Zum Gedenkjahr 2014. Die bedeutenden Europäer und Pazifisten. (1) Bertha von Suttner

Lasst uns vom Frieden sprechen.
In diesem Gedenkjahr 2014.
Wir werden viel Militärisches zu sehen und zu lesen bekommen in diesem Jahr.
Weshalb eine Erinnerung an die großen Europäer und Pazifisten nicht schaden kann.
Beginnen will ich mit Bertha von Suttner.
„Die Waffen nieder!“ heißt ihr vermutlich bekanntestes Werk. Es wurde in zahlreiche Sprachen übersetzt und war bis „Im Westen nichts Neues“ (1929) von Remarque das vermutlich wichtigste Antikriegsbuch der Neuzeit.
Man sollte es wieder lesen in diesem Jahr der Erinnerung an den Ausbruch des Ersten Weltkrieges. Schon 1889 hatte die Suttner gewarnt vor einem neuen Kriege. Vergebens.
Man hat sie geehrt, aber nicht auf sie gehört. Man hat ihr 1905 den Friedensnobelpreis verliehen, aber man hat sie dennoch verlacht. 1914 brach eben jener Krieg aus, vor dem sie immer gewarnt hatte.

„Die Waffen nieder!“ Vielleicht kann man dieses Buch ja auch der Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen schenken, denn dieses Buch ist geschrieben aus der Sicht einer Frau.
Vielleicht nicht uninteressant für eine Frau, die sich für Kindertagesstätten und mehr „Familienfreundlichkeit“ in der Armee einsetzt.
Eins scheint gesichert: Die Verteidigungsministerin wird den Friedensnobelpreis nicht bekommen.
Bertha von Suttner hat ihn. Als erste Frau.
Lesenswert: ihre „Lebenserinnerungen“. Ich habe eine Ausgabe von 1970 im Regal, vielfach gelesen. Erschienen im „Verlag der Nation“ Berlin.
Interessant auch der Film über ihr Leben: „Herz der Welt„. Produziert 1952. 

Ausgewählte Texte der Bertha von Suttner sind in einem kleinen Heft enthalten, das ich Anfang der achtziger Jahre mit Hilfe einer ORMIG-Vervielfältigungsmaschine (sie brachte maximal 50 Abzüge!) angefertigt habe als Lektüremöglichkeit für junge, interessierte Menschen, die sich nicht abfinden wollten mit der weiteren Aufrüstung auf beiden Seiten der Mauer. Texte, die jungen Leuten Argumente bereitstellen sollten, die ihre Grundeinstellung, die sich in „Schwerter zu Pflugscharen“ äußerte, verteidigen wollten gegenüber massiven Angriffen von Lehrerschaft, Parteien und Öffentlichkeit in der zweiten deutschen Diktatur.
„Die groß waren durch ihren Geist – pazifistisches Traditionen des 19. und 20sten Jahrhunderts“. So hieß die Veranstaltungsreihe für junge Leute, die ich damals im Stadtjugendpfarramt in Jena für Schülerinnen und Schüler, für Studentinnen und Studenten und andere Interessierte anbot.
Es waren bewegte Zeiten.
SED und Staatssicherheit fanden überhaupt nicht gut, was wir da lasen.
Das war subversiv.
Das passte nicht zur „Staatsraison“.
Das passte nicht zur Ideologie.
Wir lasen dennoch.
Und sprachen darüber.
Schärften unsere Argumente gegenüber denen, die skandierten „Der Friede muss bewaffnet sein!“ und „Gegen NATO-Waffen Frieden schaffen“.
Wir wurden eingeladen von der FDJ zu öffentlichen Diskussionen innerhalb der Universität.
Zum „Dialog“. Der aber keiner war, wie die Akten der Staatssicherheit mittlerweile kundtun.
Man hielt damals Tribunale ab auf den Jenaer Bergen gegen uns.
Man hat uns als „Spinner“, als „Utopisten“, als „nicht klassenbewusst“ beschimpft. Man müsse doch endlich begreifen, dass der Frieden militärisch verteidigt werden müsse. Alles andre sei doch Träumerei….

Wenn man die Autobiografie der Bertha von Suttner liest, wird man finden, dass derlei“Argumente“ nicht neu sind.
Immer sind Kriegsgegner beschimpft worden.
Immer hat man ihnen vorgeworfen, sie seien „unpolitisch“, seien „nicht realistisch“, seien „Träumer“, manchmal gar „gefährliche Träumer“.
Die Beschäftigung mit den großen Europäern und Pazifisten hat so manchem Schüler, so mancher Schülerin geholfen, derlei „Argumente“ auszuhalten. Denn sie wussten nun, dass solche Vorwürfe nicht neu waren.
Sie konnten sich einreihen in die Reihe der Menschen, die trotz allem Widerstand für eine friedlichere Welt warben, die ihre Konflikte nicht mit Waffen, sondern durch den mühsamen, oft nicht ungefährlichen und von Rückschlägen geplagten politischen Dialog lösen wollten.

Vielleicht ist dieses Gedenk-Jahr 2014, in dem sich viele Menschen mit den Ursachen, den Strömungen, Konflikten, politischen Einstellungen, die zum Ersten Weltkrieg führten, beschäftigen, auch eine gute Gelegenheit an die große Tradition des Pazifismus in Europa zu erinnern.

Alternativen zum Krieg (10) – Welthungerhilfe

VDr. Wolfgang Jamann Welthungerhilfe
Dr. Wolfgang Jamann Welthungerhilfe

Vor einiger Zeit hatte ich begonnen, Persönlichkeiten vorzustellen, die mit ihrer Arbeit „Alternativen zum Krieg“ entwickeln. Denn mir scheint eine Bereitschaft übergroß, sehr schnell und unreflektiert in allerlei Konfliktherden der Welt nach der militärischen Option zu rufen. Zuletzt konnte ich diese weit verbreitete Bereitschaft wieder im Zusammenhang mit den Prozessen in Nordafrika beobachten.
Zivile Arbeit, die sich den Ursachen von Konflikten zuwendet – und nicht selten ist der Hunger großer Bevölkerungsgruppen eine Ursache für politische Konflikte – erweist sich als dauerhaft tragfähiger als militärische Optionen. Ich habe mich deshalb per mail an Persönlichkeiten und Hilfsorganisationen gewandt und sie gebeten, mir ein paar kurze Fragen zu beantworten.
Dr. Jamann war so freundlich und hat mir nun seine Antworten geschickt:

Herr Dr. Jamann, seit wann unterstützt die Welthungerhilfe den Wiederaufbau Afghanistans?
Seit 1980 unterstützte die Welthungerhilfe afghanische Flüchtlinge in Pakistan durch Nothilfemaßnahmen (Versorgung von Flüchtlingscamps).
Seit 1993 ist die Welthungerhilfe durchgehend mit eigenen Projektstrukturen in Afghanistan tätig und unterstützt die Zivilbevölkerung, insbesondere
im ländlichen Raum. In den letzten 10 Jahren wurden dabei über 100 Projektvorhaben mit einem Gesamtvolumen von über 80 Mio Euro durchgeführt.

