Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (5)

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (5)

Die 2024 in Yad Vashem gefundene Transport-Liste, die ich im März 2025 aus Großbritannien von Dr. Amy Williams erhielt, enthält auch die Namen und Anschriften der Helfer des Transports, in dem Susanne Schaefer nach England entkommen konnte. Die niederländischen Grenzbehörden registrierten als „Hoffdleider“ (Hauptleiter) des Transports Norbert Wollheim. Ihm sei dieser blogbeitrag gewidmet. Zu den anderen Helfern komme ich im nächsten Beitrag.

In Berlin war Norbert Wollheim Zeuge des Pogroms vom 9./10. November 1938 geworden und unterstützte in den folgenden Wochen jüdische Männer, die an diesen Tagen von der Gestapo ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden waren. Sie wurden nun wieder entlassen, waren jedoch häufig verletzt, misshandelt und krank, und versuchten, zu ihren Familien zurückzukehren. „Damals begriff ich, dass Rabbiner Leo Baeck, der mein Lehrer und geistiger Mentor war, Recht hatte, als er sagte, dass die historische Stunde des deutschen Judentums zu einem Ende gekommen sei.“[1]

In seinen Vorbereitungen zur eigenen Auswanderung wurde Norbert Wollheim von Otto Hirsch von der Reichsvereinigung der deutschen Juden unterbrochen, der ihn bat, die Organisation der Auswanderung tausender Kinder[2] zu übernehmen, deren Aufnahme Großbritannien in Folge des Pogroms angeboten hatte.  a  Wollheim ließ sich überzeugen, diese Arbeit im Geiste der Jüdischen Jugendbewegung, in der er aufgewachsen war, zu übernehmen: „In der Jugendbewegung hatten wir gelernt zu helfen, wo es nur möglich war. Dies war unser Credo. Das, was man für sich selbst tut, ist nicht genug. Man muss versuchen, sich auch um Leute zu kümmern, die weniger Glück haben als man selbst, und Hilfe und Unterstützung brauchen. Also begann ich mit der Arbeit.”[3]

Nachdem eine hochrangige Delegation britischer Juden, unter ihnen Viscount Samuel, Lord Bearsted, der Oberrabbiner J. H. Hertz und Chaim Weizmann, vom britischen Premierminister Neville Chamberlain die Zusage für die Aufnahme der Kinder erhalten hatten, standen sowohl in England als auch in Deutschland die involvierten Wohltätigkeitsorganisationen und Helfer/innen vor zahlreichen organisatorischen Problemen. In England sammelte das Refugee Children’s Movement Spenden zur Finanzierung des ganzen Unternehmens und machte sich auf die Suche nach Pflegefamilien, seien sie jüdisch oder christlich. Gerade Pflegefamilien zu finden, erwies sich als schwierig, so dass viele Kinder nach ihrer Ankunft in England erst einige Zeit in dem für sie geschaffenen Auffanglager in Dovercourt untergebracht werden mussten.

In Deutschland war die Aufgabe zunächst, in ganz Deutschland jüdische Kinder zu finden, die die Kriterien erfüllten – unter 17 Jahre, gesund, mit Einverständnis der Eltern, da diese ja nicht mitgehen durften –, für sie die Ausreiseformalitäten zu regeln und festzulegen, wann sie von Berlin nach England reisen sollten. Während Wohltätigkeitsorganisationen in den jüdischen Gemeinden vor Ort die Kinder aussuchten und ihre Unterlagen nach Berlin schickten, war es Norbert Wollheims Aufgabe, die Listen der einzelnen Transporte zusammenzustellen und sie mit den Organisationen in England abzustimmen, was häufig nächtlicher Telefongespräche bedurfte, auf die er manchmal mehrere Stunden warten musste wegen der schlechten Verbindungen.

Die Kinder mussten sich einem Gesundheitscheck unterziehen und wurden daraufhin in den örtlichen jüdischen Gemeinden für einen der Kindertransporte ausgewählt oder abgelehnt. Es wurde auf diese Weise auch versucht, Jungen außer Landes zu bringen, die am 9./10. November von der Gestapo verhaftet worden waren und nur mit der Auflage wieder entlassen worden waren, das Deutsche Reich bald zu verlassen. Die Eltern brachten ihre Kinder aus ganz Deutschland nach Berlin,[4] von wo sie in besonderen Waggons abfuhren. Norbert Wollheim hatte mit Kindern und Eltern erst in Berlin bei der Verabschiedung am Bahnhof direkt zu tun. Hierfür mietete er im Schlesischen Bahnhof1 einen separaten Saal an, da die Gestapo den Eltern verboten hatte, ihre Kinder auf den Bahnsteig zu begleiten, um öffentlich sichtbare Abschiedsszenen zu vermeiden. In diesem Saal war es seine Aufgabe, mit einer kurzen Ansprache den endgültigen Abschied zwischen Eltern und Kindern einzuleiten.  b 

Weitere Helfer/innen wurden rekrutiert, um die Kinder zu begleiten, zunächst nur bis zur holländischen Grenze, aber bald gelang es, die deutschen Behörden davon zu überzeugen, dass es im Interesse aller sei, die Kinder bis nach London zu begleiten. Dies gestattete die Gestapo nur unter der Bedingung, dass alle Begleiter/innen sofort aus England nach Deutschland zurückkehren mussten; hätte eine/r die Reise nach England zur Flucht aus dem Deutschen Reich genutzt, wären die Kindertransporte von der deutschen Seite abgebrochen worden. Es lag also bei der Auswahl der Begleiter/innen eine große Verantwortung auf Norbert Wollheim. Er begleitete selbst vier oder fünf der etwa 20 Kindertransporte von Berlin nach England, auch einige nach Schweden, denn auch Schweden entschloss sich, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Die Reisen nach England nutzte Wollheim zudem für organisatorische Absprachen mit den Mitarbeiter/innen des Refugee Children’s Movement dort.

Die Züge fuhren von Berlin zur holländischen Grenze, wo sie noch einmal den Schikanen der SS ausgesetzt waren, die häufig alles Gepäck der Kinder durchwühlten und diese terrorisierten.  c  In Holland wurden die Kinder von dortigen Hilfsorganisationen versorgt und fuhren dann weiter mit einer Fähre nach Harwich in England, wo der erste Kindertransport am 2. Dezember 1938 eintraf. Nach Einwanderungs- und Zollkontrolle  d  kamen die Kinder von dort entweder ins Auffanglager in Dovercourt oder fuhren weiter zur Liverpool Street Station, wo ihre Pflegeeltern sie erwarteten. Für viele Kinder war dieser Bruch in ihrem Leben eine traumatische Erfahrung, oft hatten sie Schwierigkeiten, sich an ihre neuen Familien in England zu gewöhnen, die oft ganz anders waren als ihre Herkunftsfamilien. In vielen Fällen waren die Aufnahmefamilien nicht jüdisch, oder, waren sie jüdisch, so lebten sie die religiösen Traditionen doch oft in einem anderen Grad, als es manche der Kinder gewöhnt waren. Es gab Kinder, die viele Anstrengungen unternahmen, ihre Eltern und auch Geschwister nach England nachzuholen, ihnen dort Jobs zu besorgen, die eine Einreise ermöglichten; einigen gelang dies auch. Die Eltern der meisten durch die Kindertransporte in Sicherheit gebrachten Kinder wurden jedoch in den NS-Vernichtungslagern ermordet; nur wenige hatten das Glück, ihre Eltern Jahre später, nach dem Krieg, wiederzutreffen.

