Uwe-Carsten Heye – hier ist Widerspruch nötig! Anmerkung zu einem Artikel im „vorwärts“.

Uwe-Carsten Heye schreibt im „Vorwärts“ u.a. über 20 Jahre DDR über das DDR-Bildungssystem:

„Bildungsfähigkeit – unabhängig von der Herkunft
Nur die „Stasi“ wird ewig leben, als Chiffre längst nicht nur für das ehemalige Ministerium für Staatssicherheit. Wie ein großes schwarzes Loch schluckt sie dabei alles, was sich auch positiv mit der DDR verbinden ließe und zieht wie in einem gigantischen Mahlstrom alles herunter, was das Arbeiter- und Bauernparadies auch sein wollte: der erste sozialistische Staat auf deutschem Boden. Und dazu gehörte unter anderem ein Bildungssystem, das jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit zuerkannte – unabhängig von der Herkunft.“

Ich muß ihm durchaus sehr widersprechen.
Denn dieses Bildungssystem gewährte gerade nicht! unabhängig von der Herkunft „jedem Schüler, jeder Schülerin selbstverständlich Bildungsfähigkeit“.

Das DDR-Bildungssystem war zentraler Bestandteil der Diktatur.
Schon die Grundschüler sollten möglichst alle in die Pioniere, später in die FDJ.
Die Debatten um die Einführung der „vormilitärischen Ausbildung“ beschäftigten sehr viele Synoden. Hunderte von Eltern waren nicht bereit, ihre Kinder in diese Lager zu schicken. Und sie bekamen die Konsequenzen zu spüren: ihre Kinder durften kein Abitur machen. Ihnen war damit ein Hochschulstudium verwehrt.
Gerade die Eltern, die sich in christlichen Kirchen und Gemeinden engagagierten, wissen davon viele Strophen zu singen.
Es gibt kaum ein Thema, das in dieser gewaltigen Dimension die Synoden der Kirchen beschäftigt hat.
Immer wieder wurde es zum Thema, denn die Not in der Diktatur gerade in dieser Frage war sehr groß.

Wie kaum ein anderes Feld war das Bildungssystem der DDR gerade nicht vom Geist der Freiheit und Unabhängigkeit des Denkens geprägt.
Das Ziel des DDR-Bildungssystems bestand ja gerade darin, ordentliche „Staatsbürger“ im Sinne der SED zu erziehen – dies ist nachzulesen in den Dokumenten aller Parteitage der SED, die sich mit der Bildungsfrage beschäftigten.

Es ist eine üble Legende, wenn nun im „Vorwärts“ die These vorgetragen wird, das DDR-Bildungssystem habe es „jedem Schüler und jeder Schülerin unabhängig von der Herkunft“ ermöglicht, sich ausbilden zu lassen.

Ich gehöre zu denen, die trotz exzellenter schulischer Leistungen aus politischen Gründen – mein Vater war Pfarrer und wir drei Brüder waren selbstverständlich weder bei den Pionieren, noch in der FDJ, noch im Armeelager, noch bei der Armee – keine Zulassung zum staatlichen Abitur bekamen. Wir galten als „politisch unzuverlässig“.

Wir hatten zwei Möglichkeiten: wir konnten in den Westen gehen. Das hätte die SED gern gesehen, denn dann wäre sie uns los gewesen. Wir aber wollten bleiben.
Also blieb noch die Möglichkeit, an einer der drei kleinen Schulen in kirchlicher Trägerschaft (Naumburg, Potsdam-Hermannswerder, Moritzburg) ein Abitur zu erwerben (sehr solide mit Griechisch, Latein, Geschichte, Literatur, Kybernetik, Mathematik, Biologie und allem, was zu einem ordentlichen humanistischen Gymnasium gehört).

Dieses Abitur nun allerdings wurde von Margot Honecker nicht anerkannt.

Man konnte mit diesem Abitur Theologie studieren – an einer kirchlichen Hochschule selbstverständlich, oder an der Universität. Dann allerdings mit einer erneuten „Sonderreifeprüfung“.
Oder man konnte in den Westen gehen.

Doch dieser Weg schied für uns aus. Denn wir wollten bleiben.

Ich muss diesem Text von Uwe-Carsten Heye deshalb so vehement widersprechen, weil sich sonst falsche Legenden bilden.
Die Kanzlerin behauptet öffentlich unter Bezug auf ihre FDJ-Mitgliedschaft, es habe „keine andere Möglichkeit gegeben“, als Mitglied in der FDJ zu sein.

Dies ist ein Schlag ins Gesicht all der vielen hunderte von Kindern und Familien, die einen anderen Weg gegangen sind.
Meine  Biografie ist nur eine von vielen hundert.

Es gab diese andere Möglichkeit.

Und sie erforderte einen hohen Preis.
Aber wir waren bereit, diesen Preis zu zahlen.

Wir haben uns nicht angepasst. Wir sind nicht mitmarschiert. Wir waren nicht Mitglied in den Pionieren, nicht in der FDJ, nicht im Armeelager, nicht bei der Armee.
Wir sind grade geblieben.

Trotz DDR-Bildungssystem…..

Vielleicht ist ja dies etwas, das man als „positive Errungenschaft“ des DDR-Bildungssystems nun 21 Jahre nach dem Fall der Mauer erinnern könnte…..

Jeder gegen jeden oder geht’s auch mit ’nem Leitbild? Etwas über Berlin.

