27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

27. Januar. Holocaust-Gedenktag und die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß

104 russische Kriegsgefangene waren im „Borner Hof“ untergebracht. Mitten im Dorf Born auf dem Darß. Man hörte, wenn sie morgens in Holzpantinen zur Arbeit marschieren mussten, singend.
Jeder konnte sie sehen, sie zogen ja mitten durchs Dorf zur Meilerei der SS, die am Ortsrand aufgebaut war.
4 Todesopfer sind bezeugt, vermutlich waren es mehr.
Auf dem Friedhof in Born gibt es eine weit abgelegene Ecke, die von den Dorfbewohnern „das Russengrab“ genannt wird. Wer hier bestattet liegt, bleibt bislang Vermutung. Wahrscheinlich handelt es sich um erschossene Menschen, die aus dem KZ-Außenlager im „Borner Hof“ fliehen wollten.

Es gibt keine Gedenktafel für diese Menschen in Born.

Deshalb erinnere ich an sie. Nicht nur heute, am „Holocaust-Gedenktag“, sondern schon seit beinahe zwei Jahren. Ein Buch ist mittlerweile über das KZ-Außenlager „Borner Hof“ entstanden, eine facebook-Seite bringt die Recherche-Fortschritte.

Wir können die Menschen nicht wieder lebendig machen, aber wir können an sie erinnern. An Meta Zils beispielsweise, die Zeugin Jehovas, die mit drei anderen Zeuginnen beim SS-General Franz Mueller-Darss auf dem Hof schuften musste. Heute ist dort das „Forst- und Jagdmuseum „Ferdinand von Raesfeld„“ untergebracht. Auch dort kein Hinweis auf die „privaten Häftlinge“ des SS-Generals, der zum engsten Kreis von SS-Reichsführer Heinrich Himmler gehörte.

Wir können nicht wieder gut machen, was damals geschehen ist.
Aber wir können daran erinnern.
Damit sich so etwas niemals wiederholt.

Die Gemeinde Born hat im vergangenen Jahr beschlossen, die Geschichte des KZ-Außenlagers, zu dem auch das heutige „Forst- und Jagdmuseum“ gehörte, aufarbeiten zu lassen und hat dafür auch einen beträchtlichen Geldbetrag zur Verfügung gestellt. Dass es dazu kam, hängt auch mit meinen Recherchen zusammen, wenn sie einen kleinen Anstoß gegeben haben, soll es mich freuen. Auch waren Beiträge von Dr. Sternkiker von der Ostsee-Zeitung dem Anliegen sehr dienlich, dafür sei ihm gedankt.
Es ist dringend wünschenswert, dass am Ende der Recherchen nicht nur eine Publikation erscheint, sondern dass auch durch kleine Gedenktafeln im Ort an die Häftlinge erinnert wird.

Erinnerung ist Arbeit. Erinnerung ist manchmal auch sehr unbequem und schmerzhaft, weil Fragen gestellt werden, die man nicht gern gehört hätte. Es ist aber not-wendig, dass diese unbequemen Fragen gestellt werden. Damit ausheilen kann, was gewesen ist.

Mueller-Darss und der „Werwolf“

Mueller-Darss und der „Werwolf“

Der Historiker und Journalist Dr. Edwin Sternkiker von der Ostsee-Zeitung in Ribnitz-Damgarten, der sich intensiv mit der NS-Zeit und auch der Zeit danach auf dem Darss befasst hat und befasst, meint, Franz Mueller-Darss habe am Ende des Krieges im April/Mai 1945 versucht, von seinen Bunkern im Darss-Wald aus Aktionen des „Werwolf“ zu organisieren. Schriftliche Belege dafür habe ich bislang in den untersuchten Akten zu Mueller-Darss nicht gefunden, was auch seltsam wäre, ich will aber dennoch dieser Spur einmal genauer nachgehen.
Gesichert ist, dass sich Mueller-Darss ab dem 30. April 1945 in Bunkern im Darss eingegraben hat.
In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ (Schweiz 1955) spricht er von zwei Bunkern, im Buch „Verklungen Horn und Geläut“ (verfasst von dem NS-Schriftsteller Wolfgang Frank) ist von vier Bunkern die Rede.
Die Frage ist, weshalb Mueller-Darss nicht auf die Flucht gegangen ist, sondern weshalb er sich überhaupt eingegraben hat. Klar war, „die Russen“ suchten ihn. Er behauptet, „10.000 Mark“ seien auf ihn ausgesetzt gewesen. In seinem Buch „Kein Ort zu bleiben“ behauptet er, er sei „aus Liebe zu meinem Wald“ geblieben, er habe „seinen Lebensinhalt“ auf dem Darss gefunden und wollte deshalb bleiben.
Das ist wenig glaubwürdig. Man bleibt nicht, wenn man mit Kopfprämie gesucht wird, nur weil man einen Wald schön findet.
Glaubwürdiger ist ein anderer Gedanke: dass sich der SS-Mann Mueller „so lange es irgend geht gegen die Russen“ zur Wehr setzen wollte. Mueller-Darss war er verblendeter Russen-Hasser, die Belege dafür sind zahlreich.
Allerdings schreibt er in „Kein Ort zu bleiben“:
„Zwar habe ich meine Waffen vergraben, doch wollen wir sie nicht anrühren. Ich habe keine Lust, Werwolf zu spielen. Das war die letzte verrückte, verbrecherische Idee, die in Berlin ausgeheckt wurde. Der Krieg ist aus, und jeder, der die Waffe och einmal aufnimmt, ist des Todes. Und ist ein Narr!“
Diese Bemerkung wiederum könnte ein nachträglicher Vertuschungsversuch seines Verhaltens sein. Das Buch erschien erst 1955, also zehn Jahre nach den Ereignissen in einer Zeit, in der man nicht gern an seine SS-Vergangenheit erinnert werden wollte.

Klar ist zweitens: Mueller-Darss und Himmlers Beauftragter für die „Werwolf“-Organisation, der SS-Oberführer Hans-Adolf Prützmann kannten sich. Und zwar kannten sie sich gut. Sie waren mehrmals bei Himmler zu Tisch, wie ich anhand des Diensttagebuches von Himmler kürzlich nachgewiesen habe. Mehr noch, sie waren „gute Kameraden“.
Mueller-Darss berichtet im Buch „Verklungen Horn und Geläut“:
„Ich habe auch noch einmal eine Frau gefunden, zudem die Witwe eines Kameraden, ……“ (433 in der 15. Auflage von 1985).
Diese Frau war Christa, geb. von Boddien, verwitwete Prützmann, wie meine Recherchen nachweisen konnten. Ihre Todesanzeige von 2008 gibt den Hinweis. Ihre Söhne unterzeichnen mit „Prützmann“, nicht mit „Mueller-Darß“.
Auch diese enge Verbindung zwischen der Familie Prützmann und Franz Mueller-Darss könnte ein Hinweis dafür sein, dass sich der „Forstmeister“ eher den „Werwölfen“ angeschlossen hat, als einfach in den Westen zu ziehen. Der Darss war militärisches Sondergebiet, Anschläge hätten wirkungsvoll sein können. Allerdings: es gibt keinerlei Hinweise darauf, dass Mueller-Darss und seine Kumpane, mit denen er im Bunker gesessen hat, tatsächlich Anschläge verübt haben.
Heute fand ich eine englisch-sprachige Aufzeichnung über die „Werwölfe“, die hier im Beitrag eingefügt sein soll. Zu sehen sind unter anderem Reichsführer SS, Heinrich Himmler und sein Werwolf-Organisator Hans-Adolf Prützmann. Auch gibt es einführende Hinweise im „Lebendigen Museum online.“ Klar ist: am Ende des Krieges waren es oft verblendete sehr junge Hitler-Jungen, die als „Werwölfe“ unterwegs waren, wie der Schriftsteller Erich Loest im hier verlinkten Beitrag des ZDF von sich erzählt. In der sowjetischen Besatzungszone sind viele von ihnen zunächst im NKWD-Sonderlager (zum Beispiel in Fünfeichen oder auch in Hohenschönhausen), nicht wenige von ihnen auch im Gulag gelandet. So mancher Ort ist von der Roten Armee beinahe dem Erdboden gleichgemacht worden, nur weil in den letzten Tagen des Krieges solche verblendeten „Werwolf“-Jüngelchen auf einem Kirchturm die Hakenkreuzfahne gehisst haben, obwohl die russischen Panzer schon direkt vor dem Ortseingang standen, wie es in Gartz an der Oder beispielsweise gewesen ist. Dieser Heimatort meiner Familie war bis unmittelbar vor dem Kriegsende fast völlig unversehrt, wurde dann aber zu einer Ruinen-Stadt, als Hitler-Jungen, die sehr wahrscheinlich den Werwölfen zuzurechnen sind, die alte Fahne auf der Kirche gehisst haben. Die militärischen Erfolge, die sich Himmler von den „Werwölfen“ erhoffte, sind nicht eingetreten.