Was sind die Schwerpunkte Ihrer Arbeit?

Die Schwerpunkte der Arbeit sind:
Förderung des landwirtschaftlichen Anbaus und Ernährungssicherung; Rehabilitierung kommunaler und ländlicher Basisinfrastruktur
(Trinkwasserversorgung und sanitäre Anlagen, Bewässerungsanlagen, etc.); Ressourcenschutz (Aufforstung); Stärkung der Zivilgesellschaft auf
kommunaler Ebene (National Solidarity Programme, NSP); Projekte der Not- und Übergangshilfe

Welche Erfahrungen haben Sie in Deutschland gemacht in Bezug auf
Ihre Unterstützerarbeit? Wie ist Ihre Erfahrung in Bezug auf die
Zusammenarbeit mit der afghanischen Bèvölkerung?

Es gibt in Deutschland traditionell großes Interesse an Afghanistan, sowohl wegen der politischen und humanitären Lage aber auch wegen der langjährigen Partnerschaft der beiden Länder. Leider ist es so gut wie unmöglich, für Afghanistan Spenden zu sammeln, obwohl es hervorragende Projekte gibt, die es sich zu unterstützen lohnt. In diesen Projekten (z.b. bei der Produktion von Rosenöl in Jalalabad) werden echte Fortschritte für die Menschen vor Ort erzielt, und die afghanischen Partner über Jahre selbst gefördert und in die Lage versetzt, nachhaltige Entwicklungsschritte zu machen.

Wenn Sie sich das veröffentliche Bild über Afghanistan in deutschen Medien anschauen: was fehlt?

Es fehlt der Blick für die guten Nachrichten. Afghanistan ist ein Land das nach 30 Jahren Bürgerkrieg und Unterdrückung noch einen langen Weg vor sich hat, und auf diesem Weg gibt es wirkliche Fortschritte. Leider ist die Berichterstattung zu oft überlagert von den kriegerischen Auseinandersetzungen, und das deutsche Engagement wird vor allem bei den militärischen Interventionen dargestellt. Dies verstellt den Blick auf die Notwendigkeit und die Chancen, die der zivile Aufbau bietet.

Der Deutsche Bundestag hat am 28. Januar 2011 das ISAF-Mandat
erneut um ein Jahr verlängert.
Wäre eine Mandatierung zugunsten eines zivilen Aufbaus hilfreich
gewesen? Ist eine Kopplung zwischen militärischem Engagement und
ziviler Aufbauarbeit hilfreich?

Die Mandatsverlängerung für die Beteiligung am ISAF Einsatz ist eine politische Entscheidung über eine militärische Frage, die wir als Welthungerhilfe nicht kommentieren wollen und können. Wir sind eine zivile Hilfsorganisation und darauf stützt sich unsere Expertise. Aus unserer Arbeit vor Ort wissen wir aber, dass vor allem zivile Unterstützung durch zivile staatliche und nicht-staatliche Organisationen notwendig und gewünscht ist. Die Welthungerhilfe hat sich mehrfach gegen die Vermischung von militärischem und zivilen Mandat ausgesprochen, nicht zuletzt weil dies unsere Helfer gefährden kann.

Was ist aus Ihrer Sicht in Afghanistan im Moment besonders dringlich?
Die Verbesserung der Lebensgrundlage und die Schaffung alternativer Einkommensmöglichkeiten für die Zivilbevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten. Dies wird und kann nur erfolgen, wenn sich die Sicherheitslage für die afghanische Zivilbevölkerung, die unter den Folgen der bewaffneten Auseinandersetzungen am meisten leidet, erheblich verbessert. In diesem Kontext wird der „Sicherheitsbegriff“ als erweiterter Begriff im Sinne der „menschlichen Sicherheit“ verstanden. Hierzu zählt neben der Sicherstellung der physischen Unversehrtheit auch das Recht auf Nahrung, der verbesserte Zugang zu medizinischen Einrichtungen und Bildungsmöglichkeiten, verlässliche afghanische Behörden auf Distrikt- und Provinzebene sowie Rechtssicherheit.
Um dieses Ziel zu erreichen, müssen weitere Anstrengungen und die Ausweitung des zivilen Aufbaus unter verstärkter Einbeziehung der afghanischen Zivilbevölkerung erfolgen. An den Bedürfnissen der afghanischen Bevölkerung ausgerichtet müssen internationale Hilfsprogramme noch gezielter auf vorhandene Entwicklungschancen und -potentiale abgestimmt werden (ganz im Sinne der „Hilfe zur Selbsthilfe).
Als politische Forderung kann formuliert werden:
Die Einbeziehung der afghanischen Zivilbevölkerung in den politischen und sozialen Wiederaufbau des Landes sollte gestärkt und gegenüber der afghanischen Regierung die Wahrung der Menschenrechte (gemäß der afghanischen Verfassung) mit Nachdruck eingefordert werden.

Wie kann Ihre Arbeit konkret unterstützt werden?
Indem deutlich auf den großen Bedarf an Unterstützung der afghanischen Zivilbevölkerung, insbesondere in ländlichen Gebieten (wo z.B. weniger als 30% der Bevölkerung Zugang zu sauberem Trinkwasser hat, jedes 5. Kind vor Vollendung des 5. Lebensjahres an vermeidbaren Krankheiten stirbt, 60-70% Analphabeten sind, etc.) hingewiesen wird. Sowohl die Grundbedürfnisversorgung als auch die Verbesserung der Lebensperspektiven der afghanischen Bevölkerung muss weiter langfristig unterstützt werden.
Viele humanitäre Hilfsorganisationen und internationale NGOs wie die Welthungerhilfe führen landesweit Projekte und Programme zur Armutsreduzierung und des zivilen Wiederaufbaus durch. Um deren Arbeit auch in Zukunft zu fördern ist eine Konditionierung der öffentlichen Mittelvergabe für die Durchführung von armutsorientierten Entwicklungshilfeprojekten, u.a. aus sicherheitspolitischen Überlegungen heraus, abzulehnen und nicht zielführend.