Im Sommer 1939 hatte das Refugee Children’s Movement zunehmend Schwierigkeiten mit der Finanzierung der Transporte, im August ging das Geld ganz aus. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen endete im September 1939 jede Möglichkeit, weitere Kinder außer Landes zu bringen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nach Norbert Wollheims Aussage gelungen, etwa 6–7.000 Kinder aus Deutschland nach England und Schweden zu bringen.  e 

Ein letzter Kindertransport, der eigentlich für Anfang September vorgesehen war, hatte noch in den letzten Augusttagen nach England fahren können; bei diesem Transport war Norbert Wollheim schon nicht mehr als Begleiter dabei, da er fürchtete, evtl. nicht mehr zu seiner schwangeren Frau, Rosa Wollheim (geb. Mandelbrod), nach Berlin zurückkehren zu können. Ihm und seiner Familie gelang die Auswanderung nicht mehr, sie wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo Rosa und ihr Sohn Uriel sofort nach der Ankunft ermordet wurden. Norbert Wollheim kam ins KZ Buna/Monowitz.

(MN)

Diesen Text habe ich der Seite Norbert-Wollheim-Memorial entnommen. Wollheim überlebte die Zeit im KZ, war später Zeuge im Auschwitz-Prozess, klagte gegen die IG-Farben und blieb ein Leben lang für Menschen engagiert, die Unterstützung benötigten.

  1. hier hat sich im zitierten Originaltext ein Fehler eingeschlichen. Die Kindertransporte starteten nicht am Schlesischen, sondern am Anhalter Bahnhof. ↩︎

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Die Kinder kamen nicht nur aus Berlin. Wir sehen an der Liste, die mir die britische Historikerin Dr. Amy Williams im März 2025 dankenswerterweise in Kopie zur Verfügung gestellt hat – sie kamen auch aus Beuthen (heute Polen):

Sie kamen aus Hamburg:

und sie kamen aus einer ganzen Reihe anderer Städte in Deutschland: aus Breslau, Königsberg, Magdeburg, Chemnitz, Hamm, Gelsenkirchen, Würzburg, Bamberg und Stuttgart.

Diese im Dezember 2024 in Yad Vashem/Jerusalem entdeckten Transportlisten der Kindertransporte werden nun auch in zahlreichen Städten die Forschungen zur Herkunft jüdischer Familien und ihrer Nachfahren ergänzen und erweitern können. Ein wertvoller Fund.

Wer sich mit dem Thema „Kindertransporte“ etwas eingehender befassen will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

  1. Wolfgang Benz (Hg). Die Kindertransporte 1938/39. Fischer-Taschenbuch 2024, 2. Auflage
  2. Rebekka Göpfert (Hg). Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern. dtv 1994
  3. Rebekka Göpfert. Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Campus-Verlag Frankfurt/New York 1997
  4. Dorit B. Whiteman. Die Entwurzelten. Jüdische Lebensgeschichten nach der Flucht 1933 bis heute. Böhlau Verlag Wien.Köln.Weimar 1995
  5. Mike Levy: Get the Childen out! Sonderausgabe zum 85. Jahrestag der Transporte.
  6. Das neue Buch von Dr. Amy Williams zu ihrem Fund der Transport-Listen im Dezember vorigen Jahres in Yad Vashem wird im Sommer 2025 erscheinen.

Mike Levy hat sein Buch auch „Die unbesungenen Helden des Kindertransports“ genannt. Von denen wird im nächsten blog-Beitrag die Rede sein, denn die Liste vom 21./22. Mai 1939 nennt auch ihre Namen.

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Die Liste mit den Namen und Anschriften der Berliner Kinder, die am 21./22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland – Harwich nach London fliehen konnten, enthält 45 Namen Berliner Mädchen. Schaut man sich diese Liste genau an, fällt die größte Altersgruppe der 14-16jährigen Mädchen sofort auf.
Auch finden sich Geschwisterpaare. Die drei jüngsten Mädchen dieses Transportes sind 6, die beiden ältesten sind gerade noch 17 Jahre. Die Altersgrenze für die Transporte lag bei 17 Jahren … Man ahnt die Panik der Eltern, ihr Kinder „gerade noch“ auf den Transport bekommen zu haben.
Die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland, bei denen die „Anwärter-Kinder“ angemeldet waren, mussten auswählen. Erschütternd ist heute, 95 Jahre nach jenen Ereignissen wahrzunehmen, nach welchen Kriterien die Kinder ausgesucht wurden: sie mussten gesund sein, blonde, 12jährige Mädchen waren bevorzugt in England, Jungen hatten es sehr viel schwerer. Behinderte Kinder hatten keine Chance. Zur Tragik der Kindertransporte gehört, dass die meisten Kinder eben nicht gerettet werden konnten. Aber, immerhin 10.000 konnten den Nazis nach England entkommen.

Die Kinder wurden auf englischer Seite entweder von „Pateneltern“ am Bahnhof abgeholt – oder sie kamen gleich in der Nähe von Harwich in ein eigentlich für Sommeraktivitäten gebautes Camp, das aber in den Wintermonaten ab Dezember 1938 nun als Kinder-Flüchtlings-Lager dienen musste. Die Verhältnisse waren entsprechend schlecht. Am Beginn der Transporte waren die Patenschafts-Fragen noch nicht verlässlich geklärt, weshalb es bei der Ankunft zu Szenen „wie auf einem Viehmarkt“ kam, wie ehemalige „Kinder“ in ihren Lebenserinnerungen geschrieben haben. Die Kinder waren aufgestellt und die Gasteltern konnten sich „ein ihnen passendes Kind aussuchen“. Natürlich blieben bei einem solchen Verfahren Kinder „übrig“ – um die sich dann die Hilfsorganisationen selbst kümmern mussten.
Schon bald allerdings waren die Transporte zunehmend professionalisiert. Auch hörten die dramatischen Szenen auf den Berliner Bahnsteigen auf, wenn sich die Eltern von ihren Kindern direkt am Zug verabschiedeten. Norbert Wollheim, von dem noch die Rede sein wird, sorgte dafür, dass sich die Eltern von ihren Kindern in einem eigenen großen Raum verabschieden konnten, bevor die Kinder den Zug bestiegen. Auch hatten die Nazis gefordert, dass diese „Verabschiedungsszenen auf dem Bahnsteig“ aufzuhören hätten, die Berliner Bevölkerung sollte nicht mitbekommen, was da vor sich ging.

Im Zug wurden die Kinder von Erwachsenen begleitet, die aber, so war die Bedingung der Nationalsozialisten, nach dem Transport von England nach Deutschland zurückkehren mussten. Falls jemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen sollte, würde man die Transporte sofort einstellen.