Franz Mueller. Kein Ort zu bleiben. Zürich 1955. Gelesen und kommentiert im Jahre 2020

Franz Mueller. Kein Ort zu bleiben. Zürich 1955. Gelesen und kommentiert im Jahre 2020

Franz Mueller-Darss hat zahlreiche Spuren hinterlassen. Man findet seine SS-Personalakte im Bundesarchiv. Man findet Unterlagen im Archiv der ehemaligen Staatssicherheit, man findet auch Unterlagen im Archiv des Bundesnachrichtendienstes.

Zusätzlich hat Franz Mueller-Darss, der SS-Generalmajor im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler auch Bücher geschrieben bzw. schreiben lassen.

Das erste, von ihm geschriebene Buch (das zweite ist vom NS-Schriftsteller Wolfgang Frank) über seine Flucht vom Darß nach Hamburg erschien in der Schweiz im Jahre 1955 unter dem Titel „Kein Ort zu bleiben“. (Meine Kommentarfassung erreicht man durch anklicken).
Das Buch ist der Versuch, seine Biografie zu „glätten“ und dabei auszulöschen, was doch gewesen war. Ich habe das Buch nun gelesen, ausgewertet und mit Anmerkungen versehen, der link dahin ist weiter oben eingefügt. Da das Buch im Buchhandel auch antiquarisch nicht mehr zu bekommen ist, ist die hier vorgelegte Kurzfassung vielleicht für den einen oder anderen hilfreich.

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Reichsführer SS Heinrich Himmler lud regelmäßig zum Essen ein. Mittagessen gab es pünktlich um 14 Uhr. Abendessen – je nach Lage – zwischen 20 und 21 Uhr. Ich habe die gerade neu herausgebrachten Diensttagebücher Himmlers der Jahre 1943-1945 auf Treffen zwischen Himmler und Franz Mueller-Darss hin ausgewertet. Ich wollte wissen, mit wem sich Mueller-Darss an Himmlers Tisch getroffen hat. Dieses „Ganoven-Netzwerk“ wurde nach dem Kriege zentral wichtig, als es für viele darum ging, eine neue Identität und eine neue Karriere aufzubauen. Die Recherche der Tischgäste ist nur ein erster Beginn – was aber jetzt bereits sichtbar wird: hier handelt es sich um Ganoven-Netzwerk erster Güte. Viele von denen wurden in Kriegsverbrecherurteilen verurteilt, etliche haben sich das Leben genommen, manche wurden hingerichtet, einige sind geflohen und untergetaucht. Aber: man kannte sich vom Essen beim Reichsführer SS.

Quelle: Diensttagebuch Heinrich Himmler 1943-45, hrsg. Von Matthias Uhl, u.a. Piper, 2020.

  1. Dienstag, 28. Juni 1943 Berchtesgaden

14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz[1], SS-Obergruppenführer von dem Bach[2], SS-Gruppenführer v. Herff[3], SS-Gruppenführer Oberg[4], SS-Brigadeführer Kammler[5], SS-Brigadeführer v. Alvensleben[6], SS-Standartenführer Mueller.
15 Uhr: Vorführung eines Hundeschlittens durch Mueller

  • Mittwoch, 9. Juni 1943 Berchtesgaden.
    20.15 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz, SS-Standartenführer Mueller.
  • Donnerstag, 10. Juni 1943 Berchtesgaden (Himmler ist erkältet im Bett)
    15 Uhr Treffen Himmler-Mueller

4. Sonntag, 19. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald (Nähe Wolfsschanze, Ostpreußen)
14 Uhr Mittagessen Himmler mit SS-Obergruppenführer Berger[7], SS-Obergruppenführer Krüger[8], SS-Brigadeführer Glücks[9], SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode[10], SS-Hauptsturmführer Cantow[11].

5. 17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller
6. 17.50 Uhr SS-Standartenführer Mueller (Vieraugengespräch mit Himmler)
7. 20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding[12].

8. Montag, 20. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Jüttner[13], SS-Brigadeführer Kammler, SS-Brigadeführer Fegelein[14], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Ruoff[15], SS-Obersturmbannführer Dr. Stumpfegger[16], SS-Sturmbannführer Gräßler[17], SS-Sturmbannführer Reinhardt[18].

9. Montag, 7. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
20.30 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Staatsminister K.H. Frank[19]; SS-Obergruppenführer Prützmann[20], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmführer Wittmann[21] (LSSAH), Herr Febrans (Begleiter v. SS-Ogruf. Frank), SS-Unterscharführer Fritsch[22].

10. Dienstag, 8. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Standartenführer Mueller, SS-Sturmbannführer Kment[23], SS-Obersturmführer Wittmann, Oberleutnant Ritter.

11. Mittwoch, 9. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Obergruppenführer Hildebrandt[24]; SS-Standartenführer Mueller; SS-Obersturmbannführer Tiefenbacher[25], SS-Sturmbannführer Christoph, SS-Hauptsturmführer Eicker, Hauptmann Kaatz, Fräulein Lorenz,

12. Montag, 22. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (in der Nähe von Hitlers Berghof)
20.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Stuckart[26], SS-Gruppenführer Bracht[27], SS-Brigadeführer Kreißl[28], Regierungspräsident Dr. Faust, SS-Brigadeführer Diermann[29], Oberst Flade, SS-Standartenführer Mueller, Dr. Bode[30].

13. Dienstag, 23. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (bei München)
14 Uhr Mittagessen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Dr. Stuckart, SS-Gruppenführer Simon[31], SS-Gruppenführer Bracht[32], SS-Brigadeführer Kreißl, Regierungspräsident Faust, SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Becher[33], SS-Standartenführer Wagner[34], SS-Sturmbannführer Backhaus

14. Mittwoch, 24. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald/Sonthofen
13.30 Uhr Gespräch Himmler mit SS-Standartenführer Mueller-Darß

15. 13.45 Uhr Essen mit SS-Gruppenführer Johst[35], SS-Obersturmbannführer D´Alquen[36], SS-Obersturmbannführer Stumpfegger[37], SS-Standartenführer Mueller.

16. Freitag, 16. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Gruppenführer Johst, Generalarbeitsführer Schmückle[38], Oberarbeitsführer Brandstatter, SS-Oberführer Rode[39], SS-Standartenführer Baum[40], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Sturmbannführer Wenner, SS-Sturmbannführer Dr. Frank.

17. Sonnabend 17. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
21.00 Uhr Essen Himmlers mit Reichsjugendführer Axmann[41], SS-Obergruppenführer Jüttner[42], SS-Obergruppenführer Koppe[43], SS-Gruppenführer Johst, SS-Sturmbannführer Gräßler[44], SS-Hauptsturmführer Reichenbach, SS-Oberführer[45] Mueller, Adjutant von Axmann.

18. Sonntag, 18. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14.10 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Standartenführer Baumert[46], SS-Gruppenführer Johst, SS-Standartenführer Rode[47], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Untersturmführer Winkler, Fräulein Lorenz.  

19. Sonntag, 22. Oktober 1944 Pötschendorf
14.00 Uhr Essen[48] Himmlers mit SS-Obergruppenführer v. Herff[49], SS-Standartenführer d’Alquen, SS-Oberführer Mueller, SS-Oberführer Baum[50].