 

 


Etwas über die Liebe und die Politik

Kritik anderer Menschen ist beliebt. Ein Blick in die Gazetten oder die Netzwerke bei facebook und twitter genügt. Freude über die Fehler der „anderen“ hat Konjunktur. Besonders beliebt sind Fehler bei Politikern. Über nichts fällt der Michel besonders gern her als über Politiker. Nun denn, das gehört zum Beruf. Ich bin allerdings schon erstaunt, manchmal sogar entsetzt, welche Brutalität und Gehässigkeit da oft sichtbar wird. Offensichtlich trägt die weitgehende Anonymität des Internets auch dazu bei, daß da der eine oder die andere mal so richtig die Sau raus lässt und der Welt mitteilt, wie er eigentlich im Tiefsten denkt und fühlt. Dinge, die man in der direkten, persönlichen Begegnung einem anderen Menschen vielleicht nur im höchsten Zorn an den Kopf hauen würde, wenn das Gefühl den Verstand überschwemmt, finden sich nicht selten in tweets und postings.
Der Zuschauer sitzt auf seinem Sofa – und kritisiert. Am liebsten heftig. Nicht selten maßlos. Nur manchmal ist die eigene Nase im Weg, wenn die Brille ins Rutschen kommt.
Diese beliebte Kritik anderer Menschen hat einen tiefen Grund: das eigene Wohlbefinden. Denn, wenn ich den „anderen“ schlecht mache, ihn verunglimpfe, in lächerlich mache, mich an seiner Niederlage freue, ihn wohlfeil „bekämpfe“, kann ich mich selbst besser fühlen. Das geht nach dem Motto: „ich bin ja nicht wie die“.
Nur, solches Denken ist ein Irrtum. Denn: alles, was ich einem anderen antue, tue ich mir selbst an.
Die schärfste Form der Verunglimpfung des „anderen“, der Konflikt, der Kampf, die Auseinandersetzung, bezogen auf Menschengruppen oder gar ganze Völker – endet nicht selten im Krieg. Eine der Wurzeln des Krieges ist der Glaube, der „andere“ sei im Unrecht, ich selbst sei im Recht.
Nur, solches Denken ist ein Irrtum. Denn in jedem „anderen“, der auf diese Weise getötet oder verletzt wird, töte oder verletze ich mich selbst. Deshalb sind Krieg und gewaltsame Konfliktlösung niemals ein möglicher Weg. Die UN-Charta spricht nicht ohne Grund von der „Geißel“ des Krieges.
Krieg ist die schärfste Waffe, die ich gegen mich selbst richten kann. Menschen, die sich selbst lieben können, führen keine Kriege. Denn sie brauchen die „Abspaltung“ nicht mehr länger.
Lieben heißt: den anderen Menschen deshalb zu lieben, weil er ist, wie er ist.
Wer Erfahrung im Streit hat – nicht viele haben das wirklich -, weiß, daß gerade die Verhaltensweise, die mich am anderem Menschen besonders aufregt und ärgerlich macht, ein Hinweis auf einen eigenen Anteil in mir selbst ist. Der Andere wird mir zum Spiegel. Er zeigt mich mir. Im Anderen sehe ich mich selbst. Wenn er mir ein Verhalten zeigt, daß ich mir selbst nicht gestatte – dann werde ich ärgerlich. Psychologen und Eheberater haben darüber dicke Bücher geschrieben. Der Alltag in vielen Familien und Beziehungen belegt es tausendfach.

Deshalb beginnt die Liebe immer mit der Selbstliebe. Und die ist besonders schwer. Denn sie bedeutet, daß ich auch meine eigenen Schattenseiten umarmen lerne.
Erst, wenn ich sie sehen und wahrnehmen kann, wenn ich den Schmerz aushalte, den das oft bedeutet, wenn ich mich meinen Schattenseiten zuwenden und sie akzeptieren kann, vielleicht sogar lieben kann, erst dann kann ich den anderen so sein lassen wie er ist und ihn um seiner selbst willen lieben.
Der alte Psychologensatz ist eben wahr: „Was Hans über Paul sagt, sagt mehr über Hans als über Paul.“
Wenn Hans über Paul sagt, er sei ein „Weichei“, dann sagt es eben etwas darüber, wie sich Hans oft selber fühlt, aber nicht wahrhaben möchte. Er verleugnet seine eigene Zögerlichkeit, Ängstlichkeit, Beklommenheit, Entscheidungsunfreudigkeit. Könnte er sie sehen und akzeptieren, müsste der Paul nicht mit „Weichei!“ beschimpfen.
Feindbilder funktionieren deshalb, weil Menschen ihren eigenen Schatten nicht sehen wollen.
Wer selbst höchst aggressiv gestimmt ist, sieht die Welt voller Aggressoren. Wer seiner eigenen Religion nicht sicher und deshalb einfachen Überzeugungen zugänglich ist, wirft der anderen Religion „Fundamentalismus“ vor.
Kriege wurden deshalb begonnen. Der „Kampf gegen das Böse“ ward ausgerufen. Es galt, den „Feind“ zu „vernichten“; es galt, den „Gegner“ zu „schlagen“.

Nun gab es gestern Nacht bei facebook einen für mich interessanten Dialog mit jungen Muslimen, der sich an einem Zeitungs-Text entzündete, in dem ein junger Muslim über seine Frömmigkeit sprach. Es ist ein sehr persönlicher und darum guter Text. Er spricht von der Liebe. Unser nächtlicher Dialog führte uns auf eine interessante Spur, die alle großen Religionen miteinander verbindet: die Botschaft von der Liebe, die in der Selbstliebe ihren Anfang nimmt. Mevlana Rumi im Islam, Paulus im Christentum, Lehrer im ZEN, Weise im Judentum: sie alle wissen um dieses geheime Band, das die Religionen eigentlich verbindet. Dieses Band heißt: „liebe den Nächsten wie dich selbst“, denn: du bist geliebt – auch wenn du es oft nicht glauben kannst.

