Das Internet gibt Informationen schnell weiter. Heute früh erreichte mich die Nachricht, dass die Ostsee-Zeitung, Ausgabe Ribnitz-Damgarten eine ganze Seite (12) zum Thema Franz Mueller-Darss und Erinnerungsarbeit veröffentlicht hat. Dr. Edwin Sternkiker hat dazu folgendes geschrieben:

Forstmeister machte Karriere bei der SS Der Borner Franz Mueller-Darß war für den Einsatz von KZ-Häftlingen auf dem Darß verantwortlich / Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Born. Je mehr sich die militärische Lage an allen Fronten verschlechterte, desto abenteuerlicher wurden die Bemühungen hochrangiger Nazis, das Ruder doch noch herumzureißen. Der Aufbau einer Partisanenarmee gehört zu diesen sinnlosen Vorhaben. Sie erhielt die markig klingende Bezeichnung „Werwolf“. Deren Angehörige sollten in den vom Feind besetzten Gebieten Anschläge verüben. Bereit zum Guerillakampf Der Werwolf unterstand Heinrich Himmler persönlich. Chef der Terrortruppe war SS-Obergruppenführer Hans Prützmann. Im Mai 1945 wartete ein Mann auf dem Darß auf Nachricht von ihm – und auf die versprochenen Schnellboote mit Stoßtrupps. Doch der Mann wartete vergebens. Sein Name: Franz Mueller-Darß. Der bekleidete zu diesem Zeitpunkt den Rang eines SS-Obergruppenführers und „bildete mit einigen hartgesottenen Getreuen eine kleine Werwolfgruppe, legte mit ihnen in mehreren unterirdischen Bunkern Waffendepots an und war zu einem Guerillakampf gegen die ’Russen’ bereit“, so schreibt Helga Radau aus Barth, die seit vielen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt erforscht, in einem 2017 in der Buchreihe „LandeBarth“ erschienenen Beitrag. Die Mitglieder der Darßer Werwolfgruppe hätten sich bis zum 20. Juni 1945 versteckt gehalten, bevor es ihnen dann gelungen sei, auf nächtlichen Märschen die britische Besatzungszone zu erreichen, schreibt Helga Radau weiter.
Wer war dieser Franz Mueller-Darß? Geboren wurde er am 29. April 1890 im bayerischen Lindau (Landkreis Northeim). 1909 legte er sein Abitur ab, leistete dann seinen Militärdienst, begann anschließend eine Forstlehre und studierte danach Forstwissenschaften in Eberswalde und München. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegsfreiwilliger teil. Als Oberförster kam er 1923 nach Born und übernahm hier 1925 die Leitung des Forstamtes. Mueller-Darß hatte sich bereits sehr frühzeitig der Nazi-Bewegung angeschlossen. Als Forstmeister in Born war er von 1940 bis 1945 zuständig für den Einsatz von mehr als 200 KZ-Häftlingen auf dem Darß und in Zingst. Franz Mueller-Darß machte schnell Karriere. Im Juli 1942 wurde er hauptamtlich als SS-Standartenführer in den persönlichen Stab Heinrich Himmlers geholt. Hier war er „Beauftragter für das Diensthundewesen“ und „Beauftragter für das Forst- und Jagdwesen“. Außerdem wurde ihm unter anderem die Leitung der Hauptabteilung DI/6 „Schutz- und Suchhunde“ im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS übertragen. Sie war auch für den Einsatz von Hunden in Konzentrationslagern zuständig, so Bertrand Perz in einem 1996 in den Dachauer Heften erschienenen Beitrag. Nach Flucht neue Karriere Nach seiner Flucht in den Westen kam Mueller-Darß in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung gelang es ihm, wieder schnell Karriere zu machen, nämlich beim Bundesnachrichtendienst (BND). Wie jetzt Anfragen und Recherchen von Ulrich Kasparick, der sich intensiv mit der Geschichte des Darß zwischen 1933 und 1945 befasst, ergeben haben, war Mueller-Darß bereits seit 1948 Mitarbeiter der „Organisation Gehlen“ und schied erst im Februar 1966 aus dem BND aus, so Kasparick in einer Mail an den Autor dieses Beitrages. Juristisch ist die Rolle von Franz Mueller-Darß als Verantwortlicher des KZ-Außenlagers auf dem Darß übrigens nie aufgearbeitet worden. 1976 verstarb er, von der Justiz völlig unbehelligt, im oberbayerischen Lenggries.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkieker Ostsee-Zeitung Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

