Was ist Erfolg? Nach-Denken über ein kleines Wort.

Das Lied hat, genau genommen, ungefähr zwei Akkorde. Viel mehr ist es nicht.
Der Rest ist Plastik.
Und der Hauptgewinn in einem europäischen Wettbewerb.

Die FAZ schreibt in ihrer Online-Ausgabe, „Lena wird vor allem für das bewundert, was nicht individuell an ihr ist….“.
Das also wäre ein Kriterium?
Massentauglich also.
„Nicht individuell“.
Das garantiert „Erfolg“ im Jahre 2010.
Die Massen jublilieren, wenn so ein Plastiklied „Erfolg“ hat.

Ich wünsche der Abiturientin, die jenes Liedchen gesungen hat – übrigens auch in einem merkwürdigen Plasikenglisch vorgetragen -, daß sie nicht untergeht in dem Meer von öffentlichem Interesse, in das sie nun geraten ist. Denn: „Erfolg“ macht etwas mit der Seele eines Menschen.
Meist nichts Gutes.
Deshalb wünsche ich ihr, daß sie „über Wasser bleibt“ und ihre Seele nicht verlorengeht.
Und ich denke ein wenig nach über das kleine Wörtchen „Erfolg“, das die Zeit, in der ich lebe, so fürchterlich bestimmt.
Der „KLUGE“, das Etymologische Wörterbuch der deutschen Sprache, gibt sich mehr als dürr und stellt lediglich fest: bei dem Wort „Erfolg“ handele es sich um eine „Rückbildung“ (17. Jhdt). aus dem Wörtchen „erfolgen“, im Sinne von „erreichen, erlangen“, „vielleicht unter dem Einfluss von frz. succèder und succéss“.
„Erfolg“ ist also eine „Rückbildung“.
Etwas mehr gibt der Text über das Wörtchen „folgen“ her. Zu dessen Grundbedeutung das Abstraktum „Folge“ gehört; „zu der damit zusammenhängenden Bedeutung „gehorsam sein“ gehört vor allem das Adjektiv „folgsam“ (KLUGE, 24. Auflage, 307).

Ein Assoziationshof bildet sich nun um das Wort.
Färbt jene „Rückbildung“ ein, die beinahe zum Synonym für die Leistungsgesellschaft geworden ist, unter der so viele Menschen leiden und der sie dennoch „folgen“.

Ein Mensch bekommt in der Gesellschaft, in der ich lebe, Anerkennung, wenn er „Erfolg“ hat. Wenn er also etwas „bekommt“, wie der KLUGE weiß.
Ein solcher Mensch wird interviewt, ein solcher Mensch verdient womöglich viel Geld – und läßt andere, die ihn zum „Erfolg“ geführt haben, ebenfalls viel „verdienen“. Eine ganze Industrie verdient daran: Plattenfirmen, Studios, Fernsehsender. Es ist ein großes „business“ um diesen Liederwettbewerb.

Es ist schön, wenn ein Mensch Anerkennung erfährt.
Wenn er wahrgenommen wird, in der Art, wie er lebt.
Wenn andere Menschen empfänglich sind für seine Weise, die Welt zu sehen und zu deuten.

Vielleicht erklärt sich die „Euphorie“ nach jenem Plastikliedchen auch aus dem Umstand, daß viele Menschen sich selbst nicht wahrgenommen fühlen und nun eine Projektionsmöglichkeit haben, an einem „Erfolg“ teilzuhaben, so, als wäre es ihr eigener? Vielleicht verbirgt sich hinter dem „Massenerfolg“, den jenes Liedchen „eingebracht“ hat, eine Sehnsucht nach wahrgenommen und erkannt werden?
Mag sein.

Ich denke einen Moment an die Menschen, die keinen „Erfolg“ haben in ihrem Leben.
An die „Nicht-Erfolgreichen“.
Was ist eigentlich mit ihnen?

Fühlen sie sich irgendwie nicht zu Hause, wenn sie in einer Welt leben müssen, in der „Erfolg haben“ fast zu einem Synonym für „gelingendes Leben“ geworden ist?
Bedeutet jenes Denken in Kategorien des „Erfolges“, daß ein nicht erfolgreicher Mensch kein gelingendes Leben führen kann?

Erich Fromm hat in „Haben oder Sein“ Maßgebliches dazu notiert.
Es lohnt sich immer wieder, bei diesem alten Meister nachzuschlagen und nachzulesen:
Der Wert eines Menschen bestimmt sich nicht aus dem, was er „erlangt“; bestimmt sich nicht aus seinem „Erfolg“, sondern aus dem was er „ist“.

Die Qualität gelingenden Lebens leitet sich nicht daraus ab, ob man „ERfolg“ hat, also etwas „erreicht“ – denn: das gibt der Assoziationshof des Wortes „Erfolg“ her: es könnte sogar sein, daß jener „Erfolg“ einen Menschen zu einem „gehorsamen“ Menschen verkümmern läßt, der vom „Erfolg“ abhängig wird.
Erfolgsabhängige Menschen wissen, wenn sie wach bleiben gegenüber sich selbst, wie gefährlich diese Droge werden kann.
Sie verlangt nach immer „mehr“ und immer „besser“ und immer „höher“ – so, wie es jede andere Droge auch tut.
Und – wie bei jeder anderen Droge auch:  wenn ein „Erfolg“ eingetreten ist, wenn man etwas „erlangt“ hat, bleibt immer öfter ein schales Gefühl zurück, eine Ahnung von einer inneren Leere, die sichtbar wird, wenn der „Erfolg“ ausbleibt.

Der unmenschlich gewordene Wettlauf um den „größten Erfolg“ und die „größte Anerkennung“ bekommt in der spätkapitalistischen Gesellschaft, in der ich lebe, religiöse Züge.
„Grand Prix Pilger feiern ihre Erlöserin“ überschreibt spiegel-online einen Artikel zum Thema.
Das macht mich sehr nachdenklich.
Denn ich weiß um die gewaltige Kraft, die religiöse Sprache entfalten kann.
Wenn ich jene, sicherlich flott aufs Papier geworfene Überschrift auf mich wirken lasse bekomme ich eine Ahnung, wie fundamental jenes Leistungsdenken, das nur noch in Kategorien von „Erfolg“ denken kann, unsere Gesellschaft in den Grundfesten zerstört hat.

Ich stimme dem KLUGE zu: das Wort „Erfolg“ ist in der Tat eine „Rückbildung“.

Wer sein Leben abhängig macht vom „Erfolg“, wird es vermutlich verfehlen.
Deshalb wünsche ich der jungen Abiturientin, die jenes kleine Plastikliedchen vorgetragen hat, daß sie ihre Seele nicht verliert, wenn sie nun eintaucht in jenes Meer von öffentlicher Anerkennung, das in einer massenmedial inszenierten „Kultur“-Industrie über ihr zusammen zu schlagen droht.

Und ich wünsche mir, daß mein Bewußtsein dafür wach bleibt: bei dem Wörtchen „Erfolg“ handelt es sich um eine „Rückbildung“ aus dem 17. Jahrhundert……

Vertuschung – was Farbtöne lehren können

Heute experimentiere ich mit Farben: Aquarell. Öl. Wasser. Papier. Pinsel.

Und Fotografie.

Die Dinge verändern sich, obgleich sie sich eigentlich gar nicht verändern.

Die Sicht auf die Dinge aber ändert sich, je mehr Bearbeitungsschritte ich hinzufüge.

Ein interessanter Prozess beginnt.

Ausschnitte sehen anders aus, als die Gesamtheit.

Kontraste verändern sich.

Linien.

Farbtöne.

Die Farben werden zu einem Bild, das zu leben beginnt.

Das Bild selbst verändert meine Sichtweise.

Ruft neue Reaktionen hervor.

Ich spüre: Man könnte die Dinge auch ganz anders betrachten.

