Wir Menschen werden immer mehr.
10 Milliarden sind wir demnächst.
Der Globus ächzt unter unsrer Last.
Unsere Wirtschaft wächst.
Wir sind noch stolz drauf.
Aber:
Die Grundlagen schwinden, die uns geschenkt sind.
Die Rohstoffe nehmen ab.
Und werden teurer.
Für viele unbezahlbar.
Wir werden Kriege führen deshalb.
Nicht mal sauberes Wasser haben alle.
Das Klima haben wir so verändert,
Dass sich sogar die Klimazonen verschieben.
Wüsten wachsen.
Wälder schwinden.
Das Meer ist sauer.
Die Arten sterben.
Viele, bevor wir sie überhaupt entdeckt und verstanden haben.
Du hast uns einst “Krone der Schöpfung” genannt, Gott.
Und: “Ebenbild”
Das ist lange her.
Wir aber schlagen uns die Schädel ein,
Richten uns zu Grunde,
Grenzen aus,
Verwehren dem Flüchtling das Lebensrecht.
Sperren unsre Grenzen zu.
Ich kann verstehen, wenn Menschen wieder sprechen:
“Dein Reich komme”.
Endlich.
Denn mit unserem Können ist’s nicht weit her.
Es spricht sich herum.
Deshalb sprechen wir:
“Erlöse uns.
Von dem Bösen.
Das in uns ist.”
Lehre uns.
Die Ehrfurcht vor dem Leben.
Wir hoffen, dass Dein Friede wirklich höher ist
Als unsre Vernunft.
Mit seinen „Galgenliedern“ bin ich aufgewachsen.
Aber von seiner Verbindung zu Rudolf Steiner und Hendrik Ibsen, zu Dostojewskis Texten und von seiner „stillen Seite“ wußte ich bislang nichts.
Heut früh bin ich bei der Lektüre über einen Satz von ihm gestolpert: „Wer Gott aufgibt, löscht die Sonne aus, um mit einer Laterne weiterzuwandeln“.
Manche Sätze sind so überraschend, daß sie mich festhalten. Zum Nach-Lesen, zum Nach-Denken auffordern.
Ein neuer Gast am Tisch: Christian Morgenstern.
Er war krank sein Leben lang. Hatte sich angesteckt bei seiner Mutter. Tuberkulose.
Monatelang musste er in Liegekuren zubringen. Hat erfahren, was für ein zerbrechliches Gefäß der Körper sein kann.
Sein Vater wollte, daß Christian beim Militär Karriere macht. Das wurde nichts.
Die beiden hatten ein schwieriges Verhältnis. Manche sprechen gar von einem „Bruch“ in der Beziehung.
Weltberühmt wurden seine Texte erst nach seinem Tod 1914.
Besonders bekannt: die „Galgenlieder“.
Aber: dieser überraschende Mann hatte eine sehr stille Seite. Eine spirituelle Begabung.
Die Lyriksammlung „Einkehr“ (1910) gibt Auskunft.
Exemplarisch vielleicht dies:
Eine Glocke in stiller Nacht . . .
Was mag sie wollen ? Was ist geschehn?
Nirgends Feuerzeichen zu sehn.
Nirgends eine Seele, die wacht.
Klingt es nicht, als schlüge sich
dumpf wer an die Brust von Erz:
Schmerz – Schmerz – Schmerz – Schmerz.
Welt, mein Ich, wie quälst du Mich!
Doch, sagt Meister Eckehart,
war auch solche dunkle Klage
schon am Anfang aller Tage
Seinem Geiste Gegenwart.
Seinem Geist? O Mund, gib Ruh‘;
lass mich nicht in Worte fallen.
Einer Glocke nächtlich Lallen
darf mich lehren; doch nicht du.
Meister Ekkehart, der Mystiker und Seelenkenner ist da in diesem Text. Ich bin überrascht, ihn beim Humoristen und Satiriker Morgenstern zu finden. Die Neugier auf diesen interessanten Mann wächst.
Ich lese von seiner engen Beziehung zu Rudolf Steiner, von seiner Übersetzung von Hendrik Ibsen. Erfahre, daß er sich lange Zeit mit Fjodor Dostojewski beschäftigt hat.
