„…die waren nicht mehr da“. Die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß und was aus ihnen geworden ist

„…die waren nicht mehr da“. Die russischen Kriegsgefangenen in Born a. Darß und was aus ihnen geworden ist

„Was ist eigentlich bei Kriegsende aus den über hundert russischen Kriegsgefangenen geworden, die im „Borner Hof“ untergebracht waren?“ Oft habe ich diese Frage gestellt bei meinen Interviews in Born a. Darß. Niemand konnte es mir beantworten. Man weiß zwar, wann „die Russen“ im April 1945 auf dem Darß ankamen – damit ist die Rote Armee gemeint. Aber man weiß nicht, was aus den „Russen im Borner Hof“ geworden ist. „Die waren dann nicht mehr da“ heißt es lapidar.

Es gibt eine letzte Spur: jene Liste von 35 sowjetischen Kriegsgefangenen, die noch im April 1945 von Born nach Barth ins KZ-Außenlager „überstellt“ wurden. (Quelle: Arolsen Archives).

Man weiß auch, dass es einen Todesmarsch gegeben hat vom KZ Barth ausgehend, der bis etwa Ribnitz-Damgarten geführt hat, da werden einige der Borner Häftlinge, die man nach Barth überstellt hatte, dabei gewesen sein.

Was aber aus den etwa 70 in Born verbliebenen Häftlingen geworden ist – die Spuren verlieren sich bislang im Nebel der vergangenen Jahrzehnte.

Wir wissen mittlerweile allerdings, dass beinahe alle sowjetischen Kriegsgefangenen von der sowjetischen Militäradministration in sogenannten „Prüf- und Filtrationslagern“ interniert und überprüft wurden. Zuständig war der NKWD, der sowjetische Geheimdienst. Der zentrale Vorwurf an die in Deutschland internierten Kriegsgefangenen lautete: „Ihr seid in Wahrheit Kollaborateure, denn ihr habt für die Deutschen gearbeitet.“ Stalin hatte in einem seiner berüchtigten Befehle angeordnet: „Es gibt keine russischen Gefangenen“. Jeder Soldat habe „bis zum letzten Blutstropfen“ zu kämpfen, und solle sich mit der letzten Patrone lieber selbst das Leben nehmen, als in deutsche Kriegsgefangenschaft zu gehen.

Deshalb wurden die Rückkehrer strengstens kontrolliert, ausgefragt und – in vielen tausenden Fällen – erneut verurteilt.

Ich habe heute in Moskau beim Deutschen Historischen Institut bei Dr. Stratievski angefragt, wie man eventuell herausfinden könnte, in welchem dieser Lager die Häftlinge aus Born überprüft worden sein könnten. Vielleicht kennt er eine Spur, ich bin auf seine Antwort gespannt.

Dr. Stratievski kommt im hier eingefügten Dokumentationsfilm von arte zu Wort, in dem es um die sowjetischen Kriegsgefangenen geht, die keineswegs am Ende des Krieges als „Befreite“ nach Hause gehen konnten:

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Die Ganoven an Himmlers Tafelrunde

Reichsführer SS Heinrich Himmler lud regelmäßig zum Essen ein. Mittagessen gab es pünktlich um 14 Uhr. Abendessen – je nach Lage – zwischen 20 und 21 Uhr. Ich habe die gerade neu herausgebrachten Diensttagebücher Himmlers der Jahre 1943-1945 auf Treffen zwischen Himmler und Franz Mueller-Darss hin ausgewertet. Ich wollte wissen, mit wem sich Mueller-Darss an Himmlers Tisch getroffen hat. Dieses „Ganoven-Netzwerk“ wurde nach dem Kriege zentral wichtig, als es für viele darum ging, eine neue Identität und eine neue Karriere aufzubauen. Die Recherche der Tischgäste ist nur ein erster Beginn – was aber jetzt bereits sichtbar wird: hier handelt es sich um Ganoven-Netzwerk erster Güte. Viele von denen wurden in Kriegsverbrecherurteilen verurteilt, etliche haben sich das Leben genommen, manche wurden hingerichtet, einige sind geflohen und untergetaucht. Aber: man kannte sich vom Essen beim Reichsführer SS.

Quelle: Diensttagebuch Heinrich Himmler 1943-45, hrsg. Von Matthias Uhl, u.a. Piper, 2020.

  1. Dienstag, 28. Juni 1943 Berchtesgaden

14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz[1], SS-Obergruppenführer von dem Bach[2], SS-Gruppenführer v. Herff[3], SS-Gruppenführer Oberg[4], SS-Brigadeführer Kammler[5], SS-Brigadeführer v. Alvensleben[6], SS-Standartenführer Mueller.
15 Uhr: Vorführung eines Hundeschlittens durch Mueller

  • Mittwoch, 9. Juni 1943 Berchtesgaden.
    20.15 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Lorenz, SS-Standartenführer Mueller.
  • Donnerstag, 10. Juni 1943 Berchtesgaden (Himmler ist erkältet im Bett)
    15 Uhr Treffen Himmler-Mueller

4. Sonntag, 19. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald (Nähe Wolfsschanze, Ostpreußen)
14 Uhr Mittagessen Himmler mit SS-Obergruppenführer Berger[7], SS-Obergruppenführer Krüger[8], SS-Brigadeführer Glücks[9], SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode[10], SS-Hauptsturmführer Cantow[11].

5. 17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller
6. 17.50 Uhr SS-Standartenführer Mueller (Vieraugengespräch mit Himmler)
7. 20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding[12].

8. Montag, 20. September 1943 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Jüttner[13], SS-Brigadeführer Kammler, SS-Brigadeführer Fegelein[14], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Ruoff[15], SS-Obersturmbannführer Dr. Stumpfegger[16], SS-Sturmbannführer Gräßler[17], SS-Sturmbannführer Reinhardt[18].

9. Montag, 7. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
20.30 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Staatsminister K.H. Frank[19]; SS-Obergruppenführer Prützmann[20], SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmführer Wittmann[21] (LSSAH), Herr Febrans (Begleiter v. SS-Ogruf. Frank), SS-Unterscharführer Fritsch[22].

10. Dienstag, 8. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Standartenführer Mueller, SS-Sturmbannführer Kment[23], SS-Obersturmführer Wittmann, Oberleutnant Ritter.

11. Mittwoch, 9. Februar 1944 Feldkommandostelle Hochwald
14.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Obergruppenführer Hildebrandt[24]; SS-Standartenführer Mueller; SS-Obersturmbannführer Tiefenbacher[25], SS-Sturmbannführer Christoph, SS-Hauptsturmführer Eicker, Hauptmann Kaatz, Fräulein Lorenz,

12. Montag, 22. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (in der Nähe von Hitlers Berghof)
20.00 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Stuckart[26], SS-Gruppenführer Bracht[27], SS-Brigadeführer Kreißl[28], Regierungspräsident Dr. Faust, SS-Brigadeführer Diermann[29], Oberst Flade, SS-Standartenführer Mueller, Dr. Bode[30].

13. Dienstag, 23. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald (bei München)
14 Uhr Mittagessen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Dr. Stuckart, SS-Gruppenführer Simon[31], SS-Gruppenführer Bracht[32], SS-Brigadeführer Kreißl, Regierungspräsident Faust, SS-Standartenführer Mueller, SS-Obersturmbannführer Becher[33], SS-Standartenführer Wagner[34], SS-Sturmbannführer Backhaus

14. Mittwoch, 24. Mai 1944 Feldkommandostelle Bergwald/Sonthofen
13.30 Uhr Gespräch Himmler mit SS-Standartenführer Mueller-Darß

15. 13.45 Uhr Essen mit SS-Gruppenführer Johst[35], SS-Obersturmbannführer D´Alquen[36], SS-Obersturmbannführer Stumpfegger[37], SS-Standartenführer Mueller.