Die Potenziale der Metropole sind enorm.
Die ehemalige Nobelpreisträgerschmiede der Nation könnte zu neuer Stärke wachsen – wenn man sich nicht im Kleinkrieg lähmte.
Ein Wahlkampf droht – nach altem Muster.
Dieses Muster ist einfach gehäkelt.
Es geht so: „Mein Kandidat ist besser als deine Kandidatin“.
Das war’s schon.
Soetwas ist langweilig, gibt keine Perspektive und macht zumal keine Freude, weil es unpolitisch ist.
Politisch wäre es, den Wählerinnen und Wählern in der Metropole ein Leitbild zu geben, das wählbar ist.
Getragen von einer weltoffenen, wissenschaftsfreundlichen, wirtschaftsunterstützenden, innovationsfreudigen rot-grünen Bürgerschaft, die sich gegen jenen stumpfen Nationalismus wendet, den einstige Finanzsenatoren dieser Stadt nun in papiernen Koffern unter die Leute tragen.
Die Chance dieser Stadt ist die liberale, ökologische, wissenschaftsfreundliche Weltoffenheit.
Aber, es droht ein Wahlkampf, in der sich die im Parlament vertretenen Parteien nur gegenseitig niedrig reden und schreiben. Ein Klein-Klein droht, wo eine große Perspektive notwendig wäre.
Das Potenzial dafür hat die Stadt.
Wie in kaum einer anderen Metropole Deutschlands gibt es eine Dichte an Universitäten, Fachhochschulen, Max-Planck-Instituten, Fraunhofer- und Leibnizinstituten wie in Berlin.
Diese Wissenschaftsdichte könnte genutzt werden – wenn es denn einen Geist der Kooperation gäbe, den die Stadt braucht wie die Luft zum atmen.
Andere Regionen machen es längst vor.
Sogar über nationalstaatliche Grenzen hinweg.

Berlin – die Metropole.
Berlin – die Bundeshauptstadt.
Eingefügt in das Bündnis der Metropolen der Welt.
Weltoffen, tolerant, international, integrationsfreundlich.
Hier treffen sich die Spitzen internationaler Kultur und Wissenschaft.
Die Metropole könnte zeigen, daß Kooperation allemal vernünftiger und effektiver ist als Konkurrenz.
Die Metropole könnte zeigen, daß Kooperation Synergien ermöglicht; Konkurrenz dagegen Energien lähmt.

Deshalb:
Was ist zu hören von den Parteien?
Wo wäre Potenzial für ein modernes Leitbild für die Metropole, das von einem breiten Bürgerbündnis ins Parlament getragen werden könnte?

Wenig ist zu hören.
Was zu hören ist: „Mein Kandidat ist aber besser als deine Kandidatin“.

Das genügt nicht, um den Wähler, um die Wählerin zu überzeugen.
Das hat keine Kraft.
Das strahlt nicht aus.
Das trägt nicht.

Der Bürger wendet sich ab und überlässt die Parteien sich selbst.

„Schaut auf diese Stadt!“ hat einer der ganz Großen dieser Stadt einmal ausgerufen, als die Not groß war.
„Bürger der Welt, schaut auf diese Stadt!“
Lang, lang ist’s her.
Keiner hat mehr den Mut, die Metropole in solchem Horizont zu sehen.
Der Kleingeist ist eingezogen.
Der Kleingeist der Konkurrenz.

Wie stark könnte ein Bündnis aus sozialer und ökologischer Politik sein, das der Metropole wieder ein Leitbild gibt, das wirklich trägt.
Wir strahlkräftig könnte Politik wieder werden, wenn der Mut zurückkehrte, die Bundeshauptstadt wirklich als Bundeshauptstadt zu entwickeln.

Aber dazu bedarf es der Kooperation.
Wie mühsam allein der Prozess einer Zusammenführung der drei großen Berliner Universitäten ist, konnten wir in den vergangenen Jahren besichtigen.
Andere Städte gehen da mit höherem Tempo.

Doch nicht nur die Universitäten, auch die ausseruniversitäre Forschung wäre einzubinden in jenes große Bündnis für die Region.
Ein breites Bündnis zwischen Wirtschaft und Wissenschaft; zwischen Unternehmern und Entwicklern; getragen von einem politischen Bündnis von weitsichtigen Menschen in der Politik, die den Mut haben, ein Leitbild für die Metropole zu entwickeln, das von den Menschen verstanden und mitgetragen wird.

Da genügt ein „be Berlin“ bei weitem nicht.
Da genügt es nicht, eine Werbeagentur mit einer neuen Kampagne zu beauftragen, um das Image der Stadt aufzupolieren.

Da bedarf es politischer Bündnisse.

Nun lässt sich beobachten, daß außer von Grünen und Sozialdemokraten ein wirklich tragfähiges Leitbild von anderen Parteien nicht erwartet werden kann.
Die Union ist in einem bedauernswerten Zustand.
Die Linken haben begriffen, daß sie eine Regionalpartei sind, die sich vor allem im Ostteil der Stadt verwurzelt hat.
Die FDP hat sich selbst derart stark beschädigt, daß ihr niemand mehr glaubwürdige Politik zutraut.

Um so größer müssen die Erwartungen sein, die an ein rot-grünes oder grün-rotes Bündnis für die Metropole zu stellen sind.

Wir sind gespannt.
In einem Jahr wird gewählt.
Wir würden gern wissen, wie es weiter gehen soll mit dieser Stadt, die so große Chancen hat…..

Birthday im Netz – die Sache mit dem birthday click

Bei Charity:water bin ich drauf gekommen.
Diese vorzügliche Kampagne zur Versorgung vieler Zehntausender Menschen mit frischen Wasser (über ein Drittel der Menschheit hat keinen Zugang zu sauberem Wasser) fing so an: mit einer Geburtstagsmail. Der Gründer bat seine Freunde anlässlich seines Geburtstages (ich glaub, es war der 30.) um 30 Dollar Spende für den Zweck. Später folgten 31, 32 etc. pp. das ist alles auf der Homepage von charity:water schön nachzulesen.

