Erinnerungskultur auf dem Darss – ohne NS-Zeit?

Erinnerungskultur auf dem Darss – ohne NS-Zeit?

Viele Gespräche liegen hinter mir. Mit vielen Menschen in den Orten des Darss habe ich inzwischen gesprochen und ihre Informationen dokumentiert.
Mich interessiert, was gewesen ist zwischen 1933 und 1945 in Prerow, Zingst, Barth, Bodstedt, Ribnitz, Ahrenshoop, Wustrow, Born, Wieck. Man erfährt nämlich so schrecklich wenig.
Ich hatte deshalb im vorigen Jahr damit begonnen, Informationen zusammenzutragen und hatte als einen ersten Beitrag das Büchlein über den Darss zwischen 1933 und 45 als „regionalgeschichtliche Studie“ veröffentlicht. Das Buch wird gelesen, wird weitergereicht und führt zu weiteren Gesprächen, das freut mich. Man hat mir auch versichert, man wolle nun „einen Historiker beauftragen, die Geschichte des „Borner Hofs“ und des Forsthauses gründlich aufzuarbeiten“, was ja so wirklich nötig nicht ist, weil die Dokumente ja vorliegen, und außerdem kann das dauern.
Wirklich vorangekommen sind wir also noch nicht. Nach wie vor zeigen die Homepages der Kommunen keinen Hinweis auf diese Zeit (Ausnahme: Wieck d. Darss und Barth). Es gibt also Widerstände.

Auf einen dieser „Widerstände“ will ich hier im Beitrag eingehen: man kann auf dem Darss den Einwand hören, die aktive Erinnerung an die NS-Zeit „störe den Tourismus“, die Urlauber wollten „in Ruhe gelassen werden“. So jedenfalls lautet die unbelegte Behauptung. Man befürchtet gar zum „Sammelbecken für Neonazis“ zu werden, wenn man sich den Jahren zwischen 1933 und 1945 auch öffentlich stellt und dokumentiert, was gewesen ist. Die Erfahrung der zahlreichen Gedenkstätten in Deutschland sagt allerdings etwas anderes.

Ich halte solche Einwände auch für vorgeschobene Argumente.
Denn es gibt zahlreiche Beispiele, in denen Städte die aktive Erinnerungsarbeit an die NS-Zeit sehr gut mit ihren Tourismuskonzepten verbinden. Weimar und Buchenwald sind so ein Beispiel.

Aber eben auch Prora auf Rügen.
Das dortige Dokumentationszentrum macht eine hervorragende Arbeit und, wie ich heute gefunden habe, wirbt sogar ein großer Tourismus-Anbieter auf der Insel Rügen dafür, das Dokumentationszentrum unbedingt aufzusuchen und sich mit der NS-Geschichte der NS-Urlauber-Organisation „Kraft durch Freude“ (KdF) zu befassen, die ja auch auf dem Darss millionenfach Urlauber an die Ostseeküste befördert hat. Man hat verstanden, dass aktive Erinnerungsarbeit sogar eine Chance für den Tourismus bedeuten kann, denn Urlauber haben Zeit, sich einmal gründlicher auch mit historischen Zusammenhängen zu befassen. Und genau das tun sie: sie besuchen Museen, Kirchen, Gedenkstätten. Kulturtourismus ist ein großes Segment. Verbunden mit Bildungsarbeit kann so ein Tourismus einen wichtigen Beitrag zu einer guten Erinnerungskultur leisten. So sieht man es in Prora auf Rügen.

Das ist wirklich bemerkenswert, denn es liegt in unmittelbarer Nachbarschaft zum Darss. Man kann sozusagen „hinüberschauen“ zur Insel Rügen. Und dort in Prora kann man sehen, wie gelingende Erinnerungskultur und Tourismus Hand in Hand gehen. Ich empfehle den Kommunalpolitikerinnen und -politikern auf dem Darss sehr, sich das Dokumentationszentrum in Prora anzuschauen, man kann dort sehen, wie es gelingen kann. Erinnerungskultur und Tourismus schließen sich nicht aus, wie behauptet wird; das Gegenteil trifft zu: sie unterstützen sich wechselseitig. Wenn man es richtig macht wie in Prora.

Wenn Recherchen zur NS-Zeit unbequem sind. Etwas aus #Born auf dem Darß.

Wenn Recherchen zur NS-Zeit unbequem sind. Etwas aus #Born auf dem Darß.

Mitarbeiter vom Bundesarchiv haben mir heute eine Mail geschickt, ich habe da ja noch unabgeschlossene Recherchen zu Franz Mueller-Darß in Arbeit, die sich insbesondere auf die Zeit nach 1945 beziehen (seine SS-Personalakte habe ich ja bereits gründlich ausgewertet und auch dokumentiert) weshalb ich annahm, die Mail bezöge sich auf diese Arbeiten, aber nein, es ging um etwas anderes, nämlich um Folgendes: da hat jemand im Bundesarchiv angerufen.
„Ein in Born a. d. Darß lebender Herr rief an, um mitzuteilen, dass er
Ihre Forschungsfortschritte über Ihren Blog „Ich werfe Kieselsteine in
den Strom“ verfolgt. Diesem Blog entnahm er, dass Sie im Bundesarchiv
Berlin und Bayreuth forschen und außerdem für die Anbringung einer
Gedenktafel am Forstmuseum plädieren, die die NS-Vergangenheit des
Müller-Darß näher beleuchtet.
Der Anrufer befürchtet, dass Sie wegen dieser Idee Repressalien aus
der rechtsgerichteten Kreisen der Bevölkerung auf dem Darß ausgesetzt
sein könnten und außerdem mit Widerstand aus den Reihen der
Ortspolitik und des Tourismusverbandes zu rechnen hätten. Man fürchte,
dass aus dem Jagdhaus eine Art Neonazi-Pilgerstätte werden könnte und
außerdem dieser dunkle Teil der Ortsgeschichte das touristische Idyll 
des Seebades stören könnte. Der Anrufer fand, wir sollten Sie
diesbezüglich warnen. Wie er selbst zu der Angelegenheit steht, blieb
unklar, er wirkte neutral“.