16. Freitag, 16. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Obergruppenführer Prützmann, SS-Gruppenführer Johst, Generalarbeitsführer Schmückle[38], Oberarbeitsführer Brandstatter, SS-Oberführer Rode[39], SS-Standartenführer Baum[40], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Sturmbannführer Wenner, SS-Sturmbannführer Dr. Frank.

17. Sonnabend 17. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
21.00 Uhr Essen Himmlers mit Reichsjugendführer Axmann[41], SS-Obergruppenführer Jüttner[42], SS-Obergruppenführer Koppe[43], SS-Gruppenführer Johst, SS-Sturmbannführer Gräßler[44], SS-Hauptsturmführer Reichenbach, SS-Oberführer[45] Mueller, Adjutant von Axmann.

18. Sonntag, 18. Juni 1944 Feldkommandostelle Bergwald
14.10 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Jüttner, SS-Standartenführer Baumert[46], SS-Gruppenführer Johst, SS-Standartenführer Rode[47], SS-Oberführer Mueller, SS-Sturmbannführer Gräßler, SS-Untersturmführer Winkler, Fräulein Lorenz.  

19. Sonntag, 22. Oktober 1944 Pötschendorf
14.00 Uhr Essen[48] Himmlers mit SS-Obergruppenführer v. Herff[49], SS-Standartenführer d’Alquen, SS-Oberführer Mueller, SS-Oberführer Baum[50].

20. Sonnabend, 11. November 1944 München
20.15 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer Demelhuber[51], SS-Standartenführer Ax; SS-Oberführer Mueller, SS-Standartenführer Kloth, SS-Gruppenführer Gebhardt, SS-Gruppenführer Johst

21. 00.00 Uhr Gespräch Himmler mit Mueller[52]

22. Dienstag, 16. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmlers mit SS-Obergruppenführer v.d. Bach[53], SS-Obergruppenführer Jeckeln[54], SS-Brigadeführer Rode, SS-Brigadeführer[55] Mueller-Darß

23. 20 Uhr Essen mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, General Hauck[56], SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Hauptsturmführer Dr. Groß[57]

24. Mittwoch, 17. Januar 1945 Forbach-Gausbach
14 Uhr Essen Himmler mit SS-Obergruppenführer Jeckeln, SS-Brigadeführer Mueller-Darß, SS-Gruppenführer Ostendorf[58], 2 Generälen und 5 Scharfschützen (Jakob Horn, Georg Kleeberg, Heinrich Lünne, Alfons Ludwig, Karl Maier; vgl. Uhl a.a.O. 1000).

25. Sonntag, 11. Februar 1945 Feldkommandostelle Birkenwald (bei Prenzlau)
20.00 Uhr Essen[59] Himmler mit General Wenck[60], SS-Brigadeführer Mueller-Darß


[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Lorenz

[2] Bereits im Oktober 1942 hatte Himmler Erich von dem Bach-Zelewski als „Bevollmächtigten des RF-SS für die Bandenbekämpfung“ eingesetzt (Uhl, a.a.O. 31). In den zu „Bandenkampfgebieten“ erklärten Regionen „konnten SS und Polizei willkürlich schalten und walten, die Besatzungsjustiz wurde durch „Standgerichte“ ergänzt, die im Schnellverfahren Todesurteile herbeiführten.1943/44 überzogen Wehrmacht und Polizei fast im Wochentakt einzelne „Partisanenregionen“ mit großen Aktionen. Am 4. August 1944 schickte Himmler von dem Bach nach Warschau und ordnete die systematische Erschießung der Zivilbevölkerung in den umkämpften Vierteln (Ghettoaufstand) an, etwa 160.000 Menschen wurden getötet. (a.a.O. 33).

[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Maximilian_von_Herff#:~:text=Maximilian%20Karl%20Otto%20von%20Herff,1942%20Chef%20des%20SS%2DPersonalhauptamtes.

[4] https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Oberg

[5] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Kammler

[6]https://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf-Hermann_von_Alvensleben

[7] https://de.wikipedia.org/wiki/Gottlob_Berger

[8] https://de.wikipedia.org/wiki/Walter_Kr%C3%BCger_(SS-Mitglied)

[9] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Gl%C3%BCcks

[10] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode#:~:text=Ernst%20August%20Rode%20(*%209,und%20Generalmajor%20der%20Waffen%2DSS.

[11] https://www.forum-der-wehrmacht.de/index.php?thread/38776-kampfgruppe-cantow/

[12] https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Lammerding

[13] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner. 1965 in Bad Tölz gestorben, Lenggries liegt gleich nebenan ….

[14] https://de.wikipedia.org/wiki/Hermann_Fegelein. Verheiratet mit Eva Brauns Schwester Gretl ….

[15] https://de.wikipedia.org/wiki/Joachim_Ruoff

[16] https://de.wikipedia.org/wiki/Ludwig_Stumpfegger , der Mörder der Kinder von Goebbels und Leibarzt Himmlers …

[17] https://www.the-saleroom.com/en-gb/auction-catalogues/bene-merenti-auktionen/catalogue-id-srbene10002/lot-11142f11-532c-4416-a5d4-a3fc018712e4 zeitweilig Adjutant von Reinhard Heydrich. Sein Totenkopfring war noch zu haben ….

[18] Nicht klar, ob  dieser Fritz Reinhardt gemeint ist https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Reinhardt_(SS-Mitglied) oder der ehemalige Gestapo-Chef in Norwegen: https://www.ardmediathek.de/swr/video/abendschau/ss-sturmbannfuehrer-verhaftet/swr-de/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzExNjYyNDE/  

[19] https://www.wikiwand.com/de/Karl_Hermann_Frank vgl. auch den Bericht über die Hinrichtung von Karl Hermann Frank in der Tschechei: https://deutsch.radio.cz/mai-1946-die-hinrichtung-von-karl-hermann-frank-und-das-schicksal-von-kamil-8620121

[20] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Adolf_Pr%C3%BCtzmann Nach der Hinrichtung des Kriegsverbrechers Prützmann hat Franz Mueller-Darss dessen Witwe geheiratet. Christa Prützmann, geborene von Boddien, war Muellers dritte Frau.

[21] https://de.wikipedia.org/wiki/Michael_Wittmann_(SS-Mitglied) der „erfolgreichste Panzerkommandant des 2. Weltkrieges“ ….

[22] Unklar: entweder der Mann aus Auschwitz https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritzsch oder der Mann aus Sachsen: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Fritsch_(Politiker)

[23]  https://www.tracesofwar.com/persons/13590/Kment-Wilhelm.htm

[24] https://de.wikipedia.org/wiki/Richard_Hildebrandt

[25] https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19 aus dem Persönlichen Stab Reichsführer SS. Dem dürfte der Herr aus dem Darsser Wald auch auf den Fluren begegnet sein.

[26] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Stuckart

[27] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei.