Dieser Prozess wird zum Lehrstück für die Art und Weise, wie wir die Welt sehen.

Das Bild, das wir von ihr haben, ist nicht das endgültige Bild.

Es hängt von der Sichtweise ab.

Die andern geben’s aus – wir sammeln ein. Ein Tag in Bielefeld

Wo liegt eigentlich Bielefeld?
Heute liegts im Zentrum der Welt, sag ich mal. Denn das Büro der deutschen Sektion von Opportunity International befindet sich in Bielefeld. In der Ritterstraße.

Als ich heute morgen in Berlin aufbrach, um den CEO von OI in Deutschland, Stefan Knüppel zu besuchen, habe ich die Fahrt im Zug durch blühende Rapsfelder sehr genossen.
Ich bin früher oft diese Strecke gefahren, wenn ich nach Bonn in den Bundestag mußte.
Bilder aus zurückliegenden Zeiten waren wieder da, Erinnerungen an Präsidenten, Abgeordnete, Kanzler und Minister.

Heute war es anders.
Heute bin ich nicht in Bonn, sondern in Bielefeld ausgestiegen.
Stefan stand am Bahnhof und wir fuhren mit Mieträdern 10 Minuten zum Büro.
Das Netbook nebst Kamera und Stativ auf dem Rücken.

Ein wenig verrückt sind wir schon.
Während im Parlament über 450 Milliarden Euro Staatsgarantien im reichen Europa verhandelt wird, planen wir etwas völlig andres.
Wir wollen Banken gründen.
Nein, nicht solche, wie wir sie in Deutschland kennen.
Nicht solche.
Sondern Mikrobanken.
Mikrobanken setzt man ein, um den Menschen auf der Welt, die auf einer „normalen Bank“ niemals Zugang zu Kapital bekommen würden, weil sie nichts haben als Garantie oder „Sicherheit“, ein wenig Geld zur Verfügung zu stellen, damit sie ein winziges Unternehmen gründen können.
Microkredite.
Durchschnittlich 160 Euro pro Kreditnehmer.
Er (meist ist es eine „sie“) bekommt das Geld, investiert es – zum Beispiel in eine Nähmaschine.
Und von dem verdienten Geld zahlt sie den Kredit nebst einem kleinen Zins an die Microbank zurück.
Dann wird das Geld erneut eingesetzt.
Entweder für einen anderen Kreditnehmer, oder zur Vergrößerung des „Geschäfts“.

Dieses Konzept ist überaus erfolgreich.
Opportunity International hat mittlerweile etwa 400 Millionen US Dollar in seinem Microbanken „im Umlauf“.
Mehr als 1,6 Millionen Menschen bekommen auf diesem Wege Unterstützung.

Wir geben keine Almosen, sondern wir wollen Chancen ermöglichen.
Die Mikrokreditbewegung ist 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden.
Der „Vater“ der Bewegung, Prof. Yunus aus Bangladesh, hat ihn in Empfang genommen. Er sagte in seiner Rede, daß er den Preis auch „in Namen der vielen Gruppen“ in Empfang nehme, die sich um diese wichtige Arbeit bemühen.

Da sitzen wir nun also im kleinen Team von OI Deutschland in der Ritterstraße in Bielefeld und überlegen, wie wir eine Kampagne für 100 neue Mikrobanken für Afrika auf die Beine stellen könnten.
Das Ziel ist anspruchsvoll, denn zur Gründung einer „microbank“ braucht man ca. 5.000 Euro.
Wir reden also über eine halbe Million.
„Naja“, denk ich mir, „wenn die andern über 450 Milliarden sprechen, dann sprechen wir eben über 500.000“.
Das Ziel ist ambitioniert. Aber es gibt Möglichkeiten.

Wir sprechen über die Chancen des Internets. Wir werten die zurückliegende Kampagne „100 Microschools“ aus, die sehr erfolgreich war.
Auch die Aktion „D-Mark-Dedektive“, bei der zahlreiche Schülergruppen nach noch vorhandenem D-Mark-Geld fahndeten und es in Euro zugunsten von opportunity umtauschten, was sehr erfolgreich und hat viele junge Menschen mobilisiert.

Diese Erfahrungen wollen wir nun erweitern durch die Chancen des Web 2.0.
Deshalb nehme ich am Ende unserer Gespräche ein kleines Video auf.
Die Handycam und das Stativ hab ich mitgebracht, damit die Qualität auch einigermaßen „stimmt“ und die Bilder nicht „wackeln“.
Dann, am Abend, nach der Rückkehr, setzt ich mich schnell an den PC, lade das Video von der Kamera auf den Rechner, schneide, mache eine kleine Textüberblendung – und lade es auf das Youtube-Konto hoch, das ich für das Projekt „100 Microbanken für Afrika“ eingerichtet habe.

Nach wenigen Minuten „steht es im Netz“ und unserer Arbeit zur Verfügung.
Ein kleiner technischer Fehler hat sich eingeschlichen, ein Standbild von 3 Sekunden, aber: es funktioniert.

Die Mittel sind einfach, die wir einsetzen.
Unser eigentliches Kapital sind die Menschen, die verstanden haben, um was es im Kern geht.
Es geht darum, die Spaltung zwischen reicher und armer Welt zu bekämpfen.
Wir wollen „einen Stein in den Strom werfen“.
Wir wollen den Menschen eine Perspektive geben, denen „normale Banken“ keine gewähren.
Wir wollen die Chance geben, daß sie „die unterste Sprosse der Leiter“ ergreifen können (Jeffrey Sachs), um dann allein weiter zu gehen.

Den Sommer haben wir uns vorgenommen, um das feintuning der Kampagne zu machen. Da ist noch viel Arbeit.
Im November beim Stiftungstag in Dresden, bei der viel Politiprominenz und Fachleute anwesend sein werden, wollen wir auf das Projekt aufmerksam machen.
Im Netz beginnen wir jetzt schon damit.
Facebook, Twitter, YouTube, ein blog.

Und der Kreis der Unterstützer wächst.

Ich fühl mich wohl dabei.
Und es macht Freude.

1,2 Zettabyte – Fragen in der digitalen Welt – wer wird mein Nachbar sein?

Bis 2020 wird sich die Datenmenge im Internet um das 44 fache gesteigert haben, schreibt der kurier am 7.5.2010 aus Österreich.

http://kurier.at/techno/1999804.php

Da ist ein Rauschen um den Globus, ein Wellen und Wabern, „zu 90% aus Bildern bestehend“.
Ich versuche mir für einen Moment diese Erde aus dem Weltall gesehen anzuschauen.
Versuche, mir diesen Datenstrom vorzustellen, der da anschwillt und den Globus wie eine „zweite Atmosphäre“ umschließt.
Zehn Jahre noch.
Dann, so sagen die Forscher, sind wir bei 1,2 Zettabyte angelangt.

Der Strom schwillt weiter an. Tag für Tag. Die Wachstumsraten bei den online-Diensten sind groß.
Am Ende könnte jeder mit jedem sprechen.
Von jedem Sofa der Welt könnte man mit jeder Hütte in Afrika Kontakt aufnehmen.
Sozusagen.
So aber wohl doch nicht.
Denn:
Die Themen-Wellen verstärken sich durch „retweeds“. Was nicht „retweeted“ wird, „fällt durch“.
Die Masse entscheidet, was wichtig ist.
Die Masse entscheidet, was eine richtige „Welle“ im Netz wird.
Was oft „retweedet“ wird, kann eine „Welle“ werden.
Blitzschnell geht das.
Die Masse der Nutzer entscheidet  – und ein paar wichtige „Netzwerkknoten“, die wie große Beschleuniger in diesem Datenozean wirken.
Große Zeitungen zum Beispiel, deren Nachrichten häufig weiter geschickt werden; große blogs auch.

