27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

104 russische Kriegsgefangene waren im „Borner Hof“ untergebracht. Mitten im Dorf Born auf dem Darß. Man hörte, wenn sie morgens in Holzpantinen zur Arbeit marschieren mussten, singend.
Jeder konnte sie sehen, sie zogen ja mitten durchs Dorf zur Meilerei der SS, die am Ortsrand aufgebaut war.
4 Todesopfer sind bezeugt, vermutlich waren es mehr.
Auf dem Friedhof in Born gibt es eine weit abgelegene Ecke, die von den Dorfbewohnern „das Russengrab“ genannt wird. Wer hier bestattet liegt, bleibt bislang Vermutung. Wahrscheinlich handelt es sich um erschossene Menschen, die aus dem KZ-Außenlager im „Borner Hof“ fliehen wollten.

Es gibt keine Gedenktafel für diese Menschen in Born.

Deshalb erinnere ich an sie. Nicht nur heute, am „Holocaust-Gedenktag“, sondern schon seit beinahe zwei Jahren. Ein Buch ist mittlerweile über das KZ-Außenlager „Borner Hof“ entstanden, eine facebook-Seite bringt die Recherche-Fortschritte.

Wir können die Menschen nicht wieder lebendig machen, aber wir können an sie erinnern. An Meta Zils beispielsweise, die Zeugin Jehovas, die mit drei anderen Zeuginnen beim SS-General Franz Mueller-Darss auf dem Hof schuften musste. Heute ist dort das „Forst- und Jagdmuseum „Ferdinand von Raesfeld„“ untergebracht. Auch dort kein Hinweis auf die „privaten Häftlinge“ des SS-Generals, der zum engsten Kreis von SS-Reichsführer Heinrich Himmler gehörte.

Wir können nicht wieder gut machen, was damals geschehen ist.
Aber wir können daran erinnern.
Damit sich so etwas niemals wiederholt.

Die Gemeinde Born hat im vergangenen Jahr beschlossen, die Geschichte des KZ-Außenlagers, zu dem auch das heutige „Forst- und Jagdmuseum“ gehörte, aufarbeiten zu lassen und hat dafür auch einen beträchtlichen Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Dass es dazu kam, hängt auch mit meinen Recherchen zusammen, wenn sie einen kleinen Anstoß gegeben haben, soll es mich freuen. Auch waren Beiträge von Dr. Sternkiker von der Ostsee-Zeitung dem Anliegen sehr dienlich, dafür sei ihm gedankt.
Es ist dringend wünschenswert, dass am Ende der Recherchen nicht nur eine Publikation erscheint, sondern dass auch durch kleine Gedenktafeln im Ort an die Häftlinge erinnert wird.

Erinnerung ist Arbeit. Erinnerung ist manchmal auch sehr unbequem und schmerzhaft, weil Fragen gestellt werden, die man nicht gern gehört hätte. Es ist aber not-wendig, dass diese unbequemen Fragen gestellt werden. Damit ausheilen kann, was gewesen ist.

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Das Internet gibt Informationen schnell weiter. Heute früh erreichte mich die Nachricht, dass die Ostsee-Zeitung, Ausgabe Ribnitz-Damgarten eine ganze Seite (12) zum Thema Franz Mueller-Darss und Erinnerungsarbeit veröffentlicht hat. Dr. Edwin Sternkiker hat dazu folgendes geschrieben:

Forstmeister machte Karriere bei der SS Der Borner Franz Mueller-Darß war für den Einsatz von KZ-Häftlingen auf dem Darß verantwortlich / Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Born. Je mehr sich die militärische Lage an allen Fronten verschlechterte, desto abenteuerlicher wurden die Bemühungen hochrangiger Nazis, das Ruder doch noch herumzureißen. Der Aufbau einer Partisanenarmee gehört zu diesen sinnlosen Vorhaben. Sie erhielt die markig klingende Bezeichnung „Werwolf“. Deren Angehörige sollten in den vom Feind besetzten Gebieten Anschläge verüben. Bereit zum Guerillakampf Der Werwolf unterstand Heinrich Himmler persönlich. Chef der Terrortruppe war SS-Obergruppenführer Hans Prützmann. Im Mai 1945 wartete ein Mann auf dem Darß auf Nachricht von ihm – und auf die versprochenen Schnellboote mit Stoßtrupps. Doch der Mann wartete vergebens. Sein Name: Franz Mueller-Darß. Der bekleidete zu diesem Zeitpunkt den Rang eines SS-Obergruppenführers und „bildete mit einigen hartgesottenen Getreuen eine kleine Werwolfgruppe, legte mit ihnen in mehreren unterirdischen Bunkern Waffendepots an und war zu einem Guerillakampf gegen die ’Russen’ bereit“, so schreibt Helga Radau aus Barth, die seit vielen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt erforscht, in einem 2017 in der Buchreihe „LandeBarth“ erschienenen Beitrag. Die Mitglieder der Darßer Werwolfgruppe hätten sich bis zum 20. Juni 1945 versteckt gehalten, bevor es ihnen dann gelungen sei, auf nächtlichen Märschen die britische Besatzungszone zu erreichen, schreibt Helga Radau weiter.
Wer war dieser Franz Mueller-Darß? Geboren wurde er am 29. April 1890 im bayerischen Lindau (Landkreis Northeim). 1909 legte er sein Abitur ab, leistete dann seinen Militärdienst, begann anschließend eine Forstlehre und studierte danach Forstwissenschaften in Eberswalde und München. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegsfreiwilliger teil. Als Oberförster kam er 1923 nach Born und übernahm hier 1925 die Leitung des Forstamtes. Mueller-Darß hatte sich bereits sehr frühzeitig der Nazi-Bewegung angeschlossen. Als Forstmeister in Born war er von 1940 bis 1945 zuständig für den Einsatz von mehr als 200 KZ-Häftlingen auf dem Darß und in Zingst. Franz Mueller-Darß machte schnell Karriere. Im Juli 1942 wurde er hauptamtlich als SS-Standartenführer in den persönlichen Stab Heinrich Himmlers geholt. Hier war er „Beauftragter für das Diensthundewesen“ und „Beauftragter für das Forst- und Jagdwesen“. Außerdem wurde ihm unter anderem die Leitung der Hauptabteilung DI/6 „Schutz- und Suchhunde“ im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS übertragen. Sie war auch für den Einsatz von Hunden in Konzentrationslagern zuständig, so Bertrand Perz in einem 1996 in den Dachauer Heften erschienenen Beitrag. Nach Flucht neue Karriere Nach seiner Flucht in den Westen kam Mueller-Darß in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung gelang es ihm, wieder schnell Karriere zu machen, nämlich beim Bundesnachrichtendienst (BND). Wie jetzt Anfragen und Recherchen von Ulrich Kasparick, der sich intensiv mit der Geschichte des Darß zwischen 1933 und 1945 befasst, ergeben haben, war Mueller-Darß bereits seit 1948 Mitarbeiter der „Organisation Gehlen“ und schied erst im Februar 1966 aus dem BND aus, so Kasparick in einer Mail an den Autor dieses Beitrages. Juristisch ist die Rolle von Franz Mueller-Darß als Verantwortlicher des KZ-Außenlagers auf dem Darß übrigens nie aufgearbeitet worden. 1976 verstarb er, von der Justiz völlig unbehelligt, im oberbayerischen Lenggries.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkieker Ostsee-Zeitung Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