Bei mir sind’s heute 53 Jahre geworden, ein Alter, in dem man zu Mozarts Zeiten schon zu den Uralten gehört hätte….Und: um 53 Euro für die drei von mir unterstützten Organisationen, mit denen ich seit Jahren verbunden bin, wollte ich auch nicht bitten, denn das ist ne Menge Geld.

Aber: um einen Click kann ich bitten.
Also gibt’s heute „Die Sache mit dem birthday-click“.

Ich bin sehr dankbar, daß sich Freunde im Internet daran beteiligen.
Eine kleine Notiz war schnell geschrieben mit den links zu

http://oid.org

http://www.andheri.de

http://www.gruenhelme.de

Diese drei liegen mir am Herzen. Ich kenne Dr. Rupert Neudeck seit langen Jahren. Wir waren in Afghanistan zusammen und in Tadshikistan, in Nordkorea und anderen Orten. Berühmt geworden durch seine Arbeit mit der „Cap Anamur“ jenem legendär gewordenen gemieteten Frachter, mit dem der damals junge Journalist des Deutschlandfunk mit bloßen Händen Boat-People – Flüchtlinge also, aus dem Meer gezogen hat. Viele Tausend Menschenleben hat er so gerettet. Nach dem 11. September haben wir die „Grünhelme“ gegründet als „zivile Antwort“, als Versuch, in praktischer gemeinsamer Arbeit zur Versöhnung zwischen den Religionen beizutragen.
Über dreißig Schulen haben die Grünhelme mittlerweile in Afghanistan gebaut, wir sind im Kongo, waren die ersten im Irak. Haben die erste Solaranlage nach Afghanistan gebracht, um ein Krankenhaus mit Strom zu versorgen. Die Berliner Firma SOLON hat geholfen.
Diese jungen Menschen, die für die Grünhelme mal für drei Monate ins Projekt gehen, haben mich ungemein beeindruckt. Für ein Taschengeld, eine kleine Versicherug und die Reisekosten gehen sie los. Hoch engagiert, hoch motiviert. Einfach wunderbare Menschen. Nun wollen wir nach der grossen Flut ein Projekt in Pakistan beginnen. Die Menschen brauchen wieder ein Dach über dem Kopf.

Rosi Gollmann von der Andheri-Hilfe in Bonn lernte ich 1999 kennen. Ich las von ihr im Internet, bat um einen Termin und hab sie besucht.
Als ich jene Figur an der Wand in ihrem Haus sah, die schon so viele beeindruckt hat, war ich sofort dabei: da hängt ein Corpus, eine Christus-Darstellung also. Aber: sie hat keine Hände. „Ich habe keine Hände außer Euren“ steht darunter.
Die Andheri-Hilfe hat als kleine private Initiative der Religionslehrerin Rosi Gollmann angefangen. Blindenhilfe in Bangladesh.
Mittlerweile ist die Andheri-Hilfe zu einer international hochgeachteten NGO geworden, die ländliche Entwicklung ebenso wie Frauenförderung unterstützt.
Über 1 Millionen Menschen können wieder sehen, weil die Andheri-Hilfe mit den eye-camps in Bangladesh einfache Operationen am Star ermöglicht hat. Altbundespräsident von Weizsäcker hat über diese Arbeit gemeint: „ich kenne keine effektivere Art der Entwicklungshilfe“, denn für umgerechnet etwa 30 Euro kann einem Menschen das Augenlicht zurückgegeben werden: er kann lernen, kann selbständig für sich sorgen.
Franz Alt hat die Arbeit in mehreren Filmen gut dokumentiert.

Die beiden Grandes der deutschen Entwicklungshilfe wurden ergänzt durch einen Vertreter der nächsten Generation: Stefan Knüppel

Ich lernte den CEO von opportunitiy International, Stefan Knüppel, auch übers Internet kennen. Eine Ticker-Meldung im Ministerium teilte mit, daß dieser Mann ein sehr gutes Job-Angebot in der Wirtschaft ausgeschlagen habe und stattdessen – als gelernter Banker – seine Kenntnisse der Mikrokreditarbeit zur Verfügung stellen werde. das hat mich interessiert, ich habe Kontakt zu ihm aufgenommen, wurde Schirmherr und unterstütze diese unglaublich wichtige Arbeit nun auch schon seit etlichen Jahren.
Die Mikrokreditarbeit ist 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Mit Stefan Knüppel war ich in Mosambique, um mir die Arbeit vor Ort anzuschauen. Es ist eine gute Arbeit. Menschen nicht ein Almosen zu geben, sondern einen winzigen Kredit von ein paar Dollar, damit sie durch eine kleine Investition sich und ihre Familien selbst ernähren können. Das weltweite Netz von Opportunity international betreut mittlerweile weit über 1 Million Klienten.
Nun haben wir etwas Neues vor: 100 neue trust-banks wollen wir gründen. 100 neue Kreditnehmer-Gruppen. 100 neue „Banken des Vertrauens“, oder „Banken mit Herz“, wie wir sie nennen.

Diese Drei also hab ich heute früh gepostet an meine Internet-Freunde.
Ähnlich, wie es bei charity-Water angefangen hat. Anlässlich eines Geburtstages.

Ich freue mich sehr über die Resonanz.
Die Freunde posten die Notiz weiter, helfen, daß „Die Drei“ bekannter werden.
Und tun mit wenig Aufwand etwas sehr Schönes ann diesem Tag.

Ich danke Euch allen herzlich für diese Unterstützung!
Das ist ein guter Geburtstag!

TABU und solche Worte. Etwas über #S21

Ich bin zufällig in der Stadt. Weil man mich eingeladen hat. Und ich habe Zeit zum Zuhören. Will etwas erfahren von den Menschen, die hier leben; wie sie denken, wie sie fühlen.

