Lieder, Lärm und Lustigkeit – Goebbels bei den Philharmonikern?

Ich schätze die Berliner Philharmoniker sehr. Sie gehören zu den weltbesten Orchestern. Deshalb bin ich regelmäßig bei ihnen zum Konzert.
Heute allerdings komme ich nachdenklich nach Hause. Heute gab es Richard Strauss. Den ganzen Abend. Das Orchester zeigte, was es musikalisch „drauf“ hat – und glänzte wie gewohnt.
Die Freude wurde allerdings getrübt.
Unter der Überschrift „Lieder, Lärm und Lustigkeit – Ein Strauss für alle Gelegenheiten“ konnte man im Programmheft, für das Susanne Stähr den Einführungstext geschrieben hat Seltsames lesen.
Ich zitiere:
„Gelegenheitswerke haben es nicht leicht, sich im aktiven Konzertrepertoire zu behaupten. Es haftet ihnen der Verdacht an, sie seien nicht für die Ewigkeit, sondern für einen bestimmten Moment entstanden: als tönender Geburtstagsgruß und Einweihungsfanfare, als Huldigungs- oder Dankadresse. Vor allem, wenn der Anlass, der bei der Geburt dieser Stücke Pate stand, im Nachherein einen gewissen Beigeschmack aufweist, wird die vorurteilsfreie Rezeption erschwert. So ist es Richard Strauss mit einigen Kompositionen ergangen, die er während der tausend braunen Jahre zwischen 1933 und 1945 geschaffen hat: Man denke nur an seine Olympische Hymne für die Berliner Spiele 1936 und an die Japanische Festmusik zum 2600-jährigen Bestehen des mit Nazi-Deutschland verbündeten japanischen Kaiserreichs. Auch die Festmusik der Stadt Wien muss in diesem Zusammenhang genannt werden. Baldur von Schirach, „Reichsjugendführer“ und seit 1941 Statthalter von Wien, hatte 1942 den Beethovenpreis der Stadt Wien neu ausgelobt und mit 10.000 Reichsmark dotiert – ein Propagandainstrument in schwerer Zeit, dem Ruhm der deutschen Kunst zugedacht. Als erster Preisträger wurde Richard Strauss ausersehen: Er nahm die Würdigung am 16. Dezember im Wiener Rathaus entgegen und revanchierte sich postwendend für die Ehre mit der Komposition der Festmusik für Blechbläser und Pauken, die er am 9. April 1943 zur Feier des fünften Jahrestags von „Großdeutschland“ mit dem Wiener Trompetenchor uraufführte, als Jubiläumsgabe zum Einmarsch der Nazis in Österreich. So weit die Fakten.
Dass Strauss mit diesem Werk ein politisches Bekenntnis verbunden hätte, wäre indes zu weit gegriffen. Viel eher dürften ihn die Besetzung und die Interpreten interessiert haben…..“

Soweit das Zitat.
Der Text fährt dann fort mit der genaueren musikalischen Besprechung der Werke des Abends.
Nun hat Susanne Stähr einem Foto, das Richard Strauss mit Joseph Goebbels zeigt, immerhin eine Viertel Seite ihres sehr begrenzten Druckplatzes zur Verfügung gestellt, räumt dem Thema „Strauss und die Nazis“ also erhebliche Bedeutung ein.
Zunächst ist es gut, daß Susanne Stähr darauf hinweist, daß Richard Strauss und die Nazis ein durchaus enges Verhältnis hatten: er hat Preise von ihnen angenommen, sie haben seinen Erfolg für ihre Zwecke benutzt. Er hat sich mit Stücken für diese Preise bei ihnen bedankt, sie haben seine Stücke anlässlich von Jahrestagen für ihre Zwecke instrumentalisiert.
Es ist ein schwieriges Kapitel, das Kapitel über „Nazis und die Künstler“. Denn es gab natürlich nicht nur Künstler, die mit den Nazis kollaborierten, sondern es gab auch Künstler, deren Werke man verbrannte, die ausgewiesen wurden, Publikationsverbot hatten und anderes mehr. Der blog hier ist nicht ausreichend, um das schwierige Verhältnis von Richard Strauss zu den Nazis hinreichend zu beleuchten, er genügt auch nicht, um das umfassendere Kapitel „Die Nazis und die Kunst“ darzustellen.
Aber auf den Abend in der Philharmonie will ich dennoch eingehen.
Denn, so ist zu fragen, wieso hat Susanne Stähr so formuliert, wie sie formuliert hat? War es Nachlässigkeit? Oder Absicht?
Sie schreibt: „Baldur von Schirach…..hatte 1942 den Beethovenpreis….neu ausgelobt….ein Propagandainstrument in schwerer Zeit, dem Ruhm der deutschen Kunst zugedacht.“
Sie schreibt das ohne Anführungszeichen. Was soll das heißen: „….in schwerer Zeit, dem Ruhm der deutschen Kunst zugedacht“? Teilt sie diese Auffassung der Nazis? Teilt sie sie nicht? Wenn nicht, weshalb dann keine Anführungszeichen, um ihren inneren Abstand zur Denkweise der Nazis deutlich zu machen?
Nachdem sie dargestellt hat, daß sich Strauss mit seiner „Festmusik“ für diesen Preis „postwendend bedankt“ hat, schreibt sie: „Dass Strauss mit diesem Werk ein politisches Bekenntnis verbunden hätte, wäre indes zu weit gegriffen.“
Das behauptet sie, ohne den Satz zu begründen.
Aber genau die Begründung wäre für das internationale Publikum des Abends durchaus interessant gewesen!
Wie kommt sie zu der Vermutung, es handele sich bei jenem Stück nicht um ein politisches Bekenntnis, wo er es doch, ihren eigenen Worten folgend, „postwendend“ als „Dank“ an die Nazis komponiert hat?
Die Sache spielt in den Jahren 1942 und 1943; die Kristallnacht war vorüber, der Krieg kam ins Stocken – allmählich dämmerte etlichen Deutschen, was es mit den Nazis denn wirklich auf sich hatte. Strauss komponierte für die Nazis weiter.
Kein „politisches Bekenntnis“? Mich würden die Gründe für diese Behauptung interessieren. Aber genau diese Gründe verschweigt Susanne Stähr.

Wir haben in der Pause mit anderen Konzertbesuchern darüber gesprochen. Auch sie waren schlicht empört.
Der Begleittext zum Konzert – extra geschrieben für dieses Programm – kommt dermaßen unkritisch und harmlos daher, daß einem die Haare zu Berge stehen. Statt den wenigen Platz zu nutzen, um ihre These wenigstens in Andeutungen zu begründen, druckt sie den Herrn Goebbels ab, wie er mit dem Richard Strauß verhandelt.
Was soll soetwas?

Das ganze steht unter der Überschrift: „Lieder, Lärm und Lustigkeit“ (linke Seite) – direkt gegenüber (rechte Seite) das große Goebbels-Bild.
Gibt es eigentlich eine Redaktion bei den Philharmonikern?
Ich muss sagen, ich bin ärgerlich über solche Nachlässigkeit!
Nun war der ganze Abend Richard Strauss gewidmet – auch das eine Ausnahme in den Konzerten, die sonst Werke verschiedener Künstler zur Aufführung bringen.
Wenn aber der ganze Abend nur einem Komponisten gewidmet ist – der wiederum ein, sagen wir es vorsichtig, „schwieriges Verhältnis“ zu den Nazis pflegte – dann muss man zu diesem Verhältnis eben mehr sagen, als das, was da zu lesen ist!

Ich habe mir für einen Moment vorgestellt, wie ein Besucher, sagen wir aus Polen oder Israel, dieses Programmheft in die Hand nimmt. Er schlägt es auf, sieht den Goebbels da hocken, wie er mit dem Strauss konferiert und findet die „Erklärung“ des Abends auf der gegenüberliegenden Seite: „Lieder, Lärm und Lustigkeit. Ein Strauss für alle Gelegenheiten.“

Ich finde, soetwas geht nicht, liebe Freunde von der Philharmonie!
Ich wünsche mir ein wenig mehr Sorgfalt!

Alte Texte

Ich lebe in Worten. Worte sind Heimat und Fremde seit Jugendtagen. Worte bergen und zerstören. Worte halten und lassen.
In diesen Tagen, in denen die Erde wankt, lese ich alte Worte. Denn die Worte meiner Zeit erweisen ihr Unvermögen.
Seit Jahrtausenden wurden diese alten Worte weitergegeben von Generation zu Generation, von Vater zu Sohn, von Mutter zu Tochter.
Es sind hebräische Worte.
Der große „Steller der Schrift“ Martin Buber hat sie verdeutscht, hat ihre Sperrigkeit und Vorzüglichkeit  in Worte unserer Sprache umgegossen, ihre Form und Gestalt, ihr Inneres bewahrend, damit sie auch bei uns und in unserer Sprache funkeln wie Edelsteine.
Ich lese sie am Morgen nachdem man gestern den Tod gefunden hatte. Man fand ihn in Pfützen. Man fand ihn im Rauch. Man fand ihn in der Erde. Man fand ihn im Meer.
Gestern erfuhr die Welt, dass im fernen Japan, das uns doch so nah ist, der Tod gefunden wurde in Fukushima. 10.000fach seien die Grenzwerte überschritten in jenen Pfützen von Kühlwasser, die man in Kellerräumen fand unter den Reaktoren. Unsere Vorstellungskraft wird gesprengt. Da liegt ein Material in den Kellern, daß noch nach 340.000 Jahren den Tod bringt. Nun tritt es an den Tag.
Behälter bersten und geben den Tod frei.
Er kommt still.
Man findet ihn in Pfützen, man findet ihm im Rauch, man findet ihn im Meer.
Nur der Ticker des Zählers zeigt ihn an.
Unsere Kraft, sich vorzustellen, was das bedeutet für die vielen Millionen Menschen, die in der Umgebung leben, reicht nicht aus.
Dafür haben wir keine Bilder, keine Sprache. Dunkle Ahnungen vielleicht. Annäherungen an das Unvorstellbare. Mehr nicht. 1 Kilogramm dieses Materials genüge, so sagen es Physiker, die Menschheit zu zerstören. Man weiß aber, daß in jenen feuchten Kellern mehrere Kraftwerksladungen lagern….