20. Sonnabend, 11. November 1944 München
20.15 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Demelhuber[51], SS-Standartenführer Ax; SS-Oberführer Mueller, SS-Standartenführer Kloth, SS-Gruppenführer Gebhardt, SS-Gruppenführer Johst

21. 00.00 Uhr Gespräch Himmler mit Mueller[52]

22. Dienstag, 16. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer v.d. Bach[53], SS-Obergruppenführer Jeckeln[54], SS-Brigadeführer Rode, SS-Brigadeführer[55] Mueller-Darß

23. 20 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, General Hauck[56], SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Hauptsturmführer Dr. Groß[57]

24. Mittwoch, 17. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmler mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Gruppenführer Ostendorf[58], 2 Generälen und 5 Scharfschützen (Jakob Horn, Georg Kleeberg, Heinrich Lünne, Alfons Ludwig, Karl Maier; vgl. Uhl a.a.O. 1000).

25. Sonntag, 11. Februar 1945 Feldkommandostelle Birkenwald (bei Prenzlau)
20.00 Uhr Essen[59] Himmler mit General Wenck[60], SS-Brigadeführer Mueller-Darß


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Lorenz

[2] Bereits im Oktober 1942 hatte Himmler Erich von dem Bach-Zelewski als „Bevollmächtigten des RF-SS für die Bandenbekämpfung“ eingesetzt (Uhl, a.a.O. 31). In den zu „Bandenkampfgebieten“ erklärten Regionen „konnten SS und Polizei willkürlich schalten und walten, die Besatzungsjustiz wurde durch „Standgerichte“ ergänzt, die im Schnellverfahren Todesurteile herbeiführten.1943/44 überzogen Wehrmacht und Polizei fast im Wochentakt einzelne „Partisanenregionen“ mit großen Aktionen. Am 4. August 1944 schickte Himmler von dem Bach nach Warschau und ordnete die systematische Erschießung der Zivilbevölkerung in den umkämpften Vierteln (Ghettoaufstand) an, etwa 160.000 Menschen wurden getötet. (a.a.O. 33).

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Herff#:~:text=Maximilian%20Karl%20Otto%20von%20Herff,1942%20Chef%20des%20SS%2DPersonalhauptamtes.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Oberg

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kammler

[6]https://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf-Hermann_von_Alvensleben

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Gottlob_Berger

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Kr%C3%BCger_(SS-Mitglied)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gl%C3%BCcks

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode#:~:text=Ernst%20August%20Rode%20(*%209,und%20Generalmajor%20der%20Waffen%2DSS.

[11] https://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php?thread/38776-kampfgruppe-cantow/

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Lammerding

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner. 1965 in Bad Tölz gestorben, Lenggries liegt gleich nebenan ….

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Fegelein. Verheiratet mit Eva Brauns Schwester Gretl ….

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ruoff

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Stumpfegger , der Mörder der Kinder von Goebbels und Leibarzt Himmlers …

[17] https://www.the-saleroom.com/en-gb/auction-catalogues/bene-merenti-auktionen/catalogue-id-srbene10002/lot-11142f11-532c-4416-a5d4-a3fc018712e4 zeitweilig Adjutant von Reinhard Heydrich. Sein Totenkopfring war noch zu haben ….

[18] Nicht klar, ob  dieser Fritz Reinhardt gemeint ist https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Reinhardt_(SS-Mitglied) oder der ehemalige Gestapo-Chef in Norwegen: https://www.ardmediathek.de/swr/video/abendschau/ss-sturmbannfuehrer-verhaftet/swr-de/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExNjYyNDE/  

[19] https://www.wikiwand.com/de/Karl_Hermann_Frank vgl. auch den Bericht über die Hinrichtung von Karl Hermann Frank in der Tschechei: https://deutsch.radio.cz/mai-1946-die-hinrichtung-von-karl-hermann-frank-und-das-schicksal-von-kamil-8620121

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Adolf_Pr%C3%BCtzmann Nach der Hinrichtung des Kriegsverbrechers Prützmann hat Franz Mueller-Darss dessen Witwe geheiratet. Christa Prützmann, geborene von Boddien, war Muellers dritte Frau.

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Wittmann_(SS-Mitglied) der „erfolgreichste Panzerkommandant des 2. Weltkrieges“ ….

[22] Unklar: entweder der Mann aus Auschwitz https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritzsch oder der Mann aus Sachsen: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritsch_(Politiker)

[23]  https://www.tracesofwar.com/persons/13590/Kment-Wilhelm.htm

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hildebrandt

[25] https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19 aus dem Persönlichen Stab Reichsführer SS. Dem dürfte der Herr aus dem Darsser Wald auch auf den Fluren begegnet sein.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Stuckart

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Krei%C3%9Fl

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Diermann

[30] Könnte der Leiter des Ministerbüros des Innenministers sein. Vgl. Seite 11: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_4_4_lehnstaedt.pdf

[31] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Simon_(SS-Mitglied)

[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei. Oder Fritz Bracht, der mit Himmler in Auschwitz an der Ermordung von Häftlingen teilnahm: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bracht . Für Letzteres spricht auch, dass Mueller mit am Tisch saß, dessen Hunde hatten die KZs zu bewachen.

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher. Dieser Herr Becher könnte mit seinen zahlreichen Handelsfirmen in Bremen und Umgebung dem Herrn Mueller durchaus behilflich gewesen sein, nach dem Kriege wieder Fuß zu fassen…..

[34] https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Wagner_(Diplomat) der Herr vom Verbindungsbüro ins Auswärtige Amt.

[35] Der „Barde der SS“: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Johst oder der Herr von der Einsatzgruppe A: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Jost im Kalender von Himmler ist allerdings klar von „JOHST“ die Rede.  

[36] Der Herr vom „Völkischen Beobachter“ und vom „Schwarzen Korps“: https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_d%E2%80%99Alquen, seit 1935 ein alter Vertrauter vom Herrn Himmler

[37] https://de.qaz.wiki/wiki/Ludwig_Stumpfegger der Leibarzt vom Heinrich Himmler, der zuletzt im Führerbunker dabei war. Der konnte dem Herrn Mueller nach dem Kriege allerdings nicht mehr viel nützen, weil er selber schon tot war.  

[38] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schm%C3%BCckle_(Politiker)

[39] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode der Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[40] http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Personenregister/B/BaumO.htm

[41] Erst 1996 in Berlin gestorben: https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Axmann

[42] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner

[43] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Koppe

[44] Vgl. dazu https://www.wikiwand.com/de/Gesch%C3%A4ftsverteilungspl%C3%A4ne_des_Geheimen_Staatspolizeiamtes

[45] Man hat ihn offenbar befördert.

[46] Aus dem Persönlichen Stab RFSS, Mueller wird ihm öfter über den Weg gelaufen sein: https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19

[47] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode

[48] Im kleinsten Kreise. Mueller muss sehr „dicke“ gewesen mit dem Himmler gewesen sein, anders sind solche Einladungen nicht erklärlich.

[49] Chef des SS-Personalhauptamtes seit 1942

[50] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Baum_(SS-Mitglied) der Panzerfahrer ….

[51] SS-Obergruppenführer Demelhuber fungierte als Befehlshaber der Waffen-SS in den Niederlanden, SS-Standartenführer Ax war der Chef seines Stabes (Uhl, a.a.O. 939) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Maria_Demelhuber. Hier sieht man ihn „mit Hund“. Nach dem Kriege führt seine Spur nach Schleswig-Holstein und zur HIAG. Mueller könnte seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Möglicherweise war Mueller selbst Mitglied in der HIAG (was zu prüfen wäre).

[52] „Der RF SS erließ einen Organisationsbefehl für das Diensthunde- und Brieftaubenwesen. Er unterstellte sich diesen Bereich „unmittelbar“ und beauftragte Franz Mueller-Darß, mit dem er mehrmals die Notwendigkeit der Neuordnung der Rekrutierung und Ausbildung von Diensthunden erörtert hatte, mit der Leitung.“ (Uhl, Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945, a.a.O. S. 939)

[53] Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[54] Verantwortlich für die Ermordung von mehr als 100.000 Menschen, u.a. in Riga. 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet : https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Jeckeln

[55] Offenbar erneut befördert.