Ich versuche, für einen Moment ein Gefühl für diese Entwicklungen zu bekommen, es will nicht recht gelingen.
Wie fühlt sich das an, was da zu erwarten ist?
Könnte man das malen?
Könnte man da ein Gedicht drüber schreiben?
Wie klingt ein Musikstück, das diese Entwicklungen ausdrückt?
Oder bleibt am Ende nur ein „großes Rauschen“ einer Menschheit, die sich um sich selber dreht wie die Erde selbst?

Ich ahne, daß es „Gewinner“ und „Verlierer“ dieser Entwicklung geben wird.
„Verlierer“ sind, auf den ersten Blick jedenfalls, alle diejenigen, die keinen Zugang zum Netz haben.
Es soll ja Menschen auf der Welt geben, die nicht mal sauberes Wasser haben….. (etwa 2 Milliarden sind es im Moment).

Nehmen wir für einen Moment das Bild, daß jeder mit jedem vernetzt ist und theoretisch alles über ihn erfahren kann, weil das Netz und seine wenig geschützten Daten Vorgänge und Prozesse immer transparenter machen (Datenschutz).
Da sehe ich sie sitzen an ihren Laptops und Handys, an ihren e-books und PCs, wie sie vernetzt sind mit allem und jedem – und doch ihren Nacharn nicht kennen.

Wird eine solche Entwicklung zu mehr Nähe zwischen den Menschen führen? Zu mehr Verständnis füreinander?
Oder wird sie lediglich eine „Verkopfung“ befördern, die ja längst eingetreten ist?
Wird sie jene Trennung von Kopf und Körper befördern, die ja heute schon problematisch genug ist?
Was wird mit der bekannten aber zu wenig berücksichtigten Tatsache, daß über 90% unseres Verhaltens unbewußt gesteuert ist, in einer Welt, die zu 90% aus „bewußten“ Bildern besteht und kognitiv-visuell aufgenommen und verarbeitet wird?
Wird es zu „Eruptionen“ des Unbewußten kommen? Denn: man weiß ja, daß sich das Unbewußte, wenn man nicht um seine Kraft und Bedeutung weiß, um so mächtiger zu Wort meldet.
Was für „Wellen“ werden dann entstehen in jenem gewaltigen Datenstrom, der da jede Minute um den Globus rauscht?

Wie werden sich politische Systeme verändern in einer Welt, in der praktisch nichts mehr „nichtöffentlich“ ist?
Werden am Ende diejenigen die Gewalt über die „Wellen“ im Netz haben, die gut kalkulierten Zugang zu den „Knoten“ im Netz pflegen, ihre sonstigen Aktivitäten aber aus guten Gründen nicht veröffentlichen?

90% Bilder.
Lese ich.
Und stelle mir für einen Moment die Verkürzung der Botschaft vor, die in dieser Aussage enthalten ist.
Was werden die Menschen voneinander „wissen“, wenn sie nur noch im „Meer der Bilder“ schwimmen?

Etliches scheint sich abzuzeichnen:
die parlamentarischen Demokratien stehen vor gewaltigen Veränderungen. Denn das Tempo ihrer Entscheidungsfindung: über Kandidaturen, Wahlen, Mehrheitsfindungsprozesse etc. wird hinter dem weiter wachsenden Tempo, mit dem „Wellen“ im Netz entstehen – und natürlich die Parlamente beeinflussen – noch mehr zum Problem werden.
Sie werden sich anpassen müssen.

Im Moment machen Parlamente erste Erfahrungen mit online-Petitionen.
Man kann sehen, wie innerhalb kürzester Zeit über Web 2.0 oder 3.0 oder 4.0 oder was da alles noch kommen mag, Themen zu wirklich politisch relevanten „Themen“ werden, auf die man reagieren muß.
Kampagnen machen die Erfahrung, daß sie „etwas bewegen können“, wenn sie das web nutzen.
Die Möglichkeiten der direkten Teilhabe an politischen Prozessen im Parlament vergrößern sich.

Wenn sich dieser Trend jedoch verstärkt: wie ist es dann um die Bedeutung von Wahlen bestellt?
Wird man die althergebrachten Wahlprozesse noch benötigen? Oder entscheiden am Ende die „neuen Mehrheiten“, die sich – von wem eigentlich gesteuert? – zu „Wellen im Netz“ entwickeln und „thematische Mehrheiten“ entwickeln?

Im Moment haben noch längst nicht alle Politiker und NGos die Chancen des dialogischen Prinzips der neuen Medien für sich entdeckt.
Im Moment überwiegt noch die Zahl derjenigen, die das Internet lediglich nutzen wie einen öffentlichen Markt, auf den sie „ihr Plakat“ stellen.
Das ändert sich gerade.
Die „Chance für den Dialog“ wird zunehmend mehr gesehen: online-Tagungen mit chat; blogs, Videogestützte Veranstaltungen wachsen.

Doch: wie ist es mit der durch Wahlen begründeten parlamentarischen Demokratie, wenn sich in solchen Dialogprozessen neue „Themen“ und „Mehrheiten“ herausbilden, die sich so im Parlament selbst nicht finden lassen?
Werden die Abgeordneten diesen neuen „Wellen“ folgen? Oder werden sie auf ihre eigenen Meinungsfindungsprozesse vertrauen, wie sie eingeübt sind im Zusammenspiel von Arbeitsgruppen, Ausschüssen, Fraktionen; zwischen Parlament und Regierung; zwischen Bundestag und Bundesrat; zwischen Nationalstaaten und Europa; zwischen den Kontinenten und der UNO beispielsweise?

Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der nicht alle Menschen Zugang zu den Chancen des Internets haben.
Was ich mir nicht vorstellen mag, ist ein Bild von einer Welt, in der die Armen, die nicht mal sauberes Wasser zum Trinken haben, noch mehr abgeschnitten werden vom „Rest der Welt“.
Ich mag mir auch keine Welt vorstellen, in der zwar alle mit allen „vernetzt“ sind, aber dennoch nichts vom Nachbar wissen.
Sie kennen seine Wünsche und Sehnsüchte nicht.
Sie können ihn nicht berühren und trösten.
Sie können nicht wirklich „in Kontakt gehen“ zu dem, der neben ihnen lebt.

Was wird überwiegen?
Die Chancen oder die Gefahren einer Entwicklung, die sich abzeichnet schon für die nächsten zehn Jahre?

Im Moment überwiegen die Fragen.

Grüße von der Familie….

Willy Brandt war einer der ersten Politiker von Weltruf, der das Konzept der „Einen Welt“ politisch gesehen und entwickelt hat.
In der „Einen Welt“ gibt es kein gegeneinander mehr, denn die Entwicklungen in einem Teil der Welt haben sofort und unmittelbar Auswirkungen in anderen Teilen der Welt.
Es gibt beispielsweise nur noch eine „gemeinsame Sicherheit“, niemals eine Sicherheit „gegen“ jemand anderen.

In der „Einen Welt“ wirkt sich unser alltägliches Leben im reichen Europa unmittelbar aus.
In den meisten Fällen wirkt es sich verheerend aus, wie der UN Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung (2000 – 2008), der Schweizer Sozialdemokrat  Jean Ziegler, unermüdlich aufgezeigt hat.