Es ist eine schöne Begegnung an diesem Herbsttag.
Christian Morgenstern zeigt mir heute eine verborgene, stille Seite, die mich überrascht und anspricht.
Novembertag
Nebel hängt wie Rauch ums Haus,
drängt die Welt nach innen;
ohne Not geht niemand aus;
alles fällt in Sinnen.
Leiser wird die Hand, der Mund,
stiller die Geberde.
Heimlich, wie auf Meeresgrund,
träumen Mensch und Erde.
Am Morgen, die Stadt wird laut, Autos und Straßenbahnen fahren, der Tag hebt an mit seinem Lärm,
finde ich diesen uralten Text über die Stille.
Verdeutscht vom „Steller der Schrift“, Martin Buber.
Die Himmel erzählen die Ehre Gottes,
die Tat seiner Hände meldet das Gewölb:
Sprache sprudelt Tag dem Tag zu,
Kunde zeigt Nacht der Nacht an,
kein Sprechen ists, keine Rede,
unhörbar bleibt ihre Stimme,-
über alles Erdreich fährt ihr Schwall,
an das Ende der Welt ihr Geraun.
.
(aus: Die Schrift. Verdeutscht von Martin Buber gemeinsam mit Franz Rosenzweig. Band 4 Die Schriftwerke, S. 31. Preisungen.XIX; 6. Auflage; Verlag Lambert Schneider, 1962)
Der Satz sprang mich regelrecht an. Wie eine Katze.
Aus einem facebook-posting.
Nicht von den Ja-Sagern rede ich, nicht von den „Abnickern“, die „einfach“ Ja sagen. Ohne eigenes Nach-Denken.
Von denen haben wir zu viele, scheint mir.
Von denen rede ich, die zum Leben „Ja“ sagen.
Zu den Dingen und Erlebnissen, die ihnen das Leben bereithält.
Mir fällt auf, wie sehr wir ins „Nein!“ Sagen verliebt sind.
Ein Blick in die social-media-Netzwerke hilft: überall finden sich Gruppen „gegen“ irgend etwas.
Allenthalben sind Klagen über die Zustände verbreitet.
Pessimismus macht sich breit.
Angst regiert.
Wovor eigentlich?
Dass uns der Strom, der uns trägt, in einen Strudel treiben könnte?
Dass da eine Zukunft auf uns wartet, die nicht „schön“ sein könnte?
Was ist das für eine Angst, die uns da festhält und den Atem nimmt?
Die Seele wird eng.
Entscheidungen verzögern sich.
Mut verlässt uns.
Man beginnt, sich nur noch nach „Mehrheiten“ zu richten: schielt darauf, was wohl der Nachbar dazu sagen könnte….
Es bleibt das „Nein“ zum eigenen Leben.
Nach Tanzen ist uns nicht mehr zu Mute, wenn die Seele eng ist.
Wie anders lebt es sich, wenn man die Dinge annimmt, die der Tag bereit hält.
Auch die unangenehmen.
Auch die scheinbar lästigen.
Auch die mühevollen.
Ich tue, was zu tun ist. Und im nächsten Moment sind die Dinge schon wieder anders, denn die Zeit ist weitergegangen.
Augenblick für Augenblick.
Weil das Leben fließt.
Wie ein Strom.
Da gibt es nichts festzuhalten.
Ja – Sagen im tieferen Sinn wird möglich, wenn ich eigene Pläne lasse.
„Du sollst Dir kein Bildnis machen“ mahnt Max Frisch. Kein „Bildnis“ von der Zukunft oder davon, wie der Mensch neben dir wohl so „ist“.
Manchmal muss ich sie sogar lassen, diese inneren Bilder. Werde regelrecht gezwungen dazu.
Das sind Zeiten der Übung.
Übung im Loslassen.
Zeiten der Krankheit beispielsweise sind solche „Übungszeiten“.
Wenn es anders kommt, als ich mir „vorgestellt“ hatte.
Wenn der Körper woanders lang will, als mein Kopf zu wissen glaubt.
Wenn die Seele andres vorhat, als mir meine Gedanken vorgaukeln wollen.
