Nun haben wir Kontakt in England. Mein Recherche-Partner Peter in London hat tatsächlich den ältesten Sohn von Susanne Buck, geb. Schaefer „ausgegraben“ und wir haben Mailkontakt miteinander. Wunderbar. Wir haben ihn gefragt, was seine Großmutter (Steffie Schaefer, geb. Nathan) bzw. seine Mutter Susanne Buck (geb. Schaefer, 1927-2002) über die Flucht aus Deutschland 1939 und die erste Zeit in England erzählt hätten.
Wir lesen: „My grandmother died when I was 15 (1972) and I have no recollection of her talking about fleeing Germany. My mother, similarly, didn’t speak of it. I think the shock and trauma of it was something she wanted to put behind her.“
Wir wissen inzwischen Genaueres: am 20. Mai 1939 ging ein Zug von Berlin Friedrichstraße an die holländische Küste und von dort fuhren die Kinder mit der Fährer weiter nach London. Dort kamen sie am 22. Mai 1939 an. Wir wissen weiterhin, daß Susanne (sie war damals 12) mit 180 anderen Kindern von London aus am Folgetag nach Schottland gebracht wurden. In Ayr kam sie bei wohlhabenden Menschen unter und wurde gut aufgenommen und gefördert, wir haben inzwischen sogar Fotos von Susanne in Schuluniform etwa aus dem Jahre 1942. Schließlich wissen wir, daß es im Juli 1951 zu einer Wiederbegegnung der drei Menschen in Berlin kam: Vater Albert Schaefer-Ast kam aus Weimar; Mutter Steffi und Tochter Susanne (sie war inzwischen 24 Jahre alt) kamen aus London, Vater Albert hatte die Flugtickets bezahlt. Berlin war geteilt und lag in Trümmern, es war nicht einfach, zwischen den „West-Zonen“ und der „Ost-Zone“ zu pendeln. Schaefer-Ast war beim Treffen schwerst krank, er konnte kaum laufen, hatte Hungerödeme, kam mit der Hitze in der Stadt nicht zurecht und ist vorzeitig Richtung Prerow abgereist.
Susannes ältester Sohn nun ist von Peter in London und von mir gefragt worden, was Susanne von der Flucht und vom Treffen mit ihrem Vater (der zwei Monate nach dem Treffen starb) erzählt hätte: „she didn’t speak of it.“ Sie sprach nicht darüber. „Schock“ und „Trauma“ seien wohl die Gründe dafür.
Diese Flüchtlingskinder mussten eine mehrfache Traumatisierung erleiden, Ute Benz ist in ihrem Aufsatz „Traumatisierung durch Trennung. Familien- und Heimatverlust als kindliche Katastrophen“, der im Buch „Die Kindertransporte 1938/39“, hrsg. von Wolfgang Benz, S.Fischer 2024, erschienen ist, ausführlich darauf eingegangen. Daraus seien nun ein paar zentrale Gedanken zitiert, damit verständlich wird, weshalb Susanne „nicht darüber gesprochen“ hat.
Für Kinder sind Trennungen Katastrophen. Aber Kinder erleben und verarbeiten Trennungstraumata verschieden, je nach den Bedingungen, die sie vorfinden. „Sie betreffen erstens das Alter, in dem die Trennung von der geliebten Person erlebt wurde; zweitens die Art der Trennung, ob vorbereitet oder plötzlich; drittens die Frage, ob das Pflegemilieu günstig und verständnisvoll war; viertens betreffen sie die Dauer der Trennung und fünftens, ob die Trennung endgültig war, weil die Eltern im Holocaust ermordet wurden oder aber, ob sechstens die Kinder veränderte, traumatisierte Eltern wiederfanden und ob sie siebentens durch Familienzusammenführungen neue Trennungen aus den nun gegebenen sozialen Beziehungen, die sie in der Zwischenzeit geknüpft hatten, erfuhren.“ (a.a.O., S. 138).
Bei Susanne kam alles zusammen, bis auf die eher günstigen Bedingungen in der Aufnahmefamilie in Ayr/Schottland. Als sie, inzwischen 24-jährig, nach 6 Trennungsjahren, von denen sie anfangs annehmen musste, die würden endgültig sein, ihren schwerstkranken Vater in Berlin wiedertraf – dürfte sie ihn fast nicht erkannt haben, denn sie war 12, als sie fliehen musste.