Eine der schlimmsten Auswirkungen unseres Lebens und Wirtschaftens in der „reichen Welt“ ist die Zerstörung der Märkte in anderen Ländern. (Der gestiegene Ölpreis vor zwei Jahren hatte z.B. in Mozambique etwa das Volumen der kompletten Entwicklungshilfe für dieses Land!). Unser Leben und Wirtschaften wirkt sich in anderen Ländern direkt und meist unmittelbar aus.
Billigexporte von europäischem Hühnerfleisch führen z.B. auf afrikanischen Märkten zum beinahe völligen Zusammenbruch einheimischer Produktion, denn die Bauern können nicht mit den extrem niedrigen Preisen konkurrieren (sehr gut dokumentiert in dem Film „We feed the World“, den ich jedem empfehle, der beabsichtigt, mal wieder einkaufen zu gehen….).
Die Armut wächst.
Weil die „reiche Welt“ reich ist, ist die „arme Welt“ arm.
Es ist ein direkter Zusammenhang.
Weil es uns in der reichen Welt einigermaßen gut geht, geht es den Menschen in den anderen Teilen der Welt oft schlecht.
Das Konzept der „Einen Welt“ lässt eine andere Schlussfolgerung nicht mehr zu.
Wir müssen es begreifen, daß es nur diese „Eine Welt“ gibt.
Und dieses Denken wird zu Konsequenzen führen.
Wir werden verstehen lernen, daß unser Leben etwas zu tun hat mit der Armut in anderen Teilen der Welt.

Was wirkliche Armut ist, konnte ich vor zwei Jahren persönlich sehen.
Ich war in KIBERA.

Der Besuch in diesem zweitgrößten Slum Afrikas hat einen sehr tiefen Eindruck in mir hinterlassen.
Soetwas vergisst man nie wieder.

Das folgende Video gibt einen ungefähren Eindruck von dem, was KIBERA bedeutet.
Es ist aber nur ein „ungefährer“ Eindruck.
Denn es fehlen vor allem die Gerüche: der unglaubliche Gestank, der zwischen den Hütten zieht;
es fehlt der Lärm; es fehlt der unsichere Boden, auf dem man läuft: KIBERA liegt zu großen Teilen auf einer Müllhalde.

Hier in KIBERA begegnet man wirklicher Armut.

Die Menschen in KIBERA  sind, folgt man dem Denken Willy Brandts,  Teil unserer Familie in der Einen Welt.
In diesem politischen Sinne sind sie unsere „Verwandten“.
Sie sind nicht „die Fremden“, die irgendwo weit weg, ihr armseliges Leben zu führen haben.

In diesem Sinne ist Kenya, das manche nur von teuren Safaris und einem grandiosen Urlaub her kennen, kein entferntes Land, sondern beginnt sozusagen direkt „vor der Haustür“.

Wenn man diese Zusammenhänge sieht und zunehmend verstehen lernt, ergibt sich eine drängende Frage:
Was ist zu tun?
Man kann seinen Lebensstil im Norden verändern – so man die Kraft zur Selbstveränderung aufbringt.
Es gibt zwar viele Appelle in dieser Richtung, aber im Grunde tut sich herzlich wenig. Die meisten Menschen bleiben bei einer diffusen Forderung an „die Politik“ stecken; sehr viele sind nicht mal mehr bereit, sich mit den Zusammenhängen in der Einen Welt überhaupt zu beschäftigen. Die Kraft zur Selbstveränderung fehlt.

Man kann sich innerlich aber auch unabhängig machen von den Menschen, denen „die Familie“ in der Einen Welt egal ist.
Und man kann mit denen kooperieren, die das Konzept der Einen Welt verstanden haben und in konkretes Handeln umsetzen wollen.

Kooperieren.
Zum Beispiel mit Opportunity International.
Was Opportunity International in Kenya tut, sei in einem zweiten kurzen Clip gezeigt.

Kenyas Bevölkerung war nach den letzten Wahlen faktisch gespalten. Ein Bürgerkrieg drohte.
Auch im Slum von KIBERA habe ich die Spuren dieser Auseinandersetzung gesehen. Einschüsse in den Blechhütten konnte ich sehen und man erzählte von den chaotischen Nächten, als die Gewalt eskalierte.
Viele „Geschäfte“ waren zerstört. Vor allem die der „kleinen Leute“.
Man kann etwas tun.

Opportunity International Deutschland will bis zum Ende des kommenden Jahres 100 neue trust-banks gründen.
100 neue Kreditnehmergruppen für Microcredite.
Zum Beispiel in Afrika.

Wir freuen uns über jede Unterstützung.
charity: microbanks.
http://www.oid.org.

Heute schon ’ne Bank gegründet? Charity:microbanks.

Wir von opportunity international haben vor, bis Ende kommenden Jahres 100 neue Trustbanks zu gründen.
Wir arbeiten unter dem label „Charity:microbanks“.
Gestern habe ich ein erstes Video dazu geschickt.
Während Europa über gewaltige Milliarden diskutiert, die gegen „Spekulanten“ mobilisiert und der Sicherung des eigenen Wohlstandes dienen sollen, verfolgen wir weiter und beharrlich das Projekt der Kleinkreditförderung.
Warum?
Weil unsere Nachbarn in den „Entwicklungsländern“ sehr viel mehr unter den Folgen der Weltwirtschaftskrise zu leiden haben als wir.
Wir fühlen uns in der Verantwortung und wollen einen Beitrag zu mehr Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd leisten.
Die Kleinkreditförderung ist eines des wirksamsten Instrumente bei der Armutsbekämpfung.
Oft werden wir gefragt, wie das denn funktioniert mit diesen Kleinkrediten.

Deshalb stelle ich diese Arbeit heute anhand von einem Beispiel aus Ghana vor.
Dieses Projekt wurde von einem privaten Kreis von Förderern aus der Weser-Ems-Region in Deutschland finanziert.
Den ausführlicheren Projekt-Bericht als pdf findet man am Ende dieses Textes (mit Fotos).

Die Trustbank-Methode
In dem Projekt „Kleinkredite für starke Frauen in Ghanas Volta-Region“ greifen wir
auf den ganzheitlichen Ansatz des Trustbank-Prinzips zurück. Eine Trustbank ist eine
Gruppe von ca. 15 – 30 Kreditnehmern, die füreinander bürgen und sich gegenseitig bei
ihrer Geschäftsidee unterstützen.
Diese Gruppen treffen sich einmal wöchentlich zu Schulungen, denn Opportunity International
verfolgt im Rahmen seiner Kleingewerbeförderung nicht nur eine finanztechnische
Unterstützung sondern einen ganzheitlichen Ansatz der Entwicklungsförderung.
Einerseits werden die Teilnehmerinnen zur Erhöhung der Erfolgsaussichten ihres
Kleingewerbes in technischen und betriebswirtschaftlichen Fragen geschult. Dies erfolgt
durch Mitarbeiter vor Ort oder externe Referenten und umfasst die Vermittlung einfacher
betriebswirtschaftlicher Kenntnisse wie Geschäftsführung, Buchführung, Kostenrechnung,
Planung, Marketing und Kundenpflege.
Andererseits gibt es darüber hinaus Informationen und Beratung zu Themen und Problemen
der allgemeinen Lebensführung, die sich u.a. auf die Bereiche Gesundheit, Ernährung,
Familienplanung, Kindererziehung, Konfliktbewältigung, Bürgerrechte und
Gemeinwesenentwicklung beziehen.
Auch eine funktionale Alphabetisierung gehört dazu. Gerade die Aufklärung zur Gesundheitsvorsorge
und die Prävention von HIV/Aids soll zu einer nachhaltigen Verbesserung
der Lebensbedingungen beitragen.
Diese Schulungen sind untrennbar mit der Vergabe der Kleinkredite verbunden und für
alle Kundinnen verpflichtend. Sie sind wichtiger
und regelmäßiger Bestandteil der wöchentlichen
Treffen der Trustbank. Wir verfügen über
geschulte Mitarbeiter, die in der Lage sind den
Kunden viele dieser Themen nahe zu bringen.
Die Kosten für die Schulungen der Kreditnehmer
liegen bei 19 Euro pro Person (15.200 Euro
für alle 800 Teilnehmer) und umfassen Ausgaben
für Verpflegung, Transport und Schulungskosten.