In meiner Antwortmail heißt es:

„….herzlichen Dank für Ihre Mail mit dem Hinweis auf den Anruf aus Born a. Darß, der Sie kürzlich erreichte. Die Regionalforscherin Helga Radau, die über das KZ-Außenlager in Barth recherchiert und publiziert hat, hatte mich schon darauf aufmerksam gemacht, dass es vor Ort in Born vor allem von Seiten des Tourismus die Position zu hören gäbe, man solle nicht in der Vergangenheit „herumwühlen“, das würde nur „den Tourismus stören“. Der Herr, der Sie angerufen hat, hat sich bei mir bislang noch nicht gemeldet. Mein Büchlein mit den ersten dokumentierten Forschungsergebnissen zum „Borner Hof“ und zum dort untergebrachten KZ-Außenlager von Ravensbrück und von Neuengamme jedenfalls stößt vor Ort auf reges Interesse. Die Leiterin des Darss-Museums, die ich am Wochenende anlässlich eines runden Geburtstages traf, hat mir mitgeteilt, sie verfüge über einen Fundus von ca. 50.000 Fotos aus der Zeit von 1910 bis 1972, die vom Ortsfotografen Wiese angefertigt worden seien und dessen fotografischen Nachlass sie nun im Museum in Prerow nach und nach erschließe. Die Fotos seien bereits gescannt und würden nun „verstichwortet“, jedenfalls habe sie bei der Lektüre meines Büchleins bereits etliche Notizen machen können, um ihre eigenen Fotos als Ergänzung zur Verfügung stellen zu können. Sowohl der Bürgermeister in Prerow, als auch die Museumsleiterin in Prerow als auch die Kirchgemeinde in Prerow haben großes Interesse, dass die Forschungen weitergehen. In Born selbst liegen vorzügliche Dokumente, die aber dort leider nicht publiziert werden, ich hoffe, dass ich da nach und nach weiter voran komme.
Ihnen jedenfalls zunächst nochmals Dank für Ihren Hinweis und Dank auch für die gute fachliche Zusammenarbeit in der Sache selbst. Ich bin gespannt, ob wir noch Dokumente über Mueller-Darss nach 1945 finden können, Wikipedia behauptet ja, er habe Anfang der fünfziger Jahres beim damals entstehenden BND angeheuert, wie so viele andere SS-Leute ja auch.
Beste Grüße aus Berlin! Ulrich Kasparick
Soweit die Faktenlage zu meinen aktuellen Recherchen.
Zur Sache selbst will ich anmerken:
die Städte und Gemeinden in Deutschland gehen sehr verschieden mit den Jahren zwischen 1933 und 1945 um.
Es gibt Städte und Gemeinden, die zusammen mit ihren Museen und Heimatforschern, zusammen mit den Historischen Fakultäten der Universitäten und lokalen Geschichtsvereinen eine hervorragende Dokumentations- und Aufklärungsarbeit geleistet haben und leisten.Und dann gibt es Städte und Gemeinden, die haben Angst.
Die versuchen, obwohl die Zeit zwischen 1933 und 1945 durch zahlreiche Forschungen bestens dokumentiert und erschlossen ist, jene Zeit in ihrem konkreten Ort zu verschweigen.  Das funktioniert aber nicht, wie man auch in zahlreichen Städten und Gemeinden studieren kann. Es funktioniert deshalb nicht, weil man Geschehenes nicht ungeschehen machen kann.
Gedenkstättenarbeit kann sogar Bestandteil eines lokalen Tourismuskonzeptes werden, wenn man die Sache richtig anpackt, auch dafür gibt es mittlerweile in Deutschland sehr gute Beispiele.

Ich weiß, daß auch in Born die Stimmen zur Frage, wie man mit der Vergangenheit umgehen sollte, verschieden sind. Und ich bin überzeugt davon, dass sich die Stimmen derjenigen durchsetzen werden, die sagen: die Dokumente liegen ja vor, es gibt keinen Grund, sie zu verschweigen. Erinnerungsarbeit hat in Deutschland mittlerweile selber über 60 Jahre Erfahrungen sammeln können. Die Museen, Geschichtsvereine, Universitäten und Historiker, die über jene Zeit gearbeitet haben und arbeiten, verfügen über sehr große Erfahrung, wie man angemessen jene Jahre dokumentiert und wie man angemessen mit den Dokumenten umgeht. Das, was in dieser Hinsicht in anderen Orten Deutschlands inzwischen bestens gelungen ist, gelingt ganz bestimmt auch im schönen Dörfchen Born auf dem Darß.

 

SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss und seine „reißenden Bestien“, die KZ-Wachhunde

Er ist davongekommen. Niemand hat ihn vor Gericht gestellt. Das hat mir vorige Woche auch das Bundesarchiv schriftlich bestätigt.  Nach dem Krieg hat er seine Dienste dem Bundesnachrichtendienst verkauft. Mueller-Darss hatte vor allem eines im Kopf: die eigene Karriere. Menschen waren ihm weitgehend egal.
Rechts ein Foto aus den Fünfziger Jahren mit seiner dritten Ehefrau. Links ein Foto aus seiner SS-Personalakte von 1936, die ich kürzlich im Bundesarchiv einsehen und dokumentieren konnte.  1936, da war er „Forstmeister Mueller“ und residierte in Born auf dem Darss in seinem „Jagdhaus“, das heute das Forstmuseum beherbergt.
Mueller-Darss (die Namensergänzung „Darss“ hat er sich persönlich von Himmler per Anordnung genehmigen lassen) 1944 4. 11. Mueller darf sich Mueller-Darss nennen.hat sich bemüht, in die SS aufgenommen zu werden. Und dann hat er sich vor allem um eine sehr schnelle Karriere innerhalb der SS bemüht, wie dieses Dokument aus der SS-Personalakte Mueller-Darss aus dem Bundesarchiv belegt: Personalakte Mueller-Darss Dienstlaufbahn tabellarisch Im Dezember 1944 war er SS-Generalmajor (die Dokumente stammen allesamt aus der SS-Personalakte Mueller-Darss im Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde BArch R 1501; 127660):21.12.44 Beförderung SS-Brigadeführer und Generalmajor