Die Erde bebte. Und das Meer erhob sich.
Nur eine Welle kam.
Gemessen an der Größe des Ozeans eine winzige. Gemessen an der Größe unserer Zivilisation eine gewaltige.
Sie spülte einfach hinweg, was wir „Zivilisation“ nennen. Ganze Orte. Ganze Häuser. Viele zehntausend Menschen mitsamt ihren Autos und Fernsehern, Kühlschränken und Computern.
Die Zerbrechlichkeit unserer „stolzen Zivilisation“ stand uns plötzlich vor Augen.
Das Menetekel an der Wand. Die Schrift, die der König nicht zu lesen verstand.
In diesen Stunden, in denen das Unvorstellbare Realität wird Stunde um Stunde, Tag um Tag, lese ich alte Worte.
Man hat sie weitergegeben von Generation zu Generation, von Jahrtausend zu Jahrtausend.

Das Menschlein, wie des Grases sind seine Tage,
wie die Blume des Feldes, so blühts:
wenn der Wind drüber fährt, ist sie weg,
und ihr Ort kennt sie nicht mehr.
Aber SEINE Huld,
von Weltzeit her und für Weltzeit
ist über den ihn Fürchtenden sie,
seine Bewährung für Kinder der Kinder
denen, die seinen Bund hüten,
denen, die seiner Verordnungen gedenken,
sie auszuwirken.
ER hat seinen Stuhl im Himmel errichtet,
und sein Königtum waltet des Alls.
Segnet IHN, ihr seine Boten
-starke Helden, Werker seiner Rede-,
im Horchen auf den Schall seiner Rede!
Segnet IHN, ihr all seine Scharen,
die ihm amten, Werker seines Gefallens!
Segnet IHN, ihr all seine Werke
an allen Orten seines Waltens!
Segne, meine Seele, IHN!

(aus Psalm 8, verdeutscht von Martin Buber und Franz Rosenzweig. Stuttgart 1976).

Redefreiheit – oder: etwas über die Worte

Dürfen Menschen in öffentlichen Ämtern alles sagen, was sie wollen? Die Frage scheint belanglos. Sie tun es ohnehin. Dennoch: Worte haben eine große Kraft. Sie enthalten die Tat. Das ist ein alt bekannter Zusammenhang.
Es gibt ein Sprichwort, das sinngemäß etwa lautet: „achte auf deine Gedanken, denn aus den Gedanken folgen die Worte. Achte auf deine Worte, denn aus den Worten folgen die Taten. Achte auf deine Taten, denn aus ihnen wird dein Schicksal.“
Deshalb ist es nicht egal, welche Worte „benutzt“ werden, zumal in öffentlicher Rede.
Man hat mir seit gestern in hunderten von mails vorgeworfen, ich wolle durch meine Anzeige gegen Herrn Seehofer die „Redefreiheit“ einschränken. Nein. Darum geht es mir nicht.
Ich trete sehr für die Redefreiheit ein. Sie ist ein sehr wichtiges Grundrecht, vielleicht sogar eines unserer wichtigsten. Ich gehöre zu denen, die sagen: „Ich teile Deine Meinung nicht, aber ich will dafür eintreten, daß du sie sagen kannst.“
Dennoch muss ein Weiteres bedacht werden. Denn es gibt eine Grenze.
Das Strafrecht hat diese Grenze gezogen. Es gibt Worte und Reden, die sind strafbewehrt. Zum Beispiel im §130 StBG sind einige davon ausgeführt.
Im Einzelfall zu beurteilen, ob durch eine Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafbarkeit überschritten worden ist, ist Sache der Justiz. Dafür ist sie da.
Ich kann nur etwas über die „Kraft der Worte“ beitragen, denn davon verstehe ich ein wenig.
Wenn ich mir verschiedene öffentliche und nichtöffentliche Diskurse daraufhin anschaue, was da eigentlich für eine Sprache benutzt wird, welche Worte man wählt – und wie die Reaktionen darauf sind, dann habe ich den Eindruck, daß in unserer Gesellschaft der Beliebigkeit Tor und Tür geöffnet ist. Zumal Journalisten und Politikern scheint man alles zuzutrauen und man scheint auch bereit, alles zu tolerieren.
Das geht nach dem Motto: „es ist ja ohnehin egal, was die reden“. Zu einem solch vernichtenden Urteil über „die Politik“ und „die Medien“ tragen natürlich öffentliche Reden von Politikern und veröffentliche Texte von Journalisten etliches bei. Weshalb ich für verantwortungsvolles Reden und Schreiben plädiere.
Im eher privaten Bereich beobachte ich Ähnliches: die vielen mails, die mich nun erreichen und die manchmal offen aggressiv und ausländerfeindlich sind, zeigen es: in der Anonymität der e-mail traut sich ein Absender zu sagen, was da in ihm ist. Da wird sehr viel Ungutes sichtbar. Hass, Verachtung, Niedertracht, Häme, Neid, Hohn, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen. Die Kommentare zum blog von gestern zeigen eine kleine Auswahl davon. Die weitgehend anonyme Kommunikation im Internet macht diese in der Bevölkerung offenbar vorhandenen Einstellungen in ungewohnter Brutalität sichtbar.
Denn, wer nicht mal unter seinem Klarnamen schreibt, kann sich noch leichter „verstecken“ und endlich mal ganz offen aussprechen, was so in ihm steckt. Es wird wichtig sein, für das Reden und Schreibem im Internet Regeln zu finden. Denn: was im öffentlich geäußerten Wort gilt, müsste, so denke ich, eigentlich auch im halböffentlichen Raum des Internets gelten: Hass, Fremdenfeindlichkeit, Verachtung anderer Kulturen und Religionen dürften nicht zugelassen sein. Ich weiß, daß das eine sehr komplexe und schwierige Frage ist. Ich will nur auf ein Problem aufmerksam machen.
Nun mag es in Zeiten einer von Bildern und Videos geprägten, stark vom Auge vermittelten Massenkommunikation wie der Streit Don Quichottes gegen Windmühlenflügel anmuten, wenn ich etwas über die Worte und ihre Kraft sage.  Es scheint mir dennoch not-wendig. Denn außer der Körper-Sprache, die sich in Gesten, Mimik und Motorik äußert, haben wir nur die Worte, um uns mitzuteilen. Wenn es nun darum geht, das Miteinander der Menschen, ihre verschiedenen Ansichten, Interessen, Meinungen, Verhaltensweisen zu ordnen und möglichst friedlich zu halten – und das ist vornehme Aufgabe von Politik – haben die Worte eine um so größere Bedeutung.
Vielleicht trägt der Vorgang um die Passauer Rede eines Ministerpräsidenten und die sich nun daran anschließende Debatte ein wenig dazu bei, daß wir sorgsamer mit den Worten umgehen. Das wäre sehr sehr viel, ich weiß das. Ob bei dieser Rede die Grenze zwischen Redefreiheit und Strafrecht verletzt worden ist, habe ich nicht zu klären. Mir liegt aber daran, daß das geklärt wird.
Und mir liegt daran, daß wir aufmerksam bleiben gegenüber dem gesprochenen und geschriebenen Wort.
Denn: aus den Gedanken folgen die Worte, aus den Worten die Taten, aus den Taten wird unser Schicksal.

Wehret den Anfängen! Weshalb ich Horst Seehofer angezeigt habe….

Nach meiner Auffassung hat er gestern (9. März 2011) die rote Linie überschritten, die ein Demokrat nicht überschreiten darf. Ich habe Herrn Seehofer deshalb gestern wegen Volksverhetzung nach § 130 Strafgesetzbuch bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Das hat eine Vorgeschichte….
Der bayrische Ministerpräsident hat gestern in Passau eine Rede gehalten. Das kommt vor.
Er hat anlässlich eines „politischen Aschermittwoch“ geredet – das lässt eine besonders „deutliche Sprache“ erwarten, wie es Brauch ist.
Was hat er gesagt? Er hat sich „gegen Zuwanderung aus fremden Kulturkreisen“ ausgesprochen. Und er hat folgendes weiter ausgeführt: er wolle in der Berliner Koalition „bis zur letzten Patrone“ dafür kämpfen, daß Zuwanderer „nicht in deutsche Sozialsysteme einwandern“.
Nach meiner Auffassung ist das die Herabwürdigung eines Bevölkerungsteils nach §130 StGB und gehört in die Kategorie Volksverhetzung. Deshalb habe ich ihn angezeigt, um gegebenenfalls gerichtlich überprüfen zu lassen, ob sich nach bundesdeutschem Recht die Sache so verhält, wie ich sie sehe.
Nun ist es so: ich habe bislang in meinem Leben noch nie jemanden bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Und das will was heißen nach einem langen Leben in der Zweiten deutschen Diktatur bis 1989.
Nun aber ist nach meiner Auffassung die rote Linie überschritten, die ein Demokrat niemals überschreiten darf.
Weshalb Widerspruch anzumelden ist. Ich kann nicht mehr länger zusehen und schweigen. Das Schreiben von Texten genügt nicht mehr.
Horst Seehofer hat die Rede in Passau in einer Situation gehalten, in der Deutschland nicht zuletzt seit der Publikation des Sarrazin Buch’s „Deutschland schafft sich ab“ vermehrt über Rechtsextremismus „aus der Mitte der Gesellschaft“ diskutiert. Zu Hunderttausenden werden seine Lesungen besucht. Allenthalben ist er Gesprächsgegenstand. Die Rechtsextremen sitzen mittlerweile in etlichen Landtagen. Nach dem Rücktritt des Verteidigungsministers wegen Betrugs war auf zwei Unterstützer-Seiten im Internet rechtsradikale Propaganda zu lesen. Man fand dort Äußerungen wie „Guttenberg ist der fähigste Politiker seit Hitler gewesen“.
In einer politischen Situation, in der wegen der Unruhen in Nordafrika die Frage diskutiert wird, ob Europa nicht auch einen Teil der vielen Flüchtlinge aufnehmen müsse, weil Europa ja auch jahrelang mit den Diktatoren Nordafrikas Geschäfte gemacht habe – in einer solchen Situation spricht der bayrische Ministerpräsident davon, er wolle sich „bis zur letzten Patrone“ dagegen wehren und dafür kämpfen, daß Zuwanderer „nicht ins deutsche Sozialsystem einwandern.“
Der Sprachkundige weiß: auch die Situation interpretiert das gesprochene Wort. Deshalb „klingen“ die Worte Seehofers in dieser Situation besonders brisant.
Sie sind es auch.