zum Thema Erinnerungsarbeit ist in derselben Ausgabe zu lesen: Historiker soll beauftragt werden / Kosten würden sich auf 25 000 Euro belaufen / Gemeindevertretern liegt am 14. Oktober entsprechender Antrag vor Von Edwin Sternkiker
Born. Die NS-Zeit ist ein Thema, um das auf den Homepages vieler Kommunen bis heute ein großer Bogen gemacht wird. Die zwölf Jahre der NS-Diktatur bleiben ausgespart. Als hätte es sie nie gegeben. Ein Befund, der nicht nur auf zahlreiche kleinere Orte, dazu gehören auch die Kommunen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, sondern auch auf viele Städte im Lande zutrifft. Michael Buddrus und Sigrid Fritzlar schreiben in ihrem 2014 erschienenen Buch „Städte Mecklenburg im Dritten Reich“: „Betrachtet man die heutigen Internet-Auftritte der mecklenburgischen Städte – sowohl die offiziellen Homepages dieser Kommunen als auch die historisch ambitionierten Artikel unter Wikipedia – so ist für die meisten Städte des Landes eine weitgehende Abwesenheit der Zeit des Dritten Reiches zu beobachten, eine geradezu gespenstisch anmutende Ausblendung der nationalsozialistischen Geschichte des jeweiligen Ortes.“ „Borner Hof“ fungierte als KZ-Außenlager Warum das so ist, darüber machte sich unter anderem der Historiker Wolfgang Benz Gedanken und kam in einem 2007 von der OZ mit ihm geführten Interview zu dem Schluss: „Sich zur Vergangenheit zu bekennen, könnte, so glauben viele immer noch, in den Kommunen dem Image schaden oder dem Tourismus.“ Bereits seit Langem ist bekannt, dass in der Zeit von 1940 bis 1945 auf dem Darß und in Zingst insgesamt über 200 männliche und weibliche Häftlinge aus den Konzentrationslagern Neuengamme und Ravensbrück eingesetzt worden waren, wobei die Gaststätte „Borner Hof“ als KZ-Außenlager fungierte. Verantwortlich für den Einsatz der ­KZ-Häftlinge war der Borner Forstmeister und SS-Obergruppenführer Franz Mueller-Darß. Mehrere ­KZ-Häftlinge überlebten diese Zeit nicht, so wurden fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen. Ihre Gräber befinden sich am Rande des Borner Friedhofes. Die KZ-Häftlinge mussten unter schwersten Bedingungen Bäume im Darßer Wald fällen und in der ­SS-Meilerei Born schuften, andere Häftlinge wurden in Eiseskälte beim Schneiden von Schilfrohr eingesetzt. Und was findet sich auf der Hinweistafel vor dem „Borner Hof“? Nichts.
Statt dessen ist da unter anderem nachzulesen, dass hier Masken-, Schützen- und Tonnenbälle sowie Kinderfeste stattfanden. Aus Sicht von Ulrich Kasparick, Staatssekretär a. D. aus Berlin, ist es an der Zeit, dies zu ändern. Er ist Autor des Buches „Der Darß zwischen 1933 und 1945 – Eine Studie zur Regionalgeschichte im nördlichen Teil des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth“. Er recherchierte im Stadtarchiv Barth, im Pfarramtsarchiv Prerow sowie im Bundesarchiv Berlin und sprach mit Nicola Nibisch, Leiterin des Borner Forst- und Jagdmuseums, mit dem Borner Ortschronisten Holger Becker und Pastor Witte in Prerow. Auch in seinem privaten Blog setzt er sich mit der NS-Vergangenheit auseinander und verweist darauf, dass es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 auf dem Darß bereits brauchbare Quellen gebe. Deshalb sei es aus seiner Sicht unverständlich, weshalb die Kommunen auf Fischland, Darß und Zingst „die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen. Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am ’Borner Hof’, Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.“ Solche Tafeln könnte man mit QR-Codes versehen, sodass besonders historisch interessierte Besucher mit ihren mobilen Endgeräten hier zusätzliche Informationen abrufen können, so Kasparick.
Gemeinde ist sich ihrer Verantwortung bewusst
Borns Bürgermeister Gerd Scharmberg betont, dass sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst sei. Aus diesem Grunde wolle man die Geschichte der Oberförsterei Born in der NS-Zeit und den Einsatz von KZ-Häftlingen von einem ausgewiesenen Historiker aufarbeiten lassen. Auch das Wirken der damals handelnden Führungspersonen, dazu gehöre vor allem Franz Mueller-Darß, solle beleuchtet werden. Die Kosten werden auf 25 000 Euro veranschlagt. Eine entsprechende Beschlussvorlage liegt den Gemeindevertretern in ihrer Sitzung am kommenden Mittwoch vor. Die Notwendigkeit, einen fachlich versierten Historiker mit dieser Aufgabe zu betreuen, „steht in engem Zusammenhang mit der Schaffung einer musealen Einrichtung in der Gemeinde, die sich inhaltlich mit der Geschichte der Forst und der Jagd auf dem Darß befasst“, heißt es in der Begründung der Beschlussvorlage. Im Übrigen sei es nicht so, dass in Born die NS-Zeit erst jetzt ein Thema sei, so Scharmberg abschließend. Er verweist etwa auf den Ortschronisten Holger Becker. Dieser habe im Laufe vieler Jahre umfangreiches Material zusammengetragen über die Geschichte von Born, auch und nicht zuletzt über die Zeit zwischen 1933 und 1945.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkiker in Ostsee-Zeitung, Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

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