Wir sehen hier an den Blättern zwei und drei (Blatt 3 enthält Susanne Schaefer, um die es bei der Recherche eigentlich geht) der Transportliste, dass die Kinder dieses Transportes nicht nur aus Berlin kamen.
Im nächsten Beitrag gehe ich näher darauf ein.

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Im Dezember 2024 hatte die britische Historikerin Dr. Amy Williams in Yad Vashem/Jerusalem „fast alle“ Transportlisten der „Kindertransporte“ aus den Jahren 1938/1939 gefunden – für Kenner der Materie eine Sensation, denn diese Listen galten bislang als verschollen. Ich erfuhr von diesem Fund Ende März 2025 durch einen Artikel in der New York Times, setzte mich sofort mit Dr. Williams in Verbindung und erhielt von ihr schon am Folgetag dankenswerter Weise die Liste in Kopie, die mich besonders interessiert: die Liste vom 13e Transport am 21/22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland nach London. Mit diesem Transport kam nämlich die einzige Tochter des Grafikers und Pressezeichners Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau, der Modezeichnerin Steffie, geborene Nathan, gleichsam „in letzter Minute“ nach Schottland in Sicherheit. Steffie selbst konnte noch im Juli 1939 als „house wife“ nach England emigrieren, Schaefer-Ast hatte sich im April 1939 von der Jüdin Steffie scheiden lassen und blieb in Berlin. Im Buch über Schaefer-Ast habe ich diese Fakten ausführlich beschrieben.

Über die Titelseite der Liste vom Mai-Transport hatte ich bereits im vorigen blog-Beitrag geschrieben, nun also die Seiten 1 + 2, wir finden zunächst die Namen und Adressen der Jungen, die mit diesem Transport fliehen konnten. Es handelt sich dabei um eine von holländischen Helfern ausgestellte und an die holländischen Grenzbehörden übersandte Liste, die erst am 17. Mai endgültig feststand:

35 Berliner Jungs waren im Zug. Insgesamt waren es 128 Kinder, auch aus anderen Orten als Berlin, die in Begleitung von mehreren Erwachsenen, über die wir noch sprechen werden, mit diesem Transport von Berlin nach London entkommen konnten. Im Zug waren nicht nur Berliner Kinder, wie wir noch sehen werden, aber wir beginnen zunächst mit den Berlinern, der Reihenfolge der Liste folgend.

Besonders aufschlussreich ist, dass mehr Mädchen als Jungen im Zug waren. Das wurde zum Merkmal der Transporte insgesamt: denn viele britische Gasteltern bevorzugten Mädchen, die „nicht schwierig“ waren; Mädchen, die sich eher angepasst und ruhig verhielten. Nicht wenige von ihnen wurden auch als Kindermädchen und Reinigungshilfen ausgenutzt, davon wird noch zu sprechen sein. Jungen hatten es da schwerer. Fliehen konnten nur Kinder, die noch keine 17 waren, die meisten waren sehr viel jünger, wie man leicht an den Geburtsdaten erkennen kann. Die Berliner Jungs in diesem Transport waren im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, größte Teilgruppe waren die Jungs im Alter zwischen 13 und 14 Jahren.

Wer sich mit der jüdischen Geschichte Berlins beschäftigt, hat durch diese Liste nun einen weiteren Hinweis auf die Wohnorte jüdischer Familien im Mai des Jahres 1939 und eine Grundlage für weitere Recherchen.

Im nächsten Blogbeitrag schauen wir uns die Mädchen auf der Berliner Liste an, dann sehen wir uns die anderen Orte an, aus denen Kinder dieses Transportes kamen und schließlich werden wir uns mit den Helferinnen auf diesem Transport beschäftigen. Aber: eins nach dem anderen.

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Es geht um Susanne Schaefer, geboren am 18. Januar 1927 als einzige Tochter des Pressezeichners und Grafikers Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau Steffie, geborene Nathan.

Ich wusste inzwischen, dass Susanne am 21. Mai 1939 mit einem „Kindertransport“ von Berlin via Hoek van Holland zunächst nach London und dann weiter nach Ayr in Schottland fliehen konnte. Aber ich kannte keine Details, denn auch nach intensivster Suche war keine Transportliste dieses Transportes zu finden. Alle Historiker, die sich mit dieser Thematik befasst hatten, waren der Ansicht, diese Listen seien verschollen und aufgrund von „Kriegseinwirkungen“ verloren gegangen. Am 31.3.2025 bekam ich eine Mail aus New York mit einem Artikel in der New York Times, der von einem „Sensationsfund“ berichtete. Der britischen Historikerin Dr. Amy Williams sei es Ende 2024 im Archiv in Yad Vashem gelungen, die Transportlisten der „Kindertransporte“ von 1938/39 zu finden. Die Listen seien „beinahe vollständig“.

Was für eine Nachricht! Ich fing sofort an, weiter zu suchen, um Dr. Williams irgendwie zu erreichen und noch in der Nacht konnte ich an Dr. Williams eine Mail schreiben mit meiner Frage, ob sie „zufällig“ auch die Liste vom 21. Mai 1939 von Berlin via Hoek van Holland nach London gefunden hätte?

Schon nach wenigen Stunden kam ihre Antwort. Tatsächlich ist diese Liste enthalten. Frau Dr. Williams wird über ihren umfänglichen Fund und die Auswertung des Fundes im Sommer diesen Jahres publizieren und dennoch schickte sie mir die Liste mit Susannes Namen – wofür ich ihr einen großen Dank sagen möchte. Solche Kollegialität ist nicht selbstverständlich.

Ich will im Folgenden etwas zu dieser Liste sagen. Heute Teil 1: Das Deckblatt vom 19. Mai 1939.

Die Übersetzung lautet:
DAS KINDER-COMITÉ
Amsterdam 19. Mai 1939
Heerengracht 466

an

Grenzschutz und Nationaler Ausländerdienst
Nassau Zuilensteinstraat 11, Den Haag

Nach dem Telefongespräch mit Frau Wijsmuller bestätigen wir hiermit, dass am Sonntag, den 21. Mai, ein deutscher Kindertransport bestehend aus
128 Kindern
um 16:51 Uhr über den Grenzbahnhof Oldenzaal durch unser Land fahren und von dort über Hoek van Holland (Ankunft 21:37 Uhr) noch am selben Abend mit dem Nachtschiff nach England reisen wird.

Zu Ihrer Information legen wir Ihnen eine Liste mit den Namen der Kinder und der Betreuer bei.

Wir haben die Leiter der Grenzstationen Oldenzaal und Hoek van Holland über diesen Transport informiert.

Mit freundlichen Grüßen, „Das Kinder-Komitee“

Angefügt ist die angekündigte 5-seitige Liste (verfasst am 17.5.1939) mit 128 Namen und Adressen der Kinder und ein Blatt mit den Namen der BegleiterInnen dieses Transportes. Darüber wird es einen eigenen Beitrag geben.