(für den kompletten Projektbericht den folgenden link bitte kopieren und oben in die Adresszeile des Browsers kopieren, damit er sich öffnet):

Klicke, um auf Projektinfo_Voltaregion.pdf zuzugreifen

wie eine trust-group arbeitet, ist hier zu sehen:

Chancen geben – opportunity international

Während Europa über „Rettungsschirme“ von 720 Milliarden Euro verhandelt, um den Euro zu stabilisieren gegen „Angriffe“ von „Spekulanten“, arbeiten wir in aller Ruhe, aber mit Konsequenz an einer alternativen Kampagne.
Wir wollen nicht warten, bis sich eine Finanztransaktionssteuer durchgesetzt hat, damit 100 Milliarden Euro pro Jahr zusätzlich für Entwicklungshilfe gegeben werden können.
Wir wollen jetzt schon Alternativen zeigen und Pflanzen der Hoffnung in die Erde bringen. Damit die Menschen, die besonders hart von der Weltwirtschaftskrise getroffen wurden, eine Chance erhalten, sich und ihre Familien selbst zu ernähren.
Wir wollen die Menschen nicht durch Spenden erniedrigen, wir wollen Chancen geben. opportunities.
Deshalb planen wir von Opportunity International Deutschland eine Kampagne:

100 Trust-banks wollen wir  (http://www.oid.org) mit der Hilfe vieler Menschen im kommenden Jahr neu gründen.
Das Netzwerk von Oppotunity International mit seinen Zentren in den USA, England und Kontinentaleuropa unterstützt mittlerweile etwa 1,8 Millionen Menschen.

Nun sollen es 100 Gruppen mehr werden.
100 neue Trust-banks.
Für Menschen, denen keine „normale“ Bank je einen Kredit geben würde, weil sie über keinerlei materielle Sicherheit verfügen.

Eine „Trust-bank“ ist das Startkapital für eine Gemeinschaft von Kreditnehmern, die in Entwicklungsländern Kleinstkredite erhalten, um ein kleines Unternehmen zu gründen oder zu erweitern.
Die Menschen in einer solchen Gruppe bürgen füreinander – das gegenseitige Vertrauen ist das eigentliche Kapital.
Da es sich um einen winzigen Kredit handelt, fließt das Geld zurück – und kann erneut eingesetzt werden.
Ein Kreislauf kommt in Gang.
Mit einer einmaligen Gabe kann auf diese Weise Hunderten von Menschen geholfen werden.
Dieses Konzept ist überaus erfolgreich, denn es ermöglicht den Ärmsten der Armen, „die unterste Sprosse der Leiter zu ergreifen“, wie es der Ökonom Jeffrey Sachs in seinem Buch „Das Ende der Armut“ eindrücklich formuliert hat. Das Konzept ist aber immer noch zu wenig bekannt.
Deshalb wollen wir unsere Kampagne durch die neuen Medien, insbesondere durch social media unterstützen, weil uns am Dialog liegt.
Die Mikrokreditbewegung hat 2006 den Friedensnobelpreis erhalten.
Prof. Yunus ist internationaler Schirmherr von Opportunity International Deutschland.
Seit etlichen Jahren habe ich die Arbeit von OID als Schirmherr in Deutschland unterstützt.
Nun will ich helfen, daß die Kampagne für 100 neue trust-banks (Kreditnehmergruppen) erfolgreich wird.

Ich freue mich sehr darüber, daß zunehmend auch die blogger-Szene sich des Themas annimmt und Opportunity International unterstützt.
Man bindet Videos z.B. von der facebook-Seite von opportunity international Deutschland/Schweiz auf seiner Seite ein, man kommentiert, man macht Freunde und Bekannte auf das Projekt aufmerksam.
Das ist eine sehr große Hilfe.

Wir machen diese Arbeit nicht für uns, wir tun es sozusagen für unsere Familie in der Einen Welt.

Wenn Sie das Projekt unterstützen wollen: jede Hilfe ist willkommen.
Social media ist ein wunderbares Instrument, Menschen guten Willens zueinander und zu einem gemeinsamen Projekt zu führen.

Auf der Suche nach einem vielleicht passenden Song für unser Vorhaben ist mir der folgende bei youtube begegnet.

Gute Wünsche zum Wochenende!

Männergeschichten

Es ist ein merkwürdiges Fest. „Himmelfahrt“. Volkstümlich „Männertag“.
Ich bin nie mitgezogen in diesen Männergruppen, die, merkwürdig gekleidet, ausgestattet mit diversen Hupen, Klingeln, Stöcken, Hüten – und vor allem Flaschen – sich auf den Weg machen, um zu wandern und viel zu trinken.
Es waren mir immer irgendwie verdächtige und merkwürdige Gestalten, die da loszogen.
Im Dorfe meiner Kindheit fuhr man mit dem Pferdewagen, geschmückt mit frischem Maigrün, zu einem Fest ins Nachbardorf. Ein Posaunenchor ist auf einem der alten Fotos abgelichtet, die ich aufbewahrt habe aus diesen frühen Tagen der Kindheit.
Ich kann mich noch an die Enge auf dem Wagen erinnern, an die Holzbänke, auch an die Lieder, die gesungen wurden.
„Schmückt das Fest mit Maien“ oder „Geh aus mein Herz und suche Freud“.

Bilder aus der Jugend: die besoffenen Männer, die schon gegen die Mittagsstunde hilflos irgendwo im Gebüsch lagen. „Na, ein toller Feiertag ist das!“ pflegte meine Mutter zu kommentieren und es konnte passieren, daß Vater ausgerechnet an diesem Tag sich mal wieder um eine seiner „Schnapsdrosseln“ bemühen musste, um die er sich kümmerte. Arbeit mit Alkoholikern.
Am Männertag sind sie besonders gefährdet.

Später hat mich die Frage erreicht, was denn diese Männer eigentlich „herunter schlucken“ wenn sie soviel saufen an „ihrem“ Feiertag?
Männer schlucken viel.
Vor allem schlucken sie Gefühle herunter.
Sie sind so erzogen. Nun sind sie so.
Sie schlucken.

Viele jedenfalls.
Eine Hilflosigkeit wird sichtbar an diesem „Feiertag“. Eine Hilflosigkeit, wie man denn richtig feiern könnte.
Ohne Alkohol scheint „es“ irgendwie nicht zu gehen.
Auch bei der Sauferei gehen die Hahnenkämpfe untereinander weiter. Wer wohl am längsten durchhalten kann bei der Sauferei? Wer wohl am längsten am Tisch sitzen bleibt oder am längsten noch alleine laufen kann?
Irgendwie ist es nicht wirklich fröhlich, dieses Fest.
Traurige Gestalten sind es, die da an mir vorbeiziehen. Sie werden einen dicken Schädel haben, wenn sie wieder munter werden nach dem Gelage.
Es gibt etliche Familien in diesem Lande, die gerade am heutigen Tage mit Angst und Sorge auf den Abend blicken, wenn Vater wieder mal besoffen nach Hause kommt.
Es ist ein Tag, in dem viel Gewalt stattfindet in den Familien.
Schläge gibt es. Zornige Worte. Einsamkeiten.

Ein solcher „Männertag“ schmeckt irgendwie schal wie ein abgestandenes Bier.
Ich höre aus manchem offenen Fenster gegen Abend eines solchen Tages brüllende Männer und keifende Frauen.
Kinder höre ich kaum. Sie sind still.
Die Angst hält ihnen den Mund zu.