Es sind alles Zufallsbekanntschaften. Keine Auswahl nach Kriterien. Menschen, die mir so über den Weg laufen und mit denen ich spreche.
Ich hör den Menschen gern zu. Man kann etwas mitbekommen von der Stimmung in einer Stadt, wenn man den zufälligen Bekanntschaften zuhört.

„Schau mal, wie schön die Bäume da im Park sind“ sagt Mann noch im Zug, der vor der Tür des Waggons steht zu dem kleinen Jungen ihm gegenüber. „Da sind zuviele Menschen, die zuviel Geld damit verdienen“. Er meint den neuen Bahnhof, den man hier bauen will.
„Der wird schon lange geplant“ sagt die Frau. „Da haben die Leute nicht aufgepasst. Da hätten sie sich früher für interessieren sollen“.
„Da wurde zielgerichtet Information vorenthalten“ erwidert der Mann. „Wenn man sich mal genauer damit beschäftigt.“

Am Abend zeigt mir ein Pfarrer die Stadt. Er kennt die Menschen gut. „Wissen Sie, was mir aufgefallen ist, als ich diese vielen tausend Zettel las, die man vor dem Bahnhof an diesem Zaun angebracht hat? Ich hab mir sie genau angeschaut. Und ich hab etliche darunter gefunden, die ich aus der Beratung kenne. Da scheint sich etwas wie in einem Ventil Luft zu verschaffen. Es macht sich am „Bahnhof“ fest, aber da sind auch private Sachen vielleicht mit ein Motiv für den Frust, der sich da Luft macht.“

Der Mann in der Buchhandlung erzählt mir von seiner alten Zahnärztin: „Wissen’s Herr S., i hab mein Lebtag immer CDU gwählt. Aber diesmal ist Schluss. Diesmal wähl i die Grüne“.

Und der Mann ergänzt und sagt zu mir: „Wissen Sie, diese Wasserwerfer, das war zuviel für die Leute. Als ich das erlebt hab, und ich war dabei, mich haben sie auch nassgespritzt, obwohl ich weiter hinte stand, als ich das erlebt hat, wie sie in die Leute reingehalten haben einfach so, da hab ich mir gedacht: das war’s jetzt für den Mappus“. „Sie müssen mal hören, wie man in den Vereinen redet. Das kippt ganz gewaltig. Da ist viel Unruhe im Land und viel Empörung.“

Als wir uns abends den Platz mit den Bäumen anschauen, sehe ich, daß man die alten Bäume mit Namen versehen hat. Rote Grablichter stehe unten an den Wurzeln rings um den Stamm. „Oh oh, das ist Religion“ sage ich zu meinem Begleiter. „Dagegen kommt man mit Argumenten nicht an“.

Und in einer Buchhandlung erfahre ich: „Wissen Sie, diese Bäume da, die hat man sogar im kalten Winter 46 stehen gelassen. Die ware TABU für die Leute. Sie haben damals alles verheizt, was aus Holz war. Aber die haben sie stehen gelassen. Und als dann diese Maschinen kamen und sie einfach abgeknipst haben – da wurden die Leute zornig.“

„TABU“ sage ich. „Das ist ein interessantes Wort. Das erklärt mir ein wenig die Stimmung, die ich hier spüren kann. Ich bin ja nur auf der Durchreise hier und höre den Leuten zu, aber diese Stimmung, die kann ich sofort spüren.“

Gestern fand unter großer Medienbeteiligung und unter Leitung von Heiner Geißler ein Vermittlungsgespräch statt. Und mir erzählten genaue Beobachter der Stuttgarter Verhältnisse, die schon lange in der Stadt leben und mit vielen Menschen in Kontakt kommen: „Ich glaube, daß sich da grad was verändert. Der Geißler war gut. Der ist den Experten immer ins Wort gegangen und hat gesagt, sie sollen so reden, daß die Leute draußen es verstehen. Sowas kommt gut an. “

Als er mir später die Stelle im Park zeigt, wo die acht Meter hohen Halbkugeln sein sollen, durch die eines Tages das Licht für den unterirdischen Bahnhof fallen soll, wenn sich die derzeitige Planungen durchsetzen meine ich zu ihm: „Na, daran könnte man doch bestimmt noch was ändern! Es muss doch andre Möglichkeiten geben, einen Bahnhof zu beleuchten, als mit solchen Monstern! Wegen einer Beleuchtung muss man doch nicht Bäume fällen, die den Leuten offenbar sehr wichtig sind, daß sie sogar Kreuze aufstellen, mit den Namen drauf, die sie den Bäumen gegeben haben. Und den Grableuchten davor.“

„Ja“ meint er. „Ich glaube auch. Am Ende wird es Kompromisse geben müssen. Da müssen die Techniker nun mal zeigen, dass sie auch kreativ sein können.“

Als wir über die vielen Tausend Zettel und Plakate sprechen, die die Menschen an der „Mauer“, genauer, an einem Zaun, aufgehängt haben, erfahre ich, daß sich mittlerweile internationale Künstler dafür interessieren. Sie sind fasziniert von der enormen Kreativität, die dort sichtbar wird.
Und er erzählt mir, wie „die Leute“ mittlerweile in vielen Vereinen, die er kennt, reagieren: „Den lachen wir aus – dem Amt“ sagen sie über den Ministerpräsidenten. „Der schwäbische Humor – dagegen kommt keiner an.“

Ich sage: „Mich erinnert das sehr an die Demonstrationen vor 21 Jahren. da war auch so viel Kreativität und Humor. Und gegen diesen Humor, gegen diese Witzigkeit – dagegen kam niemand an. Es ist nicht vergleichbar, das weiß ich auch. Aber diese Bilder werden wieder in mir wach, wenn ich das hier sehe. Damals hat sich auch etwas Bahn gebrochen. Auch damals waren es die unterschiedlichsten Motive: politische, private, ökonomische; das war alles ähnlich unübersichtlich.