Nun sind ja in der Vergangenheit gerade durch die Religionen mit die fürchterlichsten Kriege ausgerufen worden, die man sich vorstellen kann. Mancher führt diesen Umstand als Argument gegen die Religion überhaupt ins Feld.
Schaut man jedoch tiefer – und der Text des jungen Muslim tut dies – dann sieht man, dass es da noch etwas anderes gibt, das uns in der immer überschaubareren Welt eigentlich verbindet. Was sprituelle Meister wie Mevlana, Johannes vom Kreuz, Teresa von Avila, Paulus und andere wußten, was man auch im ZEN kennt – dieses geheime Band des „liebe den anderen, wie du dich selbst liebst“ – das könnte zum Saatkorn für eine neue Völkerverständigung werden.
Ich habe lange nach einem möglichen Beitrag der Weltreligionen zum Frieden gesucht. Es war schwer, angesichts der zunehmenden Fundamentalismen und religiös begründeten Auseinandersetzungen der Gegenwart diese Spur zu finden. Ich habe vierzig Jahre dazu gebraucht. Aber mir scheint, daß diese besondere Frömmigkeit der Liebe, die man mystische Frömmigkeit nennt (dem Unerfahrenen sei gesagt, daß dieses Wort nichts mit dunklen geheimnisvollen Kellern zu tun hat…), ein zeitgemäßer, moderner und höchst willkommener Beitrag der Weltreligionen zu mehr Frieden in der Welt sein könnte. Allen Erfahrungen zum Trotz.
Interessanter Weise ist die mystische Frömmigkeit, die es sowohl im Abend- wie im Morgenland gibt, von den Amtskirchen und „Orthodoxen“ immer bekämpft worden. Denn ihr unmittelbarer Zugang zum Kern der gesunden Spritualität gefährdete den Machtanspruch der Hierarchie. Dies wissend glaube ich dennoch, daß es nichts politisch Vernünftigeres geben kann als eben jene Botschaft: „liebe den Nächsten wie dich selbst“. Denn eine Welt, die offensichtlich drauf und dran ist, sich selbst völlig zu zerstören, braucht nichts dringender als die Erkenntnis, daß die Dinge zusammengehören, eins sind.
Wenn wir erkennen könnten, daß wir uns selbst töten, wenn wir den anderen töten, dann wäre viel gewonnen.

p.s.: Den im Text verlinkten Text empfehle ich sehr der Lektüre ….

Alternativen zum Krieg (8). Prof. Dr. Johan Galtung, Oslo

Manche Menschen entdeckt man fast zu spät.
Warum habe ich Prof. Galtung nicht schon früher wirklich wahrgenommen? Nun, ich hatte von ihm gelesen, gewiß. Der Träger des Alternativen Nobelpreises und international anerkannte Friedensforscher war mir bei der einen oder anderen Lektüre durchaus schon mal „über den Weg gelaufen“, wie man so sagt. Aber wirklich befaßt habe ich mich mit ihm bislang nie. Das ist ein großes Versäumnis.
Gestern Nacht bin ich auf ihn gestoßen, bei der Recherche zu verlässlichn Quellen und Alternativen zum Afghanistan-Krieg.

Prof. Galtung hat schon im September 2001 (!) für Dialog mit den Taliban geworben, wie hier im „Spiegel“ dokumentiert ist.
Er sagte damals, unittelbar nach den Anschlägen auf das World Trade Center:

„Fünf Dinge sind nötig.
Erstens: Denkpause. Zweitens: Dialog. Drittens: Versuche, zu verstehen, worum es geht. Viertens: Versöhnung. Und fünftens: die Konflikte lösen.
Dieses Schema muss punktuell angewandt werden bezüglich Afghanistan, Irak, Palästina/Israel und so weiter.
Konkret schlage ich vor, dass drei Leute wie zum Beispiel Jimmy Carter, Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk mit den Parteien reden, um die Spirale der Gewalt zu vermeiden.“

Man hat nicht auf ihn gehört.
Der Krieg geht nun ins zehnte Jahr, im März wird eine neue „Offensive“ der NATO-geführten ISAF-Truppen beginnen.
Und es zeigt sich immer klarer, daß es keine Alternative zum Dialog gibt, „denn auch der Extremist hat seine Gründe“….

Galtung wurde als Sohn eines Arztes 1930 in Norwegen geboren. Weil er nicht Soldat werden wollte, saß er im Gefängnis, denn es gab damals noch keinen Zivildienst.
Schon 1959 gründete der Mathematiker und Soziologe das erste Friedensforschungsinstitut.
Einer seiner zentralen Sätze: „Es gibt keine bösen Menschen. Es gibt aber böse Ideen. Eine böse Idee ist, daß es böse Menschen gibt.“

Nun begegnete mir gestern Abend das folgende Video von der University of San Diego, in dem Prof. Johan Galtung einen weit beachteten Vortrag hält zum Thema „Breaking the Cycle of Violent Conflict„.
Dieser Vortrag, der etwa 58 Minuten dauert, sei hier eingefügt. Nun weiß ich, dass die Menschen eher kurze Sachen mögen und lesen. Dennoch gebe ich dieses einstündige Video hier wieder, auf Hoffnung hin….
Für mich besonders eindrücklich an diesem Vortrag ist die Authentizität, die Echtheit des Vortragenden. Man spürt ihm ab, wie er Friedens-Arbeit versteht: konkret, phantasievoll, humorvoll, zielorientiert.
Besonders sympathisch finde ich den Hinweis, das Kreativität und Kultur zur Konfliktlösung dringend benötigt werden.
Im von Prof. Galtung gegründeten Network for Peace, Development and Environment TRANSCEND International gibt es deshalb neben dem Journalisten-Netzwerk und der Universität auch den link zum Thema „Kultur“. Man sieht ja am Afghanistan-Konflikt, wie zentral und wichtig gerade dieser Bereich ist.

Man kann das Lebenswerk eines Menschen nicht auf einer blog-Seite darstellen und würdigen.
Aber man kann mit einer blog-Seite auf ein solches Lebenswerk hinweisen.

Wir sind alle Lernende.
Und Prof. Galtung ist ganz gewiß einer der großen Lehrer, deren unsere Zeit so dringend bedarf.

Liebe Freunde in der SPD-Bundestagsfraktion, sagt Nein!