Auf einer zweiten, tieferen Ebene klingt dieser Tag nach Sehnsucht.
Da schwingt eine Sehnsucht vieler Männer in diesem Tag, daß sie endlich mal was „für sich“ tun könnten. Wenigstens an diesem Tag im Jahr.
Mal wieder „mit den Kumpels“ losziehen, mal ohne Frau und Kind, einfach nur so, mit „guten Freunden“.
Eine Sehnsucht schwingt da mit, daß sie wenigstens mal an diesem Tag „frei“ sein könnten von der „Familie“, frei von etwas, das sie als „Last“ empfinden.
Die Rollenteilung zwischen Männern und Frauen ist eben leider immer noch sehr oft so, daß sich die Männer um das Einkommen der Familie und das „Haus“ kümmern.
Sie bauen die Häuser; sie schuften bis zum Umfallen.
Sie liefern das Erarbeitete „für die Familie“ ab und sie wissen oft gar nicht was es bedeuten könnte, einmal etwas „für sich“ zu tun.
„Mal wieder mit den alten Kumpels losziehen“, so wie jedes Jahr; vielleicht.
Am Männertag.
Dann ziehen sie los und können doch nichts loswerden von ihrer inneren Sehnsucht nach Nähe und Berührung. Denn sie können nicht darüber sprechen. Man hat es ihnen abgewöhnt und später hatten sie es verlernt. Sie kennen ihre inneren Bedürfnisse kaum noch.
Sie können nur „tüchtig“ und „erfolgreich“.
Sie können nicht „schwach“ und „hilfsbedürftig“.

Es sind Gefühle von Überforderung, von unmäßigem Leistungsdruck, von ungestillter innerer Sehnsucht; Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit, von Anlehnungsbedürfnis und vielleicht auch ein versteckter Wunsch nach Kreativität, die da am „Herrentag“ so viele tausend Mal heruntergeschluckt werden, wenn die Kerle, laut singend und hupend und bimmelnd, immer die selben Lieder singend, durchs Land ziehen, um sich nach und nach zu betrinken.

Es ist ein seltsames Fest.

Wenn ich mich ein wenig in der Literatur umschaue und über dieses „Fest“ nachlese, begegnet mir mythisches Denken:

„Der Versuch, aus eigenen Kräften zum Sitz der Götter aufzusteigen, steht in Mythen und Redensarten für Unmögliches und Vermessenheit. Dennoch befähigt göttliche Hilfe (Wind, Wolke, Flügel, Engel) Garanten von Wissen (ältestes Beispiel der sumerische König Enmeduranki) zu vorübergehender Himmelfahrt. In jüdischen Apokalypsen werden alttestamentarische Gestalten dem himmlischen Milieu anverwandelt und so in kosmische und jenseitige Geheimnisse eingeführt. Verwandt sind Jenseitsreisen bei Plato, Plutarch u.a. ‚Die Hakhalot-Literatur schreibt Rabbinen solche Himmelfahrten zu und gibt praktische Anweisungen für den Nachvollzug, wie auch die sogenannte Mithrasliturgie, bei der die Magier in die Sonne eindringt, um den größten Gott zu befragen. Die islamische Tradition interpretiert Sure 17,1 des Koran als Versetzung Muhammads nach Jerusalem, von wo er auf einer Leiter, einem Flügelroß o.ä. Paradies und Hölle erkundet. Da eine solche Himmelfahrt oft in Traumvisionen oder „außerhalb des Leibes“ erfolgt, hat man die Ekstase der Schamanen damit verglichen. “ (Religion in Geschichte und Gegenwart, Mohr Tübingen, 200; S.1746 f.)

Während ich das lese, ahne ich, daß das Verhalten vieler Männer an „ihrem“ Tag vielleicht mit diesem uralten und vergeblichen Versuch zu tun hat, „aus eigener Kraft“ den „Himmel“ zu erreichen.
Denn dieser Tag, an dem man sich in Gesellschaft anderer Männer häufig einfach nur betrinkt, um „endlich mal gelöst“ zu werden, verbirgt ja vielleicht die Sehnsucht danach, ohne eigene Leistung und Kraft „in den Himmel“ zu kommen.
„Mal wieder richtig ausspannen“; „mal nichts leisten müssen“; „mal wieder richtig feiern“ – vielleicht verbirgt sich in einer ganz tiefen mythologischen, aber gerade deshalb überaus wirksamen Schicht unserer Seele diese geheime Sehnsucht.

Dann hätte der Feiertag der „Himmelfahrt“ vielleicht auch für Männer wieder seinen alten – und überraschend aktuellen – Sinn: nämlich, ein Leben zu versuchen und zu feiern, daß sich nicht aus Leistung, aus Tüchtigkeit und Anstrengung erklärt, sondern sich dem „unverdienten“ Geschenk des Lebens verdankt?

Vielleicht wird Mann auf einem solchen entspannten, fröhlichen und dankbaren Wege eher „in kosmische und jenseitige Geheimnisse eingeführt“, als wenn er es über Tüchtigkeit, Anstrengung und Leistungsbereitschaft versucht?

Fröhliche Himmelfahrt, Männer!

Die Stillen im Lande

Manchmal schreiben sie. Oder sie telefonieren vielleicht. Ein Vier-Augen-Gespräch bringt dauerhafte Wirkung. Sie arbeiten still und konsequent an ihren Projekten. Folgen nicht jedem Tagesgeschwätz.

Was ist mit den Stillen im Lande in einer Mediendemokratie, deren knappstes Gut die Aufmerksamkeit der Menschen ist?

Es gibt sie auf beiden Seiten der sich immer weiter spaltenden Gesellschaft:
es gibt die stillen Macher, die sich in persönlichen Netzwerken mit anderen verbünden, um ihre Ziele auf effektive Weise durchzusetzen. Banker gehören dazu und Unternehmer, Staatssekretäre auch und diverse Emissäre. Sie agieren im Stillen.
Erst, wenn ein Ergebnis erzielt wurde, informieren sie – manchmal – die Öffentlichkeit.
Stille und Zurückgezogenheit sind allemal „gut fürs Geschäft“.

Und es gibt die Vergessenen.
Die einsamen Menschen.
Die kontaktarmen Menschen.
Die enttäuschten und enttäuschenden Menschen.
Die Menschen, die „keine Stimme“ haben in der Öffentlichkeit.
Sie haben keinen Zugang zu den Medien, wissen nicht umzugehen mit Presse, Funk, Fernsehen und Internet. Sie treffen sich – vielleicht – mit immer den selben Menschen. Im Altersheim beim Essen; oder in der Eckkneipe; am Zeitungskiosk oder anderen Plätzen. Tag für Tag. Oft immer um die selbe Zeit.
Man hat so seine Rituale.

Die Schreihälse sind anderswo.
Sie sitzen in den Talkshows. Immer die selben Gäste touren von Talkshow zu Talkshow und bekommen immer die selben Fragen vorgelegt, auf die sie mit immer den selben Antworten antworten.
Sie sitzen in den Partei- und Wahlkampfzentralen.
Sie sitzen in mancher Redaktionsstube einer der vielen tausend Gazetten, die täglich die Menschen mit unwichtigen Dingen überfluten.
Lärm allenthalben.
Nachrichten hetzen einander.
Die Sucht nach „Neuigkeiten“ greift nach dem Land.
Allein, daß etwas „neu“ sei, geriert sich als Merkmal für verdiente Aufmerksamkeit.

Mich interessieren die Stillen im Lande.
Die Menschen, die ohne viel Aufhebens ihrer täglichen Arbeit nachgehen, so sie eine haben.
Die an ihren Laptops oder PCs ihren Projekten nachgehen.
Schreiben vielleicht.
Die sich in kleinen Schritten der Durchsetzung eines Projektes widmen, das für sie Lebensinhalt ist.
Ehrenamtliche zum Beispiel.
Die sich für’s Gemeinwohl engagieren, ohne viele Worte darüber zu verlieren.
Die zur Stelle sind, wo andere Menschen Hilfe brauchen.

Diese Stillen im Lande halten das Land beisammen.
Die Schreihälse sind es nicht.
Die einfachen Menschen, denen das Schicksal ihrer Nachbarn nicht gleichgültig ist, die sind in meinen Augen die eigentliche Elite des Landes.
Menschen, die nicht nur an ihr eigenes Fortkommen denken, sondern die sich gerufen fühlen, etwas zu tun für die Menschen in ihrer Umgebung, die sich nicht recht selbst helfen können.