[56] Arbeitet nach dem Krieg beim „Evangelischen Hilfswerk“ bei Eugen Gerstenmaier. In diesem Netzwerk waren etliche Altnazis versteckt. https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Hauck

[57] Vermutlich dieser promovierte Jurist aus Österreich: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Gro%C3%9F#:~:text=Kurt%20Gro%C3%9F%20(*%205.,der%20Waffen%2DSS%20und%20Unternehmensberater.

[58] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Ostendorff . 1945 in Folge einer Brandgranate im Lazarett an Gasbrand gestorben.

[59] Das letzte gemeinsame Essen vor dem Ende des Krieges.

[60] Generalleutnant Walther Wenck, „Hitlers letzte Hoffnung“; Chef der Operationsgruppe des Generalstabes des Heeres, sollte das Unternehmen „Sonnenwende“ koordinieren. (Uhl, a.a.O. 1030) https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Wenck in seiner 12. Armee dienten Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt. Wenck gelang ein Rückzug nach Westen bis Tangermünde an der Elbe. Im Rathaus von Stendal kapitulierte seine 12. Armee.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Es war eine Sensation, als man die verloren geglaubten Blätter mit dem Dienstkalender Heinrich Himmlers für die Jahre 1943 – 1945 im Jahre 2013 in Podolsk in der Nähe von Moskau in einem russischen Archivbestand fand.
Nun (2020) sind sie ganz frisch in einer sorgfältig edierten wissenschaftlich kommentierten Ausgabe bei piper erschienen und stehen der Forschung als erstklassige Quelle zur Verfügung.

Die Jahre 1943 – 1945 sind für unseren Zusammenhang der Erforschung der NS-Geschichte auf dem Darss insofern von Bedeutung, als der Forstmeister und spätere SS-Generalmajor der Waffen-SS, Franz Mueller-Darss in jenen Jahren hauptamtlich im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler arbeitete. Er war zuständig für das „Hundewesen“ in Polizei, Wehrmacht und SS.

Himmlers Dienstkalender gibt uns nun exakte Auskunft darüber, mit wem Mueller-Darss im Kontakt war, wann er sich mit Himmler und den anderen Ganoven traf und manchmal wurde sogar vermerkt, worüber gesprochen wurde.

Beispielsweise Sonntag, 19. September 1943. Feldkommandostelle Hochwald.
14.00 Uhr Mittagessen mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode, SS-Hauptsturmführer Cantow
17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS Standartenführer Mueller
20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding. (zitiert nach: Matthias Uhl u.a. „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945“ Piper 2020, S. 452)

Beim Gespräch um 17.10 Uhr mit Glücks und Mueller ging es um den vermehrten Einsatz von Hunden bei der Bewachung der Konzentrationslager.

Wir sehen an diesem einen Tag: Mueller gehörte zum engsten Kreis um Himmler, er gehörte zur „Tafelrunde“ und traf sich an Tagen wie diesem gleich mehrfach mit dem Reichsführer SS.

Ich werde mir diese wertvolle mehr als 1000-seitige Quelle, die mir seit gestern zur Verfügung steht, nun genau auf die Kontakte von Mueller-Darss durchschauen und auch seine „Tischgenossen“ genauer in den Blick nehmen, damit deutlicher wird, in was für einem SS-Netzwerk der Hundemüller aus Born a. Darß gearbeitet hat. Was wir jetzt bereits sehen können: Mueller-Darss war keineswegs ein „irgendwer“ im Kreise des Reichsführers SS, sondern gehörte zum inneren Zirkel.

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Beide kannten sich. Beide gehörten zum engsten Kreis um Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Der eine war sein „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – der hatte sich um etwa 50.000 Hunde bei SS, Militär und Polizei zu kümmern, wozu auch die Bewachung der KZ-Häftlinge, insbesondere in den Außenkommandos der Konzentrationslager gehörte. Der andere war ein Arzt, der den Heinrich Himmler behandelte, wenn der mal wieder seine Magenschmerzen hatte.

Jener Arzt nun, Felix Kersten, bittet den „Hundemüller“, Franz Mueller-Darss also, um einen Gefallen. Man schreibt das Jahr 1949, der Krieg war vorbei. Felix Kersten soll in einem Untersuchungsverfahren belegen, dass tatsächlich er es war, der durch eine Intervention bei Heinrich Himmler erreicht hat, dass etwa 8 Millionen Holländer nicht in die Ukraine und nach Weißrussland und ins Generalgouvernement zwangsumgesiedelt wurden, wie ein angeblich von Adolf Hitler unterzeichneter Umsiedlungsplan schon für das Jahr 1941 eigentlich vorsah.

Der niederländische Historiker Louis de Jong hat sich mit jenem Umsiedlungsplan, für dessen angebliche Verhinderung Felix Kersten höchste Auszeichnungen in den Niederlanden erhalten hat, genauer befasst. Seine Ergebnisse kann man in der Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Nr. 28 unter dem Titel „Zwei Legenden aus dem Dritten Reich“ „Felix Kersten und die Niederlande“ (DVA Stuttgart 1974, S. 77-138) finden. Das Ergebnis seiner vorzüglichen textkritischen Arbeit lautet kurz und lapidar:
einen solchen von Hitler unterzeichneten Umsiedlungsplan hat es nie gegeben.

Nun aber schreibt man das Jahr 1949 und der Leibarzt Himmlers sucht immer noch weitere „Zeugen“ für seine Variante der Erzählung. Vom persönlichen Adjutanten Himmlers, Dr. Rudolf Brandt (im „Ärzteprozess“ am 20. August 1947 zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 in Landsberg hingerichtet) hatte er schon im Oktober 1947 eine als „vorsichtige Unterstützung“ zu lesende schriftliche Aussage bekommen . Man muss dabei wissen: Zur Unterstützung Brandts in dessen Prozess hatte Kersten am 8. Januar 1947 eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die dem American Military Tribunal zur Entlastung Brandts vorgelegt wurde.
Beide Männer helfen sich also gegenseitig.

Einen weiteren „Zeugen“ seiner Variante der Wahrheit bringt Felix Kersten im Jahre 1949 bei: er wählt Franz Mueller-Darss, der sich im Verfahren aber als „Franz Müller-Darss. Generalmajor d. R. Beauftragter für Forst- u. Jagdwesen im Stabe des Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“ bezeichnet. Beide kannten sich aus dem Persönlichen Stab des Reichsführers SS. Der eine als dessen „Hundebeauftragter“, der andere als dessen Leibarzt.

Franz Mueller-Darss (er hat, so ist es in seiner SS-Personalakte sauber notiert, größten Wert darauf gelegt, MUELLER geschrieben zu werden. Nun heißt er schlicht „Müller“) behauptet, „Beauftragter für Forst- und Jagdwesen“ gewesen zu sein. So jemanden hat es aber nie gegeben. Schon gar nicht im Stabe des „Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“. Interessanterweise gibt Mueller-Darss keine Adresse an, als er am 28. September 1949 in Hamburg eine schriftliche „Erklärung“ zugunsten von Felix Kersten abgibt.

Wie Luis de Jong in seinem Artikel akribisch nachweist:

der ehemalige Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss, im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler „Beauftragter für das Diensthundewesen“ gibt dem Leibarzt Himmlers, Dr. Felix Kersten im Jahre 1949 ein zusammengelogenes Gefälligkeitsgutachten zu einem „Deportationsplan“, den Kersten verhindert haben will, den es aber nie gegeben hat.

Dabei – und das ist nebenher noch interessant – vermeidet es Herr „Müller“, eine Adresse anzugeben und die Unterschrift unter seiner „Erklärung“ weicht ebenfalls deutlich von der Unterschrift unter seinem persönlichen Lebenslauf in der SS-Personalakte ab.
Luis de Jong kommentiert trocken: „Müller-Darss hat aus Gründen, die man nur vermuten kann, in seiner Aussage seinen wahren Rang und seine wirkliche Funktion verschwiegen und durch andere Angaben ersetzt.
Der „Generalmajor der Reserve“ hatte offenbar Gründe, Nachforschungen über seine Person zu erschweren.“ (a.a.O. S. 116).