Die Rede von der „Verteidigung bis zur letzten Patrone“ hat eine Geschichte. Man hat in Stalingrad so gesprochen. Man hat beim „Kampf um Berlin“ im Frühjahr 1945 so gesprochen, um den „Volkssturm“ auf das „letzte Gefecht“ einzustimmen. Pikanter Weise stammt der Befehl, Berlin „bis zur letzten Patrone“ zu verteidigen, vom 9. März. Man schrieb das Jahr 1945.
Auch das „klingt mit“, wenn man die Worte hört, die der Ministerpräsident sagt und wenn man die Bilder aus jenem Saal in Passau sieht.

Deshalb kann ich nicht länger schweigen.
Ich habe mich mein Leben lang immer wieder intensiv mit der Entstehungsgeschichte des Nationalsozialismus in Deutschland befasst.
Ein zentraler Grund, weshalb die Volksverführer an die Macht kamen war der Umstand, dass das Bürgertum geschwiegen hat, als das kommende Unrecht schon zu erkennen war.
Es begann mit den Worten.
Es begann mit den Reden.
Deshalb: wehret den Anfängen! Denn aus den Worten werden Taten…..

Etwas von der Wissenschaft – Balkh University Mazar i Sharif.

Heute setze ich den Reisebericht von 2003 fort: Im „Reisetagebuch“ hatte ich am 23. Juli 2003 notiert:
„Irgendwann früh gegen vier ruft der Muezzin und erinnert uns an die Grenze, die uns gesetzt ist: „Gott ist größer – allahu akbar“. Das ganze Land beginnt mit einer „Morgenandacht“. Man stelle sich das für unser Land vor! Früher hatten im christlichen Abendland die Glocken eine solche Bedeutung. In manchen Dörfern gibt es wenigstens noch das „Abendläuten“ um 18 Uhr. Wie weit wir doch weg sind von parktizierter Religiosität im sogenannten „christlichen Abendland“! Dieses Land hier „atmet“ den Islam. Man darf das nie vergessen bei allem, was man hier sieht. Dieses Land ist ein religiöses Land. Dieses Land ist ein spirituelles Land.
Wie soll der Dialog mit dem Islam gelingen, wenn das „christliche Abendland“ gar nicht mehr um seine Wurzeln weiß? Wie soll man den „interreligiösen Dialog“ führen, wenn die eine Seite gar nicht mehr weiß, welche Religion sie eigentlich hat?
Es gibt im Westen arrogante ungebildete Menschen, die glauben, der Islam müsse erst mal die Aufklärung durchmachen, die auch das Christentum durchgemacht habe. Diese Menschen verstehen nichts. Sie wissen nichts von Spiritualität. Sie wissen nichts von den Sufis, nichts von den Naqsbandhias, nichts von Rumi und den „tanzenden Derwischen“, die in ihrem wild kreisenden Tanz Gott ehren, der größer ist als alles, was Menschen so zustande bringen. Heutzutage kann man in der Tü´rkei die tanzenden Derwische als Touristenattraktion besichtigen, da ist allerdings auch nicht mehr viel von den ursprünglichen Wurzeln dieses Gebetstanzes zu erkennen. Wer weiß denn im Abendland noch, daß der Tanz die älteste Gebetsform ist, die wir kennen?
Wie soll ein Dialog gelingen zwischen einem weitgehend atheistischen Westen, der als seine „Religion“ nur noch das Wachstum und den Dollarkurs kennt – und einem religiösen Osten nach dem 11. September? Wie soll sich ein religiöse Afghane verständigen mit einem Amerikaner oder Deutschen oder Engländer oder Franzosen, der im Grunde nur am Erdöl zur Sicherung seiner Energieversworgung interessiert ist? Was soll man reden mit jemandem, der unter „Fortschritt“ lediglich das Wachstum seiner eigenen Volkswirtschaft versteht?
Es wird schwer werden mit dem Gespräch. Es ist eine große Aufgabe. Aber der 11. September hat eben auch dies gezeigt: wir werden reden müssen! Wir werden uns verständigen müssen über die Ziele, zu denen wir unterwegs sind. Wir werden uns verständigen müssen über die „basics“, von denen aus das Leben zu begreifen ist. Eins scheint mir sicher: Der Westen wird zu seiner eigenen Spiritualität (ich rede nicht von Volkskirchlichkeit!) zurückkehren müssen, billiger ist der Dialog nicht zu haben.
Solche Spiritualität ist im Westen noch verborgen in manchen Klöstern. Man kann sie finden in einigen Gemeinden. Da ist noch Glut unter der Asche.
Dies geht mir durch den Kopf, als ich morgens erwache irgendwo im tiefen Afghanistan in Mazar i Sharif. Man wacht auf und sieht als erstes den Halbmond am Himmel. Was für ein Symbol!
Sehr früh, zwischen vier und fünf, beginnt auch schon das Leben in der Familie. Man nutzt die kühleren Morgenstunden. Ich bin als erster auf, halb sechs genieße ich die „Dusche“. Sogar Strom für den Rasierer ist da.
Dann wacht unser Fahrer auf. „Ich hab gut geschlafen“ sagt Sultan Paiwand. „Das reicht jetzt wieder für zwei Tage.“
In den letzten Tagen hatte er verdammt wenig geschlafen, gestern nur zwei Stunden. Wir hatten uns deswegen schon Sorgen gemacht, denn wir waren von seinen Fahrkünsten abhängig.
Zeit für das Tagebuch; Zeit, die diktierten Notizen vom Vortag abzuhören. Dann sind alle fertig. Das Frühstück wird im Hof serviert: die Decke wird gebracht und dann das Geschirr, das Obst, Eier und Marmelade. Gastfreundlich sind sie, die Afghanen, es ist wunderbar!
Unser erster Termin heute: die Universität.
Wir haben uns durch das Gewimmel von jungen Leuten durchgekämpft und sitzen nun in der Universität im Zimmer des Rektors. Der Chan, Herr Habibullah Habib, ein etwas vierzigjähriger Mann im grauen Anzug, gibt uns einen Überblick über die „Balkh University“. Er lobt die deutsch-afghanische Zusammenarbeit, insbesondere die Rolle Deutschlands beim Wiederaufbau.
„Deutschland kann uns helfen, denn wir sind ein starkes Land“ sagt er. „Wir sind vielleicht nicht das stärkste Land, aber das zweitstärkste können wir sein“. Zusammenarbeit mit Deutschland gibt es im Bereich der Pharmazie und der Wirtschaftswissenschaften. Man arbeitet über den Deutschen Akademischen Austauschdienst (DAAD) mit Deutschland zusammen. Etwa 200 Lehrer und Studenten sind schon ausgetauscht worden nach Deutschland, allerdings von der Universität in Kabul. Von Mazar waren bislang erst zwei Lehrer „draußen“, und zwar der Vizepräsident der Uni und ein Landwirtschaftsfachmann. Der Rektor selbst war jetzt auch in Deutschland, um Kontakte zum DAAD aufzunehmen. An der Reise beteiligt waren Lehrer von acht afghanischen Universitäten. Man hatte in Deutschland eine richtig große Rundreise vorbereitet, so dass die Afghanen mit vielen Universitäten in Kontakt kamen. Man hat Zusammenarbeiten im Bereich der Stomatologie vorgeschlagen, man fängt in der nächsten Zukunft mit eigenen Ausbildungsgängen an, die an deutsche Ausbildungsgänge angeglichen sind. Man hat ein spezielles Interesse an Sicherheitstechnik und Kriminalistik merkwürdigerweise.
„Die Tatsache, dass ihr hier seid zeigt uns, dass ihr mit uns zusammenarbeiten wollt“ sagt der Rektor augenzwinkernd. Die Universität arbeitet seit 17 Jahren. 4.000 Studenten sind eingetragen. Es ist noch eine junge Universität. Acht Fakultäten: Medicine, Literature, Oeconomics, Political Science, Agriculture, Islamic Religion, Education.
Wir unterbrechen kurz, weil das Lokalfernsehen dazu kommt, um von unserem Besuch mit dem „member of German Parliament“ zu berichten.
300 Mitarbeiter der „academy staff“ hat er, berichtet der Rektor weiter. Viele davon müssen jedoch tagsüber arbeiten und können erst abends „Studium machen“, weil sonst das Gehalt nicht reicht. Im Balkh-District gibt es noch eine zweite akademische Einrichtung. Es gibt eine Zusammenarbeit mit Journalisten-Fachschulen. Man hat auch einen Publikationskurs, der von den Studenten selbst gemacht wird. Es gibt eine Zusammenarbeit zwischen Dozenten und Studenten im kulturellen Bereich: man macht Literatur zusammen, musiziert zusammen, macht Gedichte gemeinsam. Zwischen 18.000 und 20.000 Bücher unfasst die Bibliothek. Es gibt auch ein aktives Komitee für Umweltentwicklung.
Man gestaltet eine ganze Reihe von Konferenzen von der Universität aus.