Ich bin derzeit bei der Vorbereitung einer Recherche-Reise nach London. Ich will exakt auf dem Weg reisen, den die jüdischen Flüchtlingskinder im Mai 1939 gereist sind: früh mit dem Zug ab Berlin nach Amsterdam, von dort weiter zum Hafen in Hoek van Holland, dann mit dem „Nachtschiff“ um 22 Uhr ab Hoek van Holland nach Harwich, von dort am Folgetag weiter nach London Liverpool Street Station.

Das Titelblatt der in Jerusalem gefundenen Liste verrät uns, dass „Frau Wijsmuller“ den Transport vom 21. Mai 1939 den Grenzbehörden schon telefonisch angekündigt hatte. Sie ist eine bemerkenswerte und sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen, die sich unter größtem persönlichen Einsatz um die jüdischen Kinder gekümmert hat. Unter abenteuerlichsten Umständen ist es ihr noch im September 1939 gelungen, ein letztes Flüchtlingsboot außer Landes zu bringen, da wurde das Boot schon von Flugzeugen aus beschossen – aber die Kinder wurden gerettet. Ich werde in einem weiteren Beitrag ausführlich auf sie eingehen.
Der Transport wurde begleitet vom „Hauptführer“, wie das Dokument formuliert, Norbert Wollheim, der maßgeblich die Kindertransporte von Berlin organisiert, vorbereitet und begleitet hat. Auch er wird einen eigenen Blogbeitrag bekommen. Norbert Wollheim ist ein wirklich bemerkenswerter Mensch gewesen, der viel zu wenig bekannt ist. Wollheim kehrte immer wieder nach einem Transport aus London zurück, um den nächsten Transport durchzuführen, er kam ins KZ, überlebte, emigrierte in die USA. Er hat ausführlich über seine Arbeit für die „Kindertransporte“ geschrieben. Davon wird noch die Rede sein.

Zunächst also die „Titelseite“ der Transportliste vom 21. Mai 1939, angefertigt am 19. Mai 1939 in Amsterdam. Dort war „DAS KINDER-COMITÉ“ untergebracht, das den deutschen jüdischen Kindern half, den Weg in die Sicherheit zu finden. Viele Kinder haben noch aus dem Zug an ihre in Deutschland gebliebenen Eltern geschrieben und auf den Postkarten und in den Briefchen davon erzählt, wie herzlich sie in den Niederlanden aufgenommen und versorgt worden seien.

Die britische Regierung hatte sich nach den Novemberpogromen 1938 bereit erklärt, „wenigstens jüdische Kinder für eine begrenzte Zeit“ aufzunehmen, obwohl England kaum noch erwachsene Flüchtlinge aufnahm, man befürchtete, dass die deutschen Flüchtlinge „unseren Leuten die Arbeit wegnehmen“ (!) könnten. Auch waren die Ausreisen nach Palästina, das damals unter britischem Protektorat stand, begrenzt worden. Die jüdischen privaten Hilfsorganisationen, die zusammen mit den Quäkern in Deutschland und England die „Kindertransporte“ organisierten, mit denen „etwa 10.000 Kinder“ gerettet werden konnten, setzten deshalb darauf, dass man „wenigstens die Kinder für eine begrenzte Zeit“ außer Landes bringen müsse; die Helfer mussten alles privat organisieren, denn die britische Regierung hatte zur Bedingung ihrer Einreisegenehmigung gemacht, dass „dem Staat keinerlei Kosten“ entstehen dürften. Adolf Eichmann hatte unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938, als „wenigstens die Kinder“ gerettet werden mussten, den jüdischen Helfern einen ersten Transport unter der Bedingung genehmigt, dass er „noch im Dezember“ 1938 erfolgen müsse. Eine schier unlösbare Aufgabe. Aber: es gelang. Der erste Kindertransport verließ Deutschland noch im Dezember 1938. Die mediale Aufmerksamkeit insbesondere in Großbritannien für diesen ersten Transport war sehr groß, man findet zahlreiche Dokumente darüber.
Über die Helfer in Berlin und in Amsterdam ist weniger bekannt, „Frau Wijsmuller“ und „Norbert Wollheim“ sind nur Menschen bekannt, die sich intensiv mit den „Kindertransporten“ beschäftigt haben. Meine Beiträge sollen ein wenig helfen, dass sich das ändert.

Am Hansa-Gymnasium in Stralsund. Eine etwas andere Geschichtsstunde

Am Hansa-Gymnasium in Stralsund. Eine etwas andere Geschichtsstunde

Wir kannten uns von einer Stolperstein-Verlegung im September vorigen Jahres. Da wurde in Stralsund unter anderem ein Stolperstein für Josef Panski und seine Frau verlegt, der in meinem Buch über Dr. Hans Beu aus Prerow vorkommt. „Seppl“ aus Prerow. Bei dieser Stolperstein-Verlegung in Stralsund waren Jugendliche aus dem Leistungskurs Geschichte vom Hansa-Gymnasium in Stralsund dabei, die sich intensiv mit der Geschichte der Personen beschäftigt hatten, für die die Stolpersteine verlegt wurden. Und ihr Lehrer, Mark Fleckeisen (li. im Bild), zog auf freundliche, dezente, aber durchaus bestimmte Art im Hintergrund die Strippen. Er gehört in Stralsund zu denjenigen, die sich schon lange und ausdauernd und konsequent um die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner insbesondere in der Zeit der Naziherrschaft bemühen und zur Aufklärung beitragen.

Bei dieser Stolperstein-Verlegung nun lernten wir uns kennen und die Idee entstand, ich könnte einmal bei Gelegenheit nach Stralsund kommen und über meine Recherchen zu Heinrich Himmlers Spezi, dem „Hundemüller“, Franz Mueller-Darss erzählen, dessen Biografie insofern besonders ist, weil man an ihr den Übergang von der Kaiserzeit zur Weimarer Republik, die Radikalisierung des Kadetten Mueller zum SS-Generalmajor, seine „Entnazifizierung“ und seine schon sehr frühe Mitarbeit erst für die „Organisation Gehlen“, dann für den Bundesnachrichtendienst aufzeigen und belegen kann. Eine Täter-Karriere, die durchaus typisch war für die frühe Bundesrepublik Deutschland, in der nach dem Krieg so viele „Belastete“ schnell wieder in Amt und Würden kamen und so taten, als sei nichts gewesen.

Heute nun kam der Termin zustande, ich war nach Stralsund gereist, hatte mir ein schönes Quartier am Wasser genommen, das liegt ganz in der Nähe des Gymnasiums und schon ziemlich früh am Morgen hatten sich die Geschichtsklassen des Gymnasiums eingestellt: etwa 120 Schülerinnen und Schüler der Klassen 11 und 12 saßen da in der Aula und drei von ihnen, Paula, Tim und Albert führten ihre MitschülerInnen als gut präparierte Moderatoren durch anderthalb Stunden Geschichtsunterricht. Sie hatten Fragen an mich vorbereitet. Erst zur Person, dann zum Buch und im Teil drei ging es darum herauszufinden, weshalb die Arbeit an diesen „12 verdammten Jahren“ heute noch so wichtig ist und weshalb die Rede, man müsse „damit nun endlich mal aufhören“ so unsinnig ist. Heraus kam eine Geschichtsstunde nach dem Prinzip „Schüler unterrichten Schüler“, wie man sie sich besser nicht wünschen kann. Lehrer Fleckeisen hielt sich im Hintergrund zur Verfügung, assistierte wo nötig am Beamer und Laptop, hielt sich ansonsten aber zurück – den Schülern gehörte das Podium. Mir hat das sehr gut gefallen, denn darum geht es ja – daß die Jugendlichen selbständig werden, daß man sie gegen Ende ihrer Ausbildung am Gymnasium immer mehr los-lässt und sie selber Verantwortung übernehmen. Das ist ganz offensichtlich gelungen.

