Sisyphos – oder eine Geschichte vom Schnee

Die Strafe des Sisyphos bestand bekanntlich darin, seinen Felsbrocken einen steilen Berg hinauf zu rollen.
Kaum hatte er ihn oben, entglitt er ihm und rollte den Hang wieder herab.
Beim morgendlichen Schneeschieben fällt mir dieses alte Bild wieder ein.
Es gibt Gemälde, die einen lachenden Sisyphos zeigen, der übermütig seinen Stein den Hang hinunterrollt. (Wolfgang Mattheuer).
Sisyphos, der den Göttern ein Schnippchen schlägt.
Sisyphos, der aus der Mühe einen Spaß macht. Eine Freude.

Mir gefällt das Bild.
Ich kenne viele Menschen – mich eingeschlossen – die an manchen Tagen beklagen, was ihnen zu tun aufgegeben ist.
Solche Klage ist weit verbreitet.
Man erlebt das, was zu tun ist, wie eine Strafe.

Die Götter lachen sich ins Fäustchen.
Das Feuer in der Unterwelt lodert heißer.

Nun kann man den Göttern aber auch entkommen, wie der Maler wusste.
Wenn man die Arbeit, die einem für den Tag gegeben ist, als die Arbeit annimmt, die an diesem Tag eben zu erledigen ist.
Wenn man aufhört, sie wie eine Strafe zu bekämpfen.
Und siehe da: die Perspektive verändert sich. Die Durch-Sicht.
Ich sehe die Dinge wie mit anderen Augen.

ZEN-Meister wissen um die Kraft solcher Lebensweise.
„Meister, was ist Erlösung?“ fragt der Schüler den Meister.
Der antwortet: „Geh das Geschirr spülen.“

Darum geht es womöglich, wenn man danach sucht, dem Leben einen Sinn abzuringen.

Meine alte Freundin Teresa von Avila (1515-1582) hat davon etwas gewusst.
Die zeitlebens kranke Frau, der so mancher Tag „sauer“ wurde, wie die Sprache noch weiß, einem Teig ähnlich, oder einer Speise, die zu lange steht – diese Frau wusste etwas vom Gebet zum „Herrn der Töpfe und Pfannen“ – mitten in dem, was zu tun ist – konnte sie das Größere wahrnehmen.

Es ist eine innere Haltung.
Der Stein ist nicht mehr zu rollen.
Die „Strafe“ der Aufgabe wird nichtig.
Sisyphos triumphiert.
Übermütig kann er „seinen Stein“ den Hang, kaum hat er ihn mühsam hinauf geschafft, sogar selber wieder hinabrollen.
Kann sich freuen an der Vergeblichkeit seiner Mühe.
Und sie von vorn beginnen.

In dem, was jetzt zu tun ist, kann ich nun einen Hinweis erkennen.
Einen Fingerzeig, daß die Wirklichkeit, die mich trägt, so sehr viel größer ist als mein kleiner Stein, den ich heute zu rollen habe.
Ich fühle die Erde, die mich mitsamt meinem Steinchen trägt….
Ich sehe, wie Sisyphos sich mit ausgebreiteten Armen rücklings auf die Erde fallen lässt.

Der Himmel wird sichtbar.
Sisyphos lacht.

Freiheit wird fühlbar.
Entlastung.
Nicht mehr die Klage hält mein Herz umklammert.
Sondern Freiheit atmet die Seele.

Ich stelle mir den Sisyphos vor, wie er, schweißnass, oben am Berg beinahe ankommt mit seinem schweren Stein, dann aber, laut lachend, voller kindlichem Übermut seinen Stein den Hang hinabrollt.
Ich seh ihn unten sitzen, den Sysiphos. Im Schnee vielleicht. Räumt sich ein Plätzchen frei.
Atmet tief.
Und lernt das Staunen:

„Nicht müde werden
sondern dem Wunder
leise
wie einem Vogel
die Hand hinhalten“

(Hilde Domin).

Einer flog aus dem Kuckucksei. Etwas vom Staatstheater

Dem „Spiegel“ von heute ist zu entnehmen – beim genauen Hineinschauen – daß interne Kreise eine Aufführung planen. Im Staatstheater zu Stuttgart.
Dem Vernehmen nach handelt es sich um die Bühnenfassung jenes legendären Filmepos „Einer flog aus dem Kuckucksei“.

Der Herr Bundesaussenminister wurde genötigt, die Hauptrolle zu übernehmen.
Er hat sich nicht lang drängen lassen.
Bühnen mag er.
Die im Theater zumal.

Nun wurde des weiteren bekannt – aus informierten Kreisen – dass ein gewisser Herr Lindner die Regie übernehmen werde.
Von Herrn Lindner ist bislang nur bekannt, daß er ein „junger, aufstrebener Darsteller“ sei, der mit jener Bühnenarbeit sein erstes größeres Werk der Weltöffentlichkeit vorstellen wolle.
Man weiß weiterhin von ihm, daß er als Reziator spätrömischer Verse, die von der Kritik jedoch als ziemlich dekadent eingestuft, und deshalb bislang von der Zensur verworfen wurden, aufgefallen sei.
Es sei jedoch typisch für Herrn Lindner, daß er seine Verse zunächst in kleinerem Kreis zum Vortrag bringt.

Nun also: Vorhang auf.
Anfang des Jahres werden sich die Zuschauer drängeln.
Vor dem Staatstheater.

Zu Stuttgart.

Anmerkung: Wohin jener fliegen wird, der das Kuckucksei gegen Ende des Stückes verlassen wird, konnte bislang nicht recherchiert werden…..

Anmerkung zwei: der Eintritt ist selbstverständlich frei. Die Steuererklärung genügt. Es handelt sich schließlich um ein Staatstheater.