Studentenzimmer Balkh-University Mazar i Sharif. Foto: Martin Zenker
Prüfungsvorbereitungen. Balkh-University. Foto: Martin Zenker

Es gibt ein gewaltiges Problem an der Hochschule: man hat zu wenig Platz für die Studenten. Die Studenten leben unter sehr sehr schlechten Bedingungen. Sie haben nur einen minimalen Platz im Wohnheim: die Zimmer sind belegt mit bis zu 16 Betten. Keine Air Condition, kein Strom, damit auch keinen Zugang zu Laptop und Internet! In dieser Hitze und dann mit fünfzehn Leuten auf dem Zimmer, das ist Horror. Aber die Studenten sind freundlich!
Dem Rektor ist bewusst, dass man beim Aufbau der Uni in Konkurrenz steht zu den anderen Bereichen der Gesellschaft, die aufgebaut werden müssen. Man muss um die wenigen Mittel kämpfen. Man will jetzt von der Regierung 600 Morgen Land kaufen, um zu erweitern. Man ist zuversichtlich, mit den Regierungsautoritäten voran zu kommen, um erweitern zu können. Man erwartet auch von den deutschen NGOs Hilfe bei diesen Projekten an der Uni. Die Uni ist noch nicht ans Internet angeschlossen, Bücher braucht man auch. Alle vorhandenen Bücher sind geschenkt. Die Hochschule hat kein Budget für Bücher. Man will deshalb Kontakt zu anderen Ländern aufnehmen, damit man endlich auch wirkliche und authentische Informationen über das eigene Land herausgeben kann in die internationalen Informationskanäle. Dafür wäre Internet wichtig. Unsere Frage nach einem fest einplanbaren staatlichen Budget ergibt, dass der Uni zwar Geld zusteht, das bisher aber nicht angekommen ist. Man hat eine Menge Bürokratie und Schriftwechsel mit der Regierung in Kabul deswegen. Die Uni hätte Interesse, auch Deutsch zu unterrichten, aber es fehlt an den Lehrern. Wenn man einen neuen Studiengang eröffnen will, muss man wenigstens drei Lehrer dafür haben.
Ich frage, ob es ausländische Investoren hier gibt, mit denen die Universität kooperieren könnte. Der Rektor fragt in die Runde seiner Kollegen: „Gibt es hier eigentlich ausländische Unternehmen?“ Die Runde sieht sich ratlos an. Es gibt nur die Hilfsorganisationen. Einen Partner in Deutschland hat die Universität trotz großer Rundreise auch noch nicht. Zwei Punkte scheinen mir wesentlich: die Uni braucht dringend Zugang zum Internet und sie braucht eine Partneruni!
Wir schauen uns kurz in der Bibliothek um: alles ziemlich abgegriffene, alte und geschenkte Bücher, etwa 18.000 Bände. Man hat kein Geld, um neue zu kaufen.
Heute ist Prüfungstag an der Hochschule. Schriftliche Prüfungen stehen an. Wir gehen noch ein paar Schritte durch das Haus, um die Atmosphäre dieses Hauses aufzunehmen. Dann verabschieden wir uns.
Sultan will uns zur ISAF bringen. Es soll hier ein Büro geben. Wir suchen, fragen. Schließlich stehen wir vor einem schwer bewachten Gebäude. Sultan verhandelt. Ein Bote geht hinein, kommt wieder, fragt nach, geht wieder. Jetzt bringt er einen jungen Enlgänder mit, der sehr reserviert fragt, was wir hier wollen. Wir erklären ihm, dass wir an allen Informationen aus und über die Region interessiert sind. Als er „German Parliament“ hört, wird er freundlicher, zeigt Interesse und bittet uns schließlich hinein.
Meine Filme und die Kamera muss ich draußen lassen. Der Mann mit der Kalaschnikow wird die Filme bewachen. Nie hatte ich so gut bewachte unbelichtete Filme….“

Heute, am 8. März 2011 stelle ich diesen Bericht ins Netz und frage mich: was ist geschehen seither? Damals gab es noch keine deutschen Soldaten in der Nordregion. Im Kanzleramt hatte man damals gerade mit Überlegungen begonnen, 200 deutsche Soldaten zur Verstärkung der Briten in den Norden zu schicken. Ein Staatssekretärskollege bat mich um die Fotos von meiner Reise, damit man die Soldaten vorbereiten könne….Damals galt der Norden als die sicherste Region des ganzen Landes. Heute: ist es eine der gefährlichsten Regionen des ganzen Landes geworden. Und die Zivilbevölkerung beginnt immer stärker, gegen die „fremden Soldaten “ zu revoltieren, gerade gestern gab es sogar eine Demonstration in Kabul. Die vielen zivilen Opfer des Krieges, die toten Kinder vor allem, und die Wirkung dieser Unglücke in den afghanischen Familien haben dazu beigetragen.

Einen link zur Universität finde ich immer noch nicht. Deshalb füge ich wenigstens diesen link hier ein, der noch einige zusätzliche Eindrücke aus der Heimat Zarathustras bereit hält.
Und dann: finde ich doch noch einen Hinweis zum Thema Universität und Internet: die Hochschule lädt für den April 2011 zu einem Literatur-Workshop über Pashto-Literatur ein, denn die Literatur sei „mit das Wichtigste, das man der jungen Generation mitzugeben habe“.

Etwas über Bildung, Schulstifte, Gastfreundschaft und so’n Zeug. Aus Marmol. Das liegt in den Bergen….

Vom Tee will ich erzählen. Und vom klaren Wasser. Von Schulstiften und dem lachenden Buddha von Marmol. Weil wir grade über muslimische Kultur sprechen.
Wer mit Dr. Rupert Neudeck reist, sollte irgendwelche Hotels vergessen. Wer mit ihm reist, lernt Land und Leute wirklich kennen. Denn er geht in Orte, in die sich sonst keiner traut….
Daß wir durch Minenfelder fahren würden, sagte man uns erst hinterher, als wir wieder heil zu Hause angekommen waren….
In meinem Reisetagebuch vom 24. Juli 2003 habe ich folgendes notiert:
Wir wollen ins Gebirge. Die Fahrt beginnt wie immer morgens hektisch. Sultan fährt, als sei der Scheiitan hinter im her. Heute zeigt er uns, dass man im Kreisverkehr auch mal links herum fahren kann, wenn man abkürzen will.
Erst müssen wir in die Stadt, um weitere Begleiter mit ihrem eigenen Jeep in den Troß aufzunehmen. Später werden wir noch einen ortskundigen Führer abholen. Wir sind zu den Dörfern unterwegs. …Wir fahren tatsächlich querfeldein zwischen den Dörfern und fragen unterwegs immer mal, ob das Gelände minenfrei ist. Die Bauern beruhigen uns: „hier ist geräumt. Gerade vor acht Wochen sind sie hier durch.“

Kinder am Wasser in der Ebene von Gori Mor. Foto: Martin Zenker

Wir machen Halt in einem Dorf in der Ebene von Gori Mor. 5.000-6.000 Einwohner hat der Ort. Davon 1500 Kinder. 374 Kinder in der Schule.
Das ganze Dorf hat nur an zwei Tagen in der Woche Wasser, aber auch das ist nicht zuverlässig so.
Die hygienischen Verhältnisse sind katastrophal.
Insbesondere die Kinder nehmen das Wasser zum Baden und auch zum Trinken.
Seuchengefahr überall.
Es gibt zwar ein neues Schulgebäude im Ort mit vier Schulräumen, aber es fehlen fünf weitere – weil sie so viele Kinder hier haben.
Dieses Flüsschen hier auf dem Bild – das muss genügen. Für 6.000 Menschen und ihre Tiere. Zweimal pro Woche.
Aber wir wollen weiter. Wir wollen in die Berge.
Die Fahrt nach Marmol
ist so ziemlich das Abenteuerlichste, das ich bisher auf den Auslandsreisen erlebt habe. Die Wege hören bald hinter dem Dorf auf. Wir hatten extra einen „Spezialisten“ aus dem Dorf mitgenommen, damit er uns den Weg zwischen möglichen Minenfeldern zeigen konnte. For dieser Fahrt hatte sogar Sultan Sorgenfalten….