Bescheidenheit ist in der Welt des Lärms zu einer wichtigen Tugend geworden.
Vielleicht mehr noch, als in früheren Zeiten.

In der Welt des Lärms um uns herum gibt es eine „Aufmerksamkeit um ihrer selbst willen“.
Ein Gezwitscher und Gegacker, ein Netzrauschen und Raunen – das sich doch, bei genauem Hören, oft als sinnleer und hohl erweist.
Es hat keine Substanz.
Es hilft nicht zum Leben.

Da sind die „Twittercoaches“ unterwegs und die Berater; Unternehmer natürlich, die den den Umsatz für ihr Unternehmen steigern wollen.
Sie gieren nach Aufmerksamkeit für sich und ihr „Produkt“.
Politiker gehören auf gewisse Weise auch zu dieser Kategorie: „schaut her, wie tüchtig ich bin! Schaut her, wie erfolgreich ich bin! Schaut (doch endlich einmal) her….“ rufen sie in die Mikrofone und Schreibstuben der Gazetten.

Das Rennen um die Aufmerksamkeit der Menschen wird immer schneller, wird schriller, wird lauter.
„Neu“ müssen die Dinge sein; „noch nie dagewesen“.
„Geil“ müssen sie sein oder „wichtig“, am besten „überaus wichtig“.

Was ist mit den Stillen im Lande?

Ich glaube, sie tragen das Land.
Sie sind die eigentlichen „Leistungsträger“.

In Afghanistan in der uralten Region Balkh (in der Nähe von Kunduz) habe ich vor einigen Jahren eine Moschee besucht.
Der berühmte muslimische Dichter Dshellaludin Rumi soll in Balkh zur Schule gegangen sein.
Deshalb wollte ich diesen Ort sehen.
Dort saß ein alter Mann auf der Schwelle der Moschee und tat seine Arbeit als Türwächter.
Er kann nicht schreiben und er kann nicht lesen.
Er weiß nicht, wann er geboren wurde.
Er weiß nur, daß er „ungefähr seit vierzig Jahren“ jeden Tag an diese Türschwelle der Moschee geht, um sich dort hin zu setzen und den Eingang zu bewachen.
Bis zum Abend, wenn die Sonne wieder sinkt.
Dieser Mann hat mir erzählt: „die Afghanen glauben, daß hier bei uns in Balkh die Säulen stehen, auf denen die Welt ruht.“

Lange habe ich nicht verstanden, wovon er sprach.
Wer jedoch einmal einen Urlaub oder eine Aus-Zeit  in einem Kloster verbracht hat, der hat vielleicht eine Ahnung von der Dimension dieses Satzes.
Wer der Stille wirklich begegnet – und das dauert lange und bedarf einer gewissen Disziplin – wer das Zwitschern und Gackern, das Hetzen nach „news“ und „Eilmeldungen“ einmal abstellt und lange ausatmet – der kann vielleicht fühlen, was dieser kluge Analphabet da auf der Schwelle der Moschee in Balkh (es ist die alte römische Provinz Baktrien) eigentlich meint:

Das Wesentliche kommt aus dem Hören.
Aufmerksames Hören kommt aus der Stille.

In einer immer komplexer werdenden Welt, die in wachsendem Tempo um sich selber kreist und die Probleme nur noch vergößert, von denen sie behauptet, sie verbessern zu wollen;
in einer Welt, in der die schrillen und lauten Stimmen immer mehr Lärm produzieren in ihrem Tanz ums Nichts,
werden die Stillen im Lande an Bedeutung gewinnen.

Kluge und erfahrene Menschen wie Dag Hammarskjöld, der erste UN-Generalsekretär, haben das gewußt.
Vor wichtigen Entscheidungen zog er sich regelmäßig in die Berge Lapplands in die Stille zurück.
Um wieder klar zu werden.
Und diese Klarheit, die aus großer Stille kommt, eröffnet klares Handeln.
Dag Hammarskjöld hat die UN-Blauhelme als erster eingesetzt.
Gegen den wütenden Widerstand sehr vieler einflussreicher Menschen.
Er hat mit dem Leben dafür bezahlt.
Man hat ihn abgeschossen mit seinem Flugzeug.

Je mehr ich mich mit der Mediendemokratie beschäftige, je mehr ich die Gesetze und Regeln des Internets kennen lerne, je mehr ich wahrnehme, was da gezwitschert und gegackert wird – oft unter dem Vorwand, „Neues“ zu bringen – um so mehr bin ich von der Richtigkeit dessen überzeugt, was dieser Große UN-Generalsekretär wußte:

Stille tut not.

Wohin steuert diese Republik?

Nachdenklichkeit bleibt, während die einen „wir sind wieder da!“ rufen, die anderen einen „herben Verlust“ beklagen und wieder andere ihren „Einzug in den Landtag“ feiern. Daß die „schwarz-gelbe Landesregierung abgewählt“ wurde, ist nur ein kurzer Trost.
Während fast jeder zweite Wähler im bevölkerungsreichsten Bundesland bei der Wahl zu Hause blieb, schnürten die europäischen Finanzminister in eiligen Nachtsitzungen ein gewaltiges 720 Milliarden -„Paket“ zur Rettung des Euro. Die Währung wackelt.
Ein Erdbeben kündigt sich an.

Deshalb bleibt eher eine Nachdenklichkeit am Tag nach dieser Wahl.
Denn die politischen Unübersichtlichkeiten nehmen zu in der stärksten Volkswirtschaft Europas.

Wohin geht diese Demokratie?
Es scheint so, als müsse man sich auf Dauer an ein Fünf-Parteien-System gewöhnen, das mit überaus knappen Wählerentscheidungen irgendwie fertig werden muss. 6.200 Stimmen fehlten der SPD, um mit den Grünen eine neue Regierung bilden zu können. Nun bleiben Große Koalition oder rot-rot-grün oder eine Minderheitenregierung mit wechselnden Mehrheiten.
Es bedeutet in jedem Fall: Das Regieren wird immer schwieriger.
Die Gruppe der Nichtwähler wächst, weil die Unübersichtlichkeit zunimmt.
Egal, wie die Gremien sich entscheiden – es wird Protest dagegen geben. Die an einer Koalition beteiligten Parteien werden Zustimmung verlieren.

Während überaus schwierige Gespräche zur Bildung einer neuen Landesregierung zu erwarten sind, beschleunigt sich das Tempo auf europäischer Ebene:
die Finanz- und Wirtschaftskrise schwört eine „Inflation“ herauf.  Die gemeinsame Währung wackelt. Selbst Konservative wie Bundeswirtschaftsminister Brüderle warnen vor einer solchen Entwicklung.
Zwar stemmen sich die EU-Finanzminister mit einem nie dagewesenen „Rettungsschirm“ von 720-Milliarden gegen die Spekulanten, die mit großen Einsätzen gegen den Euro spekulieren.
Am Ende jedoch werden die Spekulanten gewinnen, die mit einer Inflation rechnen, denn es ist der Politik nicht gelungen, sie im Zaum zu halten.
Eine Finanztransaktionssteuer hat keine Mehrheiten in Europa.

Wohin geht diese Demokratie?

Während in NRW Nachdenklichkeit einzieht über die tatsächliche Handlungsmöglichkeit rechnerisch möglicher Regierungsbündnisse, während in dringenden Nachtsitzungen versucht wird, das europäische Finanzsystem zu stabilisieren, schickt der deutsche Verteidigungsminister neue Panzer nach Afghanistan. Es wird weiter aufgerüstet.

Wohin steuert diese Demokratie?