Die Welt ohne Geheimnisse – etwas vom Internet

Ich stelle mir den Tag vor, an dem alle mit allen vernetzt sind.
Jeder kann, wenn er mag, alles über alle in Erfahrung bringen.
Jeder hat 10 Milliarden followers und ist mit 10 Milliarden „befreundet“.
Endlich kann jeder jederzeit wissen, was der Präsident in Ouagoudugu im Schilde führt.
Endlich ist Schluss mit den Geheimnissen.
Aus „Geheimdiensten“ werden endlich „Geh heim!-Dienste“.
Nur die Ungeborenen und die bereits Gestorbenen werden anfangs von jener Kommunikation aller mit allen ausgeschlossen sein.
Aber dies wird, eines späteren Tages, durch die Gen-Technik beseitigt werden können.
Man wird den Menschen einen Internet-chip in die Gene verpflanzen, damit auch die Ungeborenen schon teilhaben können an jenem Rauschen, das da um die Erde strömt.
Schon im Mutterleibe werden sie in Kontakt treten können mit wem immer sie wollen.
Man wird dann, eines noch späteren Tages, so weit gehen, und all jenen Kindern ein Auftrittsverbot auf der Erde erteilen, die sich weigern, an diesem teilzuhaben.

Was für eine Welt.

Endlich ohne Geheimnisse.
Endlich führt niemand mehr etwas im Schilde, denn jeder kann jederzeit wissen, was jemand im Schilde führt.
Dem Misstrauen wäre ein für alle Mal der Garaus gemacht.
Und endlich könnte jeder an jeden auf dieser Welt alles verkaufen, was er mag und anbieten möchte.
Wunderbar!

Wie eine zweite Atmosphäre sieht das aus, dieses Netz der Netze, in denen alle Menschen miteinander alles Wissen teilen, das sie voneinander haben können.
„Die Menschheit“ wird sichtbar wie eine zweite Atmosphäre rund um den Globus – mit ein wenig Phantasie.
Aber nur die Menschheit.
Denn die Elemente werden an dieser Art der Kommunikation nicht teilhaben.
Das Wasser nicht und auch nicht das Feuer, die Erde nicht und auch nicht die Tiere, die Pflanzen nicht und auch nicht der Mondschein des nachts.

Was wird das sein?
Ein Schmoren im eigenen Saft sozusagen.
Die Menschheit wird sich selbst genügen.
Denn in dem Maße, wie die Menschen in die totale Kommunikation miteinander eintreten, werden sie den Kontakt zu den Elementen verlieren.
Die Ehrfurcht vor dem Geheimnis.

Ihnen wird Wesentliches verborgen bleiben, so sehr sind sie mit sich selbst beschäftigt.
Sie werden das Geheimnis des Sonnenaufgangs nicht verstehen in ihrer Blindheit.
Und nicht das Geheimnis der Rose lüften können.
Sie werden das Geheimnis der Liebe nicht sehen können
und das Geheimnis des Vertrauens.
Sie werden um den Globus wabern mit ihrer Erkenntnis, alle mit allen verbunden, alle Geheimnisse scheinen gelüftet.

Ich höre ein großes Lachen im Weltall.
Ein großes Lachen……
Nie hat sich der Schöpfer so sehr amüsiert wie an jenem Tag……

Tante Hildegard spricht von der Bildung

Tante Hildegard ist alt und sie ist frech. Das sagte ich schon. Dabei ist frech gar nicht richtig. Sie sagt halt, was sie denkt.
Gradeaus und ohne Umschweife. Das Übrige macht die Erfahrung. Und davon hat sie viel.
Sie ist fromm und sie hat eine dicke runzlige rote Nase.
Das eine kommt vom Krieg.
Das andre vom Schnaps. Sie trinkt gern mal einen. „So zur Verdauung“.
Wenn ich sie besuche, soll ich ihr hin und wieder was aus der Zeitung vorlesen.
Die Augen eben, das geht nicht mehr so.
„Nur die Überschriften!“ sagt mir Tante Hildegard. „Das andre weiß ich dann schon.“
Die alte Indianerin hat wohl die Gabe des Hellsehens, denke ich so bei mir, nur die Überschriften!

„Wir brauchen ein Top-Bildungssystem“ lese ich vor.
„Wer hat das gesagt?“ will Tantchen wissen.
„Der Gysi Gregor“.
Da fängt die Tante an zu kichern und nimmt sich noch ein Schnapsbonbon.
„Heute ist alles topp, nicht?“ fragt sie und kichert immer noch.
„Alles ist topp – die Bildung, die Autos, die Lappen. Alles topp“ kichert sie und meint:
„Ach weißt du, wir hatten einen alten Lehrer damals, als ich noch ein junges Ding war.
Der war so stolz, weißt du. Ging immer mit seinem steifen Kragen durch die Stadt und war sehr streng zu den Kindern.
Ich durfte ja nicht so lange zur Schule gehen, musste früh um vier immer erst die Kühe melken und durfte dann erst in die Schule.
Mein Vater wollte nicht, daß ich zuviel lerne. Eigentlich wollte ich Krankenschwester lernen. Aber ich durfte nicht. Nach der Grundschule war Schluss. Ich sollte lieber zu Hause helfen.
Das hat er falsch gemacht“ sagt die alte Tante. „Lern du mal ordentlich. Das ist schon recht so. Aber bild dir nix drauf ein, hörst du?“
„Und was war mit deinem Lehrer?“ frage ich nach.
„Ach der, was soll ich dir sagen, der war ein ganz Gescheiter. So mit Lateinisch und so. Hat ihm alles nix geholfen.
Ist trotzdem in den Krieg gezogen 1914 und seine Schüler auch.
Gesungen haben sie und die Hüte geschwenkt. Stäußchen an der Jacke. Und die Mädels haben gewinkt, als der Zug losfuhr in den Krieg.
Als das vorbei war, ich war sechzehn damals, da haben sie keine Sträußchen mehr gehabt, weißt du. Und gesungen haben sie auch nicht mehr.
Und dieser Lehrer, dieser Schlaue, als der älter wurde, wurde der immer vergesslicher. Ganz schlimm war das.
Der ist dann – da war er schon in Pension – da ist er immer durch den Ort gegangen – und alle kannten ihn ja von der Schule – und hat die Leute immer angesprochen und gemeint:
„Kennen Sie mich? Ich bin hier der Lehrer. Kennen Sie mich?…“
Mensch, soweit kann es mit einem kommen.
Wenn die Krankheit kommt – da ist sie plötzlich futsch, die ganze schöne Bildung.