Diese Kinder der Kindertransporte – interessanter Weise nennt man sich bei den Ehemaligentreffen immer noch „Kinder“ – haben sehr schwere seelische Verletzungen davongetragen – obwohl sie doch eigentlich „gerettet“ wurden. Sie haben sich deshalb lange nicht getraut, davon zu sprechen, weil sie dachten, hinter die „eigentlichen Opfer der Shoah“ zurücktreten zu müssen, denn schließlich seien sie ja nicht ermordet, sondern gerettet worden. Das aber hat ihr seelisches Leid nur verlängert und an den Folgen haben noch die Kinder der Kindertransportkinder zu tragen.
Ute Benz schreibt: „Von besonderem Interesse ist neben der Trennungsproblematik auch die der Wiederbegegnung, auf die Eltern oft nicht vorbereitet sind, wenn sie ihr Kind nach einer Trennung wieder in die Arme schließen möchten in der Erwartung, nun sei wieder alles gut. Das Kind stürzt sich eben nicht, wie man erwarten könnte, glücklich wieder in die Arme der Mutter. Es ist offensichtlich, dass es sich beim Wiedersehen nicht mehr spontan zu freuen und von seiner Mutter trösten zu lassen vermag. Beim Anblick der qualvoll vermissten Mutter (resp. des Vaters) wendet das Kind sich seinerseits zunächst einmal ab. Die Schmerzen der Trennung, die Verzweiflung des Kindes stehen für geraume Zeit unüberbrückbar zwischen dem Kind und der Mutter.“ (a.a.O. S. 140) Man kann nun in etwa ein Gefühl dafür bekommen, wie kompliziert die Wiederbegegnung der von Albert geschiedenen Jüdin Steffi, ihrer inzwischen 24-jährigen Tochter Susanne und dem emotional ganz sicher überforderten Albert Schaefer-Ast in der zerstörten Stadt Berlin stattgefunden hat. Wir wissen, dass Steffi bei dem Treffen wohl unmissverständlich mitgeteilt hat, dass sie nicht wieder nach Deutschland zurückkehren würde. Susanne kam im September wieder. Da wurde ihr Vater in Weimar beerdigt. …
Übrigens hat Anna Freud, die Tochter von Sigmund Freud, der ja aus Wien auch nach London emigriert war, im Oktober 1940, zunächst mit privaten Spenden, in London ein Heim für Kleinkinder eingerichtet, das sie nach psychoanalytischen Gesichtspunkten leitete, anders, als es damals „üblich“ war. Aufnahme fanden Kinder, die nach den deutschen Bombenangriffen auf London aus den Familien herausgenommen werden mussten, weil ihre Eltern nicht mehr für sie sorgen konnten. Es ist spannend zu lesen, was Anna Freud über diese Kinder herausfand und wie sie ihnen zu helfen versuchte in einer Zeit, als die allermeisten Helferinnen und Helfer schon damit überfordert waren, für die Kinder in Not wenigstens „ein Dach über dem Kopf“ und „eine warme Mahlzeit am Tag“ zu organisieren, weshalb ich das weiter oben zitierte Buch nochmals empfehlen möchte.
Schließlich sei daran erinnert, dass in der Gegenwart solche traumatisierten Kinder, die plötzlich ihre Eltern oder einen Elternteil verlassen mussten, die über Nacht auf die Flucht mussten und nun in völlig fremder Umgebung irgendwie klar kommen müssen – zu Tausenden in unserem Land leben, weil in ihrer Heimat der Krieg herrscht.