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Krei%C3%9Fl

[29] https://de.wikipedia.org/wiki/Anton_Diermann

[30] Könnte der Leiter des Ministerbüros des Innenministers sein. Vgl. Seite 11: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/2006_4_4_lehnstaedt.pdf

[31] https://de.wikipedia.org/wiki/Max_Simon_(SS-Mitglied)

[32] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Bracht#:~:text=Werner%20Bracht%20(*%205.%20Februar,Gruppenf%C3%BChrer%20und%20Generalleutnant%20der%20Polizei. Oder Fritz Bracht, der mit Himmler in Auschwitz an der Ermordung von Häftlingen teilnahm: https://de.wikipedia.org/wiki/Fritz_Bracht . Für Letzteres spricht auch, dass Mueller mit am Tisch saß, dessen Hunde hatten die KZs zu bewachen.

[33] https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Becher. Dieser Herr Becher könnte mit seinen zahlreichen Handelsfirmen in Bremen und Umgebung dem Herrn Mueller durchaus behilflich gewesen sein, nach dem Kriege wieder Fuß zu fassen…..

[34] https://de.wikipedia.org/wiki/Horst_Wagner_(Diplomat) der Herr vom Verbindungsbüro ins Auswärtige Amt.

[35] Der „Barde der SS“: https://de.wikipedia.org/wiki/Hanns_Johst oder der Herr von der Einsatzgruppe A: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Jost im Kalender von Himmler ist allerdings klar von „JOHST“ die Rede.  

[36] Der Herr vom „Völkischen Beobachter“ und vom „Schwarzen Korps“: https://de.wikipedia.org/wiki/Gunter_d%E2%80%99Alquen, seit 1935 ein alter Vertrauter vom Herrn Himmler

[37] https://de.qaz.wiki/wiki/Ludwig_Stumpfegger der Leibarzt vom Heinrich Himmler, der zuletzt im Führerbunker dabei war. Der konnte dem Herrn Mueller nach dem Kriege allerdings nicht mehr viel nützen, weil er selber schon tot war.  

[38] https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Schm%C3%BCckle_(Politiker)

[39] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode der Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[40] http://www.lexikon-der-wehrmacht.de/Personenregister/B/BaumO.htm

[41] Erst 1996 in Berlin gestorben: https://de.wikipedia.org/wiki/Artur_Axmann

[42] https://de.wikipedia.org/wiki/Hans_J%C3%BCttner

[43] https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_Koppe

[44] Vgl. dazu https://www.wikiwand.com/de/Gesch%C3%A4ftsverteilungspl%C3%A4ne_des_Geheimen_Staatspolizeiamtes

[45] Man hat ihn offenbar befördert.

[46] Aus dem Persönlichen Stab RFSS, Mueller wird ihm öfter über den Weg gelaufen sein: https://portal.ehri-project.eu/units/de-002429-ns_19

[47] https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Rode

[48] Im kleinsten Kreise. Mueller muss sehr „dicke“ gewesen mit dem Himmler gewesen sein, anders sind solche Einladungen nicht erklärlich.

[49] Chef des SS-Personalhauptamtes seit 1942

[50] https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_Baum_(SS-Mitglied) der Panzerfahrer ….

[51] SS-Obergruppenführer Demelhuber fungierte als Befehlshaber der Waffen-SS in den Niederlanden, SS-Standartenführer Ax war der Chef seines Stabes (Uhl, a.a.O. 939) vgl. https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Maria_Demelhuber. Hier sieht man ihn „mit Hund“. Nach dem Kriege führt seine Spur nach Schleswig-Holstein und zur HIAG. Mueller könnte seine Hilfe in Anspruch genommen haben. Möglicherweise war Mueller selbst Mitglied in der HIAG (was zu prüfen wäre).

[52] „Der RF SS erließ einen Organisationsbefehl für das Diensthunde- und Brieftaubenwesen. Er unterstellte sich diesen Bereich „unmittelbar“ und beauftragte Franz Mueller-Darß, mit dem er mehrmals die Notwendigkeit der Neuordnung der Rekrutierung und Ausbildung von Diensthunden erörtert hatte, mit der Leitung.“ (Uhl, Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945, a.a.O. S. 939)

[53] Spezialist für „Partisanenbekämpfung“

[54] Verantwortlich für die Ermordung von mehr als 100.000 Menschen, u.a. in Riga. 1946 als Kriegsverbrecher hingerichtet : https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Jeckeln

[55] Offenbar erneut befördert.

[56] Arbeitet nach dem Krieg beim „Evangelischen Hilfswerk“ bei Eugen Gerstenmaier. In diesem Netzwerk waren etliche Altnazis versteckt. https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Wilhelm_Hauck

[57] Vermutlich dieser promovierte Jurist aus Österreich: https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Gro%C3%9F#:~:text=Kurt%20Gro%C3%9F%20(*%205.,der%20Waffen%2DSS%20und%20Unternehmensberater.

[58] https://de.wikipedia.org/wiki/Werner_Ostendorff . 1945 in Folge einer Brandgranate im Lazarett an Gasbrand gestorben.

[59] Das letzte gemeinsame Essen vor dem Ende des Krieges.

[60] Generalleutnant Walther Wenck, „Hitlers letzte Hoffnung“; Chef der Operationsgruppe des Generalstabes des Heeres, sollte das Unternehmen „Sonnenwende“ koordinieren. (Uhl, a.a.O. 1030) https://de.wikipedia.org/wiki/Walther_Wenck in seiner 12. Armee dienten Hans-Dietrich Genscher und Dieter Hildebrandt. Wenck gelang ein Rückzug nach Westen bis Tangermünde an der Elbe. Im Rathaus von Stendal kapitulierte seine 12. Armee.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Fundsache: der Dienstkalender Heinrich Himmlers (1943-1945) und der „Hundemüller“.

Es war eine Sensation, als man die verloren geglaubten Blätter mit dem Dienstkalender Heinrich Himmlers für die Jahre 1943 – 1945 im Jahre 2013 in Podolsk in der Nähe von Moskau in einem russischen Archivbestand fand.
Nun (2020) sind sie ganz frisch in einer sorgfältig edierten wissenschaftlich kommentierten Ausgabe bei piper erschienen und stehen der Forschung als erstklassige Quelle zur Verfügung.

Die Jahre 1943 – 1945 sind für unseren Zusammenhang der Erforschung der NS-Geschichte auf dem Darss insofern von Bedeutung, als der Forstmeister und spätere SS-Generalmajor der Waffen-SS, Franz Mueller-Darss in jenen Jahren hauptamtlich im Persönlichen Stab des Reichsführers SS, Heinrich Himmler arbeitete. Er war zuständig für das „Hundewesen“ in Polizei, Wehrmacht und SS.

Himmlers Dienstkalender gibt uns nun exakte Auskunft darüber, mit wem Mueller-Darss im Kontakt war, wann er sich mit Himmler und den anderen Ganoven traf und manchmal wurde sogar vermerkt, worüber gesprochen wurde.

Beispielsweise Sonntag, 19. September 1943. Feldkommandostelle Hochwald.
14.00 Uhr Mittagessen mit SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Brigadeführer Glücks, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Rode, SS-Hauptsturmführer Cantow
17.10 Uhr SS-Brigadeführer Glücks, SS Standartenführer Mueller
20.10 Uhr Abendessen mit SS-Obergruppenführer von dem Bach, SS-Obergruppenführer Berger, SS-Obergruppenführer Krüger, SS-Standartenführer Rode, SS-Standartenführer Mueller, SS-Standartenführer Lammerding. (zitiert nach: Matthias Uhl u.a. „Die Organisation des Terrors. Der Dienstkalender Heinrich Himmlers 1943-1945“ Piper 2020, S. 452)

Beim Gespräch um 17.10 Uhr mit Glücks und Mueller ging es um den vermehrten Einsatz von Hunden bei der Bewachung der Konzentrationslager.