Ein Grund ist inzwischen bekannt: Franz Mueller-Darss war seit 1948 in den Diensten der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Er lebte im Jahre 1949 in Hamburg.

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Mein Exemplar stammt aus der 15. Auflage des Buches „Verklungen Horn und Geläut. Die Chronik des Forstmeisters Franz Mueller-Darß“. Diese Auflage erschien im Jahre 1994. In dieser Ausgabe (1994!) kann man zum Beispiel folgende Sätze lesen:
„Etwa im Jahre 1937 kam auch General Keitel zum ersten Male auf den Darß, ein kräftig gebauter, ruhiger, freundlicher und nachdenklicher Mann, der manche gute Stunde in meinem Walde und an meinem Kamin mit mir verbrachte …….Ich denke, daß ihm schweres Unrecht angetan worden ist, nicht nur durch den schmählichen Prozeß in Nürnberg, der ihn ein Opfer politischer Rache werden ließ, sondern auch durch das schnell fertige Urteil aller jener, die den Beweis schuldig geblieben sind, daß sie selbst in seiner Stellung richtiger, klüger, verantwortungsbewußter und tapferer gehandelt hätten. …..Dies muss gesagt werden um der Gerechtigkeit willen.“ (a.a.O, S. 331/332).

Da schreibt also ein ehemaliger SS-Generalmajor im Jahre 1954, der Herr Mueller-Darss nämlich, der Herr Feldmarschall Keitel sei in Nürnberg im großen Kriegsverbrecher-Prozeß ein „Opfer politischer Rache“ geworden, im Übrigen sei der ganze Prozess ein „schmählicher Prozess“ gewesen. (Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, von 1938 – 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wurde im Nürnberger Prozess in allen neun Punkten für schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 in Nürnberg durch den Strang hingerichtet.)

Man muss wissen: die erste Ausgabe dieses Machwerks vom Herrn Mueller-Darß erschien 1954, also knapp zehn Jahre nach Kriegsende. Es erschien nicht in Deutschland, da wäre das nicht möglich gewesen, es erschien in der Schweiz. Dieses Buch, das als „Chronik“ angelegt ist, hat einen einzigen Zweck: die lange NS-Vergangenheit des Herrn „Forstmeisters“ zu verschleiern, seine SS-Mitgliedschaft zu bagatellisieren und seine Biografie zu „begradigen“. Das ist das eigentliche Ziel dieses schwülstigen Waldromantik-Buches. Es ist kein Wunder, dass dieses Machwerk in rechtsradikalen Kreisen nach wie vor gern gelesen wird. 15 Auflagen kommen ja nicht von ungefähr.

Man kann allerdings am Text nachweisen, worum es dem „Forstmeister“ mit dem Buch eigentlich geht. Über seine SS-Mitgliedschaft – die nur ein einziges Mal im ganzen dicken Buch überhaupt Erwähnung findet -, ist folgendes zu lesen:

„Etwa um die gleiche Zeit (Sommer 1940) wurde mir die Einberufung zugestellt. Göring befahl mich als „forstlichen Verbindungsmann zur Waffen-SS mit der Aufgabe, in den der Waffen-SS zugefallenen Waldgebieten der besetzten Länder die forst- und wildwirtschaftliche Kontrolle und Verwaltung zu üben.“ (a.a.O. S. 345) – So eine Art „SS-Oberförster über Russland und angrenzende Gebiete also“.
Der Mann lügt schlicht und einfach.
So einen SS-Wald-Verbindungs-Menschen hat es nie gegeben.
Wie aber ist er wirklich zur SS gekommen? Er hat sich, wie die hier im blog bereits veröffentlichten Dokumente zeigen, schon 1936 um die Aufnahme in die SS geradezu gedrängelt, weil er bei der SA nichts mehr werden konnte. Er hat weiterhin in der SS eine überaus steile Karriere gemacht, weil er engste Beziehungen zu Himmler und Pohl (Chef vom WVHA der SS) unterhielt. Und bei seinen SS-Freunden, insbesondere seinem „lieben Oberführer“ hat er dafür gesorgt, dass er aus der Zuständigkeit der Wehrmacht eben zur SS kam, „dass sie mich nicht etwa plötzlich einziehen“, wie wir im Dokument (von 1943!!) sehen können.

Nein, der Herr Mueller war nicht bei der Wehrmacht. Und er war auch kein „Verbindungsmann“ wegen irgendwelcher forstlichen Angelegenheiten. Er war seit 1941 im Persönlichen Stab des Reichsführers SS und ab 1942 dessen „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – dazu gehörten Such-, Melde-, Munitionsspür-, Panzerabwehr- und eben KZ-Wachhunde. Er war der Herr über zuletzt 50.000 solcher Hunde, die Himmler gern „zu reißenden Bestien“ erzogen sehen wollte, damit sie Häftlinge zerreißen, die etwa die Absicht haben, aus dem KZ-Außenkommando zu fliehen, wie es in Born vorgekommen ist.

Im Übrigen: seit 1940 waren die ersten KZ-Häftlinge auf dem Darss. In Zingst und in Wieck und dann auch in Born direkt. Mueller-Darss war der zuständige SS-Mann mit besten Verbindungen zum Reichsführer SS persönlich, in dessen „Persönlichem Stab“ er ja diente.
Darüber allerdings erfährt man in jenem Büchlein auch in der fünfzehnten Auflage nicht ein Sterbenswörtchen.
Davon, das er sich persönlich vier KZ-Häftlingsfrauen als Bedienstete im „Forsthaus“ hielt; davon dass die SS mitten im Dorf ein KZ-Außenlager mit über 100 russischen Kriegsgefangenen betrieb; davon, dass die SS eine Meilerei im Dorf betrieb, wofür die Häftlinge im Darßer Wald Stubben sprengen mussten – von alldem erfährt der interessierte Leser nichts. Es ging im Buch darum, die Biografie zu „begradigen“. Und das geschah vor allem durch Verschweigen und durch nachweislich falsche Behauptung.

Immerhin schrieb man schon das Jahr 1954, als die „Chronik des Forstmeisters“ zum ersten Mal erschien, da passte sowas nicht mehr ins Bild, darüber schrieb man nicht, das verschwieg man.
SS? NSDAP? SA? – Nie gehört.

Denn schließlich hatte man ja schon einen neuen Arbeitgeber: seit 1948 arbeitete der ehemalige „Forstmeister“ und Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss zunächst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst. Das ist aktenkundig.
Auch davon ist im 1954 erschienen Büchlein nichts zu erfahren.
Kein Sterbenswörtchen.

Anmerkung: Das Buch wurde von Wolfgang Frank geschrieben, geht aber in den biografischen Details selbstverständlich auf die Angaben von Mueller-Darss persönlich zurück. Wolfgang Frank war ein NS-Schriftsteller.

SS-Mueller-Darss und die CIA

SS-Mueller-Darss und die CIA

„Die Organisation Gehlen war doch eine Veranstaltung der CIA“ sagt mir der Historiker, mit dem ich mich getroffen habe. „Also ist es sinnvoll, in den Akten der CIA nachzuschauen, wenn man jemanden sucht, der für OG gearbeitet hat“. Und diese Akten sind öffentlich? „Die können Sie ganz bequem von zu Hause aus recherchieren“. Und tatsächlich, eine Akte zu Franz Mueller-Darss findet sich, und zwar im reading room (Lesesaal) der CIA im Internet.
Weshalb sind diese Akten öffentlich? „Das kam durch den Fall Klaus Barbie“, lerne ich im Gespräch. „Es kam heraus, dass der SS-Mann Klaus Barbie (GESTAPO-Chef in Frankreich) nach dem Krieg für die CIA gearbeitet hatte. Und als das in Amerika bekannt wurde, gab es mächtige Unruhe, die schließlich politisch dazu führte, dass alle Akten der NS-Kollaborateure, die nach dem Kriege mit der CIA zusammengearbeitet haben, öffentlich gemacht wurden“.