Aber das wissen die nicht, die da solche Reden schwingen. Egal wie sie heißen, Gregor, Fritz oder egal wie.
Alles soll topp sein“. – Dann macht sie eine Pause.
„Der Gysi, war das nicht der, der bei dem Hornickel für die Kirchen zuständig war?“

„Nein, das ist der Sohn“ werfe ich ein.
„Ach so“, meint die alte Tante. „Der Sohn also.“

„Wir brauchen ein Top-Bildungs. Was?“
„System“ sage ich.
„Das hat er gesagt?“ fragt sie nach einer Weile, zupft sich die Wolldecke zurecht, mit der sie ihre Beine bedeckt hat, wenn sie in ihrem Sessel sitzt.
„Ach Jung, ich weiß nicht, was das alles soll. Da reden sie und reden, alles solle topp sein auch mit der Bildung, aber im Grunde wollen sie nur, daß man nicht nachdenkt und immer mitmacht.
Das war beim Adolf so, und auch beim Hornickel oder wie der hieß, und jetzt ist’s auch nicht anders.
Weißt du, beim Adolf, da hab ich meiner Tochter verboten, zu dem zu gehen.
Ich war schon allein damals; der Mann war schon gestorben.
Aber die Tochter hab ich denen nicht gegeben. Da war ich gradeaus.
Da haben sie erst mächtig rumgeknurrt, als ich das gesagt hab. Aber ich hab mich nicht beirren lassen.
Und geschadet hat’s dem Mädel nicht, daß sie nicht zu den Nazis gegangen ist.“

Dann macht sie wieder eine Pause, die Tante Hildegard.
Verschnauft ein wenig.
Und dann sagt sie noch, schon halb beim Hindämmern:
„Alles soll top sein. Alles.
Wenn die nur wüssten, daß das Leben erst richtig anfängt, wenn es mal nicht top ist….“

Sagt sie und nickt ein.
Ich stehe auf und schleiche mich leise aus dem Zimmer.

Meine alte Tante Hildegard

Am Nikolaustag hab ich sie wiedergetroffen. Meine alte Tante Hildegard. Sie ist alt und sie ist frech. Je älter sie wird, umso frecher wird sie.
Meine alte freche Tante ist fromm und sie hat ne dicke rote Nase. Das eine kommt vom Krieg, das andre vom Schnaps.
Ich unterhalt mich gern mit ihr.
Sie ist eine Seele von Mensch.
„Na, Jung, willste was trinken?“ fragt sie immer, wenn ich in der Tür steh, um sie zu besuchen.
Und dann hocken wir uns zueinander und besprechen die Dinge der Welt.
Gestern hat sie gemeint: „Jung, vorige Woche bin ich in Köln in den Zug gestiegen. Da saß mir ein Mann gegenüber im Abteil. Den hab ich gefragt: „Und wohin wollen Sie?“ Da hat er gemeint: „nach München“. Und ich hab gesagt: „Und ich will nach Berlin.“ Da hat er gesagt: „Ist doch doll, wieweit die Technik heutzutage ist, nicht? Da sitzen wir beide im selben Abteil und der eine fährt nach München und der andre nach Berlin“…..

Es bleibt ja nicht aus, dass wir ab und an auch über Politik sprechen.
Da lacht sie mich immer aus, meine alte freche Tante.
„Ach, Du immer mit deine Politik“ sagt sie.
„Ich hab als Kind noch den Kaiser gesehen mit seinem Pummel auf dem Helm. Und dann kam der Zeppelin über die Dörfer geflogen. Und dann war die schwere Zeit.
Dann kam der Verrückte, der Adolf.
Und dann der Hornickel, oder wie der hieß.
Nee nee, weißt du, ich hab all die Tage immer in meinem Gesangbuch gelesen. Das taugt mehr als die alle zusammengenommen.“

„Glaubst du ans Ewige Leben?“ hab ich sie kürzlich gefragt.
Da hat sie gemeint:
„Ich weiß nicht so recht, wie das sein wird. Aber ans Fegefeuer glaub ich.
Ich finde, die beste Strafe in der Ewigkeit wär, wenn die Politiker in alle Ewigkeit ihre eigenen Reden anhören müssten“.

Da hab ich es verstanden.
Das mit dem Fegefeuer.

Meine alte Tante Hildegard ist ja eigentlich sowas wie eine adoptierte Schwester meiner Mutter.
Sie waren auf der Flucht in jungen Jahren. Vor den Russen.
Später hat sie bei der Bank gearbeitet.
Mit den Männern hat es nicht so geklappt in ihrem Leben, aber mit dem Humor um so besser.
Vielleicht kommt ja das eine vom andern.
Wenn wir abends telefonieren, sagt sie mir manchmal:
„So mein Lieber, und nun trink ich noch mein Bierchen zum Abend. Und du, mach dir mal auch eins auf. Prost, alter Junge! Und pass auf, daß du nicht so gesund lebst, sonst stirbste am Ende noch“ kichert sie ins Telefon, und mein Abend ist gerettet.