Übungszeiten, Training im Loslassen: Dann, wenn ich selbst gar nichts mehr tun kann.
Wenn ich nur noch geschehen lassen kann, was da geschehen will.
„Say yes and the world will dance with you“ – sag „ja“ und die Welt wird mit dir tanzen.
Das ist eine Einsicht, die hinter der Not liegt.
Ein Land, das sich erst öffnet, wenn man durch Schweres hindurchgegangen ist.
Eine Gegend, die ihre Musik erst klingen lässt, wenn ich die Angst gelassen habe.
Los gelassen.
Wir können nicht wissen, was uns die nächste Stunde bringt.
Nicht mal, was in den nächsten Minuten geschehen wird.
Wir wissen nur, was jetzt ist.
Und auch dies nur in Bruchstücken.
Deshalb ist soetwas wie „Zukunftsangst“ unmenschlich.
Eigentlich ist diese Angst eine Form der Hybris, des Hoch-Mutes, einer Lebenshaltung, die ihre Wurzeln vergessen hat.
Elisabeth Kübler-Ross und andere haben darauf hingewiesen, wie wichtig das „Ja“ sagen am Ende eines Lebens ist.
Ja-Sagen zu meinem Leben so, wie es ist.
Darum geht es.
„say yes and the world will dance with you“.
Anders gesagt: „Mensch lerne tanzen, sonst wissen die Engel im Himmel nichts mit dir anzufangen“…..
Es geht für mich um viel mehr, als nur darum, einer Gruppe bislang in Deutschland unbekannter Künstler zu helfen.
Ich spüre, daß da mehr ist.
Worte fallen ein. „Wiedergutmachung“ zum Beispiel. Aber es ist ein ungeeignetes Wort, weil das gar nicht geht. Man kann nicht etwas „wieder gut machen“. Schön gar nicht das Schicksal fremder Menschen.
Die Autoren der LYRIS-Gruppe in Jerusalem mussten als Kinder ins Ungewisse. Ins Exil. Auf der Flucht vor den Nazis. Ihre Familien haben sie verloren.
Aber seit über dreißig Jahren treffen sie sich – um sich Texte vorzulesen, die sie in deutscher Sprache schreiben.
Unverstandene im eigenen Land.
Da geht ein Riß durch die Biografien: selbstverständlich sprechen sie mittlerweile die Sprache Israels, selbstverständlich sprechen etliche auch englisch oder französisch.
Aber ihr Innerstes, das, was sie wirklich im Tiefsten bewegt – drücken sie in deutscher Sprache aus, in der „Sprache der Mörder“.
Was haben diese Gedichte mit mir zu tun?
Weshalb spüre ich, daß ich etwas tun muss und tun kann für jene Künstler da im fernen Jerusalem? Weshalb versuche ich zu helfen, daß ihre Texte nun auch in Deutschland bekannt werden?
Weil da ein altes Thema liegt.
Schon seit etlichen Jahrzehnten beschäftigt mich die dunkle Zeit. Als die Deutschen über die Welt herfielen in ihrem braunen Wahn.
Schon als Student hat mich das Thema gepackt. Von den Deutschen. Und der Schuld.
Und es hat mich seither niemehr losgelassen.
Ich bin der Spur gefolgt in der Examensarbeit über die Kirche im Dritten Reich; ich bin ihr weiter gefolgt, an die Hand genommen von Johannes Bobrowski.
Viele Begegnungen in Israel und Deutschland, in den USA und anderswo haben mich immer erneut auf die Spur gebracht.
Mich, der Enkel sein könnte jener Menschen, die ins Ungewisse mussten.
Sie waren Kinder damals.
Heute nun, im Jahre 2010 begegnen mir ihre Texte. Eine Freundin hat sie mir auf die Türschwelle gelegt.
Gedichte sind es.
In Deutsch geschrieben.
Naturgedichte ebenso, wie wunderschöne Gedichte über die Beziehung zwischen Menschen.
Der Versuch, Erlebtes zu verstehen.
Ich, der ich Enkel sein könnte, kann nicht viel tun.
Denn Geschehenes kann man nicht rückgängig machen.