Reise auf dem ausgetrockneten Flussbett....Foto: Martin Zenker

Wir fahren also die ausgetrockneten Flusstäler bergauf, „fahren“ auf dem „Schotter“ des Flussbettes.
Wir machen Rast in einer Klamm, die im Frühjahr 4mannhoch vom Schmelzwasser durchschossen wird. Hier kommt man eigentlich nur noch mit Eseln voran. Die Wege werden steiler und steiler. Aber die Fahrer schaffen es irgendwie. Tadsh und seine afghanischen Freunde. Und der ortskundige Führer kennt die Stellen, wo es geht.
Weit weit oben erreichen wir einen Ort: Marmol.
Wir kommen überraschend. Man ist nicht eingestellt auf Gäste. Dennoch bittet uns der Direktor der Schule in den Garten. Es ist etwa vierzehn Uhr am Nachmittag. Wir leben wie im Paradies: jetzt, nach diesem exorbitanten Aufstieg in die Berge sitzen wir unter dem kühlen Nussbaum beim wunderbaren schwarzen Tee und reden mit dem „lachenden Buddha von Mar Mol“ über seine Schule. Es ist ein wunderbarer Platz:  Wir sind wie in einer anderen Welt. Grün ist es ringsum! Sehr gutes Wasser hat man hier. Deshalb schmeckt der Tee vorzüglich. Nie habe ich solch exquisiten Tee getrunken.
Wir sitzen und reden mit dem Schuldirektor, einem sehr dicken, großen, autoritären aber sehr freundlichen und herzlichen Menschen, Abdul Satar Palwan. Ich nenne ihn für mich den „Buddha von Marmol.“ „Vor 63 Jahren wurde hier die Schule gebaut“, erzählt er. Es ist die einzige Schule in der Region. 1000 Schüler hat man. Es ist eine Mittelschule bis zur neunten Klasse. „Die Lehrer, die hier arbeiten, sind eigentlich keine Lehrer, sondern machen das nebenberuflich“. Wir hörten schon in anderen Orten von sol chen Umständen. UNICEF war zwar schon hier, hat drei Zelte und ein paar Lehrmittelkoffer dagelassen. „Die werden nicht wiederkommen“ meint Rupert. „Sie haben ihre Aufgabe erfüllt: Zelte sind aufgestellt, Koffer mit Lehrmaterial sind abgeliefert….“. Man überlegt, ob man eine Mädchen- und eine Jungsschule gründet, aber es hängt natürlich alles an verfügbaren Mitteln.
Nun wird der Tee serviert, man reicht Bonbons dazu, Süßigkeiten müssen sein zum Tee. Rupert gefällt der Ort. Er fragt genauer nach, was hier möglich wäre. Bisher hatte man zehn Räume in einer insgesamt großen Schule. Durch die Kämpfe jedoch hat die Schule stark gelitten. Allein 500 Mädchen aus der Region gehen hier zur Schule. Weil die Räume nicht reichen, kann man nur im Sommer unterrichten, da helfen die Zelte. Im Winter wird die Schule geschlossen, weil er dann keine Möglichkeit mehr zum Unterricht hat. Im November macht man zu, im März wieder auf. Rupert wird immer neugieriger und fragt, wo man hier Baumaterial kaufen könne. Das geht in Mazar i sharif. Von dort muss man alles herauschaffen in die Berge.
Wir fragen nach den Panzern, die wir am Wege gesehen haben. Herr Dostum und sein Kollege General, Herr Bossum, haben sich hier oben gezankt, erfahren wir, deshalb lägen die alten Tanks hier noch im Gebirge herum. ISAF hat die Zänkereien beendet. Der Ort liegt genau im Grenzbereich zwischen beiden Warlords. Rupert sagt seinen Spruch: „Wir haben noch nie etwas versprochen, ohne es zu halten“, aber man merkt, er würde gern was versprechen….Das Baumaterial also könnte man von Mazar aus hier heraufbringen.
Es ist wirklich ein traumhafter Ort. Herrlichstes Quellwasser steht zur Verfügung. Der Geschmack des Tees verrät es.

die Kinder in Marmol. Afghanistan. Foto: Martin Zenker

Man hat es auch im Ort gesehen: die Kinder sind wesentlich sauberer als in anderen Dörfern. Man hat schlicht mehr Wasser, um die Kinder zu waschen!
Rupert sagt: „Ihr werdet bald Nachricht von uns bekommen. Wenn wir kommen, dann müsst ihr uns einen Raum zur Verfügung stellen und wir müssen mit den Behörden zusammenarbeiten etc. etc.“. Es deutet vieles darauf hin, dass er sich im Grunde schon entschieden hat. Wir fragen weiter. Wie ist es mit der Gesundheitsversorgung? Vor einem Jahr ist hier ein Medizinraum errichtet worden. Er ist nicht ständig besetzt. Doktor und Krankenschwester gibt’s hier auch nicht. Die sind im Moment in Mazar i Sharif.
Was ist mit Telefon? Kommunikation nach Mazar gibt es nicht: kein Telefon, kein Fernsehen, kein Radio. „Hier leben nur glückliche Menschen“ denke ich mir. Es gibt ein spezielles Handwerk zur Turbanherstellung im Ort. „Es gibt gutes Handwerk im Ort“ sagt der dicke lachende Buddha von Marmol nicht ohne Stolz. Aber: im Winter ist man hier oben völlig abgeschnitten. Dann kommt man höchstens über ein paar schwierige Pässe mit den Maultieren raus oder in den Ort.
Eigentlich hat der Ort auch gutes Obst. Aber im letzten Winter waren so starke Fröste, dass viel kaputt gegangen ist. Die Menschen des Dorfes sind hier auch alle im Dorf geboren, denn die Entfernungen zum nächsten Krankenhaus erlauben keine Außerhausgeburten. Man hat Generatoren im Ort für den Strom. „Deshalb kann man auch Video gucken“, lächelt der Buddha. Also doch nicht nur glückliche Menschen…..
Wir versuchen, die Informationen zu verdichten. Wir fertigen auf einem Zettel eine Liste der Orte der Umgebung an und fragen sie einzeln nach den Daten ab: Einwohnerzahl, Schulräume usw. So verschaffen wir uns eine Übersicht, was in der Region los ist. „Die erste Statistik dieser Gegend“ meint Rupert. „Ich bin sicher.“
Die Gegend ist einfach grandios. Über 250 Meter erheben sich die Steilwände der Felsen in den Himmel. Es ist wie ein gewaltiger Wall rund um den Ort. Insgesamt 10.000 Schüler, davon 3.000 zwischen sieben und zehn, leben in der Gegend.

der lachende Buddha von Marmol. Foto: Martin Zenker

Als ich hier meine mitgebrachten Stifte verteilen will, macht der Buddha einen herrlichen Witz: Ich hatte ihm schön Packung um Packung herüber gereicht. Auch die losen Stifte. Schließlich langt er zu mir herüber und nimmt mir auch noch die Tüte aus der Hand, stopft alle Stifte wieder hinein und meint: „das ist ja eine nette Geste lieber Freund. Aber wir können dich hier nicht weglassen mit so wenig Stiften. Das reicht ja für unsere 10.000 Kinder überhaupt nicht. Wir halten dich jetzt solange hier, bist du so viel angeliefert hast, dass es für die Kinder reicht.“
Ja, so werden wir es machen. Ich bleibe hier, und die anderen müssen noch mehr Stifte besorgen. Soll sich doch das Auswärtige Amt drum kümmern, daß sie ihren Abgeordneten wieder ins Parlament zurück bekommen…..
Ein praktischer Mann, der sich für seine Kinder ins Zeug legt, nicht wahr. Er arbeitet mit 45 Kollegen, „nicht alles Pädagogen…..“.

Jetzt, abends um sechs sitzen wir wieder an unserem Platz in Mazar i Sharif im Elternhaus von Tadsh und Sultan.
Wir haben die Fahrt gut überstanden, nachdem wir eine Stelle überqueren mussten, die sehr danach aussah, als könnten da Minen liegen. Sultan raste mit dem Jeep über diese Stelle: „Wenn wir schnell drüber fahren, erwischen sie uns nicht, wenn sie hochgehen“ war seine Hoffnung. Alles lief gut. Weiter unten dann hatte er sich zu weit rechts gehalten. Die anderen mussten uns wieder über ein Stück Niemandsland auf den richtigen Weg lotsen. Auch das ging gut.
Ich hatte einen Fehler gemacht.
Vorgestern hatte ich mal einen kleinen Wunsch geäußert: gern würde ich mal über den Bazar gehen, um eine Kleinigkeit zum Mitbringen zu erstehen.
Jetzt sehen wir das Ergebnis dieses Fehlers: Im Quartier hatte man uns im Hof wunderbare Geschenke ausgebreitet: einen kompletten afghanischen Anzug, den nehme ich für B. mit und ein Kleid und eine Mütze und solche Sachen und eine ganze Discothek mit afghanischer Musik. Wir sind sprachlos über soviel Großzügigkeit…..
Das Essen, man isst sitzend auf dem Fußboden ist einfach: zwei Flaschen Cola, Melonen, Fladenbrot, ein wenig Gemüse.
Später erfahre ich Folgendes: wenn ein afghanischer Bauer 15 Stunden am Tag seine Feldarbeit macht (bei einem Anmarsch zu Fuß von bis zu drei Stunden und entsprechendem Weg zurück inclusive gerechnet), verdient er umgerechnet einen Euro.
Eine Flasche Cola kostet jedoch ungerechnet 1,50 Euro.
Was da also vor uns steht: ist fast ein Wochenlohn! Ich bekomme ein Gefühl dafür, was im Islam Gastfreundschaft ist. Es ist ein sehr hohes Gut. Der Gast genießt den Schutz des Gastgebers.
Deshalb waren wir nie wirklich in Gefahr. Wir hatten die Gastfreundschaft von Tadsh, Sultan und seiner Familie.
Ich werde davon in Deutschland erzählen, wenn sie wieder anfangen zu diskutieren, ob der Islam zu Deutschland gehöre oder nicht. Ich werde ihnen dann vom Gebot der Gastfreundschaft erzählen, das im Islam gilt…..
Vielleicht können wir ja etwas lernen, vom lachenden Buddha von Marmol und seinen 10.000 Kindern …..

Etwas über Pünktlichkeit, Sauberkeit und guten Service – ein Beitrag zum Thema „Leitkultur“. Aus Afghanistan

Einige Deutsche loben sich ja gern. Und preisen etwas, das sie „deutsche Leitkultur“ nennen. Dazu gehören – ihrer Meinung nach – Pünktlichkeit, Sauberkeit und guter Service.
Hier schicke ich ein Foto.