Manchmal erzählt sie mir was von früher. Brüder hat sie gehabt. „Alles große Kerle!“ sagt sie stolz und reibt sich die rote Nase.
„Unser Zweiter, der war besonders kräftig.
Der hatte bei der Armee so einen verrückten Hauptmann.
Der wollte, daß die Jungs im kalten Wetter in der Oder schwimmen sollten.
Aber der blöde Heini hat sich nur aufgeblasen und hatte keine Ahnung.
Wenn der gewusst hätt, wie gut die Jungs schwimmen können.
Aber unser Zweiter, der hat sich gedacht bei dem Appell „Na warte Alter, Dir werd ich mal einen einschenken!“
Und dann hat er zu seinem Hauptmann gesagt, daß er nicht wimmen könnte.
Der blies sich immer mehr auf und hat rumgebrüllt, er solle endlich ins Wasser springen.
Da ist er gesprungen.
Und hat sich unten im Fluss an der Kaimauer an der Leiter festgehalten.
Unter Wasser.
Hatte ordentlich tief Luft geholt. Und saß nun da unten.
Und blieb und blieb.
Und da oben der Affe wurde immer bleicher und bleicher.
Dann hat er gebrüllt, zwei andre sollten hinterherspringen und den blöden Bauern da wieder hochziehen, solche Angst hatte er plötzlich, daß der ertrunken sein könnte.
Mein Bruder hat immer Tränen gelacht, wenn er die Geschichte erzählt hat.
Aber dann haben sie ihn doch abgeschossen.
Über dem Kanal.
Ich habs die Nacht vorher geträumt.
Ja, so war das, mien Jung.
Na, denn prost!“
Sagt sie und ich fühle mich geborgen in ihrer Gegenwart.
Wie eine alte Indianerin kommt sie mir manchmal vor.
Vom Wetter gegerbt, das Herz auf dem rechten Fleck.
Weiß Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden.

Seit ich sie getroffen hab, meine alte frechte Tante, weiß ich, was das Wort „Familienbande“ bedeutet…..

Der große Dichter aus Brandenburg – Paul Gerhardt (12.3.1607 Gräfenhainichen – 27.5. 1676 Lübben/Spreewald)

Ein echter Brandenburger. Dieser Paul Gerhardt.
Damals nannte sich seine Heimat noch „Kursachsen“ – heute kennen viele den Spreewald. Vom Kahnfahren.
Seine Eltern starben früh – Paul war 12, als der Vater starb; 14, als er auch die Mutter verlor. In Grimma ist der Junge zur Schule gegangen, in Wittenberg hat er studiert. 1643 kam er nach Berlin.
Die Stadt war durch einen fast dreißigjährigen Krieg stark zerstört. 1651-57 war Paul Gerhardt in Mittenwalde, 1655 – im Alter von 48 Jahren, heiratete er Anna Maria Berthold. Von fünf Kindern hat nur eines die Eltern überlebt. Vier Kinder musste Paul Gerhardt zu Grabe tragen.
1657 kam Paul Gerhardt an die Nikolaikirche in Berlin. Viele kennen sie. Sie steht am Alex.
Weil er sich scharf gegen die Obrigkeit wandte – sie hätte sich unangemessen in kirchliche Belange eingemischt – gab’s eine Bürgerbewegung zu seinen Gunsten: Petitionen von Bürgern, Magistrat und märkischem Adel führten zur Wiedereinsetzung als Berliner Pfarrer.
Im März 1668 starb ihm seine Frau – sie waren 13 Jahre verheiratet.
Im Herbst dieses Jahres wechselte er nach Lübben im Spreewald.
1676 wurde er dort beerdigt.

Paul Gerhardt hat wie wenige sehr viel persönliches Leid erlebt: vier Kinder hatte er zu beerdigen, dann auch seine Frau.
Und doch: geblieben sind seine wunderbaren Lieder. Eins der berühmtesten ist sicher: „Befiel du deine Wege und was dein Herze kränkt, der allertreusten Pflege, des, der den Himmel lenkt. Der Wolken, Luft und Winden gibt Wege, Lauf und Bahn, der wird auch Wege finden, da dein Fuß gehen kann……“. Jedermann kennt auch „Geh aus mein Herz und suche Freud in dieser schönen Sommerzeit…..“
15 lateinische und 138 deutsche Gedichte und Lieder sind von Paul Gerhardt überliefert. Ein gewaltiges Werk. Einige seiner Texte gehören zu den bekanntesten deutschen Strophen überhaupt.
„Auffallend ist die Reichtumskritik, wohl ebenso aus Gerhardts sozialer Gesinnung wie aus der Ablehnung reformiert-höfischen Erfolgsstrebens erwachsen“ schreibt ein Lexikon über seine Dichtung.
Die internationale Ausstrahlung und Rezeption seiner Texte begann schon im 17. Jahrhundert und führte zu vielen Übersetzungen, auch in asiatische und afrikanische Sprachen.

Schulen, Straßen, Stiftungen und Kirchen wurden nach ihm benannt. Viele große Dichter haben sich auf ihn bezogen: Goethe, Matthias Claudius, Theodor Fontante, Heinrich und Thomas Mann, Georg Benn, Günter Grass. Große Komponisten haben seine Texte vertont: Johann Sebastian Bach, Georg Philipp Telemann, Max Reger und andere.

Jetzt, im Advent des Jahres 2010, etwa 400 Jahre nach Paul Gerhardts Geburt, sei an eines seiner schönen weltbekannten Lieder erinnert:
Ich erinnere mich an sein schweres Schicksal im dreißigjährigen Krieg, an den Tod seiner vier Kinder und der Ehefrau und singe mit ihm:

„Was hast du unterlassen zu meinem Trost und Freud,
als Leib und Seele saßen in ihrem größten Leid?
Als mir das Reich genommen, da Fried und Freude lacht,
da bist du, mein Heil, kommen und hast mich froh gemacht.

Ich lag in schweren Banden,
du kommst und machst mich los;
ich stand in Spott und Schanden,
du kommst und machst mich groß
und hebst mich hoch zu Ehren
und schenkst mir großes Gut,
das sich nicht läßt verzehren,
wir irdisch Reichtum tut.“

(Aus dem Adventslied „Wie soll ich dich empfangen….“).