Aber: etwas kann ich tun.
Ich kann helfen, daß diese Texte nun auch in Deutschland bekannt werden.
Ich kann helfen, daß eine Gruppe von Autoren in Deutschland bekannt wird, die ganz im Stillen über lange Jahrzehnte in Jerusalem lebend, festgehalten hat an der deutschen Sprache – trotz des Vergangenen.
Es geht darum etwas mitzuteilen: ihr dort, im fernen Jerusalem; ihr Dichter und Maler, Grafiker und Bildhauer, die ihr euch in der kleinen LYRIS-Gruppe zusammengeschlossen habt: wir sehen euch.
Wir nehmen Euch und Euer Schicksal wahr.
Wir wollen einen kleinen Beitrag leisten, daß Ihr nicht in Vergessenheit geratet.
Deshalb.
Nehmt es als kleines Zeichen der Verbundenheit an.
Darum kann ich bitten.
Die Texte der LYRIS-Gruppe sind im kleinen Berliner Verlag http://rainstein.de erschienen. Man kann sie dort bestellen.
Und man kann durch das Posten dieses links helfen, daß die Autoren der LYRIS-Gruppe in Deutschland bekannter werden.
Viel ist es nicht, was wir tun können.
Aber dies können wir tun.
Sie sind mittlerweile hochbetagt. Und treffen sich regelmäßig. Seit über dreißig Jahren. Lesen sich aus ihren Texten vor. Sprechen darüber. Kritisieren Form und Stil. Vergewissern sich.
Autoren der Gruppe LYRIS.
In Jerusalem.
Sie sind Maler, Grafiker, Bildhauer – und Dichter.
Der Autor Manfred Winkler, (Preis des Ministerpräsidenten für Lyrik); Jahrgang 1922; die Malerin Ivonne Livay (geboren 1942 in Zürich), Magali Zibaso, 1939 geboren und andere.
Die Berliner Verlegerin Dörthe Kähler, mit der ich seit längerem befreundet bin, hat es nun riskiert und – mit finanzieller Hilfe eines Freundes – drei Gedichtbändchen herausgebracht, die in ihrem kleinen Verlag RAINSTEIN erschienen sind. (http://www.rainstein.de).
Es ist eine kleine Sensation.
Denn eigentlich haben die Autoren der LYRIS-Gruppe ihre Texte für sich geschrieben. In ihrer Muttersprache deutsch. Obwohl sie in Israel leben.
Nun aber finden sie Anerkennung – in Deutschland.
Meine Frau und ich hatten Dörthe Kähler eingeladen, aus diesen Bändchen vorzulesen und uns die Arbeit der LYRIS-Gruppe näher zu bringen. Gestern Abend las sie nun im privaten Kreis.
Und es war ein bewegender Abend.
Denn, die da saßen, könnten die Kinder oder gar Enkel der Autoren sein. Vom Alter her.
Deutsche im Alter zwischen vierzig und sechzig lasen und hörten Texte von Menschen, die in Deutschland, in der Schweiz, in der Bukowina und anderswo geboren wurden; deren Familien häufig ganz und gar dem Holocaust zum Opfer fielen. Texte von Überlebenden. In der „Sprache der Mörder“ geschrieben – in deutsch.
Die Spur führt zu Paul Celan, denn es gibt langjährige persönliche Beziehungen von Mitgliedern der LYRIS-Gruppe zu diesem großartigen Dichter.
Die Texte, zum Teil illustriert mit Grafiken und Malereien der LYRIS-Mitglieder, sind nicht nur anrührend, weil sie von denen stammen, die eigentlich allen Grund haben könnten, nie wieder deutsch zu sprechen.
Sie sind anrührend – weil es sehr gute und sehr schöne Texte sind.
Von Ivonne Livay gibt es das Bändchen „Rostige Zeiten“. Von Magali Zibaso „Augen“, von Eva Avi-Jonah „Brennpunkt“.
Erhältlich im Internet auf der Verlagsseite http://www.rainstein.de.
„Warum hast Du diese Bändchen herausgebracht?“ frage ich die befreundete Verlegerin.