Und dann die Macht der Bilder. Als wir in Berlin und im Osten diese Bilder sahen von den Wasserwerfern, die man auf alte Menschen gerichtet hatte und auf Schüler, da haben etliche gesagt: „Und wir dachten immer, sowas hätten wir in Leipzig ein für alle Mal beendet?“
Diese Bilder weckten seltsame Erinnerungen bei vielen, die damals dabei waren und mit denen ich gesprochen habe.

Ich bin zufällig in der Stadt.

Und ich hab kein abschließendes Urteil darüber, wie das hier weitergehen wird. Daß man miteinander redet und daß der Vermittler offenbar erfolgreich versucht, daß man zur „Sachlichkeit“ kommt, sich mit den einzelnen Argumenten Schritt für Schritt auseinandersetzt, ist sicher gut.
Aber ich weiß aus meiner Zeit als Abgeordneter auch, wie gefährlich solche Stimmungen sind. Wenn die Leute in den Vereinen erstmal anfangen, anders zu denken, als sie bisher immer gedacht haben – dann kommt etwas ins Rutschen.

Morgen soll ich hier reden. Über das Vertrauen.
Ich nehme ein Lied zur Grundlage, das uns in jenen Jahren, die nun schon so lange zurück liegen, geholfen hat: „Vertraut den neuen Wegen.“

Ganz offensichtlich verändert sich unser Land. Die Demokratie verändert sich. Internet, facebook, twitter, Handyfotos – all das ist neu und spielt eine große Rolle. Die Menschen sind klug und wollen nicht mehr länger hingehalten werden. Sie wollen, daß man sie hört. Sie wollen mitreden, sie sind auch bereit, sich mit Sachargumenten auseinanderzusetzen.

Aber da sind auch nichtrationale Dinge im Spiel. Und die sind für Politiker und Entscheider extrem schwer zu handhaben.
Man kann sie spüren, wenn man den Menschen zuhört. Den Menschen, die man zufällig trifft. In der Straßenbahn, in einer Buchhandlung, bei einem Stadtspaziergang.
Selten fand ich eine Situation so spannend, wie die, die man hier in diesem Herbst 2010 in Stuttgart spüren kann.

in kalten Zeiten

Ich werde mich nicht beteiligen
an der Kritik anderer Religionen
denn sie steht mir nicht zu

Ich werde mich nicht beteiligen
am gegenseitigen Vorhalten alter Verfehlungen
denn mein Urteil greift zu kurz

Ich werde Schritte der Versöhnung gehen
heute und morgen
und in den Tagen, die mir gegeben sind

Ich werde mich nicht beirren lassen
von denen, die glauben, die Wahrheit zu kennen

Ich suche das Gespräch,
nicht die Diskussion;

suche die Begegnung
nicht das Urteil.

Suchende sind wir allesamt
mehr nicht.

Was wir tun können:
wir können uns die Hand reichen
und versuchen, uns behilflich zu sein
auf dem Weg nach Hause.

noch etwas zur Erklärung….warum ich die LYRIS Gruppe unterstütze

Es geht für mich um viel mehr, als nur darum, einer Gruppe bislang in Deutschland unbekannter Künstler zu helfen.
Ich spüre, daß da mehr ist.

Worte fallen ein. „Wiedergutmachung“ zum Beispiel. Aber es ist ein ungeeignetes Wort, weil das gar nicht geht. Man kann nicht etwas „wieder gut machen“. Schön gar nicht das Schicksal fremder Menschen.
Die Autoren der LYRIS-Gruppe in Jerusalem mussten als Kinder ins Ungewisse. Ins Exil. Auf der Flucht vor den Nazis. Ihre Familien haben sie verloren.
Aber seit über dreißig Jahren treffen sie sich – um sich Texte vorzulesen, die sie in deutscher Sprache schreiben.

Unverstandene im eigenen Land.
Da geht ein Riß durch die Biografien: selbstverständlich sprechen sie mittlerweile die Sprache Israels, selbstverständlich sprechen etliche auch englisch oder französisch.
Aber ihr Innerstes, das, was sie wirklich im Tiefsten bewegt – drücken sie in deutscher Sprache aus, in der „Sprache der Mörder“.

Was haben diese Gedichte mit mir zu tun?
Weshalb spüre ich, daß ich etwas tun muss und tun kann für jene Künstler da im fernen Jerusalem? Weshalb versuche ich zu helfen, daß ihre Texte nun auch in Deutschland bekannt werden?

Weil da ein altes Thema liegt.
Schon seit etlichen Jahrzehnten beschäftigt mich die dunkle Zeit. Als die Deutschen über die Welt herfielen in ihrem braunen Wahn.
Schon als Student hat mich das Thema gepackt. Von den Deutschen. Und der Schuld.
Und es hat mich seither niemehr losgelassen.
Ich bin der Spur gefolgt in der Examensarbeit über die Kirche im Dritten Reich; ich bin ihr weiter gefolgt, an die Hand genommen von Johannes Bobrowski.
Viele Begegnungen in Israel und Deutschland, in den USA und anderswo haben mich immer erneut auf die Spur gebracht.

Mich, der Enkel sein könnte jener Menschen, die ins Ungewisse mussten.
Sie waren Kinder damals.

Heute nun, im Jahre 2010 begegnen mir ihre Texte. Eine Freundin hat sie mir auf die Türschwelle gelegt.
Gedichte sind es.
In Deutsch geschrieben.
Naturgedichte ebenso, wie wunderschöne Gedichte über die Beziehung zwischen Menschen.
Der Versuch, Erlebtes zu verstehen.