Wie ich nach der Veranstaltung erfuhr, wurde die Doppelstunde als „sehr spannend“ wahrgenommen, auch gab es die Reaktion, nun auch mal „in der eigenen Familie genauer nachzufragen“, was denn mit Opa oder Oma eigentlich genau los war in jenen Jahren. Eine Ermutigung also, die eigene Geschichte, die eigene Familiengeschichte daraufhin genauer zu befragen, was eigentlich „gewesen ist in jenen Jahren“.

Ich bin immer gern in Stralsund, jener schönen Stadt am Wasser. Ich hab seit heute einen Grund mehr, die Stadt bei Gelegenheit wieder zu besuchen.

Peter Schaefer. Ein kurzes Leben in Briefen. „Nun bin ich schon seit 5 Tagen Soldat“

Über Steffies Stiefsohn Peter Schaefer habe ich nicht sehr viel herausfinden können. Er wurde am 12. Mai 1924 in Berlin geboren, ging dort zur Schule. Ich habe ihn eigentlich erst aus seinen Briefen an seine Mutter Oda etwas näher kennengelernt. Diese Briefe habe ich vor Kurzem in einem Münchner Archiv entdeckt. Peter kannte seinen Vater Albert Schaefer in sehr früher Kindheit gar nicht, denn Oda zog mit dem Kind nach der Trennung von Schaefer-Ast zu ihrem Bruder. Peter kam erst im Alter von 10 Jahren zu seinem Vater und seiner zweiten Frau Steffie und der Halbschwester Susanne nach Berlin. Peter war als Junge in Prerow, auch in Begleitung seiner Mutter Oda; Steffie und Susanne waren nie dort. Über eine Ausbildung nach der Schule ist mir nichts bekannt. Es sieht in den Briefen so aus, als sei Peter gleich nach dem Abitur erst zum „Reichsarbeitsdienst“ und dann zur Wehrmacht gekommen.

Im Sommer 1940, Peter ist 16 Jahre alt, verbringt er die Ferien in Prerow. „Pappi“, also Albert Schaefer, „hat 6 Gänse gekauft“, schreibt er an seine Mutter Oda, die inzwischen mit ihrem zweiten Mann zusammen lebt und für eine 2 in der Schule hat er von „Pappi“ „eine Mark“ bekommen, so kann man es im Brief lesen.

Am 9.6.1941 (mit 17) schreibt er, er hätte „eine 5 in Mathe“ bekommen und das kurz vor der „Versetzung“. Allerdings habe er „in Latein eine 3“ geschrieben. Im Sport sei er ganz gut und wolle nun „in Prerow Langestreckenlaufen üben“. Die Zigaretten im Paket der Mutter habe er „ein bißchen parfümiert“. Der Abiturient raucht offenbar und bekommt von seiner Mutter Pakete, was darauf hindeutet, daß er nicht in Berlin zum Gymnasium geht. Am 15.9.1942 schreibt Peter einen Brief an seine Mutter, auf den sie später „Reichsarbeitsdienst“ notiert hat. Die Dienstzeit beim R.A.D. betrug in der Regel ein halbes Jahr.  Die Briefe aus Calau muten allerdings schon an, als sei er beim Militär. In dem Brief schreibt er, er habe für seine Mutter Zuckerstücken gesammelt und seine Mutter bräuchte nun „keine Angst mehr um den Weihnachtskuchen“ zu haben. Er berichtet von einem „Selbstverstümmler“, den man schon in eine Einrichtung in Daldorf (Wittenau) eingeliefert habe. Offenbar war da ein junger Mann, der alles versuchte, um nicht zum Militär und nicht an die Front zu kommen. Man sprach damals auch in solchen Fällen vom „Heimatschuß“. Peter will, wenn es mit dem Weihnachtsurlaub klappt, mit „Horschtel“, gemeint ist Odas zweiter Ehemann Horst Lange, „in civil“ sich betrinken gehen. Und dann will er gründlich ausschlafen. Er beschwert sich bei seiner Mutter über seine Freundin „Chenny“, die ihm „seit 5 Monaten nicht geschrieben“ habe. Seine Mutter solle der Chenny mal „den Kopf waschen“.

Im März 1943 schreibt er davon, wie schwer ihm die Trennung von „Chenny“ fällt, die er wohl an Weihnachten vollzogen hat, jedenfalls klingt der Brief so, und er berichtet, er werde gegen Ende des Monats März aus dem Reichsarbeitsdienst entlassen, allerdings wisse er nicht, wann er zum Militär eingezogen würde, das wüssten nur „die Götter“.

Am 24. 5. 1943 schreibt er: „Nun bin ich schon seit 5 Tagen Soldat und habe davon noch nicht viel gemerkt. Wir machen jeden Tag Revierreinigen und spielen Karten.“ Der junge Soldat, der grade der Schulbank entronnen ist, langweilt sich „im Kriege“. Offenbar hat er sich doch nicht wirklich von „Chenny“ getrennt, denn er hofft im Brief darauf, daß sie beim Besuch der Mutter in der Kaserne „hoffentlich mitkommt“. Er trägt jetzt „Wickelgamaschen und Breeches“ und sähe aus „wie ein britischer Offizier, wenn er sich die Mütze aufsetzet“. In Berlin gibt es bereits Tagalarm. Britische und amerikanische Bomber kommen nun auch am Tage. Peter weiß davon. Seine Mutter hat es ihm geschrieben.

Am 9. Februar 1944 schreibt Peter einen längeren Brief, meistens hat er nur kurze „Feldpostkarten“ geschrieben. Er erzählt in diesem längeren Brief vom „Bunker“, in dem er bei „Hindenburglichtern“ sitzt, eine Art Teelichter, die man zur Beleuchtung des Bunkers verwendete. Auch zeichnet er den Bunker, offenbar hat er sich das Zeichnen vom Vater angenommen.

Peter bedauert „nicht wirklich“, „daß wir nun alles verloren haben, bloß daß Pap seine ganzen Zeichnungen verloren hat, das ist unendlich traurig“.
Im November 1943 war Schaefers Wohnung bei einem gewaltigen Fliegerangriff zerstört worden. Schaefer galt nun als „ausgebombt“ und musste ins kleine Häuschen nach Prerow ausweichen. Peter hatte an der Front durch Briefe seiner Mutter davon erfahren.