Wir sehen an diesem einen Tag: Mueller gehörte zum engsten Kreis um Himmler, er gehörte zur „Tafelrunde“ und traf sich an Tagen wie diesem gleich mehrfach mit dem Reichsführer SS.

Ich werde mir diese wertvolle mehr als 1000-seitige Quelle, die mir seit gestern zur Verfügung steht, nun genau auf die Kontakte von Mueller-Darss durchschauen und auch seine „Tischgenossen“ genauer in den Blick nehmen, damit deutlicher wird, in was für einem SS-Netzwerk der Hundemüller aus Born a. Darß gearbeitet hat. Was wir jetzt bereits sehen können: Mueller-Darss war keineswegs ein „irgendwer“ im Kreise des Reichsführers SS, sondern gehörte zum inneren Zirkel.

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Das „NS-Archiv“ der Staatssicherheit, die „Organisation Gehlen“ und der Schauprozess („Gehlen-Prozess“) im Jahre 1953

Die Staatssicherheit der DDR unterhielt ein eigenes, sogenanntes „NS-Archiv“, das heute im Bundesarchiv zugänglich ist.
Die Staatssicherheit der DDR sammelte darin Material gegen NS-Belastete, ehemalige NSDAP-Mitglieder, Mitglieder von SA und SS etc, die im Gebiet der ehemaligen „SBZ – Sowjetischen Besatzungs-Zone“ und ab 1949 der DDR wohnten.
Diese Aktensammlung – die u.a. durch eine geheime Razzia von Schließfächern in Sparkassen und Banken der DDR zustande kam – wurde von der Staatssicherheit jedoch keineswegs nur dazu angelegt, ehemalige NS-Verbrecher zu „entlarven“ und anzuklagen, wie es der offiziellen DDR-Lesart entsprochen hätte, sondern man benutzte diese Akten ganz nach politischem Nutzen. Manche mit schwerer NS-Vergangenheit wurden angeklagt, andere nicht, je nachdem, wie die Stasi den „politischen Nutzen“ einer Anklage einschätzte.

Der Aufstand vom 17. Juni 1953 war noch nicht lange vorbei, da fand im Dezember 1953 der sogenannte „Gehlen-Prozess“ statt. Ein Schauprozess, in dem „Spione“, die innerhalb der DDR für die „Organisation Gehlen“, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes arbeiteten, enttarnt und verurteilt wurden.

Wir wissen mittlerweile, dass der ehemalige SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss von Hamburg aus ab 1948 für die „Organisation Gehlen“ und den BND gearbeitet hat. Meine Bitte um Auskunft beim BStU, ob die Staatssicherheit über Mueller-Darss Akten angelegt hat, wurde positiv beschieden, eine Akteneinsicht ist für Anfang November in der BStU vereinbart.

Auf diesem Hintergrund ist ein Dokument von Interesse, das den Kenntnisstand der Staatssicherheit über Aufbau und Arbeitsweise der „Organisation Gehlen“ im Dezember 1953 deutlich macht: man war bestens informiert.
Wir befinden uns im Jahre 1953 mitten im „Kalten Krieg“. Das wird auch an der Sprache deutlich, die im folgenden Tondokument hörbar wird.

Hier nun die etwa anderthalbstündige Urteilsbegründung im Gehlen-Prozess vom Dezember 1953 als Tondokument.

Wir werden auf das Thema Mueller-Darss und Organisation Gehlen wieder zurückkommen, wenn die Akten ausgewertet sind.

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Mueller-Darss und der Leibarzt Himmlers

Beide kannten sich. Beide gehörten zum engsten Kreis um Reichsführer SS, Heinrich Himmler. Der eine war sein „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – der hatte sich um etwa 50.000 Hunde bei SS, Militär und Polizei zu kümmern, wozu auch die Bewachung der KZ-Häftlinge, insbesondere in den Außenkommandos der Konzentrationslager gehörte. Der andere war ein Arzt, der den Heinrich Himmler behandelte, wenn der mal wieder seine Magenschmerzen hatte.

Jener Arzt nun, Felix Kersten, bittet den „Hundemüller“, Franz Mueller-Darss also, um einen Gefallen. Man schreibt das Jahr 1949, der Krieg war vorbei. Felix Kersten soll in einem Untersuchungsverfahren belegen, dass tatsächlich er es war, der durch eine Intervention bei Heinrich Himmler erreicht hat, dass etwa 8 Millionen Holländer nicht in die Ukraine und nach Weißrussland und ins Generalgouvernement zwangsumgesiedelt wurden, wie ein angeblich von Adolf Hitler unterzeichneter Umsiedlungsplan schon für das Jahr 1941 eigentlich vorsah.

Der niederländische Historiker Louis de Jong hat sich mit jenem Umsiedlungsplan, für dessen angebliche Verhinderung Felix Kersten höchste Auszeichnungen in den Niederlanden erhalten hat, genauer befasst. Seine Ergebnisse kann man in der Schriftenreihe der Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte Nr. 28 unter dem Titel „Zwei Legenden aus dem Dritten Reich“ „Felix Kersten und die Niederlande“ (DVA Stuttgart 1974, S. 77-138) finden. Das Ergebnis seiner vorzüglichen textkritischen Arbeit lautet kurz und lapidar:
einen solchen von Hitler unterzeichneten Umsiedlungsplan hat es nie gegeben.

Nun aber schreibt man das Jahr 1949 und der Leibarzt Himmlers sucht immer noch weitere „Zeugen“ für seine Variante der Erzählung. Vom persönlichen Adjutanten Himmlers, Dr. Rudolf Brandt (im „Ärzteprozess“ am 20. August 1947 zum Tode verurteilt und am 2. Juni 1948 in Landsberg hingerichtet) hatte er schon im Oktober 1947 eine als „vorsichtige Unterstützung“ zu lesende schriftliche Aussage bekommen . Man muss dabei wissen: Zur Unterstützung Brandts in dessen Prozess hatte Kersten am 8. Januar 1947 eine eidesstattliche Erklärung abgegeben, die dem American Military Tribunal zur Entlastung Brandts vorgelegt wurde.
Beide Männer helfen sich also gegenseitig.

Einen weiteren „Zeugen“ seiner Variante der Wahrheit bringt Felix Kersten im Jahre 1949 bei: er wählt Franz Mueller-Darss, der sich im Verfahren aber als „Franz Müller-Darss. Generalmajor d. R. Beauftragter für Forst- u. Jagdwesen im Stabe des Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“ bezeichnet. Beide kannten sich aus dem Persönlichen Stab des Reichsführers SS. Der eine als dessen „Hundebeauftragter“, der andere als dessen Leibarzt.

Franz Mueller-Darss (er hat, so ist es in seiner SS-Personalakte sauber notiert, größten Wert darauf gelegt, MUELLER geschrieben zu werden. Nun heißt er schlicht „Müller“) behauptet, „Beauftragter für Forst- und Jagdwesen“ gewesen zu sein. So jemanden hat es aber nie gegeben. Schon gar nicht im Stabe des „Oberbefehlshabers des Ersatzheeres“. Interessanterweise gibt Mueller-Darss keine Adresse an, als er am 28. September 1949 in Hamburg eine schriftliche „Erklärung“ zugunsten von Felix Kersten abgibt.