Ulrich Kasparick
Parl. Staatssekretär a.D.
Berlin
13. Januar 2011

Liebe Freunde in der SPD-Bundestagsfraktion,
die vom Vorstand der SPD in Potsdam beschlossenen Texte lassen es zu, daß ihr Ende Januar „Nein!“ sagt zum Antrag der Regierung, das Afghanistan-Mandat für die Bundeswehr erneut zu verlängern.
Ihr habt geschickt formuliert. Das eröffnet nun die Möglichkeit, Nein! zu sagen. Denn ihr habt euch festgelegt: ihr wollt, daß die Regierung ein klares Abzugsdatum nennt, das 2011 beginnen soll.
Die Regierung ist sich nicht einig – wie üblich.
Der Außenminister will einen weichgespülten Beschluss „….sofern die Lage es zulässt“, die ihm eine Friedensdividende im Inland bringen soll angesichts der katastrophalen Werte für die FDP. Das ist einfach zu durchschauen.
Der Verteidigungsminister hat mehrfach öffentlich geäußert, daß er sich dies offen halten will. Er entscheidet rein nach militärischen Gesichtspunkten. Von einem Verteidigungsminister, der Mitglied der CSU ist, ist nichts andres zu erwarten.

Von den Sozialdemokraten jedoch erwarten die Menschen im Lande – immer noch – eine Menge.
Zum Beispiel, daß sie zu ihren eigenen Beschlüssen stehen.

Was die Menschen nicht wollen, sind unklare Beschlüsse.
Hohe Militärs haben heute (13.1.2011) gegenüber der Presse (u.a. Leipziger Volkszeitung) angekündigt, daß sich die Bundeswehr nach dem Beschluss des Parlaments an einer „Großoffensive“ beteiligen werde.
Man trifft die Vorbereitungen bereits jetzt, damit es schon am 28. Januar losgehen kann.

Ihr wisst wie ich, daß bei solchen militärischen „Maßnahmen“ vor allem Zivilisten leiden.
Der Angriff auf einen Tanklastzug bei Kunduz Ende 2009 hat es gezeigt.
Wenn man rein militärischer Argumentation folgt, kann man solche Katastrophen wie in Kunduz nicht ausschließen.
Wenn man einer rein militärischen Argumentation folgt, kann die Politik nach Hause gehen.
Die Bundeswehr ist aber eine Parlamentsarmee.
Die Abgeordneten entscheiden. Niemand sonst.

Ich kann verstehen, daß ihr auch die Bündnisverpflichtungen Deutschlands beachten müsst.
Ich kann euer Bemühen erkennen, dennoch einen Weg zu suchen, der verantwortbar und klar geregelt zu einem Abzug des deutschen Kontingents führt.

Die niederländischen Sozialdemokraten haben wegen dieser Frage sogar die Regierungsbeteiligung riskiert.
Ihr aber seid zur Zeit Teil der Opposition, braucht also nicht mal ein so hohes politisches Risiko einzugehen wie die niederländischen Kollegen.
Es ist nicht die Zeit falscher Rücksichtnahmen.
Sondern es ist die Zeit klarer Alternativen zur Regierungspolitik.
Macht euch nicht gemein mit einer Politik, die unklar, uneinheitlich und verworren ist.

Guttenberg hat heute (13.11.2011) erneut deutlich gemacht, daß er einem Abzugsbeginn in 2011 nicht zustimmen kann.

Das bedeutet: ihr könnt – nach dem Beschluss des SPD-Vorstandes – dem neuen Mandat nicht zustimmen.

Die Regierung wird das Mandat mit ihrer Mehrheit durchsetzen.
Deutsche Soldaten werden sich der geplanten Großoffensive im Norden Afghanistans beteiligen.
Dabei wird Blut fließen. Soldatenblut und Blut vor allem von Zivilisten.

Nehmt es nicht auf euch, daß durch unklares Abstimmungsverhalten die deutsche Sozialdemokratie dafür mit Verantwortung trägt!

Ich wünsche euch: klare Gedanken, ein heißes Herz und ein wenig Mut.

Sagt „Nein!“

Tante Hildegard und der Talg-Meister

Tante Hildegard ist alt. Und sie ist frech. Ich sagte es schon.
„Na Jung, willste was zu trinken?“ begrüßt mich meine alte Tante Hildegard.
Ich bin mal wieder zu Besuch. So zu den Feiertagen.
„Ja, ’nen Kaffee würd‘ ich nehmen. Passend zum Tag gern einen mit Schuss…“ sag ich, und die Alte grient.
„Mit Schuss? Hab ich“ meint sie und gießt mir einen ein.
„Und? Wat is los in der Welt?“
„Och“ sag ich, „jetzt schreiben die Zeitungen, da sei ein Talk-Master nach Afghanistan gereist.“

„Wer?“ fragt Tante Hildegard.
„Ein Talk-Master“.
„Wie jetzt. Jetzt schicken sie schon Kerzenmacher dahin? Ist’s denn so dunkel da?
Früher, weißt du, da hatten wir diese Talg-Meister bei uns auf dem Dorfe. Die waren sehr geschickt. Im Kerzenmachen.
Ist wohl wegen der Adventszeit, daß sie den dahin schicken? Damit die auch ein paar Kerzen haben zum Fest?“

„Er reist mit dem Armeeminister. Und seiner Frau.“
„Wieso nehmen die einen Talg-Meister mit? Brauchen die mehr Licht am Fahrrad?“ frotzelt Tante Hildegard.