Indirekt verrät er seiner Mutter, wo er steckt: er habe 2x „aus Bunzlau“ an seine Freundin Chenny geschrieben, aber die habe sich wieder nicht gemeldet. „Denk Dir, ich war in Liegnitz“ schreibt er und erinnert seine Mutter an die gemeinsame sehr frühe Zeit, als er als Säugling von Berlin mit der Mutter nach der Trennung von Schaefer-Ast zu ihrem Bruder nach Liegnitz gekommen war. Liegnitz liegt in Schlesien. Und nach Russland ist es nicht mehr weit. Im Brief zeichnet er einen Unfall, den er gehabt hatte, als die Soldaten das „Haus eines Russen“ durchsuchten.

Auch fügt er dem Brief eine Zeichnung vom Bunker bei, damit seine Mutter eine Vorstellung hat, wie er seinen Tag zubringt.

Er berichtet seiner Mutter vom „Bettenbau“, von ersten Erfahrungen mit einer russischen Sauna und davon, daß er sich mühsam mit der Hand genähte „Bunkerschuhe baut“. „Ich muß immer warten, bis die Daumen verheilt sind, dann kann ich wieder weiternähen. Ja, Ziegenfell ist zähe!“, schreibt er und erwähnt, das Ziegenfell habe er auch bei einer „Hausdurchsuchung“ in einem „Russenhaus“ gefunden. Der Bunker sei am morgen nämlich ein „Eiskeller“, da müsse man vorsorgen. Das Moos zwischen den Ritzen der Bunkerbalken sei „halt nicht dicht genug“.

Er teilt seiner Mutter die neue Feldpostnummer mit und bittet sie, diese Nummer auch der Freundin „Chenny“ mitzuteilen. Er verrät etwas sehr Intimes an seine Mutter: er schreibe eine „Novelle von Chenny und mir“ mit dem Titel „Kismet“.
Da ist er, der Künstler-Sohn, der Kunstpostkarten sammelt und an einer Novelle arbeitet.

Am 10.4.1944 schreibt er eine Feldpostkarte an seine Mutter in Berlin:

„Meine liebe Mutsche!

Ich danke dir recht herzlich für deinen lieben Brief. Nun wird ja auch die andere Post nicht auf sich warten lassen. Die hübschen „Blumen“, die im Brief liegen, fand ich in einem Russenhaus. Es waren wieder reiche Bauern, ich fand auch Schulbücher mit Schulheften, wo alles drin war, was wir auch gehabt haben Wurzel und logarithmische Rechnungen usw. Ja, das Wollgras muß es hier viel geben weil alles Sumpf ist, hier in der Umgebung. So langsam taut es jetzt, es gibt schon große Stellen, wo der Schnee ganz weg ist. Die Vögel zwitschern den ganzen Tag. In dem Haus fand ich auch ein Barometer, das wird jetzt andauernd kritisch betrachtet. Die Kameraden sind nicht ganz überzeugt davon! Sonst geht’s mir gut! Denke an das Briefpapier! Sonst schreibe ich nicht mehr!

Viele herzliche Grüße von deinem Peter“

Am 6.5.1944 klingt es im Brief so:  „Besonders gut haben wir es hier nicht getroffen. Aber wir haben wenigstens ein Dach überm Kopf und nicht wie die armen Infanteristen, die in Erdlöchern hausen.“

26. Mai 1944: „ich habe einen furchtbaren Schreck bekommen, ich dachte schon, sie holen mich als Offz. Bewerber, sie hatten hier schon sone Prüfung gemacht. Aber es wird G.s.d[1]. nichts draus!“
Peter erzählt, dass er eine alte Katze mit ein paar jungen Kätzchen gefunden hätte. Er hat sie in diesem Brief gezeichnet. Und er erzählt, daß diese Kätzchen im Haus verbrannt seien, als „die Landser“ das ganze Haus in Brand gesetzt hätten.

Am 7. Juni 1944 schreibt Peter Schaefer folgende Zeilen an seine Mutter:

„Meine arme Mutscheline!

Hast Du so einen bösen Sohn? Nein! Ich hatte wirklich wenig Zeit, mir ging es in letzter Zeit auch dreckig. Hurra, dein Paket ist angekommen! Ich danke dir mit einem Träne in der Knopfloch! Pardon! Umgekehrt! Ich hab mich wahnsinnig über alles gefreut, bloß ich habe schon eine Bibliothek zusammen, von der ich mich bald nach Prerow erleichtern werde. Apropos Prerow, ich komme höchstwahrscheinlich Anfang bis Ende Oktober auf Urlaub. Na, nu geht’s um die Wurst! Wir verfolgen gespannt die Ereignisse im Westen. Hier ist Stellungskrieg in höchster Potenz, d.h. der „Heilige Barrasius“ d.i. der „Barras“ oder Kommis, ist in höchsteigener Person dabei, den Landsern die letzte Lust zu vertreiben, indem an ruhigen Tagen allerlei „dienstlicher Unfug“ getrieben wird.

Ihr habt in „Groß Kaputt[2]“ nun wohl schlimme Tage, ihr armen Hascherln? Na, vielleicht geht’s bald zu Ende!

Wir haben hier schöne Tage und mitunter, wenn wir zur „Tarnung“, das ganz groß geschrieben wird, Bäume schlagen, dann werfe ich mich ins hohe Gras und atme tief den betäubend schönen Geruch ein, drehe mich rum und starre in die Wipfel und daran vorbei in den blauen Himmel mit den weißen Wölkchen. Entschuldige, Mutsche, ich kann nicht mehr weiterschreiben, ich erzähl es dir mal später, warum.

Seid herzlich gegrüßt, ich denke immer an Euch Euer Peter.“

Die letzte erhaltene Nachricht von Peter Schaefer stammt vom 14. Juni 1944. Eine Feldpostkarte mit einer neuen Feldpostnummer, abgestempelt im „Bezirk Breslau“. Sie lautet:

Feldpostkarte von Peter (27906) an Oda in Zehlendorf  (abgestempelt 20.6.44 in Brieg, BZ Breslau 1)

„Liebe Mutsche!

Neue F.P.Nr. steht hinten. Hier ist auch alles in Blüte, da hier viel Sumpf ist, blüht das Wollgras, ich schick dir mal welches. Es sieht sehr hübsch aus in den hellgrünen Binsen mit dem Hahnenfuß zusammen. Sonst geht’s mir danke, was ich auch von Euch hoffe!

Viele herzliche Grüße Dein Peter“

Schaefer-Ast und seine erste Frau Oda schreiben sich noch lange und in den Briefen wird immer wieder deutlich, daß sich insbesondere Oda fragt, wo ihr Sohn sein könnte, sie will nicht glauben, daß er ums Leben gekommen ist. Schaefer versucht sie zu trösten und meint, Peter hätte sich bestimmt mit „einigen Kameraden“ über Persien „oder sonstwie“ abzusetzen versucht, um sich nach Deutschland „durchzuschlagen“. Aber die Hoffnungen bleiben vergebens. Peter kehrt nicht zurück.

Erst im Jahre 1967 taucht er wieder auf. Und zwar auf jener Zeichnung, die Steffie von ihm gezeichnet hatte, da war er etwa 10 Jahre alt. Steffie, nun schon im Alter von 72 Jahren, schickt diese Zeichnung an seine Mutter Oda nach München und schreibt dies:

Man kann ahnen, was in Oda vorgegangen sein mag, als sie diesen Brief öffnete.