Wie Luis de Jong in seinem Artikel akribisch nachweist:

der ehemalige Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss, im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler „Beauftragter für das Diensthundewesen“ gibt dem Leibarzt Himmlers, Dr. Felix Kersten im Jahre 1949 ein zusammengelogenes Gefälligkeitsgutachten zu einem „Deportationsplan“, den Kersten verhindert haben will, den es aber nie gegeben hat.

Dabei – und das ist nebenher noch interessant – vermeidet es Herr „Müller“, eine Adresse anzugeben und die Unterschrift unter seiner „Erklärung“ weicht ebenfalls deutlich von der Unterschrift unter seinem persönlichen Lebenslauf in der SS-Personalakte ab.
Luis de Jong kommentiert trocken: „Müller-Darss hat aus Gründen, die man nur vermuten kann, in seiner Aussage seinen wahren Rang und seine wirkliche Funktion verschwiegen und durch andere Angaben ersetzt.
Der „Generalmajor der Reserve“ hatte offenbar Gründe, Nachforschungen über seine Person zu erschweren.“ (a.a.O. S. 116).

Ein Grund ist inzwischen bekannt: Franz Mueller-Darss war seit 1948 in den Diensten der Organisation Gehlen, dem Vorläufer des Bundesnachrichtendienstes. Er lebte im Jahre 1949 in Hamburg.

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Verklungen Horn und Geläut – die Lügen des Franz Mueller-Darss

Mein Exemplar stammt aus der 15. Auflage des Buches „Verklungen Horn und Geläut. Die Chronik des Forstmeisters Franz Mueller-Darß“. Diese Auflage erschien im Jahre 1994. In dieser Ausgabe (1994!) kann man zum Beispiel folgende Sätze lesen:
„Etwa im Jahre 1937 kam auch General Keitel zum ersten Male auf den Darß, ein kräftig gebauter, ruhiger, freundlicher und nachdenklicher Mann, der manche gute Stunde in meinem Walde und an meinem Kamin mit mir verbrachte …….Ich denke, daß ihm schweres Unrecht angetan worden ist, nicht nur durch den schmählichen Prozeß in Nürnberg, der ihn ein Opfer politischer Rache werden ließ, sondern auch durch das schnell fertige Urteil aller jener, die den Beweis schuldig geblieben sind, daß sie selbst in seiner Stellung richtiger, klüger, verantwortungsbewußter und tapferer gehandelt hätten. …..Dies muss gesagt werden um der Gerechtigkeit willen.“ (a.a.O, S. 331/332).

Da schreibt also ein ehemaliger SS-Generalmajor im Jahre 1954, der Herr Mueller-Darss nämlich, der Herr Feldmarschall Keitel sei in Nürnberg im großen Kriegsverbrecher-Prozeß ein „Opfer politischer Rache“ geworden, im Übrigen sei der ganze Prozess ein „schmählicher Prozess“ gewesen. (Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, von 1938 – 1945 Chef des Oberkommandos der Wehrmacht, wurde im Nürnberger Prozess in allen neun Punkten für schuldig gesprochen und am 16. Oktober 1946 in Nürnberg durch den Strang hingerichtet.)

Man muss wissen: die erste Ausgabe dieses Machwerks vom Herrn Mueller-Darß erschien 1954, also knapp zehn Jahre nach Kriegsende. Es erschien nicht in Deutschland, da wäre das nicht möglich gewesen, es erschien in der Schweiz. Dieses Buch, das als „Chronik“ angelegt ist, hat einen einzigen Zweck: die lange NS-Vergangenheit des Herrn „Forstmeisters“ zu verschleiern, seine SS-Mitgliedschaft zu bagatellisieren und seine Biografie zu „begradigen“. Das ist das eigentliche Ziel dieses schwülstigen Waldromantik-Buches. Es ist kein Wunder, dass dieses Machwerk in rechtsradikalen Kreisen nach wie vor gern gelesen wird. 15 Auflagen kommen ja nicht von ungefähr.

Man kann allerdings am Text nachweisen, worum es dem „Forstmeister“ mit dem Buch eigentlich geht. Über seine SS-Mitgliedschaft – die nur ein einziges Mal im ganzen dicken Buch überhaupt Erwähnung findet -, ist folgendes zu lesen:

„Etwa um die gleiche Zeit (Sommer 1940) wurde mir die Einberufung zugestellt. Göring befahl mich als „forstlichen Verbindungsmann zur Waffen-SS mit der Aufgabe, in den der Waffen-SS zugefallenen Waldgebieten der besetzten Länder die forst- und wildwirtschaftliche Kontrolle und Verwaltung zu üben.“ (a.a.O. S. 345) – So eine Art „SS-Oberförster über Russland und angrenzende Gebiete also“.
Der Mann lügt schlicht und einfach.
So einen SS-Wald-Verbindungs-Menschen hat es nie gegeben.
Wie aber ist er wirklich zur SS gekommen? Er hat sich, wie die hier im blog bereits veröffentlichten Dokumente zeigen, schon 1936 um die Aufnahme in die SS geradezu gedrängelt, weil er bei der SA nichts mehr werden konnte. Er hat weiterhin in der SS eine überaus steile Karriere gemacht, weil er engste Beziehungen zu Himmler und Pohl (Chef vom WVHA der SS) unterhielt. Und bei seinen SS-Freunden, insbesondere seinem „lieben Oberführer“ hat er dafür gesorgt, dass er aus der Zuständigkeit der Wehrmacht eben zur SS kam, „dass sie mich nicht etwa plötzlich einziehen“, wie wir im Dokument (von 1943!!) sehen können.

Nein, der Herr Mueller war nicht bei der Wehrmacht. Und er war auch kein „Verbindungsmann“ wegen irgendwelcher forstlichen Angelegenheiten. Er war seit 1941 im Persönlichen Stab des Reichsführers SS und ab 1942 dessen „Beauftragter für das Diensthundewesen“ – dazu gehörten Such-, Melde-, Munitionsspür-, Panzerabwehr- und eben KZ-Wachhunde. Er war der Herr über zuletzt 50.000 solcher Hunde, die Himmler gern „zu reißenden Bestien“ erzogen sehen wollte, damit sie Häftlinge zerreißen, die etwa die Absicht haben, aus dem KZ-Außenkommando zu fliehen, wie es in Born vorgekommen ist.

Im Übrigen: seit 1940 waren die ersten KZ-Häftlinge auf dem Darss. In Zingst und in Wieck und dann auch in Born direkt. Mueller-Darss war der zuständige SS-Mann mit besten Verbindungen zum Reichsführer SS persönlich, in dessen „Persönlichem Stab“ er ja diente.
Darüber allerdings erfährt man in jenem Büchlein auch in der fünfzehnten Auflage nicht ein Sterbenswörtchen.
Davon, das er sich persönlich vier KZ-Häftlingsfrauen als Bedienstete im „Forsthaus“ hielt; davon dass die SS mitten im Dorf ein KZ-Außenlager mit über 100 russischen Kriegsgefangenen betrieb; davon, dass die SS eine Meilerei im Dorf betrieb, wofür die Häftlinge im Darßer Wald Stubben sprengen mussten – von alldem erfährt der interessierte Leser nichts. Es ging im Buch darum, die Biografie zu „begradigen“. Und das geschah vor allem durch Verschweigen und durch nachweislich falsche Behauptung.

Immerhin schrieb man schon das Jahr 1954, als die „Chronik des Forstmeisters“ zum ersten Mal erschien, da passte sowas nicht mehr ins Bild, darüber schrieb man nicht, das verschwieg man.
SS? NSDAP? SA? – Nie gehört.