Beide waren bekannte Grafiker. Davon soll nun die Rede sein. Sie hatten sich spätestens 1926 bei Ullstein kennengelernt, Steffie zeichnete schon seit 1923 für „Die Dame“, jene berühmte und Europas Modewelt prägende maßgebliche Zeitschrift aus dem Hause Ullstein. Beide zeichneten auch für den „Uhu“ – auch aus dem Hause Ullstein. Ullstein galt später für Joseph Goebbels und Hitler selbst als „Tempel der Judenpresse“ und war ihr Hauptfeind im Pressewesen, weshalb das Haus Ullstein schon 1934 „arisiert“ wurde. Im Jahre 1929 gab es in der Zeitschrift „Gebrauchsgrafik“ einen bemerkenswerten Text über gleich mehrere Seiten, in denen die unterschiedlichen Arbeiten von Albert und von Steffie besprochen wurden. Beide traten nun als Grafiker-Paar in die Öffentlichkeit und waren so nicht nur in der „Kunst-Szene“ Berlins als Paar bekannt, sondern darüber hinaus. Steffis Arbeiten wurden sogar mehrfach auf den Titelseiten der „Dame“ gedruckt. Man sprach von den „famosen Titelseiten“, die sie gezeichnet hatte. Das Juliheft 1927 hat sie auch gezeichnet, es war das Jahr, in dem Töchterchen Susanne auf die Berliner Welt kam:
Beide konnten Illustration, Buchumschlag, Cover, Plakat, Einladungsentwürfe, Modezeichnung und Pressezeichnung. Gebrauchsgrafiker eben.
Albert Schaefer machte beispielsweise Werbung für den „Heiteren Fridolin“ (Ullstein):
Und Steffi zeichnete zum Beispiel Cigaretten-Werbung
Beide dürften gut verdient haben. Denn Ullsteins Auflagen waren dermaßen hoch, dass es „nicht darauf ankam, ob der Verleger für einen Beitrag 1000 oder 2000 Mark zahlte“, wie Hermann Ullstein, der jüngste der Brüder, in seinem Buch „Das Haus Ullstein“ nach dem Kriege schrieb.
Ich notiere diesen Abschnitt im Leben von Schaefer-Ast und seiner Frau Steffi, weil daran deutlich wird, aus welcher gesellschaftlichen „Höhe“ beide durch die Scheidung im April 1939 und Steffies Exil im Juli 1939 abstürzten. Albert Schaefer konnte – sogar mit noch mehr Möglichkeiten – zwar in Deutschland weiterarbeiten, aber Steffi, die weit bekannte und anerkannte Zeichnerin, Grafikerin und Gestalterin – ging als „house wife“ nach Großbritannien, sonst hätte sie gar kein Ausreisevisum mehr bekommen. Sie musste sich als Magd verdingen und hat unter ärmlichsten Verhältnissen in England leben müssen. Für die Jahre ab etwa 1923 bis etwa 1934 bei Ullstein aber gilt: es waren für beide zehn erfolgreiche, gute Jahre. Bis die Nazis kamen.
Inzwischen habe ich die Personalakte der „Reichskulturkammer“ zu Schaefer-Ast im Landesarchiv in Berlin auswerten können. Mich hat interessiert, ob zutrifft, was Schaefer-Ast nach dem Kriege gleichsam gebetsmühlenartig behauptet: dass er „wegen Mischehe“ und „entarteter Kunst“ „aus der Kammer rausgeschmissen“ worden sei. Das Ergebnis ist ernüchternd. Ich drucke hier nun den Abschnitt aus dem entstehenden Buch über Schaefer-Ast, das Jahr 1939 betreffend, ab:
1939. Scheidung. Exil. Beginn des Zweiten Weltkrieges
Schaefer wird mit seiner jüdischen Frau Steffi die entstandene Lage nach den Novemberpogromen 1938 ausführlich besprochen haben. Man kann sich lange Gespräche, endlose Nächte, etliche Flaschen Wein vorstellen. Was war zu tun? Bleiben oder gehen? Gehen wir alle drei oder nur Susanne und Steffi?
Wir werden in diesem Jahr die Ausreise der gemeinsamen Tochter Susanne mit einem „Kindertransport“, organisiert von Berliner Quäkern sehen; wir sehen die Scheidung von Steffi und deren Ausreise im Juli des Jahres nach England. Am 1. September beginnt der Krieg mit dem Überfall der Wehrmacht auf Polen.