[1] Gott sei dank

[2] Von Berlin war nach den fürchterlichen Luftangriffen bei Tag und Nacht nicht mehr viel übrig in jenen Tagen.

Albert Schaefer-Ast. Wuppertal. Berlin. Prerow. Weimar. 1890-1951

Es ist für mich immer ein sehr schöner Moment, wenn wieder ein Buch fertig geworden ist. Ein Weg ist gegangen worden von der Idee, einer Anregung, einer ersten Überlegung an bis hin zum Manuskript und dann – der mühsamste Teil der ganzen Sache – bis zum Korrekturlesen, Anmerkungen prüfen, Literaturverzeichnisse anlegen und so weiter und so weiter. Dann der erste pdf-Probedruck, dann der gebundene Probedruck und schließlich die „Freigabe“. Zwar stellt sich immer mehr Routine ein, aber so eine Sache dauert halt dennoch. Diesmal ging es zügig voran, diesmal kam keine Seuche dazwischen, wie es bei Corona und der Studie über Hans Beu der Fall war. Diesmal konnte ich „hintereinanderweg“ am Projekt arbeiten. Im Oktober war da die Anregung – jetzt, im Januar, ist das Buch fertig. Viele neue Kontakte sind entstanden; Etliches hat sich in Archiven auffinden lassen und nun möge das Buch seinen eigentlichen Zweck erfüllen, nämlich diejenigen unterstützen, die in Prerow auf dem Darss im ehemaligen kleinen Haus von Albert Schaefer-Ast ein Museum einrichten wollen. Ich finde das sehr sinnvoll, weil sich Schaefers Biografie sehr gut eignet, auch die Widersprüchlichkeiten und Spannungen der Zeit zwischen 1890 und 1951 darzustellen, in die dieses Leben eingebettet war und die es auch widerspiegelt hat. Bei jedem Buchprojekt erschließen sich neue „Gegenden“, das macht das Schreiben so spannend. Durch die Recherche bin ich neu auf die Quäker gestoßen, auf die „Kindertransporte“ von Berlin und Wien nach London, auf ein Fluchtzentrum für solche „Fluchtkinder“ in Schottland, das kaum jemand kennt. Neue Kontakte nach London und Glasgow sind entstanden. So ein Buchprojekt hat viele „Folgen“ auch für denjenigen, der so ein Buch anfertigt.

Heute nun habe ich es freigeschaltet, es wird – wie alle meine neueren Arbeiten – im print-on-demand-Verfahren produziert, um Lagerkapazität zu sparen. Man bekommt es ab kommender Woche überall im Buchhandel unter ISBN 978 381 8777234. Im shop bekommt man es wohl schon ab morgen (19.1.2025). Produziert wird nur, was bestellt wird. Das spart Papier und Energie, ein sehr sinnvolles Verfahren, das ich nun schon viele Jahre nutze.

Wenn ein Buch fertig ist, heißt es: Abschied nehmen, denn nun nimmt die Sache einen völlig eigenen Lauf, wie mir meine anderen Buchprojekte eigentlich alle gezeigt haben. Ich bin gespannt, auf das, was sich da entwickeln wird.

Unterdessen habe ich mich schon ans Folgeprojekt gesetzt und recherchiere. Diesmal in London und in Glasgow. Denn dorthin führt uns die Spur von Susanne Schaefer…..

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Die Kindertransporte 1938/39. Das Trauma der Kinder

Nun haben wir Kontakt in England. Mein Recherche-Partner Peter in London hat tatsächlich den ältesten Sohn von Susanne Buck, geb. Schaefer „ausgegraben“ und wir haben Mailkontakt miteinander. Wunderbar. Wir haben ihn gefragt, was seine Großmutter (Steffie Schaefer, geb. Nathan) bzw. seine Mutter Susanne Buck (geb. Schaefer, 1927-2002) über die Flucht aus Deutschland 1939 und die erste Zeit in England erzählt hätten.

Wir lesen: „My grandmother died when I was 15 (1972) and I have no recollection of her talking about fleeing Germany. My mother, similarly, didn’t speak of it. I think the shock and trauma of it was something she wanted to put behind her.“

Wir wissen inzwischen Genaueres: am 20. Mai 1939 ging ein Zug von Berlin Friedrichstraße an die holländische Küste und von dort fuhren die Kinder mit der Fährer weiter nach London. Dort kamen sie am 22. Mai 1939 an.
Wir wissen weiterhin, daß Susanne (sie war damals 12) mit 180 anderen Kindern von London aus am Folgetag nach Schottland gebracht wurden. In Ayr kam sie bei wohlhabenden Menschen unter und wurde gut aufgenommen und gefördert, wir haben inzwischen sogar Fotos von Susanne in Schuluniform etwa aus dem Jahre 1942.
Schließlich wissen wir, daß es im Juli 1951 zu einer Wiederbegegnung der drei Menschen in Berlin kam: Vater Albert Schaefer-Ast kam aus Weimar; Mutter Steffi und Tochter Susanne (sie war inzwischen 24 Jahre alt) kamen aus London, Vater Albert hatte die Flugtickets bezahlt. Berlin war geteilt und lag in Trümmern, es war nicht einfach, zwischen den „West-Zonen“ und der „Ost-Zone“ zu pendeln. Schaefer-Ast war beim Treffen schwerst krank, er konnte kaum laufen, hatte Hungerödeme, kam mit der Hitze in der Stadt nicht zurecht und ist vorzeitig Richtung Prerow abgereist.

Susannes ältester Sohn nun ist von Peter in London und von mir gefragt worden, was Susanne von der Flucht und vom Treffen mit ihrem Vater (der zwei Monate nach dem Treffen starb) erzählt hätte: „she didn’t speak of it.“ Sie sprach nicht darüber. „Schock“ und „Trauma“ seien wohl die Gründe dafür.

Diese Flüchtlingskinder mussten eine mehrfache Traumatisierung erleiden, Ute Benz ist in ihrem Aufsatz „Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophen“, der im Buch „Die Kindertransporte 1938/39“, hrsg. von Wolfgang Benz, S.Fischer 2024, erschienen ist, ausführlich darauf eingegangen. Daraus seien nun ein paar zentrale Gedanken zitiert, damit verständlich wird, weshalb Susanne „nicht darüber gesprochen“ hat.

Für Kinder sind Trennungen Katastrophen. Aber Kinder erleben und verarbeiten Trennungstraumata verschieden, je nach den Bedingungen, die sie vorfinden. „Sie betreffen erstens das Alter, in dem die Trennung von der geliebten Person erlebt wurde; zweitens die Art der Trennung, ob vorbereitet oder plötzlich; drittens die Frage, ob das Pflegemilieu günstig und verständnisvoll war; viertens betreffen sie die Dauer der Trennung und fünftens, ob die Trennung endgültig war, weil die Eltern im Holocaust ermordet wurden oder aber, ob sechstens die Kinder veränderte, traumatisierte Eltern wiederfanden und ob sie siebentens durch Familienzusammenführungen neue Trennungen aus den nun gegebenen sozialen Beziehungen, die sie in der Zwischenzeit geknüpft hatten, erfuhren.“ (a.a.O., S. 138).