„Ich konnte nicht anders. Es ist ein Stück Anerkennung. Ein Zeichen der Verbundenheit. Vielleicht können wir durch die Herausgabe dieser Texte den Autoren mitteilen: wir sehen Euch. Wir lesen Eure Texte. Wir hören von Eurem Schicksal.“
Dörthe Kähler hätte mit den eigenen Mitteln diese Publikation nicht machen können. Ein Freund hat geholfen. Deshalb geht der Dank auch an Manfred von Baum.
Wenn diese drei Bändchen mit Lyrik nun in Deutschland Leser und Verbreitung finden, dann ist es vielleicht auch ein Zeichen der Verbundenheit mit den Menschen, die überlebt haben.
Viele sind es nicht mehr.
Sie sind hochbetagt mittlerweile.
Und treffen sich noch regelmäßig.
Um sich ihre Texte vorzulesen, darüber zu sprechen.
Sie wußten von dieser kleinen Veranstaltung in Berlin.
Sie wußten, daß da aus ihren Texten gelesen werden würde.
Nun können Sie über etwas Neues und Aufregendes miteinander sprechen: das Erscheinen ihrer Texte in Deutschland.
Wir stehen im Kontakt mit der Gruppe LYRIS.
Und wir wissen, daß die Publikation zu großer Freude geführt hat. Bei ihnen und in ihren Familien.
Ich wünschte mir, daß diese drei schmalen Bändchen gut aufgenommen werden in Deutschland.
Wer so denkt, ist wohl schon verloren für die drei schönen Bändchen, die jetzt im kleinen Berliner Verlag http://www.rainstein.de erschienen sind.
Lyrik aus Israel. Von Frauen und Männern geschrieben, die in jungen Jahren aus Deutschland emigrierten.
Sie schreiben dennoch „in der Sprache der Mörder“: in Deutsch.
„Sie konnten nicht anders, als in ihrer Muttersprache zu schreiben“ sagt die Verlegerin auf die Frage einer Journalistin, weshalb die Texte in Deutsch geschrieben seien.
„Es ist die Sprache ihrer Wiegenlieder“.
„Wir sollten diesen Überlebenden eine Stimme geben“ sagt die Verlegerin Dörthe Kähler, „viele haben keine Stimme mehr.“
Aber da ist auch ein „Riß“, der durch ihre Sprache geht, durch ihre Erfahrungen.
Er wird in den Texten deutlich.
In Israel selbst haben es die Autoren nicht leicht, denn die deutsche Sprache gilt immer noch als „die Sprache der Mörder“.
Die mittlerweile hochbetagten Autoren haben sich in Israel zur Gruppe „Lyris“ zusammengeschlossen und der Verlegerin Dörthe Kähler ist es zu verdanken, daß diese Bändchen nun zu haben sind.
Eine Leserin dieser Texte schreibt über ihre Erfahrungen auf der Homepage des Verlages:
„Sehr geehrte Damen und Herren, ich möchte mich sehr herzlich für die Buchzustellung Yvonne Livay „Rostige Zeiten“ bedanken und Ihnen meine Anerkennung aussprechen, dass Sie in Ihrem Verlag Werke der Autoren des „Lyris-Kreises“ veröffentlicht haben. Da ich seit nunmehr fast 10 Jahren während meiner Aufenthalte in Jerusalem Gästin des Lyris-Kreises bin, freue ich mich besonders darüber, dass hier in Deutschland Lyrikerinnen deutscher Sprache aus Israel zu Wort kommen.
Ich möchte Ihnen viel Erfolg für die Verbreitung dieser Werke wünschen.“
Zum vergangenen Kirchentag in München war der Rainstein-Verlag mit einem kleinen Stand vertreten und Dörthe Kähler hatte Gelegenheit, Domradio Köln ein kleines Interview zu dem Projekt zu geben:
Am 8. Oktober werden wir in Berlin eine erste Lesung aus diesen Texten haben.
Ich kenne Dörthe Kähler nun schon eine ganze Zeit, weiß um ihr enormes Engagement zur Herausgabe dieser Bändchen; ein Freund hat finanziell geholfen, daß sie überhaupt erscheinen konnten.