Die Akte stammt vom 1. Januar 1953. Seine Geburtsdaten identifizieren ihn eindeutig als den Gesuchten Franz Mueller-Darss. Wir finden einen Sohn aus erster Ehe mit Ilona Linde , geboren am 2. November 1922 in Berlin, Nicolassee, Hans-Wilhelm Linde. Auf Seite 2 der Akte erfahren wir noch mehr: alle dort aufgeführten Daten identifizieren ihn eindeutig als den SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss, den „Hundemüller“ aus dem Persönlichen Stab RFSS.

Wenn man die Seite 2 von oben her liest, erfährt man außer dem schon bekannten Lebenslauf von Mueller-Darss, dass seine ehemalige Frau von einem Herrn Dr. Linde „wiedergeheiratet“ wurde, dem Chef von „Lindes Eismaschinen“. (Anm: gemeint ist Dr. Friedrich Linde, der im Alter von 65 Jahren Ilona Linde geheiratet hat (1935). Der wiederum hat ihren Sohn, den Hans-Wilhelm adoptiert. Hans-Wilhelm Linde, ehemals Mueller wiederum wurde „als Kurier rekrutiert“ und als „Deckadresse“, Kürzel: V 21 406, hat also ebenfalls für den CIA gearbeitet.
Wir erfahren weiterhin, dass Mueller-Darss „gegenwärtig in Holzhausen als Holz-Verkäufer lebt“. Ausserdem ist er „Berater für Schädlingsbekämpfung“ (Anmerkung: damit kannten die Nazis sich ja aus, das in Auschwitz verwendete Cyklon B war ja bekanntlich ein Schädlingsbekämpfungsmittel). Außerdem hat er ein Buch geschrieben „Kein Ort zu bleiben“. Er sei ein freier Schriftsteller und arbeite an einem Buch über die Forstwirtschaft. Er sei 1939 in die NSDAP eingetreten (was ganz offensichtlich falsch ist; Mueller war schon 1933 in der NSDAP), sei aber inzwischen entnazifiziert worden (Anmerkung: wie das gelaufen sein soll, wüsste ich gerne) und spräche Englisch und Französisch.

Dann erfahren wir, dass Mueller-Darss von einem „V-1701“ rekrutiert worden sei, einem „persönlichen Freund und entfernten Verwandten (Cousin)“. Sein Auto sei angemeldet in „Hamburg Fallingbuettel“ (muss Hamburg-Fallingbostel heißen) und als Postadresse verwende man „Kaffeeversand KOMM WIEDER“ in Salzhausen„. Schließlich erfahren wir noch seine Decknamen: „Mettke Fritz“; „Dr. Fritz“; „Fritz Bohm“ oder „Bartels“.

Mit dieser Akte befinden wir uns mitten im Kalten Krieg. Die ehemaligen Alliierten gegen Hitlers „Drittes Reich“ sind inzwischen Gegner. Und der amerikanische Geheimdienst scheut sich nicht, hochrangige ehemalige Nazis in Dienst zu nehmen, um „gegen den Kommunismus“ zu spionieren. Glücklicherweise sind diese Akten nun seit 1998 öffentlich.

Generalmajor der Waffen SS. Franz Mueller-Darss. Lebenslauf anhand von Dokumenten

Generalmajor der Waffen SS.               Franz Mueller-Darss. Lebenslauf anhand von Dokumenten

DatumVorgangDokument
29. April 1890 * in Lindau, Landkreis Nordheim (Untereichsfeld) als Sohn eines Forstmeisters geboren BArchR1501/127660
1901 Eintritt in das Kadettenkorps in Ploonhandschriftlicher Lebenslauf von 1936 im Zusammenhang mit der Aufnahme in die SS, BArch R 1501
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/152024429531929
1905 Versetzung an die Kadettenanstalt Berlin-LichterfeldeHandschriftlicher Lebenslauf von 1936, BA R 1501
1910 AbiturAbiturhandschriftlicher und maschinenschriftlicher Lebenslauf
1932„Zur Partei gemeldet“. maschinenschriftlicher Lebenslauf in der SS-Personalakte, BArch.
1.5.1933Mitglied der NSDAP, Mitgliedsnummer 2.225.286auf allen Personalbögen in der SS-Personalakte vermerkt
1933Mitglied der SA; Führer der SA-Reiterstaffel in Born a. Darssmaschinenschriftlicher Lebenslauf in der SS-Personalakte
13. 5.
1934
Geburt des Sohnes Hubertus MuellerSchulbuch Born, in dem auch die Einschulung am 28.3.1940
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/155080292559676
Der Name Hubertus Mueller-Darss wird später im Jahre 1992 in einem Dokument der ILO (Organisation der UNO) über Internationale Forstwirtschaft wieder auftauchen und einer Beerdigungsanzeige aus dem Jahre 2007, in der er unterzeichnet hat.
4.4. 1936Antrag auf Aufnahme in die SShttps://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.1095163
13782741/151530252914680 ; BArch.
27.10.1936Mueller will offensichtlich beschleunigt in die SS aufgenommen werden. der vom 27.10.1936 an ihn adressierte Brief bittet ihn, Ariernachweis und andere Unterlagen so schnell wie möglich beizubringen, damit er wie gewünscht, zum November (übliches Eintrittsdatum) aufgenommen werden könne. vgl. https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/152012989533073
9.11. 1936Aufnahme in die SS. Gleichzeitige erste Beförderung zum Untersturmführer. Mitgliedsnummer: 277.284sowohl NSDAP als auch SS-Mitgliedsnummern sind faktisch auf beinahe allen Schriftstücken der SS-Personalakte vermerkt und kehren ständig wieder.
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399295754804794
28.10. 1937Mueller will offensichtlich zum Sicherheitsdienst (SD) der SS wechselnvgl. Anfrage, ob gegen eine Versetzung zum SD Bedenken bestehen in der SS-Personalakte Mueller-Darss; nach 1945 wird Mueller bei der Organisation Gehlen und dann beim Bundesnachrichtendienst anheuern (von 1948 – 1966); die Spur zum „Sicherheitsdienst“ beginnt im Jahre 1937.
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399315804802789
9.10. 1937Mueller wird vor allem „im SD“ verwandtPersonalakte Mueller-Darss im Bundesarchiv. Interessant: das Dokument ist von „Prützmann“ unterzeichnet. Nach dem Krieg wird Prützmann Selbstmord begehen und Mueller-Darss wird Prützmanns Frau Christa heiraten. Offensichtlich bestanden enge Beziehungen zwischen Mueller-Darss und Familie Prützmann. vgl. auch https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Adolf_Pr%C3%BCtzmann
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399354511465585/
1. 5. 1941Mueller wird in den Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Himmler, übernommenSS-Personalakte, Bundesarchiv
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399345294799840/
15.5.1942Mueller ist „Im Persönlichen Stab des RFSS Beauftragter für das Diensthundewesen“ und damit für alle Militär-, Polizei- und KZ-Hunde, inklusive Ausbildung der Hundeführer verantwortlichSS-Personalakte; Bundesarchiv, https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399424804791889/
19.10. 1943Mueller versucht zu verhindern, dass er zur Wehrmacht eingezogen wirdhttps://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/399374851463551/
21.12.1944die letzte Beförderung zum SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS SS-Personalakte Mueller-Darss; Bundesarchiv
https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/a.109516313782741/151891216211917
1948 – 1960Mueller-Darss lebt in Hamburgim September 1949 gibt er in Hamburg „eine Erklärung“ ab in einem Verfahren, bei dem es um Umsiedlungspläne der Nazis ging. Dieses Dokument ist überprüft worden. Nach Auskunft des Einwohnermeldeamtes lebte ein Franz Müller-Darss von 1948 bis 1960 in Hamburg. Als Beruf habe er „Forstmeister in Ruhe“ angegeben. Offensichtlich fälscht er mittlerweile auch seine eigene Unterschrift, um Spuren zu verwischen. Der Beleg ist hier festgehalten: https://www.facebook.com/DarssGeschichte/photos/pcb.400004454733924/400002491400787/
18.6.1976Tod in Lenggries/Bad Tölz Bayern