Nun war er der ranghöchste Amtsleiter eines Amtes im SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt in Berlin, Mitglied im Persönlichen Stab des Reichsführers SS Heinrich Himmler und dessen „Beauftragter für das Diensthundewesen“.  Er war in der „Amtsgruppe D Konzentrationslager“ im SS-Wirtschafts- und Verwaltungs-Hauptamt (WVHA) in der Abteilung 2 im Zentralamt (D1/2) für die Lagerschutz- und Wachhunde zuständig.
Am 15. Mai 1942 ordnete Himmler das gesamte „Diensthundewesen“ neu und der Leiter des WVHA, Pohl, befahl am 2.6.1942 für die Konzentrationslager die Aufstellung einer eigenen Ausbildungsstaffel und einen massiven Ausbau des Hundeeinsatzes.
Unter 2.) dieses Befehls heißt es:
„Mit der Überwachung der Hundeausbildung und der Hundebeschaffung ist der Beauftragte für das Diensthundewesen beim Reichsführer SS, SS-Standartenführer Müller, vom Reichsführer-SS eingesetzt. Er übt seine Tätigkeit in den K.L. in engster Zusammenarbeit mit dem Amtschef D I, SS-Obersturmbannführer Liebehenschel aus“. (zitiert nach: Bertrand Perz, „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“. Der Einsatz von Hunden zur Bewachung in den Konzentrationslagern. in: Dachauer Hefte 12, Konzentrationslager und Lebenswelt und Umfeld, 12. Jahrgang 1996 Heft 12; S. 142)
Und dann heißt es noch:
„Die wirtschaftliche Betreuung der Hundestaffel – SS-Männer und Hunde – erfolgt durch die Kommandantur des K.L. Sachsenhausen.“ (a.a.O., S. 142; Die Amtsgruppe D hatte ihren Sitz in Oranienburg neben dem KL Sachsenhausen im sogenannten T-Gebäude).

Mueller-Darss hat sich persönliche KZ-Häftlinge gehalten. 4 Frauen, alle Zeuginnen Jehovas, mussten ihm im Forsthaus in Born dienen. “Die vier Bibelforscherinnen, die in Born auf dem Darß an der Ostsee von 1943 – 1945 Arbeiten für das dortige Forstamt zu verrichten hatten, waren im ehemaligen Zimmer des Forstgehilfen in zwei Doppelbetten mit Strohsack untergebracht. …. In Born entsprach der Verpflegungssatz qualitativ dem im KZ, auch wenn es von der Menge her etwas mehr war. ….Bei den in Born zu verrichtenden Arbeiten handelte es sich vorwiegend um körperlich schwere Arbeiten…..“ (vgl. dazu ausführlicher diese Seite)

Und im Darsser Wald hat er über 100 KZ-Häftlinge mit schwersten Holzfäll-Arbeiten für die SS-Meilerei in Born a. Darss „beschäftigt“. Anfangs waren die Häftlinge im „Borner Hof“ in dreistöckigen Holzpritschen untergebracht – mitten im Dorf -, später dann hausten sie in einfachsten Erdhöhlen gleich im Darsser Wald. 
Als eine Gruppe dieser Häftlinge ins Stammlager nach Ravensbrück wegen Erschöpfung zurückgebracht wurde (was einem Todesurteil gleichkam), sah das so aus:
Sie mußten unabhängig von der Witterung in Erdlöchern hausen. Die wenigsten verfügten über einen Mantel, sondern lediglich über eine zerrissene Decke. Bei den von ihnen zu verrichtenden Arbeiten handelte es sich vorwiegend um körperlich schwere Arbeiten. Als im Dezember 1944 ein Transport mit fünfzig Russen aus Born im Stammlager Ravensbrück eintraf, löste der Anblick der wankenden Skelette selbst bei denjenigen Häftlingen Entsetzen aus, welche die fürchterliche Anfangsphase des Männerlagers mitgemacht hatten”.  Ich habe die Situation der Häftlinge auf dem Darss, auch die der vier „privaten Häftlinge“, etwas umfänglicher dokumentiert auf der facebook-Seite zum Recherche-Projekt.

Der Chef des SS-WVHA, Pohl, richtete nach dem 23. Juli 1942 im Zentralamt der Amtsgruppe D eine sechste Hauptabteilung D 1/6 ausschließlich für „Schutz- und Suchhunde“ mit folgenden Abteilungen ein:
a) Beschaffung von Hunden, Hundekartei
b) Ausbildung der Hundeführer, Hundeführerkartei
c) Ausbildung von Schutz- und Wachhunden
d) Hundezucht
e) Veterinärangelegenheiten

Die Leitung der Hauptabteilung D 1/6 wurde, wie schon im Erlaß Pohls vom 2. 6. 1942 erwähnt, dem „Beauftragten des Diensthundewesens im Persönlichen Stab des RFSS“, SS-Standartenführer Müller nebenamtlich übertragen, als sein Vertreter SS-Hauptsturmführer Harbaum eingesetzt, der Adjutant des Inspekteurs der KL Glücks und für die Steuerung des KL-Personals zuständig war. (zitiert nach Bertrand Perz, „….müssen zu reißenden Bestien erzogen werden“, Dachauer Hefte 12, a.a.O., 143).

Himmler wollte durch den verstärkten Einsatz von „reißenden Bestien“ vor allem SS-Personal bei den KZ-Wachmannschaften einsparen, was aber nicht wirklich gelang. „Erfolgreich“ wurden dagegen die von Mueller-Darss ausgebildeten Wach- und Suchhunde in den zahlreichen Außenlagern der KZ eingesetzt, wie Born a. Darss eins war.  Die Berichte über verletzte und zerfetzte und von den Hunden völlig zerrissene Häftlinge sind zahlreich. Die SS hat diese schärfstens abgerichteten Hunde wie Waffen eingesetzt, wie Bertrand Perz in seinem grundlegenden Aufsatz über die Ausbildung und den Einsatz der Hunde gründlich dokumentiert hat.

Mueller-Darss ist im Frühjahr 1945 seinen Verfolgern entkommen. Es heißt, er habe sich anfangs in SS-Bunkern im Darss-Wald versteckt, ihm sei die Flucht über die See gelungen, er sei dennoch kurz in britischer Gefangenschaft gewesen, einen Prozess gegen ihn habe es jedoch nicht gegeben. Es heißt weiterhin, er sei nach dem Krieg im Dienst des Bundesnachrichtendienstes gestanden – entsprechende Recherche-Anfragen meinerseits beim Bundesarchiv in Koblenz und Bayreuth und auch beim BND, in Bad Arolsen und auch beim Beauftragten der Bundesregierung für die Unterlagen der Staatssicherheit der ehemaligen DDR laufen noch. Ich will genauer wissen, was aus Franz Mueller-Darß, den man in Born a. Darss heute noch beinahe liebevoll nur den „Forstmeister“ nennt, nach dem Krieg geworden ist.
Was ich weiß, Franz Mueller-Darss, geboren am 29. April 1890 in Lindau,  Landkreis Nordheim im Eichsfeld, starb am 18. Juni 1976, von der Justiz völlig unbehelligt, im oberbayerischen Lenggries eines natürlichen Todes.