Der du die Zeit in Händen hast… – Jochen Klepper (22.3.1903 – 11.12. 1942)

Jochen Klepper gehört zu den am meisten rezipierten Lieddichtern des 20. Jahrhunderts. Der Journalist, Rundfunkredakteur und freie Schriftsteller war seit 1931 mit der Jüdin Hanni Klepper verheiratet.
Klepper starb im Dezember 1942 durch den Freitod gemeinsam mit seiner Frau in Berlin.
Besonders berührend seine Tagebücher von 1932-1942 „Unter dem Schatten deiner Flügel“; berühmt und oft gelesen der Roman „Der Vater“. Die gesammelten Gedichte erschienen 1962 unter dem Titel „Ziel der Zeit“; der Briefwechsel mit seinem Lehrer Rudolf Hermann unter dem Titel „Der du die Zeit in Händen hast“.

Jochen Klepper dichtet 1938 (seit 1935 war er ohne Anstellung, seiner jüdischen Frau wegen), ein Jahr vor dem Beginn des Zweiten Weltkriegs, mitten im braunen Berlin:

Die Nacht ist vorgedrungen
der Tag ist nicht mehr fern.
So sei nun Lob gesungen
dem hellen Morgenstern!
Auch wer zur Nacht geweinet,
der stimme froh mit ein.
Der Morgenstern bescheinet
auch deine Angst und Pein.

……

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

…..

mitten in der finstern Nazizeit, Hitlers „Erfolge“ häuften sich, die Menschen liefen ihm millionenfach nach und bejubelten ihren „Führer“, der sie demnächst ins Verderben führen würde, schreibt Klepper:

Gott will im Dunkel wohnen
und hat es doch erhellt.

Ich kenne dieses Adventslied seit meinen Kindertagen. Und immer „fasst es mich an“. Johannes Petzold hat es 1939 vertont. Heute steht es in der Sammlung der Lieder aus 1900 Jahren Liedtradition, die wohl zum schönsten Kulturgut überhaupt gehört, dem „Gesangbuch“ für die evangelischen Gemeinden. Ein gewaltiger Reichtum ist darin verborgen. Lieddichtung aus beinahe 2000 Jahren, von frühen Mönchsgesängen bis in die Gegenwart (z.B. das schöne Lied meines Lehrers Klaus-Peter Hertzsch „Vertraut den neuen Wegen“ von 1989, kurz vor dem Fall der Mauer).
Wir haben dieses Lied von Jochen Klepper oft gesungen. Jahr für Jahr. In der Adventszeit.
Während der Diktatur.
Als wir die anderen marschieren sahen und nicht mitmarschierten.
Als die Ausreisewellen durchs Land gingen – Wolf Biermann und andere voran. Als die Menschen in zunehmend großer Zahl dieses Land verlassen wollten, das ihnen doch einen „lichte Zukunft“ versprochen hatte.
Als die Zensur wieder mal zugeschlagen und Dichter und Liedersänger mit Auftrittsverboten belegt hatte sangen wir: „Gott will im Dunkel wohnen und hat es doch erhellt.“
Ich erinnere mich an einen Abend, als wir Adventslieder sangen und russische Soldaten ihre kaltgefrorenen Nasen an die Scheiben des Zimmers pressten, um einen Blick zu erhaschen von der Adventsstimmung da drinnen. Arme Kerle waren das. Man hatte ihnen gesagt, es sei eine „Auszeichnung“ im Osten an der „Systemgrenze“ „dienen“ zu dürfen – aber man hat sie in den Kasernen gleich in der Nachbarschaft gehalten wie Vieh.
Prügelstrafe inklusive.
„Gott will im Dunkeln wohnen…..“
Jochen Klepper galt uns als Zeuge. Denn er hatte in einer wesentlich härteren, bitteren und unmenschlicheren Gesellschaft leben müssen.
Mitten unter Deutschen.
Mitten unter „anständigen“ Nachbarn, die den jüdischen Nachbarn an den Geheimdienst verpfiffen und ihn so millionenfach ins Lager brachten – oft in den sicheren Tod.

„Gott will im Dunkel wohnen“.
Das ist nichts für zartbesaitete Seelen.
Das ist etwas für politisch wache Menschen, die sehr fein und genau wahrnehmen, was um sie herum geschieht.
Jochen Klepper und seine Frau Hanni haben sich 1942 das Leben genommen. In Berlin.
Ähnlich wie Stefan Zweig im fernen Südamerika.
Und doch klingt dieses stille „Gott will im Dunkel wohnen“ bis in unsere Tage.

„Noch manche Nacht wird fallen auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen der Stern der Gotteshuld….“

Heute früh habe ich ihn wieder gesehen – den Morgenstern.
Ich bin ein wenig gewandert durch den knirschenden Schnee – hier in Berlin, wo Jochen Klepper mit seiner Frau Hanni gelebt, geliebt und gedichtet hat.

Es ist schön, den Morgenstern zu sehen.
Und sich an Jochen Klepper zu erinnern.

Im Advent 2010.

 

 

Die Augen des Dichters. Christian Morgenstern (6.5.1871-31.3.1914)

„Ich freue mich, ich freue mich, aber ich kann nicht sprechen“ – so begrüsst Christian Morgenstern den russischen Lyriker Andrej Belyj im Leipziger Hotel de Pologne Ende Dezember 1913, wenige Monate vor seinem Tod.
Seit zwanzig Jahren war er schwer krank.
Wie bei kaum einem anderen verband sich in Christian Morgenstern das Wissen um die Zerbrechlichkeit des Körpers mit einer starken Hoffnung.
Morgenstern war 42 Jahre, als er am 31. März 1914 morgens um 5 Uhr starb.
Ein Leben lang war ein Wandernder, zog von Hotel zu Hotel, von Pension zu Pension, von Norwegen nach Italien, von Süd- nach Norddeutschland. Kaum war er irgendwo angekommen, zwang ihn die Krankheit wieder und wieder – oft monatelang – zum Liegen.
Man kennt die „Galgenlieder“, den „Palmström“, die heitere Seite des großen Dichters.
Seine spirituelle Seite kennt man kaum.
Peter Selg hat eine umfängliche Arbeit über Morgensterns Begegnung mit Rudolf Steiner vorgelegt. Einfühlsam geschrieben, umfänglich dokumentiert.
Ich stoße in diesem Buch auf die „Krankheit des Dichters“, auf die Faszination, die er auf andere ausübte, schon vom Tode gezeichnet.
Als Morgenstern wegen seiner fortgeschrittenen Lungenkrankheit – er hatte sie von der Mutter geerbt – das Sanatorium verlassen muss, findet er ein letztes Quartier bei Frau von Ludwigowska, einer aus Polen stammenden Besitzerin der „Villa Helioburg“ in Meran-Untermais. Sie habe „nur zweimal im Leben solche Augen gesehen – bei Christian Morgenstern und Johannes von Kronstedt“ sagte sie später.