Es wäre den drei Bändchen mit deutschsprachigen Gedichten aus Israel sehr zu wünschen, daß sie eine gute Verbreitung finden.
Lothar Petzold ist mehrfacher Preisträger (u.a. Paul-Gerhard-Preis 2007). Eigentlich ist er Lieddichter, Lyriker, schreibt aber auch Prosa. Zum Beispiel: „Der wunderbare Tausch“. Ein Kriminalroman.
Im kleinen Crivitz-Verlag in Schwerin erschienen.
Wunderbar die Sprache.
Beinahe nebensächlich die Handlung.
Poetisch die Spiegelung der Natur im Wort.
Anrührend viele Dialoge zwischen Frauen und Männern.
Eine Liebeserklärung an eine Stadt in Mitteldeutschland, die sich „Hartenberg“ nennt, ein Musterbeispiel von Renaissance-Architektur am Strom, verschont geblieben im Krieg, frisch gemacht nach der Diktatur.
„Ich sehe mir zwar manchmal einen Krimi an, aber eigentlich mag ich die vielen Krimis nicht“ lässt er eine seiner Figuren, Frau Jäger, Wirtin von Kommissarin Magdalena Jäger sagen. „Einesteils ist die Welt kaputt, andererseits werden mir viele Kriminalbeamte wie Rächer der Kaputten vorgeführt – und nun habe ich selber so einen Menschen in der Wohnung.“
Deshalb ist die Handlung auch beinahe nebensächlich: ein versuchter Mord wird aufgeklärt. Ein Mord allerdings, der in einer Kirchgemeinde geplant wurde.
Das öffnet hin zu wesentlicheren Themen.
Was mir gut gefällt an diesem Buch: es verrät den Liederdichter, besonders, wenn er Natur beschreibt:
„Sturm peitscht das Buschwerk. Schwarze Drachenkrallen reißen den Abendhimmel auf, brechen herunter auf das bleiche Band der Landstraße. Darüber stechen Sterne. Rechts kreischen und seufzen Unholde aus nachtschwarzem Wald, links torkeln Moorgeister aus dem Nebel. Hier geht kein Mensch, der nicht gehen muss. ….Hinter dem Regenvorhang glimmen Lichter. Da muss die Unfallstelle sein. Dicht am Waldrand schleicht sie zum Tatort. ….“ (27/28).
An-sprechend die persönlichen Texte.
Tochter Claudia spricht in ihrem Zimmer zu ihrer im Krankenhaus liegenden beinahe tödlich verunglückten Mutter:
„Mutter, ich kann dich nicht finden. Technik verstellt dich. Du wirst betrieben als wärst du nicht. Draußen hockt die Sonne im Baum, du siehst nicht die glänzenden Blätter. Der Wind tanzt durch die Äste, du fühlst nicht, wie er ums Haus springt. Mutter, ich sehe dich, du aber siehst mich nicht; ich spreche zu dir, du aber sprichst zu mir nicht – ich spüre: Werde ich nicht gesehen, reicht meine Sicht nicht; wird mit mir nicht gesprochen, versprechen meine Worte nichts. Solange du fern von mir bist, friere ich. Mutter, die alten Bilder verblassen, sie gehen hinter dich zurück. Immer warst du zuverlässig da: Im Urlaub beim Baden im See, während der Ausgabe der Zeugnisse in der Aula, beim Essen am Tisch. Aber du bist nicht mehr an den vertrauten Orten, schon gar nicht bei mir. Mir ist, als nähme ich von meiner Vergangenheit Abschied, und Gegenwart ist jetzt nur noch Pflicht. Ich bin nicht mehr zu Hause.“ (55/56).
Bewegend auch die Worte, die der Mann an seine verletzte Frau richtet:
„Hier war ich zu Hause, Katrin, solange du bei mir warst, so dass ich mich fühlen konnte. Immer, wenn ich dich spürte, wusste ich, dass ich bin: Hier in diese Räme gehören wir, hier zogen wir ein, stellten die Möbel hin und sagten: Wir wollen bleiben.
Aber du bist nicht mehr hier und ich weiß nicht, wer ich bin oder nicht bin.