(Anmerkung am 1.10.2020: mittlerweile wurden Akten sowohl beim Bundesbeauftragten für die Unterlagen der ehemaligen Staatssicherheit der DDR (BStU) als auch zwei Personalakten beim BND aufgefunden, die ich demnächst auswerten kann. Bestätigt hat sich, was ich vermutet hatte: Mueller-Darss hat schon ab 1948 für die „Organisation Gehlen“ gearbeitet. Nach Auskunft von Dr. Gerhard Sälter, Berlin schied er 1966 im Alter von 75 Jahren aus den Diensten des Bundesnachrichtendienstes aus.)

Der Darß zwischen 1933 und 1945. Erste Zwischenbilanz einer regionalgeschichtlichen Recherche

Weil auf den Homepages der Darß-Kommunen keinerlei Hinweise über die Zeit zwischen 1933 und 1945 zu finden sind, habe ich selbst am 01. September diesen Jahres begonnen, zu recherchieren.
Gespräche und Recherchen im Stadtarchiv Barth; Gespräche und Recherchen im Ortsarchiv Born; Gespräche und Recherchen im Pfarramtsarchiv Prerow und Sekundärliteratur selbstverständlich sind mittlerweile ausgewertet. Ich habe Frau Mählmann (Barth); Frau Nibisch und Herrn Becker (Born), Pastor Witte (Prerow) für ihre Unterstützung und Auskunftsbereitschaft zu danken.
Noch stehe ich am Anfang der Recherchen, dennoch kann bereits eine erste Zwischenbilanz gezogen werden. (Wer die einzelnen Recherchefunde und -fortschritte und ihre genauen Quellenangaben nachlesen will, findet sie auf der für das Projekt eingerichteten Facebook-Seite und hier im blog. Etliche Zeugenaussagen sind dort auch akustisch dokumentiert.
Mittlerweile weiß ich, daß auch in den Kommunen des Darß, also in Zingst, Prerow, Wieck, Born, Ahrenshoop und auch in Boddengemeinden wie Barth und in den Dörfern des ehemaligen Landkreises Franzburg-Barth schon vor dem 30. Januar 1933 der Bäder-Antisemitismus grassierte. Prerow beispielsweise war schon 1929 in seinem Tourismusprospekt stolz darauf, judenfrei zu sein. Die Menschen wählten überdurchschnittlich „konservativ“, also die Deutsch-Nationale-Volks-Partei (DNVP), später deutlich über dem Reichsdurchschnitt NSDAP. Zwar waren Anfang der dreißiger Jahre auch die Sozialdemokraten noch relativ stark, vor allem in den größeren Ortschaften, spätestens ab 1935 war auch das zu Ende.

Gauleiter war ein besonders scharfer Antisemit, Franz Schwede-Coburg in Stettin, der sich schon 1940 rühmte, Pommern sei judenfrei.
Der Kirchgemeinderat des Kirchspiels Prerow (mit Prerow, Ahrenshoop, Wieck und Born) war seit dem Sommer 1933 deutsch-christlich (Einheitsliste).
In Born wirkte maßgeblich der spätere Generalmajor der Waffen-SS Franz Mueller-Darß (seit 1933 NSDAP-Mitglied; seit 1936 SS; nach 1945 Bundesnachrichtendienst), der dem Reichsführer SS Heinrich Himmler direkt unterstellt und für das nationalsozialistische Diensthunde-Wesen im Wirtschafts- und Verwaltunghauptamt der SS (WVHA) und damit auch für die Ausbildung von Wachhunden für die Konzentrationslager verantwortlich war.
Mueller-Darß war ab 1940 „zuständig“ für die KZ-Außenlager in Wieck und in Born.
In Born gab es zusätzlich ab 1943/44 eine SS-Meilerei, in der die Häftlinge, die im KZ-Außenlager „Borner Hof“ in Born untergebracht waren, arbeiten mußten. Der Köhlermeister jener SS-Meilerei ist ein wichtiger Zeitzeuge (vgl. die Tonaufnahmen auf der facebook-Seite und im blog). Im Borner Hof (mitten im Dorf!) waren zeitweise bis zu 120 Häftlinge untergebracht, die von 20 SS-Wachmännern bewacht wurden.
Es gab mehrere Tote in diesem KZ. Die Tochter des Gastwirts vom „Borner Hof“ berichtete davon, daß sie die gestorbenen Häftlinge auf dem Hof des Hotels nackt habe liegen sehen. Auch sind zwei auf der Flucht erschossene Häftlinge bezeugt (Born und Prerow), sowie ein erschossener Flüchtling in Zingst.
Das KZ-Außenlager im Borner Hof in Born sowie die SS-Meilerei in Born sind von erheblicher regionalgeschichtlicher Bedeutung, weil nachgewiesen werden kann, dass der Kontakt zwischen Zivilbevölkerung, SS und KZ-Häftlingen sehr eng und vielfältig war (vgl. dazu die einzelnen Zeugen-Aussagen auf der facebook-Seite und im blog). Die Schutz-Behauptung, man habe „nichts gewusst“, ist nachweislich falsch.
Anhand von Ortsplänen wird ersichtlich, dass in Prerow schon sehr früh eine Umbenennung der wichtigsten Straßen im Ort stattgefunden hat (Hitler-Platz, Goebbels-Straße; Horst-Wessel-Straße etc.),, Ausdruck der „neuen Zeit“.
Von Pastor Pleß (Pfarrer in Prerow von 1931 – 1961) sind massive Probleme zwischen Kirche und NSDAP dokumentiert, obwohl Pleß dem Gedankengut der Deutschen Christen nachweislich sehr nahe stand.
Besonders die HJ-Jugendlager in Prerow auf der Pfarrwiese (teilweise mit mehr als 1500 HJlern) führten zu massiven Konflikten.
Badegäste beschrieben, dass der Strand in Prerow ab 1934/35 von Hakenkreuzfahnen übersät war. Ab spätestens 1935 hatten Juden keinen Zutritt mehr zum Strand.

Gleichzeitig gab es Zeugnisse des Widerstandes gegen Hitler und den Nationalsozialismus. Dietrich Bonhoeffer war 1934/35 im Zingsthof in Zingst, predigte dort auch öffentlich in der Kirche. Pastor Krause aus Zingst wurde gegen Ende des Krieges wegen Wehrkraftzersetzung inhaftiert und vor den Volksgerichtshof gestellt, konnte aber durch die einmarschierenden russischen Soldaten aus seiner Haft in Stralsund befreit werden.