Doch der Reihe nach, denn aktenkundig sind die Bemühungen von Schaefer-Ast, in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen zu werden. Es gibt für das Jahr 12 Dokumente in seiner Personalakte, die zu etwas mehr Aufklärung beitragen können.
3.2.1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung, an den die Personalakte Schaefer ja Ende 1938 übergeben worden war, teilt in Gestalt von Herrn Hinkel dem Präsidenten der Reichsschrifttumskammer mit, „dass ich die weitere Mitgliedschaft des Albert Schaefer, Berlin, zu Ihrer Kammer bzw. Befreiung von der Mitgliedschaft aus grundsätzlichen Erwägungen ablehne.“[1] Die Personalunterlagen gibt er ebenfalls zurück und bittet, „das Weitere“ zu veranlassen.
18.2.1939 Der Präsident der Reichskammer der bildenden Künste erinnert Herrn „Maler und Pressezeichner“ Schaefer-Ast an die Ausnahmegenehmigung des Herrn Ministers vom 5.7.1938 „auf dem Gebiete der Reichskammer der bildenden Künste tätig zu sein“ und befreit ihn gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Kammer. Er bittet Schaefer, den Ausweis 754 zurück zu geben. Die Befreiung erfolgt unter der Voraussetzung, daß er seine Beiträge bezahlt[2].
20.2.1939 Aktennotiz: „A II (Studt) wünscht Akte Schäfer noch einmal zurück, da Neubehandlung des Falles“[3]
23. 2. 1939 Der Reichsminister für Volksaufklärung hatte also, wie wir gesehen haben, nochmals um die Personalakte Schaefer gebeten, die ihm nun nochmals mit kurzem Anschreiben überreicht wird.[4]
17.4.1939 Scheidung. Offenbar war man in der Familie Schaefer zu einer Entscheidung gekommen. Steffi war in Gefahr und musste möglichst außer Landes, Tochter Susanne ebenfalls. Albert würde in Deutschland bleiben. Eine Scheidung von der Jüdin Steffi würde ihm im Übrigen beruflich weiterhelfen. So kam es dann auch.
Noch im Mai[6] wird Susanne, mittlerweile 12 Jahre alt, mit einem „Kindertransport“ von Berlin-Friedrichstraße über die Niederlande und dann mit dem Schiff London erreichen.
26.5.1939 Schaefer-Ast bekommt bescheinigt, daß er nun auch noch schriftstellerisch tätig sein darf und gleichzeitig von der Mitgliedschaft in der Reichsschrifttumskammer befreit ist. „Die Einnahmen aus Ihrer schriftstellerischen Tätigkeit haben Sie bei der Kammer, der Sie als Mitglied angehören, jährlich anzumelden.“[7]
Wir halten fest:
Schaefer ist nun Mitglied in der Reichspressekammer, Fachschaft Pressezeichner, dort zahlt er seine Beiträge.
Außerdem darf er als Maler und Grafiker tätig sein (Ausnahmegenehmigung) und er darf schriftstellerisch tätig sein.
Schaefer hat, was er wollte. Von einem „Rausschmiss aus der Kammer“, von „Berufsverbot wegen Mischehe“ wie er später in seinen Lebensläufen nach dem Kriege sprechen wird, kann überhaupt gar keine Rede sein. Schaefer war immer Kammer-Mitglied. Nach der Scheidung bekam er noch zusätzliche Möglichkeiten der Publikation.
Die drängendste Frage nach den Novemberpogromen innerhalb der kleinen Familie war nun entschieden: Steffi und Susanne gehen, wenn noch möglich. Schaefer-Ast wird bleiben.
Exkurs: Die Kindertransporte
Den Kindern wurde erzählt, sie würden in eine Art Ferien fahren. Es sei schön dort, wohin sie kämen. Man würde nett und freundlich zu ihnen sein und sie könnten sich auf das Abenteuer der langen Reise freuen.
