozusagen „zu Hause“ in diesen Themen. Der Prozess hat mich eines Tages gar in die Politik geführt.
Es ist gut, wieder inne zu halten. Zu stoppen für 10 Tage. Das Nach-Denken zu üben.

Damit wir nicht Wege weitergehen, die sich als falsch herausgestellt haben.