Die Recherchen zu Ahrenshoop, Zingst und Wieck stehen noch ganz am Anfang. Dokumentiert ist ein Flüchtling aus Born, der in Zingst gefunden und erschossen wurde. Dokumentiert ist ebenfalls ein KZ-Außenlager in Wieck.

Barth und Zingst waren militärisch wichtige Orte.  Flugzeug- und Munitionsproduktion in Barth (KZ-Außenlager!) und militärisches Testgelände in Zingst prägten die Region nicht nur in Bezug auf Arbeitsplätze, sondern vor allem auch in Hinblick auf kriegswichtige Produktion und Propaganda. Das KZ-Außenlager und das Kriegsgefangenenlager sind dank jahrelanger Recherchen vor allem durch Frau Radau in Barth mittlerweile sehr gut dokumentiert.

Zwischenfazit: es finden sich recht brauchbare Quellen über die Zeit zwischen 1933-1945 auf dem Darß.
Deshalb ist es aus meiner Sicht völlig unverständlich, weshalb die Kommunen des jetzigen Amtes Fischland-Darß-Zingst die Jahre zwischen 1933 und 1945 in ihren öffentlichen Darstellungen faktisch verschweigen.
Es wäre aus meiner Sicht sehr angemessen, an wichtigen Orten jener Jahre, zum Beispiel am „Borner Hof“ Gedächtnis- und Informationstafeln anzubringen. Die Dokumentation des Geschehenen ist dafür umfänglich und ausreichend.

Ich werde auf der Projekt-Seite bei facebook und hier im blog fortlaufend über weitere Rechercheergebnisse berichten.

Der Darß zwischen 1933 und 1945. Widerstand gegen Hitler

„Prominentester“ Widerständler auf dem Darß war ganz sicher Dietrich Bonhoeffer, der im Zingsthof 1935 mit der Ausbildung der jungen Theologen begann, die sich der „Bekennenden Kirche“ angeschlossen hatten.

Bonheffer 1935 vor dem Zingsthof. Quelle: Evangelische Kirchgemeinde Zingst

1934 kam ein in Zingst geborener junger Mann als Pastor in Zingst ins Pfarramt: Gerhard Krause. Er lernt dort Bonhoeffer 1935 kennen, und schließt sich der „Bekennenden Kirche“ an.

Verhaftung Gerhard Krause 1944. Quelle: Evangelische Kirchgemeinde Zingst

1944 wird er wegen „Wehrkraftzersetzung“ in Stralsund inhaftiert und von einem „Volksgerichtshof“ zum Tode verurteilt. Die Anklageschrift wird allerdings bei einem Bombenangriff auf Stralsund vernichtet, weshalb es nicht zur Hinrichtung kam. Pastor Gerhard Krause  wird in Stralsund 1945 von sowjetischen Soldaten befreit. Er stirbt 1950.

Wenn man sich das Jahr 1935 auf dem Darß anschaut, sieht man einerseits Hakenkreuzfähnchen am Strand; Strandburgen mit „Juda verrecke!“ in Muscheln gelegt; Schilder am Strand „Betreten für Juden verboten“ – der Bäderantisemitismus wird immer aggressiver; die Kirche in Born wird mit großem Tamtam (SS; HJ; BDM; Reichsnährstand; NSDAP etc. eingeweiht) und gleich nebenan, im nur wenige Kilometer entfernten Zingst, man kann bequem zu Fuß hinüberlaufen arbeitet Dietrich Bonhoeffer im Zingsthof an der Ausbildung der jungen Theologen die sich dem „Deutschen Christen“ eben nicht anschlossen, sondern die „Bekennende Kirche“ aufbauten, bald schon in der Illegalität. Beides liegt dicht nebeneinander.
Von der Forstverwaltung des Darßwaldes in Born aus agiert der hohe SS-Offizier Franz Mueller-Darß, der beste Beziehungen zu Himmler und Göring unterhält – und in Zingst beginnt ein junger Pastor mit der Arbeit in seiner Pfarrstelle und wird immer mehr zum Gegner des Systems, bis man ihn wegen „Wehrkraftzersetzung“ vor ein Sondergericht stellt. Die Orte auf dem Darß sind nicht groß. Jeder kennt jeden. Viele reden sich mit dem Vornamen an. Die Einheimischen duzen sich. Der Pastor in Prerow steht den Deutschen Christen zumindest nahe, das zeigen seine Äußerungen – der Pastor in Zingst ist bei der „Bekennenden Kirche“, die Kirchenkreisleitung in Barth ist NSDAP und „DC“ – in Bliesenrade, ganz versteckt im Walde, wird es Anfang der vierziger Jahre mutige Menschen geben, die den Kindern von im KZ Born inhaftierten Zeugen Jehovas den Kontakt zu ihrer Mutter ermöglichen. …. Beides dicht nebeneinander. Je mehr ich mich in die Akten einlese, je mehr an Informationen freigelegt wird, um so spannender werden die Verhältnisse auf dem Darß zwischen 1933 und 1945.

(Anmerkung: das Projekt „Der Darß zwischen 1933 und 1945“ findet mit einer eigenen Seite auch auf facebook statt, dort noch ein wenig ausführlicher als hier im blog.)

Der Darß unterm Hakenkreuz (1933-1945). KZ-Born (2). Die SS-Meilerei in Born/Bliesenrade

Im „Borner Hof“ und in Wieck waren die Häftlinge untergebracht, in Born, Wieck und Zingst haben sie gearbeitet.
Oder sie zogen von Born aus zur „SS-Meilerei“ auf der kleinen Halbinsel Bliesenrade, dicht beim Dorf Born a. Darss.