Meine Tage sind Arbeit, nur noch Arbeit – ohne Freude. Und meine Nächte sind ohne Träume.
Ich rede nicht mehr mit den Blumen, seit wir nicht mehr miteinander sprechen. Seither gedeihen die Pflanzen nicht mehr wie vorher in der Gärtnerei. Ich gehe deine Wege, wünsche mir, du würdest mit mir gehen und dabei verliere ich mich.
Du b ist fortgegangen. Da vorn, da wo der Weg zwischen den Bäumen endet, sehe ich gerade noch deinen Schatten. Ich möchte dir hinterher rufen: Warte! Möchte mit dir den Sonntag vereinbaren, die Fahrt mit den Rädern hinter die Felder.
Vor allem musst du warten, ehe du fortgehst, weil ich vergaß, dich zu bitten: Habe Geduld mit mir. Ich weiß, manchmal bin ich streitbar. Wenn ich hochfahre, verschattet Angst dein Gesicht. Ich aber möchte dir nicht wehtun, ich will lernen, meine Wahrheiten zu sagen, ohne dich zu verletzen.
Du hast mich weinen gesehen und mich getröstet. Ich, der sich meist versteckt, gab mich dir preis. Du hast nicht gefragt: Was hast du? Du hast geschwiegen, meinen Kopf an deine Brust gelegt und gewartet, bis meine Erschütterung abklang.
Du warst immer da. Ganz selbstverständlich. Schon morgens, wenn ich erwachte, warst du da. Du hast aus dir herausgeblickt – warst ganz bei mir. Ich nahm dich selbstverständlich, nie sagte ich staunend zu dir: Gut, dass du da bist – ich liebe dich. Jetzt, während du nicht da bist, möche ich das lösende Wort sprechen.“
(92).
An-schaulich der Garten des Liederdichters:
„Anders als für Johannes, kann für Karin der Sommer nicht heiß genug sein. Mit Vergnügen trägt sie am Abend kalten Wein hinter die Kirche in den Garten. Dorthin lockt sie ihren Mann, legt ihm Papier und Stifte hin. Sie weiß: Wenn der sich genügend entspannt fühlt, schreibt er neue Verse.
Johannes verliert sich an einen Mitsommertraum: Er beschreibt Sommer und Sonne am Sonntag, nach Karins Meinung verdankt er diesen Text dem Wein:
Der Sommer erobert mit glühender Hand
sich Gräser und Wasserlinsen.
Er walzt durch die Wiese, wälzt sich am Strand
und pfeift mit dem Wind durch die Binsen…….
(S. 119 f.).
Ich empfehle dieses Buch allen, die an schöner Sprache ihren Gefallen haben.
Lothar Petzold
Der wunderliche Tausch
Wieden-Verlag Schwerin
ISBN 978-3-9811832-8-3
14 Euro.
Im Zentrum der Übung liegt ZAZEN (sprich: Sasén).
Die Entgiftung gelingt mir nicht ohne diese tägliche Übung.
ZAZEN muß man tun.
Es ist nichts für den Kopf.
Es ist nichts für Worte.
Denn Worte hören im ZAZEN auf.
Der Wort- und Datenmüll, der unseren Alltag füllt, verschüttet den Zugang zum Kern. Ständig. Immer wieder.
Deshalb ist die Übung erforderlich.
Täglich.
Das „Reinigen der Schale“.
Es ist eine Frage der Seelenhygiene. So, wie das Duschen und Zähneputzen zur Körperhygiene gehören.
Die Übung scheint einfach:
sitz aufrecht. schweig. atme. atme vor allem lang aus.
Die Mitte deines Körpers liegt zwei Zentimeter unter dem Bauchnabel.
Dort hast du deine Hände zusammengelegt.
Mich erstaunt nach der täglichen Übung des ZAZEN oft, welche unglaublichen Mengen an Gedanken- und Wortmüll sich in mir angesammelt haben.
Alles unwichtiges Zeugs, das den Spiegel der Seele beschmutzt.
ZAZEN hilft mir, daß der Spiegel der Seele wieder klar wird.
Es ist eine einfache, schlichte Übung.
Aber sie hat sehr große Kraft.