zum Thema Erinnerungsarbeit ist in derselben Ausgabe zu lesen: Historiker soll beauftragt werden / Kosten würden sich auf 25 000 Euro belaufen / Gemeindevertretern liegt am 14. Oktober entsprechender Antrag vor Von Edwin Sternkiker
Born. Die NS-Zeit ist ein Thema, um das auf den Homepages vieler Kommunen bis heute ein großer Bogen gemacht wird. Die zwölf Jahre der NS-Diktatur bleiben ausgespart. Als hätte es sie nie gegeben. Ein Befund, der nicht nur auf zahlreiche kleinere Orte, dazu gehören auch die Kommunen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, sondern auch auf viele Städte im Lande zutrifft. Michael Buddrus und Sigrid Fritzlar schreiben in ihrem 2014 erschienenen Buch „Städte Mecklenburg im Dritten Reich“: „Betrachtet man die heutigen Internet-Auftritte der mecklenburgischen Städte – sowohl die offiziellen Homepages dieser Kommunen als auch die historisch ambitionierten Artikel unter Wikipedia – so ist für die meisten Städte des Landes eine weitgehende Abwesenheit der Zeit des Dritten Reiches zu beobachten, eine geradezu gespenstisch anmutende Ausblendung der nationalsozialistischen Geschichte des jeweiligen Ortes.“ „Borner Hof“ fungierte als KZ-Außenlager Warum das so ist, darüber machte sich unter anderem der Historiker Wolfgang Benz Gedanken und kam in einem 2007 von der OZ mit ihm geführten Interview zu dem Schluss: „Sich zur Vergangenheit zu bekennen, könnte, so glauben viele immer noch, in den Kommunen dem Image schaden oder dem Tourismus.“ Bereits seit Langem ist bekannt, dass in der Zeit von 1940 bis 1945 auf dem Darß und in Zingst insgesamt über 200 männliche und weibliche Häftlinge aus den Konzentrationslagern Neuengamme und Ravensbrück eingesetzt worden waren, wobei die Gaststätte „Borner Hof“ als KZ-Außenlager fungierte. Verantwortlich für den Einsatz der ­KZ-Häftlinge war der Borner Forstmeister und SS-Obergruppenführer Franz Mueller-Darß. Mehrere ­KZ-Häftlinge überlebten diese Zeit nicht, so wurden fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen. Ihre Gräber befinden sich am Rande des Borner Friedhofes. Die KZ-Häftlinge mussten unter schwersten Bedingungen Bäume im Darßer Wald fällen und in der ­SS-Meilerei Born schuften, andere Häftlinge wurden in Eiseskälte beim Schneiden von Schilfrohr eingesetzt. Und was findet sich auf der Hinweistafel vor dem „Borner Hof“? Nichts.
Statt dessen ist da unter anderem nachzulesen, dass hier Masken-, Schützen- und Tonnenbälle sowie Kinderfeste stattfanden. Aus Sicht von Ulrich Kasparick, Staatssekretär a. D. aus Berlin, ist es an der Zeit, dies zu ändern. Er ist Autor des Buches „Der Darß zwischen 1933 und 1945 – Eine Studie zur Regionalgeschichte im nördlichen Teil des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth“. Er recherchierte im Stadtarchiv Barth, im Pfarramtsarchiv Prerow sowie im Bundesarchiv Berlin und sprach mit Nicola Nibisch, Leiterin des Borner Forst- und Jagdmuseums, mit dem Borner Ortschronisten Holger Becker und Pastor Witte in Prerow. Auch in seinem privaten Blog setzt er sich mit der NS-Vergangenheit auseinander und verweist darauf, dass es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 auf dem Darß bereits brauchbare Quellen gebe. Deshalb sei es aus seiner Sicht unverständlich, weshalb die Kommunen auf Fischland, Darß und Zingst „die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen. Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am ’Borner Hof’, Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.“ Solche Tafeln könnte man mit QR-Codes versehen, sodass besonders historisch interessierte Besucher mit ihren mobilen Endgeräten hier zusätzliche Informationen abrufen können, so Kasparick.
Gemeinde ist sich ihrer Verantwortung bewusst
Borns Bürgermeister Gerd Scharmberg betont, dass sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst sei. Aus diesem Grunde wolle man die Geschichte der Oberförsterei Born in der NS-Zeit und den Einsatz von KZ-Häftlingen von einem ausgewiesenen Historiker aufarbeiten lassen. Auch das Wirken der damals handelnden Führungspersonen, dazu gehöre vor allem Franz Mueller-Darß, solle beleuchtet werden. Die Kosten werden auf 25 000 Euro veranschlagt. Eine entsprechende Beschlussvorlage liegt den Gemeindevertretern in ihrer Sitzung am kommenden Mittwoch vor. Die Notwendigkeit, einen fachlich versierten Historiker mit dieser Aufgabe zu betreuen, „steht in engem Zusammenhang mit der Schaffung einer musealen Einrichtung in der Gemeinde, die sich inhaltlich mit der Geschichte der Forst und der Jagd auf dem Darß befasst“, heißt es in der Begründung der Beschlussvorlage. Im Übrigen sei es nicht so, dass in Born die NS-Zeit erst jetzt ein Thema sei, so Scharmberg abschließend. Er verweist etwa auf den Ortschronisten Holger Becker. Dieser habe im Laufe vieler Jahre umfangreiches Material zusammengetragen über die Geschichte von Born, auch und nicht zuletzt über die Zeit zwischen 1933 und 1945.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkiker in Ostsee-Zeitung, Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Mueller-Darss hat sich persönliche Häftlinge gehalten. Sie mussten bei ihm im Forsthaus arbeiten. Eine davon hieß Meta Zils. Es gibt ein Foto von Meta Zils. Und Akten in den Arolsen-Archives, aus denen hervorgeht, dass ihr geschiedener Mann Karl Zils sie nach dem Kriege gesucht hat:

Franz Wegener hat noch mehr über sie herausgefunden. In seinem Buch „Barth im Nationalsozialismus“ (Gladbeck 2016) ist zu lesen:

„Eine der ersten Insassen des KZ Ravensbrück war Meta Zils, eine Zeugin Jehovas mit der Häftlingsnummer 442. Meta stammte aus einem kleinen Dorf, gelegen vor dem (heute polnischen) Zanow. Metas Tochter Gerda berichtet über ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Mutter:
„Als die Verfolgung begann, war meine Schwester sieben und ich acht Jahre alt. Es verging keine Woche ohne eine Hausdurchsuchung. Manchmal kam die Gestapo auch öfter. Mir ist nicht bekannt, dass bei meinen Eltern irgendwann Literatur der WT-Gesellschaft (Wachturm-Gesellschaft, der Verlag der Zeugen) gefunden wurde …. meinen Vater hatte die Gestapo … verhaftet. Das muss Ende 1936 gewesen sein … Vom Verhör in Zanow kehrte (meine Mutter) nicht wieder zurück … Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern … als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller (dem damaligen Darßer Forstmeister und Revierverwalter) abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung. Untergebracht waren die vier Zeugen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren. (Beiliegen zwei Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meine Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben. Unseren Vater konnten wir erst 1947 wieder finden. Obwohl er vier Jahre im KZ-Buchenwald war, hat er zum Schluss des Krieges noch in Hitlers Armee gedient und hat schwer krank den Krieg überlebt … Dass wir während der Haftzeit unserer Eltern nicht in ein Heim gekommen sind und bei unseren Großeltern bleiben konnten, haben wir sicher Jehova zu verdanken. Der Polizist, der meine Mutter zum Verhör abgeholt hatte, legte Fürsprache für uns ein.“ (a.a.O, S. 161-163).

Aus den in den Arolsen-Archives aufbewahrten Such-Akten geht hervor, dass Meta Zils, geborene Krüger, am 11.8.1906 in Wandhagen, Kreis Schlawe in Pommern geboren wurde. Ihr Mann sucht sie im Jahre 1946 von Neviges (NRW) aus.

Wenn der SS-Mann Mueller-Darss mal wieder Staatsbesuch zur Jagd zu Gast hatte, wird er die Häftlingsfrau Meta Zils gar nicht wahrgenommen haben. Vielleicht hat er ihr gar untersagt, während des Besuchs der hohen Gäste im Forsthaus Born die Kartoffelküche zu verlassen. Meta Zils gehört zu den Born-Häftlingen, deren Namen wir mittlerweile wissen, deshalb soll sie hier in der Dokumentation ihren Platz finden.

Neue Dokumente habe ich gefunden: in der „Entnazifizierungsakte“ Mueller-Darss, die ich im Staatsarchiv in Hamburg gefunden habe, ist ein „Zeugnis“ für Mueller-Darss enthalten, das es in sich hat. Der ehemalige Generalmajor der Waffen-SS hatte es tatsächlich fertig gebracht, sich ausgerechnet an die vier Zeuginnen Jehovas zu wenden, die bei ihm im Forsthaus Born schuften mussten. Mit Datum des Jahres 1947 können wir nun mit erstaunten Augen lesen, was zur Entlastung von Mueller-Darss vorgetragen wurde. Wir erfahren, wer die vier Frauen waren: Frieda Kudell aus Freiberg; Meta Zils aus Neviges (Rheinland), Frau Lange und Frau Sukov.