Born a. Darß und Bliesenrade. (Googlemaps). In Born war 1940 – 45 das KZ-Kamp, in Bliesenrade die SS-Meilerei

Über Bliesenrade führte dermaleinst der Postweg über den Bodden, eine kleine Stichstraße führt noch heute auf die Halbinsel. Es gab dort ein Fährhaus und eine Verbindung nach Bodstedt auf der anderen Seite des Boddens.
Im Ortsarchiv Born findet sich über diese SS-Meilerei folgendes Dokument:

SS-Meilerei Born/Bliesenrade; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

über diese SS-Meilerei ist bei Wolfgang Benz (Stätten des Terrors) folgendes zu erfahren:

Wolfgang Benz, Stätten des Terrors; SS-Meilerei Born

Man kann davon ausgehen, dass die in der nur etwa einen Kilometer entfernten Meilerei arbeitenden Häftlinge täglich durchs Dorf zogen. Morgens hin, abends zurück. Jeder im Dorf hat sie irgendwann mal gesehen. Man kannte die SS-Bewacher, mit manchen war man sogar befreundet, man sah die Häftlinge. Kontakt war offiziell verboten, aber doch gab es Menschen, zum Beispiel in Bliesenrade, die einen Kontakt zwischen Häftlingen und ihren Angehörigen ermöglicht haben. Vgl. dazu den Zeitzeugenbericht über die inhaftierten Bibelforscherinnen in Born.
Interessant an den Dokumenten ist auch die sichtbare wirtschaftliche Verflechtung des KZ-Außenlagers mit der Forstverwaltung Born, an deren Spitze ja ein hoher SS-Offizier stand. Die SS „kaufte“ bei der SS Holz und „verkaufte“ es weiter. Auch „kaufte“ die SS „ein weiteres Grundstück vom Forstamt“, um die Meilerei zu erweitern. Die SS konnte auf dem Darß schalten und walten, wie es ihr beliebte. Im Zweifel sagte der „Forstmeister“ Mueller-Darß, wo es „langging“. Er galt als sehr unbeliebt im Ort. Manche Frauen fanden ihn „fesch“, wir mir Holger Becker erzählte, es gab ja auch Kinder von ihm im Ort; andere hatten Angst vor ihm, wenn er, hoch zu Pferde, durch den Wald geritten kam und die Bäuerinnen, die da beim Beerensammeln waren, nach ihrem Berechtigungsschein fragte und ihnen ihre Ernte einfach abnahm, wenn sie den Schein nicht vorweisen konnten. (Gespräch mit Holger Becker am 30.09.2019 im Archiv in Born).

Der Darß unterm Hakenkreuz (1933 – 1945). Das KZ in Born a. Darß (1)

Langsam öffnen sich die Archive, die Recherchen machen Fortschritte, wichtige Dokumente tauchen auf.

Born. Ortschronist Holger Becker mit der „Akte KZ Born“, 30.09.2019

Zunächst: ich habe Herrn Holger Becker in Born zu danken. Er hat in jahrelanger Klein- und Kleinstarbeit alles zusammengetragen, was man vor Ort über das KZ im „Borner Hof“ herausfinden konnte. Davon kann ich nun profitieren. Gestern haben wir zum ersten Mal über den Akten gesessen. Sicher nicht zum letzten mal.
Wir beginnen mit diesem Dokument:

Der „Borner Hof“ wird Häftlingslager; Dokument 1; Ortsarchiv Born Holger Becker; 30.9.2019

Wir sehen eine maschinenschriftliche Mitteilung ohne Datum von Frau Albitius (also offenbar nach einem Gespräch mit ihr in späteren Jahren notiert) über die faktische Enteignung oder Beschlagnahme ihrer Gaststätte. Wir erfahren handschriftlich von Herrn Becker später hinzugefügt aber gleichzeitig auf dem Dokument, dass ihr Mann, Max Albitius seit 1933 Mitglied der NSDAP in Born war, weshalb es mit der „Enteignung“ oder „Beschlagnahme“ nicht so ganz klar ist. Man wird geredet haben miteinander, der Forstmeister Mueller-Darß von der SS und der Herr Albitius von der NSDAP……
Wir wissen mittlerweile auch genauer, was mit „Frühjahr 1944“ gemeint ist, denn es gibt Zeugenaussagen von Menschen, die als Häftlinge in Born waren, doch dazu später.
Zunächst also wird mitten im Ort die Gaststätte „Borner Hof“, ehemals „Witt’s Hotel“, der Ort, wo bislang alle großen Feste und Veranstaltungen stattfanden ein KZ-Außenlager. Die Fenster werden vergittert, der Große Saal wird mit dreistöckigen Betten ausgestattet, die ganze Anlage wird mit Stacheldraht eingezäunt. 20 Mann bewachen den „Borner Hof“ – mitten im Dorf. Die Liste der SS-Bewacher hat sich auch angefunden:

KZ Born, die Wachmannschaft; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Frau Helga Radau in Barth, teilte mir heute früh per e-mail mit, es gäbe auch eine Häftlingsliste. Sie schrieb: „Im Stadtarchiv Barth befanden sich Reproduktionen von Häftlingstransportlisten, die nun in unserer Dokumentationsstätte lagern, darunter eine Liste “ 30 Austauschhäftlinge von der SS-Meilerei Born“ vom 14. April 1945. Das bedeutet also, dass arbeitsunfähige Männer gegen arbeitsfähigere ausgetauscht wurden“.
Jetzt wird die Sache komplizierter: Wir lesen: 14. April 1945. Eine Gruppe Häftlinge kommt im Lager in Barth an. Barth war Außenlager von Neuengamme.
Das Lager in Born aber gab es schon vor 1945. Und zwar in mehreren „Durchgängen“.
Der Sachverhalt ist folgender: aus Ravensbrück bzw. Neuengamme kamen nacheinander mehrere Häftlingsgruppen nach Born. Sie kamen zum „Rohrschneiden“ bzw. in die „SS-Meilerei Born“, die gar nicht in Born, sondern in Bliesenrade bei Born errichtet war. Die Rohrschneider waren auch in Wieck. Sie waren dort ebenfalls in der Gaststätte untergebracht (im ersten Transport), später in einem Viehstall. Die „Rohrschneider“ mussten im Januar/Februar im eiskalten Wasser Rohr schneiden, das in Ravensbrück zu Matten weiterverarbeitet wurde.