Raststätte in Rabotak Kauk, Afghanistan. Foto: Martin Zenker

Und einen Text aus dem Jahre 2003. Von einer Unterrichtsstunde am frühen Morgen – in Afghanistan:
Freitag, 25. Juli 2003
Zwei Uhr fünfzehn. Wir haben unter einem prächtigen Sternenhimmel geschlafen.
Als ich ins Bad gehe, sehe ich, was Gastfreundschaft noch sein kann: da liegen sechs der Afghanen, die gestern zum Feiern gekommen waren, damit sie uns heute früh auch noch verabschieden können. Sie liegen im wärmsten Raum des Hauses, damit die Gäste draußen an der frischen Luft liegen konnten. Sie haben sich zwei Ventilatoren angemacht, für die aber der Generator nötig war, der die ganze Nacht lief – und teuren Diesel verbrauchte.
Es ist so dunkel in der Stadt, dass man sogar die Milchstraße sehr gut sehen kann. Es ist ein wunderschöner Sternenhimmel jetzt gegen Morgen. Die Grillen zirpen noch. Bald wird es hell werden. Meine Sachen sind gepackt. Ich bin wie so oft morgens mal wieder der Erste und habe Zeit, den aufsteigenden Morgen zu genießen. Um drei Uhr wollen wir starten. Wir gehen über einen anderen Grenzübergang zurück. Vorher müssen wir allerdings noch die katastrophale Strecke nach Kunduz zurück, die nach den ersten knapp 190 Kilometern Teerstraße auf uns wartet. Aber nach dem Trip gestern in die Berge, der ja nun wirklich „outdoor“ war, wo wir ausgetrocknete Flussbetten hochgefahren sind an Stellen, wo es keinen Weg mehr gab – nach dieser Glanzleistung unserer Fahrer gestern – müssten wir heute den Weg nach Kunduz und danach über die Grenze ganz gut gewältigen. Wir werden die Fahrt geradezu genießen….
Wir halten am frühen Morgen an einer Raststätte in Rabotak Kauk, wo man ein Frühstück bekommen kann. Es ist Viertel vor sechs am Morgen.
Nebenan die Kfz-Werkstatt. Wir wollen ein Glas schwarzen Tee trinken und etwas frühstücken. Die Männer wechseln währenddessen den Reservereifen, der uns auf der Herfahrt kaputtgegangen war. Martin hat Gelegenheit für Fotos. Es war eine wunderschöne Fahrt in den Sonnenaufgang hinein. Allerdings in einem unglaublichen Tempo, wie wir das von den Jungs mittlerweile aber schon gewöhnt sind. Es ist traumhaft hier. Nette, freundliche Menschen, die sofort aufstehen und Platz machen, weil sie sehen, daß die Fremden frühstücken wollen.
Dieses Land ist beeindruckend: uralt, sehr arm, einfach, schlicht, sehr fleißig und sehr gastfreundlich.

Frühstück in Rabotak Kauk, Afghanistan. Foto: Martin Zenker

Nun bringt man den Tee und das Essen: frischen Shashlyk vom Lamm und frischen schwarzen Tee.
Das Essen ist vorzüglich.
Noch ein Lehrstück über „Kundenfreundlichkeit“, wie wir im Westen sagen würden: wir hatten noch keine zehn Minuten hier gehalten, da war die Holzkohle bereitet, das Shashlyk gebraten, der Tee gekocht, der Essplatz gedeckt. Keine zehn Minuten! In Deutschland wäre nach zehn Minuten früh Viertel nach sechs vielleicht ein müder Kellner erschienen, um eine Speisekarte zu bringen….
Die Afghanen sind unglaublich schnell in diesen Dingen. Wir sind so blitzschnell bedient worden – mir soll keiner mehr was erzählen von Kundenfreundlichkeit in Deutschland! Sie sind unglaublich schnell und aufmerksam bei der Bedienung, sehen schon von weitem, wenn man kommt, ob man auf einen Tisch zusteuert: schon wird sicherheitshalber die Holzkohle vorbereitet. Dann müssen die Spieße bereitet werden, dann müssen sie gebraten werden. Alles frisch zubereitet. In Deutschland heißt’s immer: „es dauert etwas länger, wir machen die Sachen frisch“….Hier auch! Aber hier geht’s wirklich fix.
Und der Essplatz ist blitzsauber.
Je länger ich in diesem schönen Land unterwegs bin, um so nachdenklicher werde ich.
Das Gerede von der „deutschen Leitkultur“ wirkt einfach lächerlich in diesem alten Kulturland…..(aus meinem Reisetagebuch „The war is over – der Krieg ist vorbei“. 2003).

Im Jahr 2011 nun beginnt ein Innenminister eine Debatte um die Frage, ob der Islam „zu Deutschland gehöre“. Ich sage dazu: es wäre gut, wenn wir mehr solcher Gastfreundschaft hätten, wie ich sie in Afghanistan erlebt habe. Es wäre gut, wenn wir mehr solcher Großzügigkeit in Deutschland hätten, wie ich sie hier im Lande erlebt habe.

Es würde unserem Land gut tun. Ich habe nirgends auf der Welt – und ich war in sehr vielen Ländern dieser schönen Erde – eine solche herzliche Gastfreundschaft und so guten Service gefunden wie in Afghanistan. Die Menschen geben das Wenige, das sie haben. Aber sie geben sehr großzügig. Ich werde später davon berichten….

Meine Begegnung mit dem Islam ist vor allem eine Begegnung mit wundervollen Menschen.

Der neue Innenminister hat erneut eine Debatte begonnen. Ob der Islam zu Deutschland gehöre.
Natürlich gehören Menschen muslimischen Glaubens zu Deutschland, denn es gibt sehr viele deutsche Staatsbürger muslimischen Glaubens.
Ein Besuch in Berlin und anderen Städten zeigt es überdeutlich.
Man mag Politikern bei ihren öffentlichen Äußerungen Interessen unterstellen. Zumal in Wahlkampfzeiten. Doch das interessiert mich nicht wirklich.
Mich interessieren die Menschen muslimischen Glaubens.
Schön während des Studiums gehörte die Beschäftigung mit dem Islam zur Ausbildung. Wir hatten – als einzige Fakultät der ostdeutschen Universitäten – in Jena das Fach vergleichende Religionswissenschaft. Das war ein großer Gewinn. War doch vier Jahre Zeit für ein ausgiebiges Studium nichtchristlicher Religionen, ihrer Geschichte, Theologien und Strömungen. Ein wichtiger Beitrag für mehr Verständnis. Sind doch religiöse Fundamentalismen in allen Religionen oftmals Grund für fürchterliche Kriege und Auseinandersetzungen gewesen.

Später dann bin ich Muslimen begegnet. Erst bei den „Grünhelmen“, als ich mit Aiman Mazyek in Kontakt kam, der als Mitglied des Zentralrats der Muslime die wichtige interreligiöse Aufbauarbeit der Grünhelme unterstützt. Wir sind nun schon etliche Jahre befreundet.
Dann, im Jahr 2003, war ich in Afghanistan.
Als ich die Reise vorbereitete, war schnell klar, ich wollte nach Balkh. Der Ort liegt westlich von Kunduz.
Balkh ist ein uraltes spirituelles Zentrum.
Dshellaludin Rumi soll dort zur Schule gegangen sein.
Ich habe in einem eigenen blog-Beitrag auf diesen großen Poeten hingewiesen.
Der Besuch in Afghanistan liegt nun schon etliche Jahre zurück – und doch ist mir die Begegnung mit zwei Menschen dort in besonderer Erinnerung geblieben. In meinem Reisetagebuch habe ich damals folgendes festgehalten:
23. Juli 2003.
….Wir laden frische Getränke und fahren hinaus aufs Land in die Region von Balkh. …Neben Mekka und Medina ist Balkh ein wichtiges religiöses Zentrum für den ganzen Islam. Eine besondere Stätte. Manche Historiker glauben, Balkh sei älter als Jericho (von Jericho nimmt man ca. 10.000 Jahre an)….Am Straßenrand sehen wir bald die ersten historischen Festungsanlagen, die noch aus der Zeit von „Mister Dshingis Khan“ stammen, wie sich unser Begleiter Sultan ausdrückt. Wir betreten uraltes afghanisches Gelände, das schon viele Jahrtausende gelebter Geschichte hinter sich hat. Ein Kraftort.
…Wir nehmen uns Zeit für diesen besonderen Ort. Wir haben noch zwei Führer mitgenommen, die man für diese Tour extra für uns besorgt hat. Auf diesem Gelände braucht man Fachleute für Spiritualität.
Wir halten im Zentrum des Ortes und betreten einen großen Park, der mit alten Bäumen bestanden ist. Man sieht eine kreisrunde Allee, die von unserem geraden Weg geschnitten wird. Die Wege laufen in der Mitte in einer großen Wasseranlage zusammen.
Wir bewegen uns unter großen alten Bäumen, etliche Platanen darunter, die mit Sicherheit hundertfünfzig, zweihundert und mehr Jahre gesehen haben. Der Ort hat eine alte Handwerkstradition. Man ist aus der ganzen islamischen Welt, selbst aus Konya und anderen entfernten Orten hierher gekommen, um hier ein gutes Handwerk zu lernen.