aus der Entnazifizierungsakte Mueller-Darss; Staatsarchiv Hamburg

Wir haben nun belegt, daß Mueller-Darss sich persönliche Häftlinge gehalten hat. Wir sehen allerdings auch, daß Mueller-Darss die vier Frauen „richtig eingeschätzt“ hatte: sie würden ihm ein eher positives Zeugnis ausstellen, denn Zeuginnen Jehovas akzeptieren ihr Schicksal als von Gott gegeben. Weshalb man sie auch nicht extra bewachen musste. Viele SS-Obere hatten sich deswegen gerade Zeuginnen Jehovas als Sklavinnen „gehalten“: sie mussten die Häuser säubern, die Wäsche waschen, den Haushalt führen, mussten kochen und sich um alles kümmern, was dem „Herrn“ vonnöten war. Sie taten das schicksalsergeben und ohne Bewachung, denn nach ihrem Verständnis lag ihr Leben „in Gottes Hand“. Die vier Frauen werden froh gewesen sein, überhaupt am Leben geblieben zu sein. Und sie werden sich gefürchtet haben, von ihrem ehemaligen Generalmajor der Waffen-SS, dem sie zu dienen hatten, erneut „in Schwierigkeiten gebracht“ zu werden. Deshalb ist der vielleicht wichtigste Satz dieses Zeugnisses zugunsten von Mueller-Darss: „Gott wird einem jeden vergelten nach seinen Werken.“

Am 7. Oktober 2021 erhielt ich aus dem Archiv des ehemaligen KZ Ravensbrück weitere Dokumente, in denen auch neue Fotos von Meta Zils aus den Fünfziger und Sechziger Jahren enthalten sind:

Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück
Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück

Meta Zils starb 1981 an Krebs. Ihre Tochter Gerda Liebert, geb. Zils hat später einen „Lebensbericht“ ihrer Mutter verfasst, aus dem auch die Frömmigkeit im Hause Zils erkennbar wird:

Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück, Akte Außenlager Born.

Der Darß unterm Hakenkreuz (1933 – 1945). Das KZ in Born a. Darß (1)


Langsam öffnen sich die Archive, die Recherchen machen Fortschritte, wichtige Dokumente tauchen auf.

Born. Ortschronist Holger Becker mit der „Akte KZ Born“, 30.09.2019

Zunächst: ich habe Herrn Holger Becker in Born zu danken. Er hat in jahrelanger Klein- und Kleinstarbeit alles zusammengetragen, was man vor Ort über das KZ im „Borner Hof“ herausfinden konnte. Davon kann ich nun profitieren. Gestern haben wir zum ersten Mal über den Akten gesessen. Sicher nicht zum letzten mal.
Wir beginnen mit diesem Dokument:

Der „Borner Hof“ wird Häftlingslager; Dokument 1; Ortsarchiv Born Holger Becker; 30.9.2019

Wir sehen eine maschinenschriftliche Mitteilung ohne Datum von Frau Albitius (also offenbar nach einem Gespräch mit ihr in späteren Jahren notiert) über die faktische Enteignung oder Beschlagnahme ihrer Gaststätte. Wir erfahren handschriftlich von Herrn Becker später hinzugefügt aber gleichzeitig auf dem Dokument, dass ihr Mann, Max Albitius seit 1933 Mitglied der NSDAP in Born war, weshalb es mit der „Enteignung“ oder „Beschlagnahme“ nicht so ganz klar ist. Man wird geredet haben miteinander, der Forstmeister Mueller-Darß von der SS und der Herr Albitius von der NSDAP……
Wir wissen mittlerweile auch genauer, was mit „Frühjahr 1944“ gemeint ist, denn es gibt Zeugenaussagen von Menschen, die als Häftlinge in Born waren, doch dazu später.
Zunächst also wird mitten im Ort die Gaststätte „Borner Hof“, ehemals „Witt’s Hotel“, der Ort, wo bislang alle großen Feste und Veranstaltungen stattfanden ein KZ-Außenlager. Die Fenster werden vergittert, der Große Saal wird mit dreistöckigen Betten ausgestattet, die ganze Anlage wird mit Stacheldraht eingezäunt. 20 Mann bewachen den „Borner Hof“ – mitten im Dorf. Die Liste der SS-Bewacher hat sich auch angefunden:

KZ Born, die Wachmannschaft; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Frau Helga Radau in Barth, teilte mir heute früh per e-mail mit, es gäbe auch eine Häftlingsliste. Sie schrieb: „Im Stadtarchiv Barth befanden sich Reproduktionen von Häftlingstransportlisten, die nun in unserer Dokumentationsstätte lagern, darunter eine Liste “ 30 Austauschhäftlinge von der SS-Meilerei Born“ vom 14. April 1945. Das bedeutet also, dass arbeitsunfähige Männer gegen arbeitsfähigere ausgetauscht wurden“.
Jetzt wird die Sache komplizierter: Wir lesen: 14. April 1945. Eine Gruppe Häftlinge kommt im Lager in Barth an. Barth war Außenlager von Neuengamme.
Das Lager in Born aber gab es schon vor 1945. Und zwar in mehreren „Durchgängen“.
Der Sachverhalt ist folgender: aus Ravensbrück bzw. Neuengamme kamen nacheinander mehrere Häftlingsgruppen nach Born. Sie kamen zum „Rohrschneiden“ bzw. in die „SS-Meilerei Born“, die gar nicht in Born, sondern in Bliesenrade bei Born errichtet war. Die Rohrschneider waren auch in Wieck. Sie waren dort ebenfalls in der Gaststätte untergebracht (im ersten Transport), später in einem Viehstall. Die „Rohrschneider“ mussten im Januar/Februar im eiskalten Wasser Rohr schneiden, das in Ravensbrück zu Matten weiterverarbeitet wurde.

KZ Born, Dokument 2; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

KZ Born 10.09.1944 ; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Am 10. September 1944 traf eine Häftlingsgruppe von „104 russischen Kriegsgefangenen“ in Born ein und „störte unsere Sonntagsruhe“. Schreibt Walter Mett. Eine schillernde Quelle, denn: Mett wurde von den Nationalsozialisten als Ortsvorsteher abgesetzt, trat dennoch in die NSDAP ein. Mett arbeitete später nicht „als Waldarbeiter“, wie im Dokument geschrieben ist, sondern im Büro von Mueller-Darß. Holger Becker hat diese Informationen später handschriftlich nachgetragen:

KZ Born, Bericht Walter Plett (2), Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Danach war Walter Mett 1930 – 33 Amtsvorsteher; seit 1935 in der NSDAP, seit 1937 SA, seit 1937 Deutsche Arbeitsfront. Dass er als „Forstschreiber“ tätig war, ist auch aktenkundig, ich habe die Kopie des Arbeitsvertrages mit Mueller-Darß eingesehen, die auch im Archiv in Born lagert.
Die verschiedenen Häftlingsgruppen, die auf den Darß kamen, sind hier zusammenfassend dokumentiert:

KZ Born, Zusammenfassende Daten; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Daraus geht hervor, dass schon im Winter 1940/41 eine erste Häftlingsgruppe zum Rohrschneiden eingetroffen war. Wir wissen nun, daß im kleinen Dörfchen Born von 1940 bis 1945 mitten im Dorf Häftlinge untergebracht waren.

KZ Born, Einsatzplan Häftlingsgruppen; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Aus dem folgenden Dokument geht hervor, dass in Wieck a. Darß Bibelforscher (Zeugen Jehovas) zum Rohrschneiden eingesetzt waren. Die Angabe „zusammen mit 600 Bibelforschern“ ist unzutreffend. Die Gruppe war deutlich kleiner.

KZ Born Zeitzeugen, Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Die SS-Meilerei in Born/Bliesenrade behandle ich in einem separaten Beitrag.

 

KZ-Häftlinge in Born a. Darss. Das „Forstamt“ Born und der „Borner Hof“


Die Recherche ist mühsam, aber ich komme voran.
Was wissen wir mittlerweile (Recherchestand 28. 09. 2019)?
An zwei Orten mitten im kleinen Dörfchen Born waren KZ-Häftlinge untergebracht:
4 Frauen direkt auf dem Hof des Forstmeisters Franz Mueller-Darß (SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS)  zwischen Mai 1943 und April 1945. Heute ist in dem Gebäude das Forstmuseum untergebracht. Eine Erinnerungstafel findet sich nicht. Dass Mueller-Darß SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS war, erfährt man vor Ort ebenfalls nicht. Man nennt ihn nur den „Forstmeister“. 
Die 4 Frauen waren Zeuginnen Jehovas. Eine von ihnen hieß Meta Zils (Häftlingsnummer 442 KZ Ravensbrück). Deren Tochter Gerda Zils sagt später aus: „Das muss Ende 1936 gewesen sein. Vom Verhör in Zanow kehrte meine Mutter nicht wieder zurück….Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern …. als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung (eine Flucht von der Halbinsel war faktisch nicht möglich). Untergebracht waren die vier Zeuginnen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren (beiliegen 2 Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meiner Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben.“
(zitiert nach Franz Wegener, Barth im Nationalsozialismus, 2016; S. 160f.;
vgl. auch: http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-d/dar-born-forstamt-born.html)