KZ Born, Dokument 2; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

KZ Born 10.09.1944 ; Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Am 10. September 1944 traf eine Häftlingsgruppe von „104 russischen Kriegsgefangenen“ in Born ein und „störte unsere Sonntagsruhe“. Schreibt Walter Mett. Eine schillernde Quelle, denn: Mett wurde von den Nationalsozialisten als Ortsvorsteher abgesetzt, trat dennoch in die NSDAP ein. Mett arbeitete später nicht „als Waldarbeiter“, wie im Dokument geschrieben ist, sondern im Büro von Mueller-Darß. Holger Becker hat diese Informationen später handschriftlich nachgetragen:

KZ Born, Bericht Walter Plett (2), Ortsarchiv Born, Holger Becker, 30.09.2019

Danach war Walter Mett 1930 – 33 Amtsvorsteher; seit 1935 in der NSDAP, seit 1937 SA, seit 1937 Deutsche Arbeitsfront. Dass er als „Forstschreiber“ tätig war, ist auch aktenkundig, ich habe die Kopie des Arbeitsvertrages mit Mueller-Darß eingesehen, die auch im Archiv in Born lagert.
Die verschiedenen Häftlingsgruppen, die auf den Darß kamen, sind hier zusammenfassend dokumentiert:

KZ Born, Zusammenfassende Daten; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Daraus geht hervor, dass schon im Winter 1940/41 eine erste Häftlingsgruppe zum Rohrschneiden eingetroffen war. Wir wissen nun, daß im kleinen Dörfchen Born von 1940 bis 1945 mitten im Dorf Häftlinge untergebracht waren.

KZ Born, Einsatzplan Häftlingsgruppen; Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Aus dem folgenden Dokument geht hervor, dass in Wieck a. Darß Bibelforscher (Zeugen Jehovas) zum Rohrschneiden eingesetzt waren. Die Angabe „zusammen mit 600 Bibelforschern“ ist unzutreffend. Die Gruppe war deutlich kleiner.

KZ Born Zeitzeugen, Ortsarchiv Born, Holger Becker 30.09.2019

Die SS-Meilerei in Born/Bliesenrade behandle ich in einem separaten Beitrag.

 

Der Darß unterm Hakenkreuz 1933 – 1945. Beispiel: Kirche Born

Die Grundsteinlegung der Kirche in Born fand am 4. Oktober 1934 statt; Hitler war seit Ende Januar 1933 an der Macht. Die Anregung für eine „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ stammt jedoch schon aus dem Jahre 1925 und kam vom Kriegerverein in Born, wie dieses Dokument belegt:

Barther Zeitung 28. 1. 1925 Erste Pläne für den Bau einer „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ in Born a. Darß. Die Anregung kommt vom Kriegerverein; im Ausschuss arbeitet der spätere DC-Bischof Thom mit, der damals Hilfsprediger in Born ist

Diese Anregung des Kriegervereins, eine „Gefallenen-Gedächtnis-Kapelle“ zu errichten, wird auf die spätere konkrete Planung und Ausführung des Kirchleins direkte Auswirkung haben.

Die Grundsteinlegung erfolgt aber erst 9 Jahre später, am Erntedanktag, dem 4. Oktober 1934. Im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ und in der Regionalzeitung wird über das lokale Großereignis berichtet:

4. Oktober 1934 Grundsteinlegung der Kirche in Born a. Darß. Barther Zeitung 5. 10. 1934; Stadtarchiv Barth

4. Oktober 1934 (2) Grundsteinlegung Kirche Born. Barther Zeitung 5. 10. 34; Stadtarchiv Barth

Die Frau von Pastor Pleß, Christel Pleß, hat anlässlich der Grundsteinlegung ein längeres Gedicht verfasst, das im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ veröffentlicht wurde. Hier zunächst die Originalfassung:

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Originalgedicht von Friedel Pleß (Frau des Pastors Pleß) anlässlich der Grundsteinlegung der Kirche in Born a. Darß am 4. Oktober 1934; Quelle: Privatarchiv Schneidereit; Pfarrarchiv Prerow

Es gibt eine „korrigierte Fassung“ von diesem Gedicht. Diese „korrigierte Fassung“ wurde vom Sohn von Friedel Pleß anlässlich des 70sten Jubiläums der Grundsteinlegung in Born in der Kirche ausgelegt:

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„korrigierte Fassung“ des Gedichts von Frau Friedel Pleß anlässlich der Grundsteinlegung der Kirche in Born; Quelle: Privatarchiv Schneidereit,

Man kann an diesem Beispiel sehen, wie später an den Originaltexten „herumgedrechselt“ wurde, um ursprüngliche Klarheiten und Eindeutigkeiten nachträglich zu verwischen.

Daß am Ende der Grundsteinlegung die versammelten Verbände des Ortes wieder vor dem „Borner Hof“ standen, um der „Rede des Führers“ von Nationalen Erntedanktag zu lauschen, ist Ausdruck jener Zeit. Hitler hatte schon Anfang 1934 öffentlich erklärt, die „nationalsozialistische Revolution“ sei nun „abgeschlossen.“ Der Staat war gleichgeschaltet, die Menschen standen stramm – auch vor dem „Borner Hof“.
Im Jahr 1935 dann wurde das Kirchlein eingeweiht:

Kirche Born Einweihung Stralsunder Tageblatt 1.4.1935; Privatarchiv Schneidereit

Kirche Born Einweihung Rostocker Anzeiger, 13. 4. 1935; Privatarchiv Schneidereit

Kirche Born Stralsunder Tageblatt 3.4.1935 Privatarchiv Schneidereit/Born

Pastor Pleß gibt 1935 im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ eine schriftliche Erklärung der in die Kirche eingebauten Figuren, damit die Besucher des Kirchleins auch wissen, was sie da sehen. Aus dieser Beschreibung geht hervor, daß die Erbauer und Ausstatter der Kirche am ursprünglichen Gedanken von 1925, eine Helden-Gedächtnis-Kapelle zu errichten, festgehalten haben:

Kirche Born. Erklärung der „Helden-Figuren“ durch Pastor Pleß im Gemeindeblatt „Der Darßer Bote“ 1935; Pfarrarchiv Prerow

Die Frau des Pastor, Christel Pleß, bringt auch noch ein Gedicht zur Einweihung mit, das dann später im „Darßer Bote“ abgedruckt wird. Auch von diesem Gedicht gibt es zwei Fassungen: eine originale aus dem Jahre 1935 und eine spätere, „geglättete“:

Kirche Born Gedicht zur Einweihung; Original; Privatarchiv Schneidereit

Kirche Born Gedicht zur Grundsteinlegung geänderte Fassung; Privatarchiv Schneidereit