Ich, der ich Enkel sein könnte, kann nicht viel tun.
Denn Geschehenes kann man nicht rückgängig machen.
Aber: etwas kann ich tun.
Ich kann helfen, daß diese Texte nun auch in Deutschland bekannt werden.
Ich kann helfen, daß eine Gruppe von Autoren in Deutschland bekannt wird, die ganz im Stillen über lange Jahrzehnte in Jerusalem lebend, festgehalten hat an der deutschen Sprache – trotz des Vergangenen.
Es geht darum etwas mitzuteilen: ihr dort, im fernen Jerusalem; ihr Dichter und Maler, Grafiker und Bildhauer, die ihr euch in der kleinen LYRIS-Gruppe zusammengeschlossen habt: wir sehen euch.
Wir nehmen Euch und Euer Schicksal wahr.

Wir wollen einen kleinen Beitrag leisten, daß Ihr nicht in Vergessenheit geratet.

Deshalb.
Nehmt es als kleines Zeichen der Verbundenheit an.
Darum kann ich bitten.

Die Texte der LYRIS-Gruppe sind im kleinen Berliner Verlag http://rainstein.de erschienen. Man kann sie dort bestellen.
Und man kann durch das Posten dieses links helfen, daß die Autoren der LYRIS-Gruppe in Deutschland bekannter werden.
Viel ist es nicht, was wir tun können.
Aber dies können wir tun.

Die Spur führt zu Paul Celan – die Gruppe LYRIS in Jerusalem.

Sie sind mittlerweile hochbetagt. Und treffen sich regelmäßig. Seit über dreißig Jahren. Lesen sich aus ihren Texten vor. Sprechen darüber. Kritisieren Form und Stil. Vergewissern sich.
Autoren der Gruppe LYRIS.
In Jerusalem.
Sie sind Maler, Grafiker, Bildhauer – und Dichter.
Der Autor Manfred Winkler, (Preis des Ministerpräsidenten für Lyrik); Jahrgang 1922; die Malerin Ivonne Livay (geboren 1942 in Zürich), Magali Zibaso, 1939 geboren und andere.
Die Berliner Verlegerin Dörthe Kähler, mit der ich seit längerem befreundet bin, hat es nun riskiert und – mit finanzieller Hilfe eines Freundes – drei Gedichtbändchen herausgebracht, die in ihrem kleinen Verlag RAINSTEIN erschienen sind. (http://www.rainstein.de).
Es ist eine kleine Sensation.
Denn eigentlich haben die Autoren der LYRIS-Gruppe ihre Texte für sich geschrieben. In ihrer Muttersprache deutsch. Obwohl sie in Israel leben.

Nun aber finden sie Anerkennung – in Deutschland.

Meine Frau und ich hatten Dörthe Kähler eingeladen, aus diesen Bändchen vorzulesen und uns die Arbeit der LYRIS-Gruppe näher zu bringen. Gestern Abend las sie nun im privaten Kreis.
Und es war ein bewegender Abend.
Denn, die da saßen, könnten die Kinder oder gar Enkel der Autoren sein. Vom Alter her.
Deutsche im Alter zwischen vierzig und sechzig lasen und hörten Texte von Menschen, die in Deutschland, in der Schweiz, in der Bukowina und anderswo geboren wurden; deren Familien häufig ganz und gar dem Holocaust zum Opfer fielen. Texte von Überlebenden. In der „Sprache der Mörder“ geschrieben – in deutsch.

Die Spur führt zu Paul Celan, denn es gibt langjährige persönliche Beziehungen von Mitgliedern der LYRIS-Gruppe zu diesem großartigen Dichter.

Die Texte, zum Teil illustriert mit Grafiken und Malereien der LYRIS-Mitglieder, sind nicht nur anrührend, weil sie von denen stammen, die eigentlich allen Grund haben könnten, nie wieder deutsch zu sprechen.
Sie sind anrührend – weil es sehr gute und sehr schöne Texte sind.

Von Ivonne Livay gibt es das Bändchen „Rostige Zeiten“. Von Magali Zibaso „Augen“, von Eva Avi-Jonah „Brennpunkt“.
Erhältlich im Internet auf der Verlagsseite http://www.rainstein.de.

„Warum hast Du diese Bändchen herausgebracht?“ frage ich die befreundete Verlegerin.
„Ich konnte nicht anders. Es ist ein Stück Anerkennung. Ein Zeichen der Verbundenheit. Vielleicht können wir durch die Herausgabe dieser Texte den Autoren mitteilen: wir sehen Euch. Wir lesen Eure Texte. Wir hören von Eurem Schicksal.“

Dörthe Kähler hätte mit den eigenen Mitteln diese Publikation nicht machen können. Ein Freund hat geholfen. Deshalb geht der Dank auch an Manfred von Baum.

Wenn diese drei Bändchen mit Lyrik nun in Deutschland Leser und Verbreitung finden, dann ist es vielleicht auch ein Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen, die überlebt haben.
Viele sind es nicht mehr.

Sie sind hochbetagt mittlerweile.
Und treffen sich noch regelmäßig.
Um sich ihre Texte vorzulesen, darüber zu sprechen.
Sie wußten von dieser kleinen Veranstaltung in Berlin.
Sie wußten, daß da aus ihren Texten gelesen werden würde.

Nun können Sie über etwas Neues und Aufregendes miteinander sprechen: das Erscheinen ihrer Texte in Deutschland.
Wir stehen im Kontakt mit der Gruppe LYRIS.
Und wir wissen, daß die Publikation zu großer Freude geführt hat. Bei ihnen und in ihren Familien.

Ich wünschte mir, daß diese drei schmalen Bändchen gut aufgenommen werden in Deutschland.

Stille Menschen – die manchmal expolodieren. Das Asperger Syndrom

Sie brauchen sehr viel Zeit für sich. Oft sind sie einsam.
Ihr Grundgefühl ist die Angst.
Oft kommt eine Depression hinzu.
Etliche von ihnen sind hochbegabt: Mozart und Einstein gehörten zu ihnen, Jean-Paul und Ludwig Wittgenstein.
Menschen mit Asperger-Syndrom haben oft ein Spezialgebiet, in dem sie sich exzellent auskennen.
Aber sie haben wenige Freunde.