„Ich könnt mich schon wieder aufregen über sowas“ ärgere ich mich endlich.
„Da reist dieser geölte Minister mitten in der Adventszeit zur Truppe im fernen Afghanistan. Nimmt seine Frau und diesen Talg-Meister mit.
Und es ist jetzt schon klar, daß nix dabei herauskommen wird. Reine PR ist das Ganze.
Es soll so menschlich wirken, so volksnah, so persönlich. Und dabei ist das alles knallhart inszeniert.“

„Mach mal langsam, Jung“ sagt Tante Hildegard. „Aufregen lohnt nicht. Nimm mal lieber noch einen. Gern auch mit Schuss…“
„Die Leute sind ja nicht doof. Kannste glauben.
Schau mal, als ich noch ’ne junge Frau war, da habe ich das doch auch schon erlebt bei dem Adolf, dem Verrückten. Der hatte doch diesen Kino-Minister, wie hieß der doch gleich? Der mit dem Klumpfuss.
Joseph hieß der. —- Ja, Joseph. Aber nicht der von der Krippe, nee der nich.
Der Jöbbels Joseph. Der wusste schon jenau, wie dat is mit den Bildern und dem Kino. Wenn der Fernsehn jehabt hätt, ick sage dir, da wär’n noch mehr Leute auf ihn reinjefallen.
Als es ganz schwer wurde im Krieg, weißte Jung, als sie bei Stalingrad die Schlacht schon verloren hatten – da haben sie zu Hause solche Filme gezeigt. Solche heiteren.
„Das kann doch einen Seemann nicht erschüttern“ haben sie in diesen Filmen gesungen – und da war schon längst alles verloren.“

„Meinst du, Tante Hildegard?“
„Meinst du, die Sache da in Afghanistan ist auch so verloren?“

„Ja klar“ sagt Tante Hildegard bestimmt.
„Ick bin ja ne olle Frau, ick kann ja sagen, was ich denk. Klar ist das da verloren.
Rat mal, warum die da jetzt son Gewese drum machen! Grad weil das da verloren ist.
Da machen sie schöne Bilder für zu Hause. Is doch schließlich Weihnachten!
Deshalb nehmen sie diesen Talg-Meister mit. Kannste mir glauben.
Ich  bin ne olle Frau, ich weiß sowas.
Ich kann mich noch gut erinnern. An diese Kriegs-Weihnachten. Da hat dieser Jöbbels Joseph aus allen Ländern, wo die Soldaten standen, eine Rundfunksendung gemacht. Und denn haben sie sich gemeldet aus Norwegen und aus Russland, aus Frankreich und aus Italien, aus Nordafrika und von überall. Und denn haben sie alle zusammen jesungen „Stille Nacht, heilige Nacht“. Weiß ich noch janz jenau. Ick hör die Sendung heute noch in den Ohren klingen, wenn ich das Lied hör….“

Naja, bei Tante Hildegard weiß ich nie, ob’s ihre Weisheit ist oder vom Schnaps kommt.
Aber vielleicht hat sie ja recht.
Die kluge alte Tante, vielleicht nehmen sie ja deshalb diesen Talg-Meister mit. Weil die Sache verloren ist…..

Es ist Krieg – entrüstet Euch! Nachdenken über das Motto der Friedensdekade

Das  Motto klingt anstößig. Frech vielleicht sogar. Klingt in den Ohren schrill.
Die evangelische und katholische Kirche in Deutschland veranstalten nun schon seit langen Jahren immer im Herbst, kurz vor der Adventszeit, die „Friedens-Dekade“.
Zehn Tage, an denen schwerpunktmäßig die Themenfelder abgeschritten und bedacht sein wollen, die unsere Welt oft so unfriedlich sein lassen.

Ich finde, dieses Motto „Es ist Krieg – entrüstet Euch!“  ist von den Vorbereitungsgruppen für die diesjährige Dekade glücklich gewählt worden.
Denn: es ermöglicht eine breite Diskussion, vielfältige Zugänge, die Wurzeln des Unfriedens freizulegen.

a. Der Zugang zum militärisch verursachten Unfrieden: da fallen mir die vielen militärischen Konflikte und Kriege ein, an denen auch Deutsche beteiligt oder in sie „verwickelt“ sind: Afghanistan, Horn von Afrika, Bürgerkriege in Afrika, Irak etc. Wir haben eine breite Debatte in unserem Land über die Frage, ob es im Januar eine weitere Verlängerung des Mandats für deutsche Soldaten in Afghanistan geben sollte. Ich gehöre zu denen, die für einen schnellstmöglichen Abzug plädieren.

b. Der Zugang zum ökologischen Unfrieden: Wir wissen, daß die Zerstörung der Welt exponentiell wächst, nicht linear. Die Stichworte: Artensterben (ökonomische Schäden von mehreren Billionen Dollar stehen uns bevor, wenn wir nicht umsteuern); Klimawandel: unsere Fachleute im Ministerium, internationale Experten der Klimaforschung, Sicherheitsexperten z.B. des amerikanischen Militärs sagen uns: der Klimawandel ist die Herausforderung schlechthin, vor der die Menschheit steht.  Der Stern-Report von Sir Nicolas Stern hat ökonomisch vorgerechnet, weshalb schneller und wirksamer Klimaschutz nicht nur politisch, sondern auch ökonomisch sinnvoll ist: wir könnten die Schäden nämlich nicht mehr bezahlen und die Folgen für den Globus wären, was zunehmende Kriegsgefahren, Völkerwanderungen (Klimaflüchtlinge) etc. anbetrifft nur noch von den „reichen“ Staaten zu bewältigen.

c) Der Zugang zum sozialen Unfrieden: die Konflikte zwischen Arm und Reich nehmen zu. Bildungsarme Schichten gegen Bildunseliten; einkommensarme Schichten gegen eine kleine Gruppe von Menschen, die man zu den „Superreichen“ zählt – die sozialen Spannungen wachsen. Bei uns im Land und im globalen Maßstab. Die Ursachen sind zahlreich, Lösungen nicht einfach.

c) Der Zugang zum Unfrieden in der Sprache. Es fällt auf, daß in unserer von Massenmedien (wozu ich auch das Internet und Web 2.0 zähle) geprägten Welt die Bereitschaft zur gewaltsamen Sprache zunimmt.
Solche Sprache ist Folge gewaltsamen Denkens. Und Folge der gewaltsamen Sprache ist Gewalt in der Gesellschaft.

Dies deutet darauf hin, daß in unserem Inneren offenbar etwas nicht mehr „stimmt“: woher kommt die Bereitschaft zu zunehmend gewaltsamem „Denken“ – zu gewaltbereiter, unüberlegter Sprache und in der Folge zur Gewaltbereitschaft auch im Tun?

Wir werden also durch das Motto der Dekade auch auf die seelischen Prozesse hingewiesen, die in uns ablaufen und unser Tun bestimmen.

Ein sehr breiter Fächer tut sich auf, in diesen Tagen im Herbst 2010 gründlich inne zu halten, nach- zu denken. Neue Wege zu entdecken.

Damit wir friedlicher werden.

Im Denken.
In der Sprache.
Und im Tun.