Schwertkämpfer trainieren ZAZEN.
Es ist das Training der Wachheit.
HIER und JETZT.
Keine Gedanken mehr, kein Wollen mehr. Ganz gegenwärtig sein.
Wenn der Schwertkämpfer nicht im HIER und JETZT ist, wird er es sehr bald spüren: sein Kampfpartner wird ihm kräftig „eins überziehen“.
Die Wachheit für den gegenwärtigen Augenblick.
Darum geht es.
Du hast nur diesen gegenwärtigen Augenblick. Er ist dein ganzes Leben.
Das Vergangene ist vergangen, was kommen wird, kannst du nicht wissen.
Nur HIER und JETZT.
Übe die Achtsamkeit für das, was jetzt gerade ist.
Alle Sorgen, alle Ängste, aller Zorn und aller Kleinmut verlieren ihre Kraft.
Die „Mühle im Kopf“ kommt zum Stillstand.
Klarheit breitet sich aus in dir.
Namenlose Klarheit.
Gegenwart.
Ich habe viel ausprobiert in meinem Leben, um im Gleichgewicht zu bleiben: bin gelaufen, habe Yoga trainiert; bin geschwommen und habe die „fünf Tibeter“ praktiziert.
Das ZAZEN jedoch ist wegen seiner Einfachheit und Klarheit die mir entsprechende tägliche Übung.
Denn sie hilft mir, die „Mühle im Kopf“ abzustellen.
Sie hilft mir, innerlich in der Balance zu bleiben, wenn sich starke Gefühle melden.
Dann setz dich aufrecht.
Atme.
Nimm wahr, was jetzt ist: hör die Geräusche um dich herum, schmecke, was du gerade schmeckst; rieche, was wahrzunehmen ist; nimm wahr, was in deinem Körper ist. Schau dir an, was sich in der Seele zeigt: schau dir das Gefühl an – wie in einem Spiegel.
Du bist nicht das Gefühl.
Es ist nur ein Schatten im Spiegel.
Das wichtigste am ZAZEN:
man kann davon eigentlich nicht sprechen.
Man muß es tun.
Anfangs kommen sehr große innere Widerstände: eine große Unruhe zeigt sich; dir ist, als müsstest du „weglaufen“; man sieht es am Schwanken des Körpers, an der Unruhe des flachen Atems.
Widerstand.
Die „Affen im Kopf“ fangen an zu tanzen.
Lass dich nicht irritieren.
Schau deinem Atem zu. Er führt dich.
Und dann schau sie dir an, diese Affen. Wie sie tanzen.
Wenn sie Gewalt über dich zu gewinne scheinen: kehre zum Atem zurück.
Er verbindet dich mit dem Leben.
Der Atem ist der „Hauch Gottes“.
Dann kehre zurück zu den Affen. Schau sie dir an. Wie sie tanzen.
Sie sind nur eine Illusion. Sie tun nur so, als wären sie da.
Sie werden gehen eines Tages.
Starke Gefühle können sich zeigen:
unbändige Wut; große Trauer, starker Zorn.
Aber auch Hingabe wird möglich.
Wenn die starken Gefühle kommen; wenn Tränen fließen; wenn der Körper sich schüttelt: kehre zurück zum Atem.
Er führt dich.
Die starken Gefühle sind alt.
Alte, frühe Verletzungen werden so wieder fühlbar.
Schau sie dir an im Spiegel.
Sie werden schwächer und schwächer, je öfter du sie angeschaut hast.
Sie kommen immer wieder, gewiß.
Aber sie verlieren ihre Kraft.
Sie melden sich – wie alte Bekannte.
Du lernst, deine inneren Landschaften zu kennen.
Du lernst dich kennen.
Du lernst, wenn du atmest und zuschaust, was sich da alles zeigt: wieviele alte Gefühlsreste du mit dir herumschleppst.
Dann atmest du aus.
Und lässt sie gehen.
Sie sind nicht mehr wichtig.
SAZEN ist „einfach“.
Gerade deshalb ist es eine „Große Übung“.
Ich hätte den Text „Mitten im Lärm der Stadt betrete ich die Stille“ nicht schreiben können ohne diese Erfahrung.