Ausgewertet und überprüft wurde vor allem die SS-Personalakte Franz Mueller-Darss, die im Bundesarchiv eingesehen wurde. (BArch R 1501/127660). Einsicht und Auswertung weiterer Unterlagen für die Jahre nach 1945 beim BND (u.a. 2 Bände Personalakten) und beim BStU stehen noch aus. (Stand 4.10.2020, wird fortlaufend bearbeitet und aktualisiert)

Schatten im Schilf

Schatten im Schilf

Nebel im Schilf. Ich sehe Schatten gehen. Der Mond schmutziggelb im Dunst.
Die Tochter von Meta Zils kommt gegangen von Bliesenrade. Nachts geht sie durchs Schilf, duckt sich, versteckt sich, man hat ihr einen Pfad gewiesen hinüber zum Forsthaus. Dort schuftet ihre Mutter für den Forstmeister. Der ist bei der SS seit 1936. Und die Meta, die ist aus Ravensbrück.
Ich sehe Schatten gehen. Vergangenes. Siehst du, da gehen sie.
Da, am Kleinen Stern, da sehe ich die Kinder spielen im Schrott, den die SS hinterlassen hat. Görings „Leibstandarte“, wie man behauptet, dabei war es nur ein Wachbataillon. Man hat die Autos gesprengt mitten im Wald als der Krieg verloren war und von der zurückgebliebenen Munition hat noch ein Kind ein Auge verloren, als es damit spielte. Der Alte hat es mir erzählt.
Den seh ich als Jungen durchs Dorf gehen, hinüber in die „Grüne Hufe“, da hat man gewohnt in jenen Tagen.
Die Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind da an einem Haus zugange und mauern und werkeln, wie du sehen kannst. Die SS gleich daneben mit ihren scharfen Hunden, die überall im Dorf zu sehen und zu hören sind.
„Der war so scharf, der hat meiner Mutter die frische Wäsche zerrissen, wenn ein kleiner Wind wehte im Hof. Dem konnten wir das Fressen nur mit einer Stange zuschieben. Mein Vater hat ihn töten müssen, es ging nicht mit dem.“

Schatten im Schilf. Schatten im Wald.
Da kommen sie geritten.
Der Forstmeister Mueller und der Förster Mehl und der Beilhardt und der Kruse. Stecken die Köpfe zusammen und haben was zu reden.

Schatten im Wald.
Bunker im Wald.
Da haben sich Männer versteckt, die sind aus Peenemünde gekommen und von der Sundischen Wiese. Haben sich mit dem Forstmeister verabredet und wollen fliehen, als die Russen schon in Barth standen.
Der Fischer Becker wird ihnen ein Boot geben in der nebligen Nacht. Er hat ja seine Fischerei gleich unten am Forsthaus.

Nebel auf dem Bodden. Der Mond schwindsüchtig und schmutzig.
Die Männer rudern nachts.
Sie hatten sich versteckt im Wald. Zwei ihrer Bunker hat man gefunden später. Als die Jungs aus dem Dorf zusammen mit den „Kosaken“ auf dem Panjewagen ins Holz gefahren waren. Der eine davon hat noch Ärger gekriegt zu Hause, weil der Hirsch, den die Russen geschossen hatten, mit auf dem Wagen lag, gleich neben dem Jungen. Und der hatte nun die Haare voll von den Hirschläusen. Er hat mirs selbst erzählt.
Bei Ahrenshoop hat man später ein gestrandetes Landungsboot gefunden. Sie haben versucht, sich über die See abzusetzen Richtung Westen. Nur weg von den Russen.
Später findet man ihn wieder, den Forstmeister, den General der Waffen SS. Man findet ihn in Bayern. Aber da arbeitet er schon für den Bundesnachrichtendienst.

Schatten im Dorf.
„Die Tochter lebt ja noch“ höre ich vom Alten. „Von dem SS-Mann leben ja noch Enkel im Dorf“ sagt er auch noch. „Die reden da nicht so gerne drüber“ sagt er. „Wer dabei war, weiß es, redet aber nicht.“
Daher kommen die Schatten im Dorf.
Gespenster gehen durch die Gärten.
Nachts, wenn der schmutzige Mond übers Schilf gezogen kommt.
Weil nicht geredet wird. Dabei haben die Häftlinge mitten im Dorf gehaust. Der „Borner Hof“ war vergittert und eingezäunt, Hunde davor, Wachmannschaften in der oberen Etage. „Ich höre sie ja noch, wie sie morgens mit ihren Holzpantinen losgezogen sind und ihr Lied singen mussten“ sagt der Alte.
Russische Kriegsgefangene. Mussten Stubben sprengen im Wald. Das nach der Holzernte übrig gebliebene massive Wurzelwerk auf der Lichtung war so leicht nicht zu roden, man musste sprengen. „Manchmal haben sie schon gezündet, da war der Russe noch gar nicht weg vom Stubben. Da hat es Verletzte gegeben. Tote auch. Man hat sie beerdigt da in der Ecke auf dem Friedhof.
Vom SS-Mann Hans Kruse wird erzählt, er soll noch ins Grab gepinkelt haben bei der Beerdigung.“ Sagt der Alte.

Da schreit der Kranich im Schilf.
Das Schilf hat nichts vergessen, es hat diese Geschichten tief im Wurzelwerk eingeschlossen, wenn der Wind durchs Schilf gezogen kommt, hört man diese alten Geschichten.
Die Leute wollen nicht erinnert werden. Dass das alles mitten im Dorf passiert ist, das wollen sie nicht hören.
Sie wollen nicht erinnert werden, dass sie ihre Vorteile hatten vom SS-Mann im Forsthaus. Der hat ihnen Jagdrechte gewährt und andere Privilegien. Man hat ja auch profitiert von dem.
Aber das soll jetzt keiner wissen.
Das stört die Urlauber. Und vor allem die, die immer noch am Schilf wohnen.

Inzwischen sind vierzig Jahre Sozialismus im Dorf gewesen und dreißig Jahre Kapitalismus auch, die Leute reden vom Geld, fast nur noch vom Geld, die Häuser sind was wert heutzutage – aber über die alten Zeiten will man immer noch nicht reden. Siebzig, achtzig Jahre ist das nun alles her – aber geredet wird immer noch nicht. Deswegen gehen die Schatten durchs Dorf.

„Naja, die Männer waren weg, es gab viele junge Frauen im Dorf und die jungen SS-Männer am „Borner Hof“ waren schick in ihren schwarzen Uniformen, da hat sich so einiges getan. Nicht für immer, aber einige sind ja doch geblieben“ sagt der Alte. „Enkel von dem sind ja heute noch im Dorf“.
Da gehen die Schatten.

Es ist Winter geworden. Neue Häftlinge sind gekommen. In Wieck haben sie Schilf geschnitten, bis an die Knie im eisigen Wasser, in die Schuhe hatte man ihnen extra Löcher hineingeschnitten, damit auch ja das Eiswasser hineinlief.
In Zingst auch. Von Neuengamme sind sie gekommen. Die Frauen beim Forstmeister sind aus Ravensbrück. Sie müssen bei den Tieren schlafen.
Meta Zils hat das überlebt. Ihre Tochter hat sie besuchen können, nachts ist sie durchs Schilf gekommen von Bliesenrade, weil ihr einer den Weg gezeigt hat. Auch das hats gegeben.