Mich hat der Ökumenische Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung politisch geprägt. Ich bin sozusagen „zu Hause“ in diesen Themen. Der Prozess hat mich eines Tages gar in die Politik geführt.
Es ist gut, wieder inne zu halten. Zu stoppen für 10 Tage. Das Nach-Denken zu üben.

Damit wir nicht Wege weitergehen, die sich als falsch herausgestellt haben.

in kalten Zeiten

Ich werde mich nicht beteiligen
an der Kritik anderer Religionen
denn sie steht mir nicht zu

Ich werde mich nicht beteiligen
am gegenseitigen Vorhalten alter Verfehlungen
denn mein Urteil greift zu kurz

Ich werde Schritte der Versöhnung gehen
heute und morgen
und in den Tagen, die mir gegeben sind

Ich werde mich nicht beirren lassen
von denen, die glauben, die Wahrheit zu kennen

Ich suche das Gespräch,
nicht die Diskussion;

suche die Begegnung
nicht das Urteil.

Suchende sind wir allesamt
mehr nicht.

Was wir tun können:
wir können uns die Hand reichen
und versuchen, uns behilflich zu sein
auf dem Weg nach Hause.

Westerwelle und das gezielte Töten

Außenminister Guido Westerwelle hält das „gezielte Töten“ von Taliban für rechtens. So seien die ISAF-Einsatzregeln. Sagt er.
Westerwelle sagt dies – laut Tagesschau vom 4. August 2010 – zu einem Zeitpunkt, zu dem die Zustimmung zum Afghanistan-Krieg in der Bevölkerung, aber auch im Parlament von Tag zu Tag sinkt.
Seine Absicht ist klar: er will das Vorgehen der Amerikaner in Afghanistan rechtfertigen.

Von einer solchen drückebergerischen Sophisterei wird mir übel.
Denn hier agiert ein Außenminister, der sich völlig zum Büttel militärischen Denkens gemacht hat.
Dieser Außenminister hat es völlig aufgegeben, einen Primat der Politik gegenüber dem Militär zu beanspruchen und durchzusetzen. Er folgt blind den ISAF-Einsatzregeln und versteckt sich auch noch in aller Öffentlichkeit hinter ihnen.

Was, in Gottes Namen, hat diesen Mann geritten, öffentlich das gezielte Töten von Menschen in dieser Art zu rechtfertigen?

Wenn der Außenminister der Auffassung ist, daß das gezielte Töten von Menschen, die irgendein Geheimdienst zu „Taliban“ erklärt hat, „rechtens“ sei, dann hat er die Basis unserer Kultur verlassen.

Denn Basis unserer abendländischen Kultur ist das biblische „Du sollst nicht töten!“
Dieses „Du sollst nicht töten“ ist mehr als ein Gebot, den anderen am Leben zu lassen.
Dieses Gebot ist vor allem ein Selbstschutz.
Denn: die Tötung eines Menschen fällt immer auf den zurück, der tötet.

Es ist nur eine Frage der Zeit.

Bertha von Suttner (Friedensnobelpreis) hat völlig Recht: Blut kann man nicht mit Blut abwaschen.

Deshalb sei Herrn Westerwelle ins Stammbuch geschrieben:
Herr Westerwelle kehren Sie zu den Grundlagen unserer Kultur zurück!
Hören Sie auf, sich hinter ISAF-Einsatzregeln zu verstecken, die vielleicht einer  militärischen Logik entsprechen, die die Welt in „Freunde“ und „Feinde“ einteilt, die aber niemals den Ansprüchen einer zivilisierten Außenpolitik genügen können, die darum wissen muß, daß es nur eine gemeinsame Sicherheit in der Einen Welt geben kann.

Herr Westerwelle, fangen Sie endlich an, Politik zu machen, statt sich zum Büttel militärischer Logik machen zu lassen.

Ein Zivilist zwischen den Fronten – Henry Dunant

Die Schlacht von Solverino (24. Juni 1859) hat das Leben des Kaufmanns Henry Dunant völlig verändert. Eigentlich war er geschäftlich unterwegs. Doch:
„Am Abend nach der entscheidenden Schlacht des italienischen Unabhängigkeitskrieges zwischen den verbündeten Truppen Frankreichs und Sardiniens auf der einen Seite und Österreichs auf der anderen Seite lagen mehr als 40.000 Tote und Verwundete unversorgt auf dem Schlachtfeld. Ohne Ausrüstung begab sich der Zivilist Dunant in dieses Inferno und organisierte spontan Hilfe für die Verwundeten jeder Nationalität. Er ließ Karren und Wagen mit Zugtieren bespannen und auf ihnen die Verwundeten in die Kirchen, Klöster und öffentlichen Gebäude der Umgebung bringen. Die kleine Stadt Castiglione wurde das Zentrum des freiwilligen Helferdienstes, und in dieser Atmosphäre wurde die Idee des Roten Kreuzes geboren. … 1862 veröffentlichte Dunant die Erlebnisse von Solferigno in seinem Buch „Un Souvenir de Solverino“ und verschickte es an Freunde und Weggefährten sowie an einflussreiche Persönlichkeiten im In- und Ausland, darunter die wichtigsten Staatsführer Europas. Das Echo war überwältigend.“ (Clemens Haustein, Henry Dunant ; http://www.drk.de/ueber-uns/geschichte/themen/henry-dunant.html)

Mir begegnet dieser außergewöhnliche Mann erneut am 25.4.2010.
Deutschland ist gemeinsam mit einer Allianz aus über 40 Staaten an einem Krieg beteiligt, der immer mehr Opfer fordert (vor allem Zivilisten).
Am 4. September 2009 war es zu einem Vorfall in der Nähe von Kunduz gekommen, bei dem „mehr als 142 Tote, darunter viele Zivilisten“ zu beklagen waren. Dieser Vorfall hatte den Rücktritt des deutschen Verteidigungsministers sowie die Entlassung seines Staatssekretärs und des Generinspekteurs der Bundeswehr zur Folge. Das Parlament setzte einen Untersuchungsausschuss ein.