Denn schließlich hatte man ja schon einen neuen Arbeitgeber: seit 1948 arbeitete der ehemalige „Forstmeister“ und Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darss zunächst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst. Das ist aktenkundig.
Auch davon ist im 1954 erschienen Büchlein nichts zu erfahren.
Kein Sterbenswörtchen.

Anmerkung: Das Buch wurde von Wolfgang Frank geschrieben, geht aber in den biografischen Details selbstverständlich auf die Angaben von Mueller-Darss persönlich zurück. Wolfgang Frank war ein NS-Schriftsteller.

SS-Mueller-Darss und die CIA

SS-Mueller-Darss und die CIA

„Die Organisation Gehlen war doch eine Veranstaltung der CIA“ sagt mir der Historiker, mit dem ich mich getroffen habe. „Also ist es sinnvoll, in den Akten der CIA nachzuschauen, wenn man jemanden sucht, der für OG gearbeitet hat“. Und diese Akten sind öffentlich? „Die können Sie ganz bequem von zu Hause aus recherchieren“. Und tatsächlich, eine Akte zu Franz Mueller-Darss findet sich, und zwar im reading room (Lesesaal) der CIA im Internet.
Weshalb sind diese Akten öffentlich? „Das kam durch den Fall Klaus Barbie“, lerne ich im Gespräch. „Es kam heraus, dass der SS-Mann Klaus Barbie (GESTAPO-Chef in Frankreich) nach dem Krieg für die CIA gearbeitet hatte. Und als das in Amerika bekannt wurde, gab es mächtige Unruhe, die schließlich politisch dazu führte, dass alle Akten der NS-Kollaborateure, die nach dem Kriege mit der CIA zusammengearbeitet haben, öffentlich gemacht wurden“.

Die Akte stammt vom 1. Januar 1953. Seine Geburtsdaten identifizieren ihn eindeutig als den Gesuchten Franz Mueller-Darss. Wir finden einen Sohn aus erster Ehe mit Ilona Linde , geboren am 2. November 1922 in Berlin, Nicolassee, Hans-Wilhelm Linde. Auf Seite 2 der Akte erfahren wir noch mehr: alle dort aufgeführten Daten identifizieren ihn eindeutig als den SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss, den „Hundemüller“ aus dem Persönlichen Stab RFSS.

Wenn man die Seite 2 von oben her liest, erfährt man außer dem schon bekannten Lebenslauf von Mueller-Darss, dass seine ehemalige Frau von einem Herrn Dr. Linde „wiedergeheiratet“ wurde, dem Chef von „Lindes Eismaschinen“. (Anm: gemeint ist Dr. Friedrich Linde, der im Alter von 65 Jahren Ilona Linde geheiratet hat (1935). Der wiederum hat ihren Sohn, den Hans-Wilhelm adoptiert. Hans-Wilhelm Linde, ehemals Mueller wiederum wurde „als Kurier rekrutiert“ und als „Deckadresse“, Kürzel: V 21 406, hat also ebenfalls für den CIA gearbeitet.
Wir erfahren weiterhin, dass Mueller-Darss „gegenwärtig in Holzhausen als Holz-Verkäufer lebt“. Ausserdem ist er „Berater für Schädlingsbekämpfung“ (Anmerkung: damit kannten die Nazis sich ja aus, das in Auschwitz verwendete Cyklon B war ja bekanntlich ein Schädlingsbekämpfungsmittel). Außerdem hat er ein Buch geschrieben „Kein Ort zu bleiben“. Er sei ein freier Schriftsteller und arbeite an einem Buch über die Forstwirtschaft. Er sei 1939 in die NSDAP eingetreten (was ganz offensichtlich falsch ist; Mueller war schon 1933 in der NSDAP), sei aber inzwischen entnazifiziert worden (Anmerkung: wie das gelaufen sein soll, wüsste ich gerne) und spräche Englisch und Französisch.

Dann erfahren wir, dass Mueller-Darss von einem „V-1701“ rekrutiert worden sei, einem „persönlichen Freund und entfernten Verwandten (Cousin)“. Sein Auto sei angemeldet in „Hamburg Fallingbuettel“ (muss Hamburg-Fallingbostel heißen) und als Postadresse verwende man „Kaffeeversand KOMM WIEDER“ in Salzhausen„. Schließlich erfahren wir noch seine Decknamen: „Mettke Fritz“; „Dr. Fritz“; „Fritz Bohm“ oder „Bartels“.

Mit dieser Akte befinden wir uns mitten im Kalten Krieg. Die ehemaligen Alliierten gegen Hitlers „Drittes Reich“ sind inzwischen Gegner. Und der amerikanische Geheimdienst scheut sich nicht, hochrangige ehemalige Nazis in Dienst zu nehmen, um „gegen den Kommunismus“ zu spionieren. Glücklicherweise sind diese Akten nun seit 1998 öffentlich.

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Reaktionen. Ostsee-Zeitung vom 9. 10. 2020

Das Internet gibt Informationen schnell weiter. Heute früh erreichte mich die Nachricht, dass die Ostsee-Zeitung, Ausgabe Ribnitz-Damgarten eine ganze Seite (12) zum Thema Franz Mueller-Darss und Erinnerungsarbeit veröffentlicht hat. Dr. Edwin Sternkiker hat dazu folgendes geschrieben:

Forstmeister machte Karriere bei der SS Der Borner Franz Mueller-Darß war für den Einsatz von KZ-Häftlingen auf dem Darß verantwortlich / Zur Verantwortung gezogen wurde er dafür nie.