Die Moschee in Balkh. Foto: Martin Zenker

Wir stehen vor der Moschee. Ziehen die Schuhe aus. Betreten den halbdunklen Raum. Einige Männer knien im Gebet. Wir setzen uns hinter der Schwelle im Eingangsbereich der uralten Muhammad Parsa Moschee in Balkh zu den beiden Alten, die hier Frühstück machen und hören, was sie uns zu berichten wissen.
Der eine Alte sitzt seit 15 Jahren hier. Er lebt in der Moschee. Von früh vier Uhr vom ersten Gebet bis abends neun Uhr zum letzten Gebet des Tages. Dann kommt die Nachtwache. Hodshar Boswhar Delee heißt der alte Mann, so jedenfalls verstehe ich seinen Namen.
Der Alte erzählt, das Gebäude sei über 1000 Jahre alt. „Die Menschen in der Region glauben, dass hier das Fundament der Welt zu finden ist“, übersetzt uns Tadsh. „Ich habe nicht genug Kenntnis, um Ihnen all die Daten und Zeiten zu erklären“ sagt der Alte. „Aber hierher kommen viele Leute, die haben Fragen zum Gebet. Da kann ich ihnen antworten.“
Vielleicht ist das ja auch wichtiger als die Geschichte der Architektur dieses Gebäudes? Vielleicht findet man deshalb hier die „Fundamente der Welt“, weil hier ein Alter sitzt, der den Menschen ihre Fragen zum Gebet beantworten kann? Wer weiß das schon. Alahu akbar, Gott ist größer als unsere Vorstellungskraft.
Und dann steigen wir hinab in den Raum unter der Moschee, nur mit einem Feuerzeug als Leuchte. Wir finden einen runden Raum, dessen Decke von nur einer Säule getragen wird, ein Raum mit wunderbarer Akustik. Eine alte Schule. Unsere Begleiter sind begeistert. Hier waren sie auch noch nie.
Wir schauen uns um in den Räumen, lassen uns Details erklären, so gut die Alten antworten können, dann gehen wir hinaus zur Grabstätte der Rabecha Balkhi gleich gegenüber dem Eingang der Moschee. Rabecha Balkhi ist die vielleicht berühmteste unglücklich Liebende, die bekannt ist in der ganzen islamischen Welt. 1045 ist sie gestorben. Durch ein weinziges Fensterchen sollen wir hinabklettern in das Grab. Es ist beeindruckend. ….
Wir verabschieden uns von den Alten, durchqueren den Park und fahren weiter hinaus aufs Gelände der alten Festung.
Wir treffen einen denkwürdigen Mann.
Shah Husseini Maulans Husseini nennt er sich. Er erzählt uns von Samtshi. Er sei aus dem Iran gekommen, „um hier zu leben und zu bleiben“ wie er sagt. Er hatte oft von Samtshi geträumt, sagt uns der Mann. Der Traum sei immer wieder gekommen. Er hatte deshalb seinen Vater gefragt, was diese Träume zu bedeuten hätten. Und sein Vater, selbst ein religiöser Mann, hatte zu ihm gesagt: „folge deinen Träumen! Geh an diesen Ort, von dem du immer träumst, dann wirst du es sehen, was der Traum bedeutet“.
Da hat er sich auf den Weg gemacht und ist seinen Träumen gefolgt.
Als er das sagt, fallen mit Personen aus dem Alten Testament ein. Menschen, die ihren Träumen gefolgt sind. In den Träumen spricht Gott – das ist altes Wissen aller Religionen. Im Abendland fordert man junge Leute zwar auch auf: „folge deinen Träumen“, aber das sagen halbherzig Menschen, die ihre Träume selbst längst verloren haben …. Der hier hat sich ganz konkret auf den Weg gemacht.
Zu Fuß: Vom Iran ist er gekommen.
„He is happy for praying and he like ist, to stay here“ übersetzt uns Tadsh.
Shah Husseini zeigt uns seine Schlangen  und Skorpione, die er in Gläsern hält. Er öffnet ein Glas, lässt sich einen Skorpion über die Hand laufen. Nimmt ihn auf die andere Hand, wechselt wieder in die eine. Wie harmlose Tierchen lässt er sie über die Hände klettern. Er will uns sagen: schaut her, sie tun mir nichts, so stark ist der Glaube.
Er erzählt uns, Samtshi sei vor 3000 Jahren gestorben. Und doch habe er immer wieder von ihm geträumt. Nun sei er also seinem Traum gefolgt und habe nach einem sehr langen Fußmarsch vom Iran bis hierher nach Balkh „seinen Platz“ im Leben gefunden.
Mit gefällt der Mann. Er ist ein glücklicher Mensch. Man merkt es ihm an. Dieser Mann ruht völlig in sich.
….Was ich so beeindruckend finde, ist, dass hier ein wirklich „frommer“ Mann vor uns steht. Der lebt, was er glaubt. Außer einem Brunnen und einer kleinen Lehmhütte hat er nichts.
Er hat von diesem Ort geträumt, als er noch im Iran lebte. Er hat geträumt, daß er an diesen Ort gehen solle. Und er hat sich auf den Weg gemacht, ist gekommen von weit her – und er ist glücklich.. Ein wenig schmutzig ist er zwar, vielleicht auch etwas sehr schmutzig, aber glücklich und sehr authentisch.
Wir sind nun auf dem riesigen Gelände der alten Balkh-Festung weitergefahren an einen anderen Ort, an dem ein anderer frommer „Wächter“ lebt. Je weiter wir voran kommen, je mehr Gespräche wir führen, um so seltsamer wird unseren afghanischen Begleitern zu Mute. Unsere beiden westlich orientierten Afghanen kommen erheblich ins Rätselraten, wie es denn sein könne, dass die Zahnschmerzen bei einem Menschen weggehen, nur wenn da oben bei dem Iraner ein Nagel in den Holzstamm an der Grabstelle geschlagen werde. Das sei doch alles fauler Zauber. Denen ist das alles nicht recht geheuer, sie haben Zweifel, ob man uns hier nicht einen Bären aufbindet.
Tadsh, Sultans Bruder, sieht das anders.
Er steht sehr aufmerksam und offen an diesen heiligen Stätten und spricht stille Gebete.
Ich sage zu Rupert: „Schau, hier hast du beide möglichen Reaktionen auf erlebte Spritualität. Beide so alt wie die Religion selbst. Die einen sagen: alles Spinnerei. Der andere steht und spricht sein Gebet.“
Wie fahren weiter und treffen einen alten, vielleicht siebzigjährigen Mann, der in einer einfachen Grashütte lebt und eine Grabstätte bewacht.
Mit ihm leben zwei kleine Kinder, ein Junge und ein schlafendes Mädchen, drei oder vier Jahre alt vielleicht, der Junge vielleicht fünf oder sechs. Wir schauen uns die Grabstelle an.
Ich frage den Alten, warum die Kinder nicht in der Schule sind. „Es gibt hier keine Schule“ sagt der Mann. Wir reden noch ein paar Worte, dann bitten unsere Begleiter ihn um ein Gebet. Er spricht ein Gebet für uns und wir verabschieden uns. Mich beeindruckt diese einfache, selbstverständliche Art, mit der dieser Mann für die wildfremden Menschen, die für einen winzigen Moment in seinem Leben auftauchen, ein Gebet spricht.
Wir ziehen weiter an einen anderen Ort auf dem Gelände: auch hier wieder eine Grabstelle. Mir fällt auf, dass auch an diesem zweiten Ort sehr große alte Bäume stehen. Heilige Orte und uralte Bäume – das gehört zusammen. Solche Plätze gibt es überall auf der Welt. Solche Plätze kennt man im Hinduismus, alte Bäume an heiligen Orten kennt man im Judentum, solche Orte kennt das Christentum. Dies hier muss unter den besonderen Orten ein ganz besonderer Ort sein: die Bäume sind besonders alt. ….Rupert und die anderen reden mit dem Wächter. Seit fünfzig (!) Jahren arbeitet er hier am Grab, sagt uns der alte Mann. 65 Jahre sei er alt und seit fünfzig Jahren sei er hier an diesem Platz. Viele Kinder kommen und staunen uns an. Mustafa Tarib heißt er. „Er kennt seinen Geburtstag nicht“ übersetzt uns Sultan. Aber anhand des uralten Ausweises, den der Mann aus seinem Überwurf hervornestelt, können wir errechnen, wie alt er ist.
„Das ist alles, was ihn identifiziert“ sagt Rupert Neudeck mit einem besonderen Ton in der Stimme und plötzlich sind sie wieder da, die Flüchtlingsschicksale, von denen Rupert so viele gesehen hat: man hat sie mit bloßen Händen aus dem Wasser gezogen aufs Deck der CAP ANAMUR, häufig haben sie nur noch einen solchen Wisch, der den Behörden zeigen kann, dass sie wirklich geboren wurden und ein Recht haben zu leben ……“
Diesen uralten „Ausweis“ zeigt uns der Mann, der gar nicht lesen und schreiben kann.
„It’s no birthday – it’s no death – so leben hier die Menschen“ übersetzt uns Sultan. „Wer keinen Geburtstag hat – kann auch nicht sterben.“

….Wir sehen die Reste der Schule, die Dshallaludin Rumi besucht haben soll. Wir klettern auf ihr herum, machen Fotos. Wir haben ein wunderbares Motiv, das in einem einzigen Bild das Thema unserer ganzen Reise zusammenzufassen in der Lage ist: wir stehen auf einer Schule, die deutschen „Humanitären„, der junge afghanische Geschäftsmann, der bewaffnete Wächter, die jungen Leute, die früher gekämpft haben gegen die Taliban.

Dieses Foto wird zum Titelbild für jenes kleines Bändchen, in dem ich den Reisebericht aus dem Jahre 2003 niedergelegt habe. Damals schien es überdeutlich: „Der Krieg ist vorbei“. Damals gab es noch keine deutschen Soldaten in Kunduz. Nur ein kleines britisches Team, das wir besucht haben.
Seither aber wächst die Gewalt.
Die Zahl der zivilen Opfer steigt.
In Deutschland fragt ein Minister in diesen Tagen aus durchschaubaren innenpolitischen Gründen, ob der Islam zu Deutschland gehöre….

Ich kann nur sagen: ich wünsche der Diskussion in Deutschland sehr die Weisheit der Sufis, die wir in Balkh getroffen haben. „Alahu akbar – Gott ist größer als unsere Vorstellungen“.
Wenn wir diesen klugen Satz in unseren Herzen trügen, würden manche Debatten einen bescheideneren Ausdruck finden.
Wir könnten lernen, daß wir zusammen gehören.
Religionen sind nur verschiedene Wege zum Gipfel.
Es ist gut, daß auch in Deutschland Menschen muslimischen Glaubens leben.
Sie gehören zu uns und wir gehören zu ihnen.
Denn wir sind allesamt nur Wandernde.
Wir streiten vielleicht über den richtigen Weg zum Ziel.
Und viel zu oft schlagen wir uns dabei gegenseitig die Köpfe ein, statt uns gegenseitig zu stützen.

Es wäre besser, wenn wir uns gegenseitig stützen würden: denn das Ziel der Wanderung ist ein gemeinsames…..