KZ-Häftlinge in Born a. Darss. Das „Forstamt“ Born und der „Borner Hof“

Die Recherche ist mühsam, aber ich komme voran.
Was wissen wir mittlerweile (Recherchestand 28. 09. 2019)?
An zwei Orten mitten im kleinen Dörfchen Born waren KZ-Häftlinge untergebracht:
4 Frauen direkt auf dem Hof des Forstmeisters Franz Mueller-Darß (SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS)  zwischen Mai 1943 und April 1945. Heute ist in dem Gebäude das Forstmuseum untergebracht. Eine Erinnerungstafel findet sich nicht. Dass Mueller-Darß SS-Brigadeführer und Generalmajor der Waffen-SS war, erfährt man vor Ort ebenfalls nicht. Man nennt ihn nur den „Forstmeister“. 
Die 4 Frauen waren Zeuginnen Jehovas. Eine von ihnen hieß Meta Zils (Häftlingsnummer 442 KZ Ravensbrück). Deren Tochter Gerda Zils sagt später aus: „Das muss Ende 1936 gewesen sein. Vom Verhör in Zanow kehrte meine Mutter nicht wieder zurück….Der Zeitpunkt, als meine Mutter mit drei weiteren Glaubensschwestern …. als Außenkommando nach Born/Darß, zum Brigadeführer der SS Franz Mueller abkommandiert wurden, ist mir nicht bekannt. Die vier Schwestern mussten in ihren Sträflingskleidern hauptsächlich Wald- und Feldarbeit verrichten, ohne Bewachung (eine Flucht von der Halbinsel war faktisch nicht möglich). Untergebracht waren die vier Zeuginnen Jehovas in der Waschküche auf dem Gelände des SS-Brigadeführers, in der auch die Kartoffeln für die Schweine gekocht wurden, von denen sich die Schwestern hauptsächlich ernährten, wenn nicht Reste von der Küche übriggeblieben waren (beiliegen 2 Fotos, eins das Gebäude mit Waschküche, das zweite, das Gebäude, das der SS-Brigadeführer Mueller bewohnte und als Gästehaus von Naziführern, wie z.B. Hermann Göring, diente.) Meiner Schwester und mir, war es durch die Initiative eines im Nachbardorf Bliesenrathe (Bliesenrade, Wieck a.d. Darß) wohnenden mutigen Bewohners möglich, unsere Mutter zweimal heimlich bei Nacht zu besuchen. Kurz vor Kriegsende durften alle vier Frauen nach Hause gehen. Meine Mutter legte in ihrer Sträflingskleidung einen Fußmarsch von ca. 300 Kilometern zurück, bis sie meine Großeltern und uns Kinder in die Arme schließen konnte. Doch 1946 wurden wir aus der Heimat vertrieben.“
(zitiert nach Franz Wegener, Barth im Nationalsozialismus, 2016; S. 160f.;
vgl. auch: http://www.tenhumbergreinhard.de/1933-1945-lager-1/1933-1945-lager-d/dar-born-forstamt-born.html)

Der zweite Platz, ebenfalls mitten im Ort: der „Borner Hof„, eine große und bekannte Gaststätte, ehemals „Witt’s Hotel“. Heute ist dort außer der Feuerwehr die Orts-Bibliothek untergebracht und dort trifft sich u.a. der Seniorenklub des Dorfes.

Borner Hof „Wie es früher war“. Die KZ-Aussenstelle wird immer noch verschwiegen. Wir schreiben das Jahr 2019

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Hier waren 1942/43 zunächst Frauen untergebracht, die zum Schilfschneiden eingesetzt wurden und auch in Zingst arbeiten mussten.

Ende 1943 treffen 120 Häftlinge in Born ein.
Im April 1945 waren im Borner Hof Männer untergebracht, die in einer Meilerei zu arbeiten hatten.
In der Nacht des 12. Oktober 1944 muss es einen Fluchtversuch gegeben haben, die Polizei Schwerin ermittelte. Offenbar sind bei diesem Fluchtversuch Menschen erschossen worden, die in der äußersten nordwestlichen Ecke des Friedhofs begraben wurden. Die Einheimischen nennen den Platz heute „das Russengrab“:

Das "Russengrab" in Born a. Darss. Hier ruhen KZ-Häftlinge
KZ-Häftlinge aus dem „Borner Hof“ sind ganz in der Ecke des Friedhofs von Born a. Darss bestattet. Die Geschichte vom „Borner Hof“ wird bis heute beschwiegen.

Am 12. 4. 1945 bei der Evakuierung treffen 35 Männer, die in der SS-Meilerei Born zu arbeiten hatten, im Außenlager Barth ein.

Das Lager im „Borner Hof“ wurde von 20 SS-Männern bewacht. Zuständig war Franz Mueller-Darß.  Die SS-Wache war im Obergeschoss des Hauses untergebracht. Die Häftlinge brachte man im Großen Saal in dreistöckigen Betten unter.

Dieser Große Saal hatte auch schon anderes gesehen, hier wurden die großen Feste, Hochzeiten und Bälle gefeiert. Nun waren hier in dreistöckigen „Betten“ 120 Männer untergebracht. Mitten im Ort.
Der Historiker Wolfgang Benz sagt völlig zu Recht: „Die Rede „wir haben nichts gewusst“ gilt nicht für die Außenlager. Dort war der direkte Kontakt mit der Zivilbevölkerung nicht zu verhindern – jeder konnte sehen, was im Ort mit den Häftlingen vor sich ging“.

Ich bin deshalb dafür, dass nun, im Jahre 2019, wenigstens eine Gedenktafel angebracht wird. Und zwar sowohl am heutigen Forst-Museum unter Bezug auf den SS-Mann Mueller-Darß und seine Vergangenheit, die eben weitaus mehr war als nur „Forstmeister“ gewesen zu sein und seine vier „persönlichen Häftlinge“ als auch am „Borner Hof“.
Am kommenden Montag werde ich mich mit dem Ortschronisten Holger Becker in Born treffen und hoffe, noch mehr über den „Borner Hof“ zu erfahren. Die Lokalhistorikerin Helga Radau, die sich um die Erforschung des KZs in Barth sehr verdient gemacht hat, hat mir schon mitgeteilt, daß im Vorpommerschen Landesarchiv Greifswald im Nachlaß des Lehrers Wilhelm Steinhauer das Ergebnis eines Schülerprojektes über den „Borner Hof“ einzusehen ist, das dieser engagierter Lehrer schon vor längerer Zeit mit seinen Schülern durchgeführt hat. So tastet man sich Schritt für Schritt näher heran an das, was damals „mitten unter uns“ geschehen ist.
Falls diese Zeilen jemand liest, der über weitere Informationen über den „Borner Hof“ zwischen 1933 und 45 verfügt, bin ich für eine Kontaktaufnahme dankbar.

Anmerkung: die fortlaufenden Rechercheergebnisse finden sich auch bei facebook unter https://www.facebook.com/DarssGeschichte/