Denn: im Umgang mit anderen Menschen hapert es. Hier wird ihr Anderssein besonders deutlich.
Menschen mit Asperger-Syndrom können die Gefühle anderer Menschen nicht „lesen“. Sie schauen anderen Menschen nicht in die Augen, sondern auf den Mund. Sie können die Wirkung ihrer Worte und ihres Verhaltens auf andere Menschen nicht voraussehen. Deshalb gelten sie manchmal als „arrogant“.
Menschen mit Asperger-Syndrom fühlen sich oft „als ob wir nicht dazugehören“.

Wenn die Ängste überhand nehmen, wissen sie oft keinen anderen Rat mehr, als unbändige, explosive Wut.
Menschen mit Asperger-Syndrom brauchen länger, um zu verstehen, was in einer Gruppe abläuft, denn sie verarbeiten die sozialen Beziehungen nicht intuitiv, sondern intellektuell. Ihr Gehirn arbeitet anders.
Sie sind deshalb oft das Ziel von mobbing und Quälerei.
Viele Menschen mit Asperger-Syndrom ziehen sich daher zurück.
In die soziale Isolation. Sie werden einsam.

Der Film „Adam“ beschreibt eine Liebe zwischen einem jungen Mann mit Asperger-Syndrom und einer jungen Frau. Es ist ein liebevoller Film.
Der Film „Mozart an the Whale“ beschreibt sogar die Liebe zwischen zwei Menschen mit Asperger-Syndrom.

Die Veranlagung ist gar nicht so selten.
Der australische Therapeut Tony Attwood, wohl der anerkannteste und einflussreichste Spezialist für das Asperger-Syndrom, den man in der Fachwelt auch liebevoll „Saint Tony“ nennt, sagt: „Legt man die Kriterien Gillbergs zugrunde, beträgt die Häufigkeit zwischen 36 und 48 Kinder von 10.000, d.h. zwischen 1:280 und 1:210.“ (Tony Attwood. Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom. TRIAS 2008; S. 58).

Es ist ein liebevoll geschriebenes, exzellentes Buch von einem der weltweit besten Kenner dieser leichten Form des Autismus.
Ich möchte es Eltern und Lehrern, Mitschülern und Journalisten dringend empfehlen.
Zwar hat der Arzt Asperger schon 1944 das Syndrom beschrieben, aber die eigentlichen Forschungen – mittlerweile gibt es immerhin schon etwa 2.000 Publikationen zum Thema – sind noch relativ neu, stammen aus den achziger und neunziger Jahren.

Das Buch „Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom“ wendet sich an Eltern und Lehrer, an Mitschüler und Menschen mit Asperger-Syndrom. Es klärt auf, gibt hilfreiche Verhaltenstipps, weiterführende links zu Selbsthilfegruppen und Spezialisten.

Was mir besonders gefällt: es ist ein sehr liebevolles Buch. Voller Wärme und Verständnis für Menschen, die anders fühlen.

Sehr empfehlenswert.

Tony Attwood. Ein ganzes Leben mit dem Asperger-Syndrom. Alle Fragen – alle Antworten. Von Kindheit bis Erwachsensein: Was Menschen mit Asperger-Syndrom weiterhilft. TRIAS-Verlag 2008

„20 Jahre“ – ein eher persönliches Kapitel zum Gedenktag

Als ich zwanzig wurde, stand Westdeutschland unter dem Schock der Entführung der „Landshut“; Hanns Martin Schleyer wurde ermordet, die RAF bestimmte die Schlagzeilen.
Für mich war der Alltag in der Diktatur Normalität. Die „Landshut“ oder die RAF erreichten mich nur über den SFB oder den RIAS, den Deutschlandfunk natürlich auch, einen Fernseher besaßen wir nicht.
Mein Alltag bestand darin, Griechisch und Latein zu lernen, Aufsätze über „Jakob der Lügner“ zu schreiben und Studientage vorzubereiten. „Schüler unterrichten Schüler“ – ein neues, gutes Konzept. An einer kleinen kirchlichen Schule in Naumburg, die es noch gab in der Diktatur. Es war ein gutes Jahr: das mittlere von drei anstrengenden Jahren. Wir hatten noch ein wenig Zeit bis zum Abitur. Margot Honecker hatte es nicht zugelassen, daß ich ein staatliches Abitur machen durfte – meine Nichtmitgliedschaft bei Pionieren, FDJ, vormilitärischen Ausbildungslager und anderem, was der Staat erwartete, hatte dies zur Konsequenz.  Wir zahlten den Preis gern, wenn er auch das „Aus“ für bestimmte Berufswünsche bedeutete.

In Ost-Berlin wurden im Oktober 1977 nach einem Rockkonzert Jugendliche verhaftet. Ich finde in meinen Notizen:

Am 7.10.1977 wird ein Rockkonzert vorzeitig beendet, zahlreiche Jugendliche beginnen zu grölen und zu pöbeln. Volkspolizisten schwärmen aus, zücken ihre Gummiknüppel und schlagen auf die jungen Leute ein, die sich jedoch zur Wehr setzen.  ARD-Korrespondent Fritz Pleitgen berichtet am Tag darauf: „Über die schweren Tumulte, die sich in der letzten Nacht auf dem Alexanderplatz, vermutlich im Zusammenhang mit einer Musikveranstaltung ereigneten, liegen bis zur Stunde widersprüchliche Nachrichten vor. Dass es zu einem massiven Polizeieinsatz gekommen ist, steht außer Frage.“ Bis heute kann nicht genau rekonstruiert werden, was sich damals auf dem Berliner Alex abspielte. Während die DDR-Führung nur von einigen, wenigen Schreihälsen sprach, berichteten Westmedien über drei Todesopfer, davon zwei Polizisten, und etwa 200 Verletzte. Jegliche Berichterstattung wurde brutal unterbunden. Die Schlägerei auf dem Alexanderplatz hatte für die meisten Jugendlichen ein juristisches Nachspiel. Drakonische Strafen wurden verhängt, viele landeten in Jugendwerkhöfen oder im Gefängnis. Die DDR fuhr einen harten Kurs gegen die eigene Jugend, wie FDJ-Chef Egon Krenz öffentlich erklärte:
„Wir messen einen jungen Menschen nicht in erster Linie an Äußerlichkeiten, andererseits treten wir entschieden gegen jene Wenigen auf, die versuchen, durch rowdyhaftes Verhalten, Rechtsverletzungen und Alkoholmissbrauch die kulturvolle Atmosphäre in den Jugendveranstaltungen zu stören.“
Uns ging das nur am Rande an, hatten wir doch mit dem strengen Unterricht, mit Chören und Musik genug um die Ohren.
Thomas Mann war uns wichtiger und Rainer Maria Remarque. Marc Chagall und Stefan Zweig.
Aber diese politischen Dinge beschäftigten uns, wenn wir nachts auf dem Zimmer hockten und diskutierten.
Ich merke heute, wenn ich versuche, mich zu erinnern, daß die Erinnerung unzuverlässig wird. Ich muß im Tagebuch nachschauen.

Was werden wir wissen im Jahr 2053, wenn wir uns an das Jahr 2010 zurückerinnern? An das zwanzigste Jahr der deutschen Einheit?
„Weltwirtschaftskrise“ wird uns vielleicht noch einfallen. „Gescheiterter Klimagipfel von Kopenhagen“ vielleicht auch. „Afghanistan“ vielleicht. Vielleicht werden sich manche erinnern, daß damals eine Ostdeutsche Kanzlerin war.
Mein Tagebuch wird die Notizen über „Stuttgart 21“ ebenso enthalten und jenen neuen Zaun, den man pünktlich zum Tag der Einheit aufgebaut hat, um den Staat vor den Bürgern zu schützen, wie es das „Sabbathjahr“ enthalten wird mit seinen neuen Erfahrungen nach zwanzig Jahren hauptberuflicher Politik, fünf Jahre davon in der Regierung.

Vor zwanzig Jahren stand ich mitten im Getümmel. War von Anfang an dabei, als wir neue Parteien gründeten und versuchten, auf dem Schutt der Diktatur eine Demokratie zu errichten.
Egon Krenz hat es ebenso hinweggefegt wie Ibrahim Böhme, die Stasi ebenso wie den ganzen zerrütteten Staat.
Wir standen mitten im Tornado. Und übernahmen Verantwortung. Als das Alte verging und relativ wenig wirklich Neues wurde.
Diese Erfahrung hat uns geprägt: dass ein politisches System über Nacht verschwinden kann.
Das bringen die Ostdeutschen mit in die Einheit: die Erfahrung, daß ein politisches System verschwinden kann. Über Nacht. Plötzlich und unerwartet, fällt etwas, das man für „ewig“ gehalten hatte….

Gestern sprach ich mit einer Gruppe von angehenden Journalisten der Jahrgänge 1989-92 über die Wechselwirkung von social web und „alten Medien“ und die Veränderung der Demokratie.
Die jungen Leute wissen nichts mehr von der Diktatur, sie wissen Weniges von den Wendejahren, jenen Jahren, in denen sie zur Welt kamen.
Ich komme mir alt vor, wenn ich erzähle.
Die heute etwa Zwanzigjährigen sind in Europa aufgewachsen. Die Mauer gibt’s nur noch in Erzählungen und in Museen. Man twittert aus Singapore oder von den Azoren, aus Indien oder aus dem Sauerland.
Neue Medien verändern Möglichkeiten der Teilhabe. Kostenloses Bürgerfernsehen via Handycam verändert die Demokratie und lässt so manchen Minister zittern.

Seit ich viel von der Welt gesehen habe, kommt mir die Debatte um die Deutsche Einheit noch provinzieller vor, als all die Jahre ohnehin schon.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht. Schon am ersten Tag der Deutschen Einheit bin ich aus Berlin weggefahren an die See. Da waren mir zuviele Fahnen vor dem Reichstag. Das war mir zu dicke, ich wollte Abstand.
Seit ich den Slum in Nairobi gesehen habe und das gewaltige Technologiezentrum in Seoul, das man, den Klimawandel ignorierend, nur einen Meter über dem Meeresspiegel in den Sand setzt; seit ich in Nordkorea die bittere Not im Lande sah und in Moskau die Ölmagnaten im Ausschuss „Energie“ der Duma – seither sind mir die europäischen und globalen Themen noch wichtiger geworden, als sie schon in der Abiturzeit waren. Jenes „global denken und lokal handeln“, das den konziliaren Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung so sehr prägte, prägt mich heute noch.
Ich mag diese deutsche Nabelschau nicht.
Denn dieses reiche Land hätte eigentlich so gewaltige Aufgaben zu erfüllen – einen wirklich maßgeblichen Anteil zu erbringen für mehr Klimaschutz, für mehr Gerechtigkeit zwischen Reicher und Armer Welt, für eine bessere Europäische Integration, für eine bessere Flüchtlingspolitik.
Aber wir beschäftigen uns mit uns selbst und diskutieren schlechte Bücher von seltsamen Bankern…

Nun gehen solche Jahrestage ja glücklicherweise auch vorüber.
Mich tröstet der Orion am morgen. Er grüßt wie schon immer das Siebengestirn und erlaubt mir, ein wenig Abstand zu nehmen.
Was sind schon zwanzig Jahre, wenn einen der Orion grüßt am Morgen?