Charmeur, Politiker, Spitzel – das seltsame Leben des Manfred „Ibrahim“ Böhme

Die Robert-Havemann-Gesellschaft /Archiv der DDR-Opposition, hatte mich als Zeitzeugen eingeladen zum Gespräch mit der Autorin Christiane Baumann über ihr Buch.
Sie hat das Leben eines der schillerndsten Politiker der Wendejahre nachgezeichnet. Manfred „Ibrahim“ Böhme.
Ich kannte ihn seit den achtziger Jahren bis zu seinem Tode.
Fast wäre er der erste frei gewählte Ministerpräsident in Ostdeutschland geworden.
Doch er flog vorher auf…..

Es war gestern eine gut besuchte Veranstaltung in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Ich fand immer: Manfred war ein Charmeur.
Nicht nur Frauen fielen auf ihn herein.
Er war ausgesprochen redegewandt, wirkte klug, hatte die Fähigkeit, andere so gefangen zu nehmen, daß sie ihm sogar erfundene Zitate glaubten.
Manfred galt als gebildet.
Aber: er war vielleicht so etwas wie ein politischer „Heiratsschwindler“.

Wir wussten nicht, daß er seit 1969 Spitzel der Staatssicherheit war.

Christiane Baumann hat in ihrem sehr lesenswerten Buch versucht, das Leben dieses seltsamen Mannes nachzuzeichnen. Sie hat Quellen studiert, ausgewertet, hat Interviews geführt mit Menschen, die ihn genauer kannten. So sind wir uns auch begegnet und saßen nun zusammen im Podium in der Magdeburger Stadtbibliothek.

Wenn „die Opposition“ der DDR als „etwas hemdsärmelig“ galt, der Jeans und grünen Kutten wegen, man trug gern Pullover und eher einfache Kleidung – Manfred, den wir „Ibrahim“ nannten, war anders.
Er trug Krawatte.

Als die Ost-SDP im Pfarrhaus in Schwante gegründet war, wurde Manfred Böhme bald zum Spitzenkandidaten, abgesegnet auf einem Parteitag der SDP in Leipzig.
Und bekam schnell Kontakt zu Willy Brandt, Egon Bahr und anderen Politgrößen der westlichen Sozialdemokratie.
Er wurde, was man einen „Medienstar“ nennt. Journalisten prügelten sich um ihn. Ich erinne mich noch, wie einst einer seiner Anzüge drauf ging, als das Gedränge besonders groß war…..

Eigentlich hatte er nur eine Ausbildung.
Die eines Bibliothekars.
Aber in der Wendezeit hieß es, er würde „an seiner Promotion arbeiten“.
Legendenbildung.
Gezielt unter die Leute gebracht vielleicht.
Diese Legenden, die er um sich strickte wurden ihm zur zweiten Haut.
Es war immer etwas Seltsames um den Mann: immer von Menschen umgeben, aber dennoch im Grunde allein.
Ich wußte wenig Privates von ihm.

Ich kannte Manfred Böhme, seit er bei einem Freund im Pfarrhaus in der Nähe von Jena hin und wieder „Unterschlupf“ fand.
Es hieß, er habe wieder „Ärger mit der Staatssicherheit“ gehabt. Eines Tages reiste er gar mit einem blauen Auge an…..
Und doch diskutierten wir lange Nächte über Marx, einen Sozialismus mit menschlichem Antlitz -ähnlich wie ihn die Tschechen versuchten – und tranken Wodka.

Manfred hat mich später gefragt, ob ich nicht Jugendsenator in Berlin werden wolle, schließlich verstünde ich doch „etwas von Jugendarbeit“.
Ich habe abgelehnt und bin besser in die politische Erwachsenenbildung gegangen, als es galt, für eine Demokratie, die nur erst auf dem Papier stand, Demokraten auszubilden.
Andere waren nicht so zögerlich und griffen zu….

Nun, zwanzig Jahre nach den Wendejahren, zwanzig Jahre, nachdem der Tornado über das Land zog, war wieder Gelegenheit, sich zu erinnern.
An die Hoffnungen und Enttäuschungen; an das, was wir wollten und das, was gekommen war.
Manfred „Ibrahim“ Böhme gehört zu diesen Jahren.

Ich empfehle das Buch von Christiane Baumann sehr.
Besonders Landsleuten, die in den westlichen Bundesländern groß geworden sind.

Man kann an dieser überaus merkwürdigen Biografie eines „politischen Hochstaplers“ oder „politischen Heiratsschwindlers“ eine Menge über die DDR erfahren.
Allgemeingültiges aber eben auch sehr Besonderes. Denn dieser Manfred Böhme, den wir „Ibrahim“ nannten, war ein typischer Spitzel, aber er war eben auch sehr anders.
Das wird im Buch von Christiane Baumann sehr deutlich.
Mich freut, daß das Buch bislang gute Resonanz gefunden hat.
Ich wünsche ihr und dem Buch, daß es noch viele aufmerksame Leser und Zuhörer findet.

Rosen aus Afghanistan – etwas über Wirtschaftsförderung

Ein kleiner Artikel über den ersten Stand Afghanistans auf der Internationalen Grünen Woche in Berlin brachte mich auf die Idee, über Wirtschaftsförderung zu schreiben.
Es sind die Bilder im Kopf, die uns verwirren: Bilder von Bomben, von Krieg, von Entwicklunghilfe a la Schulbau (der wichtig ist!). Ziviler Aufbau bedeutet jedoch eigentlich: Handeln auf gleicher Augenhöhe.
Wer den Handel mit Afghanistan fördert, fördert das Land.
„Rosen statt Heroin“ oder „Der Krieg der Blumen“ wie in diesem wunderbar erzählten Beitrag vom „Tagesspiegel“ aus dem Jahr 2008 zu lesen steht. Rosen gegen Mohn. In Ost-Afghanistan. Mitten im Taliban-Land.
Ein Liter Rosenöl ist sehr wertvoll: etwa 6.000 Dollar, vielleicht sogar mehr.
Hier der Film dazu

Nun also gibt es eine deutsch-afghanische Firma, die auch Rosenöl verkauft. Ein ehemaliger Mitarbeiter der GTZ und seine Frau haben die Idee aufgegriffen.
Ich bin mit dem Gedanken infiziert und mache mich weiter auf die Suche. Und finde eine weitere Firma, die fair gehandelte Ledertaschen aus Afghanistan vertreibt.

Wirtschaftsförderung ist ein mühsames Geschäft. Denn die eigentlich gehandelte Ware ist Vertrauen. Ich weiß, wovon ich rede, denn ich war gemeinsam mit „German Trade&Invest“ viel im Ausland unterwegs, um ausländische Investoren für Deutschland zu gewinnen. Ich hatte als Repräsentant der deutschen Regierung die Rolle des „Türöffners“ und „key note speakers“. Zuletzt war ich in Tokio, Hongkong und Seoul, in jenen gewaltigen Mega-Städten Asiens.
Etwa sieben Jahre braucht man als Unternehmer, bevor man wirklich in einem ausländischen Markt „angekommen“ ist. Deshalb wundert es mich nicht, daß das Rosenprojekt mit ersten Erkundungen schon vor 13 Jahren begonnen hat. Und nun erste Früchte trägt.
Das „Rosenprojekt“ der Welthungerhilfe ist ganz sicher ein „Vorzeigeprojekt“. Und, daß es nun sogar auf der weltgrößten Ernährungsgütermesse, der Grünen Woche, angekommen ist, zeigt eben den „Vorzeigecharakter“. Es ist ein sehr sehr langer Weg bis dorthin. Recherche vor Ort. Dann einen „Projektleiter“ finden, nicht selten von einer non-governmental-Organisation (NGO), dann Partner im Land finden. Die Produktion aufbauen. Den Vertrieb aufbauen, Kunden gewinnen. Messen besuchen. Dafür braucht man Partner.
Deshalb ist nach Strukturen zu fragen.
Wer fördert den Handel mit Afghanistan?
Ich recherchiere weiter.
Und finde: den Peace Dividend Trust, der auch in Afghanistan daran arbeitet, Produzenten, Händler und Kunden zusammenzubringen. Selbst eine nicht-staatliche Organisation mit Unterstützung der UNO.
Etwa 6.000 afghanische Firmen sind dort registriert und können über die Website ihre Kontakte beginnen.
Die afghanische Exportpromotionsagentur hilft, so gut sie kann und vermittelt Kontakte zum Exportministerium und zu Firmen. Man sieht an der Website, daß die Afghanen sich um die großen Messen in Schanghai (Weltausstellung 2010), Berlin (Grüne Woche 2011) und Moskau kümmern. Was richtig ist.
Interessant ist das „deutsch-afghanische Netzwerk“ an der deutschen Botschaft in Kabul. Es ist neu (Herbst 2010) und wird von einem erfahrenen GTZ-Mitarbeiter betreut.

Die Außenhandelskammern Deutschlands sind ein überaus schlagkräftiges Netzwerk, jedoch leider noch nicht in Afghanistan mit einem eigenen Büro vertreten. Aber die AHK-Büros in Asien verfügen sicher über wertvolle Kontakte auch nach Afghanistan.

Wie sind die Strukturen in Deutschland?
BMZ, GTZ, Auswärtiges Amt. Gut. Und wichtig.
Dann: einzelne Geschäfte, die faire trade Produkte handeln, wie wir oben gesehen haben.
Wer edle afghanische Teppiche mag, und gleichzeitig darauf achtet, daß sie nicht in Kinderarbeit hergestellt werden, ist hier richtig:
Ganz sicher hilft auch die deutsch-afghanische Initiative weiter, ein Netzwerk zwischen Deutschen und Afghanen, die gemeinsam am zivilen Aufbau des Landes arbeiten.

Eine Rose hat mich drauf gebracht.
Auf das wichtige Thema Wirtschaftsförderung.

Ich staune immer wieder, was in den Dingen verborgen ist ……