Was für ein Leben!
Immer in materieller Not, immer knapp mit dem Geld, ständig auf Wanderschaft, in äußerer Unruhe – und doch zunehmend sicherer auf dem inneren Weg.
Begonnen hatte es in Birkenwerder bei Berlin.

An eine junge Frau schreibt Morgenstern: „Gewiss, ich bin seit zwanzig Jahren leidend, ….aber, so paraox es klingen mag, es sträubt sich alles in mir, von irgendjemandem als – krank empfunden zu werden. Denn ein Gefühl wirklichen Krankseins ist bisher meiner noch nicht Herr geworden, trotz allem, und natürliche Depressionen abgerechnet, und wird es hoffentlich auch nie werden.
„Leiden“ kann man an allem, aber um „krank“ zu sein, muss einen ein fremdes Etwas besitzen, muss man der Sklave seiner Krankheit geworden sein.
Ich möchte den Satz aufstellen: kein wahrhaft freier Mensch kann krank sein. Und was mich betrifft, so mögen’s meine Werke von der ersten bis zur letzten Zeile bezeugen.
Sie werden vielleicht lächeln aber es wäre schade, wenn Sie etwa als Wortklauberei empfänden, was tiefster Wahrheitsernst ist. ….“

Christian Morgenstern war lange Jahre seines Lebens ein Suchender.
Ein Leben lang an einer Tuberkulose erkrankt, oft mit hohem Fieber verbunden, konnte er am Ende seines Lebens nur noch flüstern.
Der Dichter hatte zwar die akustisch hörbare Sprache verloren – aber seine Worte gewannen an Kraft.
Früh schon hatte er seine Mutter verloren. Mit seinem Vater hatte er ein angespanntes, schwieriges Verhältnis.
Spät erst hat er geheiratet. Die große Liebe seines Lebens, Margareta.
Seine letzte Gedichtsammlung – Rudolf Steiner gewidmet – trägt den Titel: „Wir fanden einen Pfad“.

Ein Freund sagte über den todkranken Morgenstern:
„Als ich ihn dann sah auf seinem Zimmer in Leipzig, da war es eigentümlich zu sehen wie – ja wie gesund, wie innerlich kraftvoll diese Seele in dem morschen Leibe war, und wie sich diese Seele gerade dazumal so gesund, so gesund im geistigen Leben fühlte wie nie zuvor. …Diese Seele, sie bezeugt so recht den Sieg des Geistes über alle Leiblichkeit“.
Morgenstern hatte selbst schon einige Jahre zuvor, in Arosa 1912 geschrieben:

„Gib mir den Anblick deines Seins, ob Welt….
Den Sinnenschein lass langsam mich durchdringen…..
So wie ein Haus sich nach und nach erhellt,
bis es des Tages Strahlen ganz durschwingen….
So möchte auch die Starrheit meiner Wände
sich lösen, dass dein volles Sein in mein,
mein volles Sein in dein Sein Einlass fände –
und so sich rein vereinte Sein mit Sein.“

An Jacobsohn, der in der „Schaubühne“ einen bissigen Artikel zu den schwierigen Verhältnissen in Politik und Gesellschaft geschrieben hatte, schreibt Morgenstern:
„…unsere Gedanken sind so real wie Holz und Eisen, ja, sie wirken noch verheerender, weil sie lebendige Wesenheiten sind, von uns geschaffen, Elementarwesen mit guten oder bösen Impulsen…..
Sie dürfen nur gute Gedankenformen aussenden! Sie dürfen das allgemeine Massacre nicht mehr bewusst mitmachen, das immer neues und mehr Massacre gebiert! ….Schlagen Sie auch mich darum tot, weil ich Sie, bald so, bald so, immer wieder bitte, der Güte und der Liebe das letzte Wort zu lassen und nicht dem Hohn und dem Zorn.“

Christian Morgenstern war ein zutiefst spirituell gestimmter Mensch.
In ihm verbinden sich das Wissen um Krankheit und Schmerz mit einem herrlichen, befreienden Humor.

Er ist mir nun wieder neu begegnet.

Als Literatur mag ich empfehlen:
Peter Selg. Christian Morgenstern. Sein Weg mit Rudolf Steiner. Stuttgart 2008
ISBN 978-3-7725-1914-7

Marie und das Lebensrad – eine Rezension

„Weisst du, Marie, ich habe gelernt, Mitarbeiter zu führen, Kunden zu betreuen und Millionen zu investieren. Doch wie ich das eigene Leben gelingend führen soll, das habe ich nie gelernt. Beruflich war ich ein Profi, privat jedoch immer ein Amateur. Du hast recht, wenn du dich der grossen Fragen des Lebens annimmst.“ (16).

Da schreibt ein Mann (Jahrgang 1965) aus der Perspektive eines 11-jährigen Mädchens. Das ist mutig. Und Ausdruck einer großen Einfühlung. Er schreibt vom Gehirntumor des Vaters und von den Gefühlen und Fragen der Tochter.

„Ist das wohl das grosse Geschenk der Schwachen? Sie ermöglichen es den anderen, helfen zu können. Werden wohl deshalb starke Personen zwar geachtet und verehrt, jedoch selten geliebt? Weil sie diese Möglichkeit nicht bieten? Ist das der grösste Irrtum der Menschen, die geliebt werden möchten? Dass sie meinen, je mehr Leistungen und Erfolg sie anhäufen, desto mehr würden sie geliebt? Doch letztlich wird niemand geliebt wegen seiner Leistungen und Erfolge.“ (25).