Der Krieg in Afghanistan wird im Bündnis der Staaten mit dem „Kampf gegen den Terrorismus“ begründet. Seit einem Anschlag vom 11. September 2001, bei dem über 3.000 Menschen im New Yorker World Trade Center ums Leben gekommen waren, wird dieser „Krieg gegen den Terror“ geführt.
Er hat inzwischen mehr Opfer gefordert, als der Anschlag auf das World Trade Center.
In Zeiten der „privatisierten Gewalt“ (Erhard Eppler), in Zeiten, in den Zivilisten zivile Verkehrsmaschinen (Flugzeuge z.B.) zu Massenvernichtungswaffen machen können, kommen die herkömmlichen Verteidigungsstrukturen an ihre Grenzen. Gegen solche „privatisierte Gewalt“ lässt sich mit Armeen nicht wirklich wirksam vorgehen – die Zahl sowohl von gestorbenen Soldaten, aber vor allem die Zahl von getöteten Zivilisten steigt und steigt, ohne daß ein „Sieg über den Terror“ erkennbar wäre. Selbst die Strategie des „gezielten Tötens“ von führenden „Gegnern“ führt zu einer hohen Zahl von zivilen Opfern.
Auch insofern ist der 4. September 2009 eine Zäsur im „Kampf gegen den Terror“, weil er die Grenzen dieser Strategien deutlich werden lässt.
Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes beurteilen diesen Vorfall ebenfalls kritisch (ARD „Monitor“ vom 22. 4. 2010), denn die sehr strengen Regeln für die „Strategie des gezielten Tötens“ sehen vor, daß bei derartigem Vorgehen Zivilisten besonders zu schützen sind. Offenbar jedoch wurde der Tod der Zivilisten beim nächtlichen Angriff auf die entführten Tanklastwagen wissentlich in Kauf genommen.

Die Politik reagiert ratlos.
Zwar stockt man die Mittel für den zivilen Aufbau weiter auf.
Zwar stärkt man die Mittel für den Aufbau einer eigenen afghanischen Armee.
Aber im Kern bleibt die Strategie unverändert.
Der Widerstand in der Bevölkerung gegen diesen Krieg wächst von Tag zu Tag.
Die Bilder von den Beerdigungen der gestorbenen Soldaten lassen die Menschen zunehmend nach dem Sinn dieses Krieges fragen.
Die Rhetorik, die man bei Regierungserklärungen, Parlamentsdebatten und Traueransprachen beobachten kann, ist Ausdruck dieser Hilflosigkeit in Regierung und Parlament, denn die Sprache in diesen Reden knüpft an an die Rhetorik früherer Zeiten, die das Phänomen der „privatisierten Gewalt“ noch nicht kannten :
die Soldaten seien „für unsere Freiheit gestorben“ heißt es beispielsweise.
Es wird gesagt, man könne „stolz“ sein auf die toten Soldaten.
Sie hätten ihr Leben „für unsere Sicherheit“ gegeben.
Dies jedoch ist in Zeiten von „privatisierter Gewalt“ ein schwerer Trugschluss, denn auf diesem militärischen Wege lassen sich Anschläge wie die vom 11. September 2001 eben nicht ausschließen.
Es gibt Kommentatoren der Ereignisse, die meinen gar „für jeden getöteten Zivilisten wachsen 100 neue anschlagsbereite junge Männer nach“.

Es fehlt das Eingeständnis, daß die westliche Strategie des „Kampfes gegen den Terror“ gescheitert ist.
Diese Strategie hatte immer zwei Teile: zivilen Aufbau und militärische „Sicherung“ dieses Aufbaus (inklusive des Aufbaus der afghanischen Armee, damit die Regierung dieses Landes in die Lage versetzt wird, ihre Sicherheit selbst zu ordnen.).
Die fatale Entwicklung jedoch zeigt: die Sicherheit im Lande wird nicht besser, sondern schlechter.
Das gilt in besonderer Weise für die Region Kunduz, die noch vor wenigen Jahren als die friedlichste Region im ganzen Lande galt.

Nun hat das deutsche Parlament einen erheblichen Teil der Verantwortung für diese Entwicklung zu tragen.
Denn es hat in mehreren Abstimmungen diesen von der jeweiligen Regierung geforderten Mandaten für die Bundeswehr zugestimmt.
Die Entscheidungen des Parlaments wurden auf fatale Weise Voraussetzung für eine Fehlentwicklung, die in den Ereignissen rund um den Angriff auf einen entführten Tanklastwagen in der Nähe von Kunduz besonders deutlich wird.
Entsprechend sind auch die Reaktionen, denn es ist überaus schwer, sich diesen Fehler einzugestehen: das Parlament wehrt in seiner Mehrheit bislang die Forderung nach einem schnellen Abzug der Truppen der Allianz ab. Das geschieht aus vielerlei Gründen, nicht zuletzt aus parteitaktischen und innenpolitischen Gründen, aber auch aus Gründen, die die Rolle Deutschlands im Bündnis und insbesondere im Verhältnis zu den Amerikanern betreffen.

Deshalb ist nun eine Situation eingetreten, bei der man lediglich sagen kann:
das bestehende (obwohl erneuerte und veränderte) Mandat kann nicht ausschließen, daß es erneut zu Vorfällen wie dem in Kunduz kommt.
Das Mandat kann weiterhin nicht ausschließen, daß eine hohe Zahl von Zivilisten insbesondere in Afghanistan betroffen sein wird.
Die Zahl der Opfer wird weiter steigen.
Wenn jedoch solche Angriffe wie der in Kunduz nicht definitiv ausgeschlossen werden können; wenn umgekehrt auch Attentate wie das vom Karfreitag auf deutsche Soldaten nicht ausgeschlossen werden können, dann gibt es nur noch den Weg des Dialogs mit denjenigen Kräften, die von der Rhetorik gern als „Gegner“ dargestellt werden.

Es ist an der Zeit, diesen Konflikt nicht länger aus der Perspektive einer einseitigen „Sicherheit“ zu betrachten.
Es ist an der Zeit, sich an das Konzept der „gemeinsamen Sicherheit“ zu erinnern, wie es maßgeblich von Egon Bahr und Willy Brandt vorbereitet worden ist in Zeiten, in denen in Europa die Militärblöcke des Ostens und des Westens hochgerüstet einander gegenüber standen.

In der Einen Welt gibt es keine Sicherheit mehr nur für eine Seite.
Es gibt nur noch die Eine, unteilbare Sicherheit.
Deshalb müssen aus „Gegnern“ Dialogpartner werden.

Es ist Zeit, den „Krieg gegen den Terror“ nur noch aus der Perspektive der Opfer zu sehen.
Opfer auf beiden Seiten.
Soldaten und Zivilisten.

Henry Dunant ist ein Beispiel für solches Denken.