Der zweite Platz, ebenfalls mitten im Ort: der „Borner Hof„, eine große und bekannte Gaststätte, ehemals „Witt’s Hotel“. Heute ist dort außer der Feuerwehr die Orts-Bibliothek untergebracht und dort trifft sich u.a. der Seniorenklub des Dorfes.

Borner Hof „Wie es früher war“. Die KZ-Aussenstelle wird immer noch verschwiegen. Wir schreiben das Jahr 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier waren 1942/43 zunächst Frauen untergebracht, die zum Schilfschneiden eingesetzt wurden und auch in Zingst arbeiten mussten.

Ende 1943 treffen 120 Häftlinge in Born ein.
Im April 1945 waren im Borner Hof Männer untergebracht, die in einer Meilerei zu arbeiten hatten.
In der Nacht des 12. Oktober 1944 muss es einen Fluchtversuch gegeben haben, die Polizei Schwerin ermittelte. Offenbar sind bei diesem Fluchtversuch Menschen erschossen worden, die in der äußersten nordwestlichen Ecke des Friedhofs begraben wurden. Die Einheimischen nennen den Platz heute „das Russengrab“:

Das "Russengrab" in Born a. Darss. Hier ruhen KZ-Häftlinge
KZ-Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind ganz in der Ecke des Friedhofs von Born a. Darss bestattet. Die Geschichte vom „Borner Hof“ wird bis heute beschwiegen.

Am 12. 4. 1945 bei der Evakuierung treffen 35 Männer, die in der SS-Meilerei Born zu arbeiten hatten, im Außenlager Barth ein.

Das Lager im „Borner Hof“ wurde von 20 SS-Männern bewacht. Zuständig war Franz Mueller-Darß.  Die SS-Wache war im Obergeschoss des Hauses untergebracht. Die Häftlinge brachte man im Großen Saal in dreistöckigen Betten unter.

Dieser Große Saal hatte auch schon anderes gesehen, hier wurden die großen Feste, Hochzeiten und Bälle gefeiert. Nun waren hier in dreistöckigen „Betten“ 120 Männer untergebracht. Mitten im Ort.
Der Historiker Wolfgang Benz sagt völlig zu Recht: „Die Rede „wir haben nichts gewusst“ gilt nicht für die Außenlager. Dort war der direkte Kontakt mit der Zivilbevölkerung nicht zu verhindern – jeder konnte sehen, was im Ort mit den Häftlingen vor sich ging“.

Ich bin deshalb dafür, dass nun, im Jahre 2019, wenigstens eine Gedenktafel angebracht wird. Und zwar sowohl am heutigen Forst-Museum unter Bezug auf den SS-Mann Mueller-Darß und seine Vergangenheit, die eben weitaus mehr war als nur „Forstmeister“ gewesen zu sein und seine vier „persönlichen Häftlinge“ als auch am „Borner Hof“.
Am kommenden Montag werde ich mich mit dem Ortschronisten Holger Becker in Born treffen und hoffe, noch mehr über den „Borner Hof“ zu erfahren. Die Lokalhistorikerin Helga Radau, die sich um die Erforschung des KZs in Barth sehr verdient gemacht hat, hat mir schon mitgeteilt, daß im Vorpommerschen Landesarchiv Greifswald im Nachlaß des Lehrers Wilhelm Steinhauer das Ergebnis eines Schülerprojektes über den „Borner Hof“ einzusehen ist, das dieser engagierter Lehrer schon vor längerer Zeit mit seinen Schülern durchgeführt hat. So tastet man sich Schritt für Schritt näher heran an das, was damals „mitten unter uns“ geschehen ist.
Falls diese Zeilen jemand liest, der über weitere Informationen über den „Borner Hof“ zwischen 1933 und 45 verfügt, bin ich für eine Kontaktaufnahme dankbar.

Anmerkung: die fortlaufenden Rechercheergebnisse finden sich auch bei facebook unter https://www.facebook.com/DarssGeschichte/