Es ist eine doppelte Liebesgeschichte. Die des Vaters zu seiner Tochter. Und die der Tochter zu ihrem Vater.
Marie schreibt ihre Fragen auf. Und ihr Vater versucht, sie zu beantworten. So kommen sie sich näher.
Die Krankheit des Vaters führt zu großer Nähe zwischen den beiden.
Marie fragt zum Beispiel: „Wie muss ich leben, damit ich keinen Krebs bekomme?“
Sie fragt auch: „Warum machen wir die Umwelt kaputt?“ (35 ff.) „Ein sonderbares Geschöpf, dieser Mensch“ sagt der Vater. „Wir, die wir die Erde an den Rand des Abgrundes gebracht haben, nennen unsere Zivilisation hoch entwickelt. Und Naturvölker, die über Jahrhunderte auf einfachste Weise im Einklang mit der Natur lebten, ohne diese auszubeuten, nennen wir rückständig oder gar primitiv.“ (38).

Marie fragt weiter: „Wieviel brauchen wir für ein glückliches Leben?“ (38).
Und dann kommt die Idee: Marie soll durchs Haus gehen und alles, was im Haus ist, in drei Gruppen teilen. „I“ markiert alles, was man wirklich zum Leben braucht. „II“, was man nicht unbedingt braucht, was aber Leben und Alltag erleichtert. „III“ bekommen Sachen, „die wir nicht wirklich brauchen, die nur unser Leben bequemer und schöner machen, die uns ablenken oder die unserem Ansehen gegen aussen dienen.“ (40).

„Soll ich auch einmal Mami werden?“ (48 ff).

Kapitel 6: Freundschaft, die Freude schafft (54 ff).
Marie lernt den Unterschied von Kollegen, Freunden und Lebenspartnern kennen.
„Von wem bekommst du Trost und Mitgefühl? Von Kollegen, Freunden oder vom Lebenspartner?“ fragen sie beim Frühstück.
„Und Papa erzählte, wie es ihn schmerzte mit der Krankheit feststellen zu müssen, dass er nur einen einzigen richtigen Freund hatte, mit dem er über alles reden konnte.“ (55).
„Und wie gewinnt man richtig gute Freunde, mit denen man über alles reden kann und mit denen man sich mitfreuen und mitleiden kann?“ fragte ich.
Papa überlegte lange. „Echte Freundschaft entsteht dann, wenn ich alles einbringe. Alles, was ich denke, was ich besitze. Alle meine Gefühle.“
„Wieso tun wir uns so schwer damit?“
„Schau mich an.“ Papa zeigte auf sich. „Vermutlich braucht es Krankheiten, Trennungen und Ähnliches, um sein Inneres nach aussen kehren zu können. Was wir als Lebenskrisen abtun, sind eigentlich Türöffner. Wir werden schwach und damit offen für neue Freundschaften.“ Papa machte eine kurze Pause. „Solange wir uns stark fühlen, zeigen wir nur unser Schaufenster.“ (57).

Kapitel 7 Ruf der Berufung
„Wie finde ich den richtigen Beruf?“ ist die nächste Frage, die Marie auf ihr Engelchen-Zettel schreibt, um sie dem schwerkranken Vater vorzulegen.
„Weißt du, meine Berufswelt war die meiste Zeit wie der Wilde Westen. Alles Cowboys – meine Manager-Kollegen. Zwar Mittagscüli statt High Noon, Krawatte statt Lederhose, Laptop statt Colt – aber alles voll im Griff. Schwächen? Denkste! Gefühle? Nur für Weicheier! Und anstelle der Steigbügel gibt es heute diese kleinen Technogerätchen….“ (61) schreibt Michael Egli, Jahrgang 1965, studierter Staatswissenschaftler, der seit 1992 in diversen Managementfunktionen gearbeitet hat – wie der Klappentext verrät und erzählt uns damit etwas von sich. (61).

Der Vater muss zum zweiten Mal operiert werden. „Diesmal blieb er länger im Krankenhaus. Er musste regelmässig in die Bestrahlung. Er hasste das“ (67).

Kapitel 8 Gedankenlos glücklich. Ein Kapitel über die Meditation und die „Mühle im Kopf“.
„Das ist kein Wegtreten, Marie. Im Gegenteil. Es sind doch diese dauernden Gedanken, die uns ablenken. Wir Menschen sind Denkmaschinen. Und vor lauter Nachdenken über die Vergangenheit und die Zukunft entgeht uns die Gegenwart. Ohne Gedanken sind wir viel aufmerksamer. Wie viele Katastrophen durchdenken wir im Kopf und begegnen ihnen nie im Leben.“ (71)

Kapitel 9 Gefühlsklavier
„Wieso ist man zornig und wütend? Wie soll ich mit meinen Gefühlen umgehen?“ fragt Marie ihren kranken Vater. (79).
Ein schönes Kapitel über Gefühle, Carl Gustav Jung und das Unbewusste.

Kapitel 10 Kann, aber muss nicht
„Ich hatte mir Zeit gelassen mit der nächsten Frage. Absichtlich. Denn ich hatte mit dem lieben Gott eine Vereinbarung getroffen. Er durfte Papa erst zu sich holen, wenn alle meine Fragen beantwortet waren“ erzählt Marie. (89). „Wie weiß ich, daß ich richtig entscheide?“. Ein Kapitel über die Philosophie

Kapitel 11 Du da oben
„Während der Adventszeit musste Papa häufiger ins Krankenhaus….“ (98) Und er zieht sich wieder mal in ein Benediktinerkloster zurück. Marie besucht ihn.
Und hat eine Frage: „War es wirklich so mit der Weihnachtsgeschichte und Jesus in Bethlehem? Gibt es den lieben Gott wirklich?“ (99)
Ein Kapitel über die Weisheit der Klöster, über Mystik und die Welt, über Weihnachten und den Buddhismus.
„Wir Menschen meinen, so wie unsere Sinne und unser Geist die Welt sehen, so sei sie. Das ist die grosse Täuschung. Es gibt sie nicht, die Welt. Wir machen sie uns selber. Tag für Tag.“ (102)
„Je mehr ich über den Tod nachdenke, umso mehr wird mir klar, dass nicht die Angst vor dem Tod es ist, die die Menschen blockiert. Es ist die Angst zu leben.“ (104).