Die Kanzlerin wird zentrale „Projekte“ wie Gesundheitsreform, Finanzreform, Bildungs“offensive“ nicht umsetzen können. Das freut die einen, ärgert die anderen.
Politischer Stillstand droht mehr noch, als er bislang zu Tage trat. Denn ein „Patt“ im Bundesrat engt die Handlungsmöglichkeiten für politische Projekte weiter ein. Deutschland musste in den vergangenen Jahren mehrmals mit diesem „Patt“ zwischen Bundestag und Bundesrat umgehen und hat dabei die Erfahrung gemacht: Stillstand droht.
Einmal, weil das Geld fehlt – was vorher schon die Spatzen von den Dächern pfiffen -, zum anderen, weil die Mehrheiten im Bundesrat nun nicht mehr vorhanden sind.
Immer weniger „geht“, denn nun fehlen die Mehrheiten.
Der Spielraum für Politik wird noch enger.

Deshalb bleibt vor allem Nachdenklichkeit.
Es gibt keine klaren Wählervoten mehr.
Zwar hat in der Wahl der Wähler „gesprochen“.

Nur: was hat er denn eigentlich gesagt?
Das Bild wird immer schillernder, seit die „Linken“ in die Landtage einziehen – vor allem auf Kosten der SPD, die für sie der erklärte Gegner ist.
Regierungsbildungen werden immer schwieriger.
Die Wahlbeteiligung nimmt ab, die Unübersichtlichkeit nimmt zu.

Nun mag eine insgesamt älter werdende Bevölkerung zunehmend auf die „sichere Karte“ setzen, also auf möglichst breite politische Mehrheiten – das könnte auf  eine Große Koalition in NRW hindeuten;
andererseits drängen insbesondere jüngere und sogenannte „Linke“ auf ein neues politisches „Projekt“: Rot-Rot-Grün.
Wobei niemand sagt, worin denn dieses Projekt inhaltlich bestehen könnte, außer, daß man „schwarz-gelb“ ablöst.
Machtoptionen allein sind noch keine Politik.
Was sollte denn inhaltlich das „Projekt“ für Rot-Rot-Grün sein, außer: Studiengebühren abzuschaffen (was die chronische Unterfinanzierung der Universitäten auch nicht behebt); am Atomausstieg festzuhalten (ein eher „bewahrendes“, also konservatives Projekt, das, inhaltlich gut begründbar, aber dennoch kein wirklich „neues“ Projekt ist).
Was also könnte ein schlagkräftiges rot-rot-grünes „Projekt“ sein?
Es bleibt diffus.
Hinzu kommt die Schwierigkeit mit der gespaltenen Linken:

Im Osten ist sie nach wie vor die Partei der Alt-Kader, die für die zweite Diktatur wesentlich Verantwortung trugen und sich ihrer Schuld nach wie vor nicht stellen. Veranstaltungen wie das 21. Bautzen-Forum der Friedrich-Ebert-Stiftung haben das wieder sehr deutlich gezeigt.
Im Westen ist diese Partei eher eine Art politisches Amalgam aus ehemaligen SPDlern, Gewerkschaftern und Alt-Linken des früheren Westens der siebziger Jahre.
Allein der Umstand, daß diese politische Mischung, die sich ‚“die Linke“ nennt, nun in den maßgeblichen Landtagen sitzt, sagt noch nichts über ihre Fähigkeit, mit hochkomplexen politischen Projekten verantwortungsbewußt umgehen zu können.
Die Schreihälse, denen es vor allem um die Machtoption („Hauptsache, im Landtag!“) geht, müssen ihre politische Weitsicht allemal erst noch unter Beweis stellen.
Sie werden zwar womöglich bald schon die Gelegenheit dazu bekommen, wenn sie – wie in Sachsen-Anhalt -, die Aussicht erhalten, neue Mehrheiten bilden zu können; denn in diesem Bundesland haben sie reelle Chancen dazu, nachdem sie die Oberzentren bei der Bundestagswahl für sich gewinnen konnten (in den Städten Magdeburg, Halle und Dessau leben etwa die Hälfte der Bevölkerung des Bundeslandes).
Doch: selbst wenn es im kommenden Jahr einen „linken“ Ministerpräsidenten geben sollte: er wird mit demografischem Wandel, überaus klammen öffentlichen Kassen und weiter abnehmenden Zuweisungen des Bundes an die Länder angesichts steigender Bedarfe an öffentliche Finanzierung umgehen müssen: viele „Wunschprojekte“ werden sich schlicht nicht finanzieren lassen.

Dies alles geschieht auf dem Hintergrund einer abnehmenden Bedeutung der Nationalstaaten in einem zusammenwachsenden Europa.
Die politische Bedeutung von Landtagen schwindet weiter, so, wie auch die Bedeutung der alten Nationalstaaten in dem Maße abnimmt, wie Europa zusammenwächst.

Gleichzeitig müssen die Parteien mit einem Generationenwechsel umgehen, der an ihre strukturelle Substanz geht:
die traditionelle Wählerbindung nimmt weiter ab, die Gruppe der Wechselwähler wächst, die Zahl der Mitglieder stagniert (im Osten seit 1990 bei etwa 5.000 Mitgliedern pro SPD-Landesverband), Projektgruppen im Internet gewinnen an Bedeutung.
Die Formen der politischen Teilhabe verändern sich dramatisch durch die sozialen Netzwerke.
Blogs und handygestützte Netzwerke werden zum politischen Faktor, der überaus schwer zu „kalkulieren“ ist, weil er nicht mit „Dauermitgliedschaften“ einher geht.

Wohin steuert diese Republik? Wohin steuert Europa?
Bislang ist es nicht gelungen, den viel geforderten politischen Primat z.B. gegenüber Spekulanten an den großen internationalen Börsen wirklich durchzusetzen: eine wirksame Finanztransaktionssteuer hat (noch) keine Mehrheiten. Sie könnte zumindest einen Beitrag leisten, daß Spekulanten einen Anteil an den extrem hohen Kosten aufbringen müssten, die sie dem Gemeinwesen durch ihre abenteuerlichen Spekulationen aufgebürdet haben (allein 720 Milliarden! wurden in der Nacht vereinbart, um den Euro zu stützen!).
Aber die Spekulation auf einen schwachen Euro und womöglich sogar auf eine Inflation geht munter weiter.
Die Typen in Nadelstreifen an den Börsen machen weiter ungestört ihre Spielchen auf Kosten des Gemeinwohls und die Demokratien sind nicht in der Lage politische Mehrheit zu organisieren, um diesem Verhalten einen wirksamen Riegel vorzuschieben.

Selbst wenn die nun tagenden Gremien sich auf ein „rot-rot-grünes“ „Projekt“ verständigen sollten – was heftige Reaktionen hervorrufen würde -, müsste eine solche Koalition mit leeren Kassen, weiter zurückgehenden öffentlichen Finanzen, geringer werdenden politischen Spielräumen und abnehmendem Interesse, sich dauerhaft in politischen Parteien zu organisieren, umgehen.
Manch „Wunschprojekt“ bliebe schlicht unfinanzierbar, weil das knappe öffentliche Geld längst in „Rettungsschirmen“ auf nationaler und zunehmend internationaler Ebene gebunden und verplant ist.
Die Umverteilung von unten nach oben geht munter weiter, ohne daß die Demokratie die Kraft findet, dem ein wirksames Ende zu bereiten.

Deshalb bleibt eher eine Nachdenklichkeit am Tag nach der kleinen Bundestagswahl.
Denn es ist offener denn je, wohin diese Republik insgesamt steuert.

Ein Trend allerdings scheint sich zu verstärken: die „normal“ werdende Zersplitterung in nun fünf Parteien schwächt die politische Kraft der Demokratie noch mehr.
Die Zocker auf der anderen Seite scheinen davon zu profitieren.

Wenn jedoch die Kraft der Parlamente weiter sinkt – und wenn die Macht der Spekulanten weiter wächst:
Wohin steuert diese Republik?