Born. Je mehr sich die militärische Lage an allen Fronten verschlechterte, desto abenteuerlicher wurden die Bemühungen hochrangiger Nazis, das Ruder doch noch herumzureißen. Der Aufbau einer Partisanenarmee gehört zu diesen sinnlosen Vorhaben. Sie erhielt die markig klingende Bezeichnung „Werwolf“. Deren Angehörige sollten in den vom Feind besetzten Gebieten Anschläge verüben. Bereit zum Guerillakampf Der Werwolf unterstand Heinrich Himmler persönlich. Chef der Terrortruppe war SS-Obergruppenführer Hans Prützmann. Im Mai 1945 wartete ein Mann auf dem Darß auf Nachricht von ihm – und auf die versprochenen Schnellboote mit Stoßtrupps. Doch der Mann wartete vergebens. Sein Name: Franz Mueller-Darß. Der bekleidete zu diesem Zeitpunkt den Rang eines SS-Obergruppenführers und „bildete mit einigen hartgesottenen Getreuen eine kleine Werwolfgruppe, legte mit ihnen in mehreren unterirdischen Bunkern Waffendepots an und war zu einem Guerillakampf gegen die ’Russen’ bereit“, so schreibt Helga Radau aus Barth, die seit vielen Jahren die Zeit des Nationalsozialismus in ihrer Heimatstadt erforscht, in einem 2017 in der Buchreihe „LandeBarth“ erschienenen Beitrag. Die Mitglieder der Darßer Werwolfgruppe hätten sich bis zum 20. Juni 1945 versteckt gehalten, bevor es ihnen dann gelungen sei, auf nächtlichen Märschen die britische Besatzungszone zu erreichen, schreibt Helga Radau weiter.
Wer war dieser Franz Mueller-Darß? Geboren wurde er am 29. April 1890 im bayerischen Lindau (Landkreis Northeim). 1909 legte er sein Abitur ab, leistete dann seinen Militärdienst, begann anschließend eine Forstlehre und studierte danach Forstwissenschaften in Eberswalde und München. Am Ersten Weltkrieg nahm er als Kriegsfreiwilliger teil. Als Oberförster kam er 1923 nach Born und übernahm hier 1925 die Leitung des Forstamtes. Mueller-Darß hatte sich bereits sehr frühzeitig der Nazi-Bewegung angeschlossen. Als Forstmeister in Born war er von 1940 bis 1945 zuständig für den Einsatz von mehr als 200 KZ-Häftlingen auf dem Darß und in Zingst. Franz Mueller-Darß machte schnell Karriere. Im Juli 1942 wurde er hauptamtlich als SS-Standartenführer in den persönlichen Stab Heinrich Himmlers geholt. Hier war er „Beauftragter für das Diensthundewesen“ und „Beauftragter für das Forst- und Jagdwesen“. Außerdem wurde ihm unter anderem die Leitung der Hauptabteilung DI/6 „Schutz- und Suchhunde“ im Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt (WVHA) der SS übertragen. Sie war auch für den Einsatz von Hunden in Konzentrationslagern zuständig, so Bertrand Perz in einem 1996 in den Dachauer Heften erschienenen Beitrag. Nach Flucht neue Karriere Nach seiner Flucht in den Westen kam Mueller-Darß in britische Kriegsgefangenschaft. Nach seiner Entlassung gelang es ihm, wieder schnell Karriere zu machen, nämlich beim Bundesnachrichtendienst (BND). Wie jetzt Anfragen und Recherchen von Ulrich Kasparick, der sich intensiv mit der Geschichte des Darß zwischen 1933 und 1945 befasst, ergeben haben, war Mueller-Darß bereits seit 1948 Mitarbeiter der „Organisation Gehlen“ und schied erst im Februar 1966 aus dem BND aus, so Kasparick in einer Mail an den Autor dieses Beitrages. Juristisch ist die Rolle von Franz Mueller-Darß als Verantwortlicher des KZ-Außenlagers auf dem Darß übrigens nie aufgearbeitet worden. 1976 verstarb er, von der Justiz völlig unbehelligt, im oberbayerischen Lenggries.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkieker Ostsee-Zeitung Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

zum Thema Erinnerungsarbeit ist in derselben Ausgabe zu lesen: Historiker soll beauftragt werden / Kosten würden sich auf 25 000 Euro belaufen / Gemeindevertretern liegt am 14. Oktober entsprechender Antrag vor Von Edwin Sternkiker
Born. Die NS-Zeit ist ein Thema, um das auf den Homepages vieler Kommunen bis heute ein großer Bogen gemacht wird. Die zwölf Jahre der NS-Diktatur bleiben ausgespart. Als hätte es sie nie gegeben. Ein Befund, der nicht nur auf zahlreiche kleinere Orte, dazu gehören auch die Kommunen auf der Halbinsel Fischland-Darß-Zingst, sondern auch auf viele Städte im Lande zutrifft. Michael Buddrus und Sigrid Fritzlar schreiben in ihrem 2014 erschienenen Buch „Städte Mecklenburg im Dritten Reich“: „Betrachtet man die heutigen Internet-Auftritte der mecklenburgischen Städte – sowohl die offiziellen Homepages dieser Kommunen als auch die historisch ambitionierten Artikel unter Wikipedia – so ist für die meisten Städte des Landes eine weitgehende Abwesenheit der Zeit des Dritten Reiches zu beobachten, eine geradezu gespenstisch anmutende Ausblendung der nationalsozialistischen Geschichte des jeweiligen Ortes.“ „Borner Hof“ fungierte als KZ-Außenlager Warum das so ist, darüber machte sich unter anderem der Historiker Wolfgang Benz Gedanken und kam in einem 2007 von der OZ mit ihm geführten Interview zu dem Schluss: „Sich zur Vergangenheit zu bekennen, könnte, so glauben viele immer noch, in den Kommunen dem Image schaden oder dem Tourismus.“ Bereits seit Langem ist bekannt, dass in der Zeit von 1940 bis 1945 auf dem Darß und in Zingst insgesamt über 200 männliche und weibliche Häftlinge aus den Konzentrationslagern Neuengamme und Ravensbrück eingesetzt worden waren, wobei die Gaststätte „Borner Hof“ als KZ-Außenlager fungierte. Verantwortlich für den Einsatz der ­KZ-Häftlinge war der Borner Forstmeister und SS-Obergruppenführer Franz Mueller-Darß. Mehrere ­KZ-Häftlinge überlebten diese Zeit nicht, so wurden fünf Männer im Oktober 1944 bei einem Fluchtversuch erschossen. Ihre Gräber befinden sich am Rande des Borner Friedhofes. Die KZ-Häftlinge mussten unter schwersten Bedingungen Bäume im Darßer Wald fällen und in der ­SS-Meilerei Born schuften, andere Häftlinge wurden in Eiseskälte beim Schneiden von Schilfrohr eingesetzt. Und was findet sich auf der Hinweistafel vor dem „Borner Hof“? Nichts.
Statt dessen ist da unter anderem nachzulesen, dass hier Masken-, Schützen- und Tonnenbälle sowie Kinderfeste stattfanden. Aus Sicht von Ulrich Kasparick, Staatssekretär a. D. aus Berlin, ist es an der Zeit, dies zu ändern. Er ist Autor des Buches „Der Darß zwischen 1933 und 1945 – Eine Studie zur Regionalgeschichte im nördlichen Teil des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth“. Er recherchierte im Stadtarchiv Barth, im Pfarramtsarchiv Prerow sowie im Bundesarchiv Berlin und sprach mit Nicola Nibisch, Leiterin des Borner Forst- und Jagdmuseums, mit dem Borner Ortschronisten Holger Becker und Pastor Witte in Prerow. Auch in seinem privaten Blog setzt er sich mit der NS-Vergangenheit auseinander und verweist darauf, dass es über die Zeit zwischen 1933 und 1945 auf dem Darß bereits brauchbare Quellen gebe. Deshalb sei es aus seiner Sicht unverständlich, weshalb die Kommunen auf Fischland, Darß und Zingst „die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen. Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am ’Borner Hof’, Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.“ Solche Tafeln könnte man mit QR-Codes versehen, sodass besonders historisch interessierte Besucher mit ihren mobilen Endgeräten hier zusätzliche Informationen abrufen können, so Kasparick.
Gemeinde ist sich ihrer Verantwortung bewusst
Borns Bürgermeister Gerd Scharmberg betont, dass sich die Kommune ihrer Verantwortung bewusst sei. Aus diesem Grunde wolle man die Geschichte der Oberförsterei Born in der NS-Zeit und den Einsatz von KZ-Häftlingen von einem ausgewiesenen Historiker aufarbeiten lassen. Auch das Wirken der damals handelnden Führungspersonen, dazu gehöre vor allem Franz Mueller-Darß, solle beleuchtet werden. Die Kosten werden auf 25 000 Euro veranschlagt. Eine entsprechende Beschlussvorlage liegt den Gemeindevertretern in ihrer Sitzung am kommenden Mittwoch vor. Die Notwendigkeit, einen fachlich versierten Historiker mit dieser Aufgabe zu betreuen, „steht in engem Zusammenhang mit der Schaffung einer musealen Einrichtung in der Gemeinde, die sich inhaltlich mit der Geschichte der Forst und der Jagd auf dem Darß befasst“, heißt es in der Begründung der Beschlussvorlage. Im Übrigen sei es nicht so, dass in Born die NS-Zeit erst jetzt ein Thema sei, so Scharmberg abschließend. Er verweist etwa auf den Ortschronisten Holger Becker. Dieser habe im Laufe vieler Jahre umfangreiches Material zusammengetragen über die Geschichte von Born, auch und nicht zuletzt über die Zeit zwischen 1933 und 1945.
(Quellenangabe: Dr. Edwin Sternkiker in Ostsee-Zeitung, Ribnitz-Damgarten vom 09.10.2020, Seite 12)