Hedwig, das Findelkind.
Man hat sie in einem Fischerkahn gefunden. Ihre Eltern und Großeltern wurden in Ostpreußen erschossen. Das Kind blieb übrig. Die Eltern des Alten haben sie aufgenommen.
Hedwig hat sich die Pulsadern aufgeschnitten, da war sie achtzehn. Der Doktor war grad noch rechtzeitig da. Sie konnte seit jenen Tagen nicht ohne Zittern neben einem Russen sein. Heinz Michaelis hat sie geheiratet. Sie haben später an der Nordsee gewohnt.
Das Schilf bringt mir diese Geschichte herüber, der Alte hat sie mir erzählt.
Der Mond zieht schmutzig gelb hinter Regenwolken bei solchen Geschichten.
Und die Frau Kasten hat der Maria, so hieß die junge Häftlingsfrau wohl, die Frau Kasten hat der Maria, die da mit nackten Füßen in den Holzpantinen im kalten Oktober auf dem Feld Kartoffeln roden musste, was Warmes zu essen zugesteckt. Dafür hat man sie angezeigt im Dorf. So waren die Zeiten.

„Es ist nicht so, dass man die Familie Albitzius enteignet hat, wie immer behauptet wird. Den „Borner Hof“ werden sie so an die SS gegeben haben, waren ja selber in der NSDAP. Die Frau Kasten haben sie angezeigt, weil sie der Marie was Warmes zugesteckt hat. So war das“ sagt der Alte.
Und kaum hat er die Geschichte erzählt, versteckt die sich schon wieder im Schilf.
Sowas will keiner hören im Dorf.

Wenn ich heute durchs Dorf gehe, schreit mich dieses Schweigen an.
Hinter all den aufgedonnerten Häuserfassaden mit ihren Touristen-Türchen dröhnt das Schweigen. Ich laufe wie in dicker Milch, neblig, schwer voran zu kommen. Zähe, träge Geschichten drängen aus den Häusern, wenn man mal hinter die Fassaden schaut.
Die Menschen schweigen so dröhnend, sie sind regelrecht gelähmt davon, sie haben es nach 70 Jahren ja nicht mal geschafft, eine kleine Gedenktafel an den „Borner Hof“ anzuschrauben, dass hier KZ-Häftlinge gehaust haben. Nicht mal so ein Schildchen haben sie angeschraubt.
Sie wollen nicht erinnert werden und sie wollen nicht erinnern. Nein, sie wollen davon nichts hören.
Deshalb gehen nachts die Schatten.

„Der Polizist aus Wieck hat den wohl erschossen, wird erzählt“ sagt der Alte. Die Rede ist von einem der Häftlinge, die fliehen wollten. In einem Heuschober auf der Wiese hat man ihn gefunden. Irgendeiner der Hunde wird ihn wohl erschnüffelt haben. Dann haben sie ihn einfach abgeknallt und verscharrt. Von mehreren Fluchtversuchen ist die Rede im Dorf. Einen hat man sogar in Stralsund aufgegriffen, da war der Lagerleiter Wilhelm Plöger persönlich an der Verhaftung beteiligt. Über eine Woche war der Flüchtling unterwegs. Dann hat man ihn abgeknallt.
Wilhelm Plöger, der Lagerleiter von der SS. Der war ja auch liiert im Dorf. Die Tante vom Alten hat mit ihm gelebt.
Und seine Kumpels von der SS und von der NSDAP. Der Ernst Koppelmann und der Friedrich Wendland. Ein paar von denen sind in der Russenzeit nach Fünfeichen gekommen. Range, der Schwager von Koppelmann, hat das nicht überlebt – erzählt der Alte.
Den ersten Kommandanten hat er ja noch gekannt. Peter hieß der. Konnte deutsch. Kommandant Peter ging im Haus des Vaters ein und aus, denn der Vater war ja für die Verpflegung im Dorf zuständig geworden. Es gibt sogar ein Foto von diesem Peter aus Russland.

Wenn ich heute durchs Dorf gehe, höre ich noch immer die Hunde bellen.
Am Forsthaus waren die Zwinger, an der „Alten Bäckerei“, wie man heute sagt, ebenfalls. Mitten im Dorf waren die Käfige. Die SS hat diese Hunde trainiert, sie sollten Häftlinge töten lernen. Die Hundetrainer von der SS haben sich Häftlingslumpen angezogen, damit die Hunde lernten, wen sie zerreißen sollten. Der SS Mann im Forsthaus hat die ausgebildet, da war er schon im Persönlichen Stab vom Reichsführer SS, Heinrich Himmler. KZ-Wachhunde.

Schatten gehen durchs Schilf. Da steht das Haus im Moor. Häftlinge haben es gebaut. „Da wohnte einer in Zivil“, sagt der Alte. „Wenn der in die Stube kam, da standen die Leute schon stramm, da hatte der den Hut noch nicht mal abgesetzt. Irgendein hohes Tier von der Gestapo muss das gewesen sein.“
Das Haus im Moor steht heute noch.
Schatten im Schilf. Der Mond hängt schief und gelb und schmutzig über dem Bodden.
„Und bei Familie Tarn hat einer gewohnt, zu dem sagten sie nur „der Major“. Was der eigentlich gemacht hat, wusste auch keiner.“

Im Mai war der Krieg zu Ende. Einige wollten das im Juni immer noch nicht glauben. Nach dem Krieg verkrochen sich die Menschen in ihre Häuser. Ihre Geschichten haben sie im Schilf vergraben und im Moor versenkt. Aber das Schilf hat sie aufgehoben.

„Eine Entnazifizierung hats hier eigentlich nicht gegeben“ sagt der Alte. „Die SS war ja abgehauen, nur ein paar wenige waren noch da. Zwei, drei Leute kamen nach Fünfeichen, sind aber zurückgekommen. Der Lehrer Paul Treu hatte es schwer, denn der war ja der Chef der Schule hier und der war ja oft mit der SA-Uniform in die Schule gekommen. Nach dem Krieg war der ganz schön gekniffen“ sagt der Alte.
Übrigens, die Sache mit Peterssons Hof sei ja auch etwas anders gewesen, als man heute so hört. Nach Petersson habe der Hof nämlich einer Familie Willschky gehört. „Dieser Willschky war auch bei der SS“ sagt der Alte und es rauscht im Schilf.

Heinrich, der Landarzt.
„Der hatte anfangs, als die Russen kamen, ein bisschen Schwierigkeiten gehabt. Er war ja der Leibarzt vom Mueller-Darss.“ Aber auf den Heinrich lässt der Alte nichts kommen. „Der Heinrich, das war unser Lebensretter und unser Doktor“ sagt er. Man war angewiesen auf den Heinrich, wenn sich einer die Pulsadern aufgeschnitten hatte wie die Hedwig; oder wenn sich ein Kind das Auge rausgeschossen hatte beim Spielen mit Munition; oder wenn einer unter dem Baumstamm lag, weil der Stamm falsch gefallen war beim Fällen im Forst. Auf den Heinrich lassen sie nichts kommen. Man kann das verstehen. Er war ihr Lebensretter.

Man möchte gar nicht wissen, wie viele Revolver, Gewehre, Helme, Munition und anderes Gerät in den Bodden geworfen wurden in jenen Tagen, als die Russen kamen. Fotos wurden verbrannt, Uniformen auch, Fahnen sowieso.
Etliches hat man vergraben und vor allem hat man geschwiegen. Keiner wusste irgendwas.
Wenn einer was sagte, dann nur, wenn er ausdrücklich gefragt wurde. Und selbst dann sagte er nur, was man ohnehin schon wusste.

Das Schweigen dröhnt im Dorf. Jetzt wollen sie für sage und schreibe 25.000 Euro einen Historiker damit beauftragen, das alles aufzuschreiben, dabei haben schon die wichtigsten Historiker aufgeschrieben, was über das KZ-Außenlager in Born zu sagen ist. Da gibt’s nichts Neues aufzuschreiben. Man will nur Zeit gewinnen. Man will jetzt nicht eine Gedenktafel an den „Borner Hof“ schrauben, das sei alles „übereilt“ und „viel zu schnell“ und all das. Ein Historiker soll also aufschreiben, was längst bekannt ist.
Und die eigentlichen Geschichten, die Geschichten aus dem Schilf, die weiß man selber, man muss nur die Alten endlich fragen.
Und die müssen endlich den Mund aufmachen. Viel Zeit haben sie nicht mehr.

Solange sie nicht reden, hängt der Mond schief und schmutzig über dem Bodden und der Wind rauscht durchs Schilf.
Und die Schatten gehen durch das Dorf. Nachts.