Bei Susanne kam alles zusammen, bis auf die eher günstigen Bedingungen in der Aufnahmefamilie in Ayr/Schottland. Als sie, inzwischen 24-jährig, nach 6 Trennungsjahren, von denen sie anfangs annehmen musste, die würden endgültig sein, ihren schwerstkranken Vater in Berlin wiedertraf – dürfte sie ihn fast nicht erkannt haben, denn sie war 12, als sie fliehen musste.

Diese Kinder der Kindertransporte – interessanter Weise nennt man sich bei den Ehemaligentreffen immer noch „Kinder“ – haben sehr schwere seelische Verletzungen davongetragen – obwohl sie doch eigentlich „gerettet“ wurden. Sie haben sich deshalb lange nicht getraut, davon zu sprechen, weil sie dachten, hinter die „eigentlichen Opfer der Shoah“ zurücktreten zu müssen, denn schließlich seien sie ja nicht ermordet, sondern gerettet worden. Das aber hat ihr seelisches Leid nur verlängert und an den Folgen haben noch die Kinder der Kindertransportkinder zu tragen.

Ute Benz schreibt: „Von besonderem Interesse ist neben der Trennungsproblematik auch die der Wiederbegegnung, auf die Eltern oft nicht vorbereitet sind, wenn sie ihr Kind nach einer Trennung wieder in die Arme schließen möchten in der Erwartung, nun sei wieder alles gut. Das Kind stürzt sich eben nicht, wie man erwarten könnte, glücklich wieder in die Arme der Mutter. Es ist offensichtlich, dass es sich beim Wiedersehen nicht mehr spontan zu freuen und von seiner Mutter trösten zu lassen vermag. Beim Anblick der qualvoll vermissten Mutter (resp. des Vaters) wendet das Kind sich seinerseits zunächst einmal ab. Die Schmerzen der Trennung, die Verzweiflung des Kindes stehen für geraume Zeit unüberbrückbar zwischen dem Kind und der Mutter.“ (a.a.O. S. 140) Man kann nun in etwa ein Gefühl dafür bekommen, wie kompliziert die Wiederbegegnung der von Albert geschiedenen Jüdin Steffi, ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter Susanne und dem emotional ganz sicher überforderten Albert Schaefer-Ast in der zerstörten Stadt Berlin stattgefunden hat.
Wir wissen, dass Steffi bei dem Treffen wohl unmissverständlich mitgeteilt hat, dass sie nicht wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Susanne kam im September wieder. Da wurde ihr Vater in Weimar beerdigt. …

Übrigens hat Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, der ja aus Wien auch nach London emigriert war, im Oktober 1940, zunächst mit privaten Spenden, in London ein Heim für Kleinkinder eingerichtet, das sie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten leitete, anders, als es damals „üblich“ war. Aufnahme fanden Kinder, die nach den deutschen Bombenangriffen auf London aus den Familien herausgenommen werden mussten, weil ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten. Es ist spannend zu lesen, was Anna Freud über diese Kinder herausfand und wie sie ihnen zu helfen versuchte in einer Zeit, als die allermeisten Helferinnen und Helfer schon damit überfordert waren, für die Kinder in Not wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ und „eine warme Mahlzeit am Tag“ zu organisieren, weshalb ich das weiter oben zitierte Buch nochmals empfehlen möchte.

Schließlich sei daran erinnert, dass in der Gegenwart solche traumatisierten Kinder, die plötzlich ihre Eltern oder einen Elternteil verlassen mussten, die über Nacht auf die Flucht mussten und nun in völlig fremder Umgebung irgendwie klar kommen müssen – zu Tausenden in unserem Land leben, weil in ihrer Heimat der Krieg herrscht.

Wir sollten einen Blick für diese Kinder haben.

Albert Schäfer-Ast und Steffie Schäfer-Nathan. Gute Zeit bei Ullstein 1922-1934

Albert Schäfer-Ast und Steffie Schäfer-Nathan. Gute Zeit bei Ullstein 1922-1934

Beide waren bekannte Grafiker. Davon soll nun die Rede sein. Sie hatten sich spätestens 1926 bei Ullstein kennengelernt, Steffie zeichnete schon seit 1923 für „Die Dame“, jene berühmte und Europas Modewelt prägende maßgebliche Zeitschrift aus dem Hause Ullstein. Beide zeichneten auch für den „Uhu“ – auch aus dem Hause Ullstein. Ullstein galt später für Joseph Goebbels und Hitler selbst als „Tempel der Judenpresse“ und war ihr Hauptfeind im Pressewesen, weshalb das Haus Ullstein schon 1934 „arisiert“ wurde. Im Jahre 1929 gab es in der Zeitschrift „Gebrauchsgrafik“ einen bemerkenswerten Text über gleich mehrere Seiten, in denen die unterschiedlichen Arbeiten von Albert und von Steffie besprochen wurden. Beide traten nun als Grafiker-Paar in die Öffentlichkeit und waren so nicht nur in der „Kunst-Szene“ Berlins als Paar bekannt, sondern darüber hinaus. Steffis Arbeiten wurden sogar mehrfach auf den Titelseiten der „Dame“ gedruckt. Man sprach von den „famosen Titelseiten“, die sie gezeichnet hatte. Das Juliheft 1927 hat sie auch gezeichnet, es war das Jahr, in dem Töchterchen Susanne auf die Berliner Welt kam:

Beide konnten Illustration, Buchumschlag, Cover, Plakat, Einladungsentwürfe, Modezeichnung und Pressezeichnung. Gebrauchsgrafiker eben.

Albert Schaefer machte beispielsweise Werbung für den „Heiteren Fridolin“ (Ullstein):

Und Steffi zeichnete zum Beispiel Cigaretten-Werbung

Beide dürften gut verdient haben. Denn Ullsteins Auflagen waren dermaßen hoch, dass es „nicht darauf ankam, ob der Verleger für einen Beitrag 1000 oder 2000 Mark zahlte“, wie Hermann Ullstein, der jüngste der Brüder, in seinem Buch „Das Haus Ullstein“ nach dem Kriege schrieb.

Ich notiere diesen Abschnitt im Leben von Schaefer-Ast und seiner Frau Steffi, weil daran deutlich wird, aus welcher gesellschaftlichen „Höhe“ beide durch die Scheidung im April 1939 und Steffies Exil im Juli 1939 abstürzten. Albert Schaefer konnte – sogar mit noch mehr Möglichkeiten – zwar in Deutschland weiterarbeiten, aber Steffi, die weit bekannte und anerkannte Zeichnerin, Grafikerin und Gestalterin – ging als „house wife“ nach Großbritannien, sonst hätte sie gar kein Ausreisevisum mehr bekommen. Sie musste sich als Magd verdingen und hat unter ärmlichsten Verhältnissen in England leben müssen. Für die Jahre ab etwa 1923 bis etwa 1934 bei Ullstein aber gilt: es waren für beide zehn erfolgreiche, gute Jahre. Bis die Nazis kamen.