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Meta Zils und der SS-Mann Mueller-Darss in Born a. Darß

Mueller-Darss hat sich persönliche Häftlinge gehalten. Sie mussten bei ihm im Forsthaus arbeiten. Eine davon hieß Meta Zils. Es gibt ein Foto von Meta Zils. Und Akten in den Arolsen-Archives, aus denen hervorgeht, dass ihr geschiedener Mann Karl Zils sie nach dem Kriege gesucht hat:

Franz Wegener hat noch mehr über sie herausgefunden. In seinem Buch „Barth im Nationalsozialismus“ (Gladbeck 2016) ist zu lesen:

„Eine der ersten Insassen des KZ Ravensbrück war Meta Zils, eine Zeugin Jehovas mit der Häftlingsnummer 442. Meta stammte aus einem kleinen Dorf, gelegen vor dem (heute polnischen) Zanow. Metas Tochter Gerda berichtet über ihre Kindheit und das Schicksal ihrer Mutter:
„Als die Verfolgung begann, war meine Schwester sieben und ich acht Jahre alt. Es verging keine Woche ohne eine Hausdurchsuchung. Manchmal kam die Gestapo auch öfter. Mir ist nicht bekannt, dass bei meinen Eltern irgendwann Literatur der WT-Gesellschaft (Wachturm-Gesellschaft, der Verlag der Zeugen) gefunden wurde …. meinen Vater hatte die Gestapo … verhaftet. Das muss Ende 1936 gewesen sein … Vom Verhör in Zanow kehrte (meine Mutter) nicht wieder zurück … Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern … als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller (dem damaligen Darßer Forstmeister und Revierverwalter) abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung. Untergebracht waren die vier Zeugen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren. (Beiliegen zwei Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meine Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben. Unseren Vater konnten wir erst 1947 wieder finden. Obwohl er vier Jahre im KZ-Buchenwald war, hat er zum Schluss des Krieges noch in Hitlers Armee gedient und hat schwer krank den Krieg überlebt … Dass wir während der Haftzeit unserer Eltern nicht in ein Heim gekommen sind und bei unseren Großeltern bleiben konnten, haben wir sicher Jehova zu verdanken. Der Polizist, der meine Mutter zum Verhör abgeholt hatte, legte Fürsprache für uns ein.“ (a.a.O, S. 161-163).

Aus den in den Arolsen-Archives aufbewahrten Such-Akten geht hervor, dass Meta Zils, geborene Krüger, am 11.8.1906 in Wandhagen, Kreis Schlawe in Pommern geboren wurde. Ihr Mann sucht sie im Jahre 1946 von Neviges (NRW) aus.

Wenn der SS-Mann Mueller-Darss mal wieder Staatsbesuch zur Jagd zu Gast hatte, wird er die Häftlingsfrau Meta Zils gar nicht wahrgenommen haben. Vielleicht hat er ihr gar untersagt, während des Besuchs der hohen Gäste im Forsthaus Born die Kartoffelküche zu verlassen. Meta Zils gehört zu den Born-Häftlingen, deren Namen wir mittlerweile wissen, deshalb soll sie hier in der Dokumentation ihren Platz finden.

Neue Dokumente habe ich gefunden: in der „Entnazifizierungsakte“ Mueller-Darss, die ich im Staatsarchiv in Hamburg gefunden habe, ist ein „Zeugnis“ für Mueller-Darss enthalten, das es in sich hat. Der ehemalige Generalmajor der Waffen-SS hatte es tatsächlich fertig gebracht, sich ausgerechnet an die vier Zeuginnen Jehovas zu wenden, die bei ihm im Forsthaus Born schuften mussten. Mit Datum des Jahres 1947 können wir nun mit erstaunten Augen lesen, was zur Entlastung von Mueller-Darss vorgetragen wurde. Wir erfahren, wer die vier Frauen waren: Frieda Kudell aus Freiberg; Meta Zils aus Neviges (Rheinland), Frau Lange und Frau Sukov.

aus der Entnazifizierungsakte Mueller-Darss; Staatsarchiv Hamburg

Wir haben nun belegt, daß Mueller-Darss sich persönliche Häftlinge gehalten hat. Wir sehen allerdings auch, daß Mueller-Darss die vier Frauen „richtig eingeschätzt“ hatte: sie würden ihm ein eher positives Zeugnis ausstellen, denn Zeuginnen Jehovas akzeptieren ihr Schicksal als von Gott gegeben. Weshalb man sie auch nicht extra bewachen musste. Viele SS-Obere hatten sich deswegen gerade Zeuginnen Jehovas als Sklavinnen „gehalten“: sie mussten die Häuser säubern, die Wäsche waschen, den Haushalt führen, mussten kochen und sich um alles kümmern, was dem „Herrn“ vonnöten war. Sie taten das schicksalsergeben und ohne Bewachung, denn nach ihrem Verständnis lag ihr Leben „in Gottes Hand“. Die vier Frauen werden froh gewesen sein, überhaupt am Leben geblieben zu sein. Und sie werden sich gefürchtet haben, von ihrem ehemaligen Generalmajor der Waffen-SS, dem sie zu dienen hatten, erneut „in Schwierigkeiten gebracht“ zu werden. Deshalb ist der vielleicht wichtigste Satz dieses Zeugnisses zugunsten von Mueller-Darss: „Gott wird einem jeden vergelten nach seinen Werken.“

Am 7. Oktober 2021 erhielt ich aus dem Archiv des ehemaligen KZ Ravensbrück weitere Dokumente, in denen auch neue Fotos von Meta Zils aus den Fünfziger und Sechziger Jahren enthalten sind:

Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück
Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück

Meta Zils starb 1981 an Krebs. Ihre Tochter Gerda Liebert, geb. Zils hat später einen „Lebensbericht“ ihrer Mutter verfasst, aus dem auch die Frömmigkeit im Hause Zils erkennbar wird:

Quelle: Archiv der Gedenkstätte Ravensbrück, Akte Außenlager Born.

SS-General Mueller-Darss und der Bundesnachrichtendienst


Man kannte ihn. „Sind Sie bei Ihren Recherchen zur frühen Geschichte des Bundesnachrichtendienstes auf Franz Mueller-Darss, den „Hundemüller“ gestoßen?“ hatte ich vor einiger Zeit Dr. Gerhard Sälter gefragt, der in der Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des BND maßgeblich mitarbeitet.

„Ja, wir kennen ihn. Es gibt mehrere Akten über ihn beim BND, darunter 2 Personalakten. Ich kann Ihnen sagen: Mueller-Darss war von 1948 zunächst im Dienste der Organisation Gehlen, dann bis 1966 im Dienste des BND“, so schrieb mir Dr. Sälter im September 2020.


Mueller-Darss gehörte zur Riege derjenigen, von denen im hier eingefügten Film von ARTE (2018) die Rede ist: https://www.youtube.com/watch?v=bjI5t2hKGD4&feature=share&fbclid=IwAR0JOPR9SNBQ3FBCMZhmPGsVNJ7hqgKHYXmfWlo9R-ZKFP8vLbBX7ZnX5fk