Kapitel 12 Liebe
„Ja, Marie. Wenn der liebe Gott das Meer ist und unsere Seele eine Welle darin, dann ist die Liebe der Wind.“ (114).
„Die Tage wurden wieder länger. Der Frühling nahte. Neues Leben erwachte. Neues Unheil nahte. Als ich am Mittag von der Schule nach Hause kam, winkte mich meine Nachbarin zu sich. „Dein Papa wurde von der Ambulanz abgeholt!“ (119)

Kapitel 13 Zeit läuft davon. Oder etwas über Denki und Smiley
„Es gibt keine weiteren Bestrahlungen mehr, auch keine Chemo. …..“ (122).
„Schön, wieder Zeit mit dir zu verbringen, Marie.“
„Ich weiss Papa. Es ist echt streng im Gymnasium. Ich hatte einfach zu wenig Zeit.“
„Ja, Marie, keine Zeit ist die grosse Plage unserer Zeit. Ich kenne sie nur zu gut. Sie hat mich über viele Jahre verfolgt. Ich meinte immer, diese Plage komme von aussen, bis ich feststellte, dass sie aus mir selbst kommt.“ (124).

Kapitel 14 Lebensrad
„Das, worauf sich deine Aufmerksamkeit richtet, das wächst.“ (138)
„Marie, auf dem Weg der Lebenskunst fällst du immer wieder zurück. Das gehört dazu. Grosser Glaube, grosse Zweifel und grosse Entschlossenheit sind die drei Wegbegleiter. Sie begegnen jedem Wanderer auf dem Weg des Lebens. Grüsse sie freundlich und gehe mit ihnen.“ (138)

Kapitel 15 Kokon und Schmetterling
„Marie, denke immer daran. Wenn du das Rauschen der Tannen hörst, einen Windzug an deiner Wange spürst oder Regentropfen auf deiner Haut, dann bin das vielleicht ich.“ (139).
„Marie, warum stellst du letzte Engelchen-Frage nicht?“
„Welche Frage?“
„Marie, zu den Fragen, wie man leben soll, gehört auch jene, wie man sterben soll.“ (140).

Um es kurz zu sagen: es ist ein sehr gutes Buch! Es gehört zu seiner Qualität, dass es Resonanzen auslöst im Innern.
Ein passendes Geschenk zum Fest. Nicht nur für Jugendliche, sondern für alle, die auf dem Wege sind.

Michael Egli
Marie und das Lebensrad
Eine Erzählung zu den großen Lebensfragen
Lokwort Verlag 2010
150 Seiten € 19,80
ISBN 978-3-906786-37-7

Ich bin ein rares Federvieh…. neue Gedichte von Lothar Petzold

Schmal kommt das Bändchen daher.
Mit Gedichten über die Vögel unsrer Heimat.
Ich halte ein: das gibt’s doch schon. In Hülle und Fülle. Diese Vogelbücher.
Mit Fotos gar und Silben, die den Ton des Gesangs nachahmen wollen. Kaum etwas ist lächerlicher, wenn man das Hören kennt.

Doch dies hier ist anders.

Ich kenne den Mann, der diese Zeilen schrieb.
Preise hat er gewonnen. (u.a. Paul-Gerhardt-Preis 2007)
Viele seiner Worte sind zu Liedern geworden. Und werden gesungen.

Ich seh ihn sitzen an seinem Tisch, vor den Büchern. Groß und schwer.
Am See in Zeuthen bei Berlin.
Und sehe, wie er lauscht.
Sehe das Kind in ihm lauschen.

Er hat als Kind schon lauschen müssen. Im Krieg. Als die Bomben fielen und er im Keller saß voller Angst.

Wenn Lothar Petzold heute lauscht, kann er schreiben:

„Doch folge ich dem Lied,
das aus dem Baume bricht,
flieg ich von meinem Ort
hinauf zum Licht.“

Da schreibt ein Hörender. Einer, der es versteht, hinter die Dinge zu lauschen.
Er schreibt von der Liebe.
Von der „großen Melodie“, die in dem kleinen Vogel singt – wenn man zu hören versteht.

Nun ist es kühn, in unseren Tagen, zugelärmt von Seltsamkeiten, hinter die Dinge zu lauschen.
Petzold weiß das.
„Ich bin ein rares Federvieh….“ lässt er den Ortolan sagen (S. 13), jenen „vergessenen Vogel“ aus der Gruppe der Sperlingsvögel, die man in Frankreich und Italien in Alkohol ertränkt, rupft und brät. „Sein Bestand ist gefährdet“, weiß der erklärende Text zu berichten.

Ich weiß, warum Petzold sich in die Vögel verhört hat.
Sie erzählen ihm etwas über sich.
Er hört, wozu er in Resonanz ist.

Aber, da lugt auch der andre Petzold aus dem Geäst, der mit der großen Kraft.
Der von der „großen Melodie“ weiß, die alles trägt und durchklingt.
Die winzige Grasmücke lässt er singen:

„Ist mein Kleid auch unscheinbar,
doch nicht so meine Stimme.
Ich klinge einer Orgel gleich,
volltönend sei die Minne!“

Da seh ich ihn sitzen. Lothar Petzold. In seiner großen Gestalt und mit seiner großen Sehnsucht.
Wie er lauscht.
Und wieder Kraft tankt.
In der Großen Melodie, die die kleinen Vögel singen.

Ein anrührendes Büchlein. Für Menschen, die bereit sind, hinter die Worte zu hören.
Lothar Petzold
„Wer singt denn da?“
WIEDENVERLAG Schwerin

http://www.wieden-verlag.de/index.php5?go=Start

und über den Autor: Lothar_Petzold@t-online.de