Die Kinder werden gemerkt haben, daß da etwas nicht stimmte. Spätere Zeugenaussagen ehemaliger „Transportkinder“ bestätigen das. Was war der Hintergrund dieser „Transporte?“ Nach den Novemberpogromen 1938 wollten viele Juden Deutschland verlassen, aber kaum ein Land war bereit, Juden aufzunehmen. Allenfalls Kinder würde man aufnehmen. Allen voran Großbritannien. Schon wenige Tage nach den Novemberpogromen in Deutschland nahmen einige einflussreiche JüdInnen und Quäker Kontakt zum britischen Premierminister Chamberlain auf und warben dafür, „wenigstens Kinder für eine Übergangszeit“ in England aufzunehmen. Man bürge auch für alle Notwendige (Kosten, Unterkunft, Pflegefamilien etc.). Der erste Kindertransport fuhr bereits am 1. Dezember 1938. Bis zum Beginn des Krieges im September wurden allein nach England etwa 10.000 Kinder in Sicherheit gebracht. Die Kinder durften nur einen Koffer, eine Handtasche und 10 Reichsmark mitführen. Manche Kinder hatten Glück und kamen bei Verwandten unter. Anderen ging es sehr schlecht in Massenunterkünften. Susanne scheint Glück gehabt zu haben.
Die Kindertransporte sind inzwischen relativ gut erforscht[8] und auch dokumentiert worden[9]. Es gibt auch Filmberichte[10] vom ersten Transport, der mit großem Medieninteresse insbesondere in England aufgenommen wurde.
Vor dem S-Bahnhof Berlin-Friedrichstraße steht ein Mahnmal zur Erinnerung an diese Transporte, so, wie in den anderen Städten, in denen die Transporte ankamen, ebenfalls.
Prof. Wolfgang Benz, einer der kenntnisreichsten Historiker über die Zeit des NS, hat dazu bei S.Fischer publiziert[11].
Die genauen Umstände des Mai-Transportes mit Susanne Schaefer im Jahre 1939 konnte ich bislang noch nicht aufklären und dokumentieren, aber eines ist völlig klar: die Familie Schaefer-Ast war ab Mai 1939 zerrissen. Die Tochter in England, die Frau auf der verzweifelten Suche nach einer Ausreisemöglichkeit, der Vater in einer anderen Wohnung ein paar Häuser weiter.
Die exilierten Kinder konnten nur noch schriftlich mit ihren Eltern in Verbindung bleiben, nach Beginn des Zweiten Weltkrieges nur noch über Formulare des Internationalen Roten Kreuzes.
Nach Steffis Flucht im Juli gab es nur noch zwei erhaltene Brief zwischen den Eheleuten. Beide aus dem Jahre 1939, beide aus Prerow. Dann herrschte Stille. Erst nach dem Kriege, sechs lange Jahre später, kam wieder ein Briefwechsel zustande.
Wir gehen zurück ins Jahr 1939.
26. Mai 1939. Schaefer wird nun, nach der Scheidung von der Jüdin Steffi, vom Staat belohnt. Er erfährt: „Der Herr Präsident der Reichskammer der bildenden Künste hat mit Schreiben vom 16.5.39 die Ihnen für den Bereich der Reichskammer der bildenden Künste erteilte Sondergenehmigung auf die in den Zuständigkeitsbereich meiner Kammer fallenden schriftstellerischen Veröffentlichungen ausgedehnt.“[12] Schaefer-Ast darf nun zeichnen, malen und schreiben.
Nach Susannes und Steffis Ausreise kauft sich Schaefer im Sommer 1939 in Prerow ein kleines Häuschen mit Grundstück.
Der inzwischen ehemals NS-kritische, nun aber „gleichgeschaltete“ Simplicissimus bringt am 4.6.1939 die Grafik „Grand Compliment“[13], die nach all diesen Ereignissen ein wenig seltsam anmutet. Wen der Schaefer-Ast da wohl meint?
25.6.1939 Schaefer-Ast schreibt von Prerow aus an Steffi, die in Berlin in der Kurfürstenstraße 43 offenbar krank ist, aber dennoch ihr Exil vorbereiten muss:
„Liebe Steffie, heute Morgen das Telefongespräch hat mir wohlgetan, es war mein Sonntag. Zu schade, dass Du so wenig auf dem Posten bist. Hoffentlich stimmt Dich der normale Ablauf etwas ruhiger, und Du erholst Dich auf den Schreck, und Du trittst vergnügt deine Sommerreise[14] an. So musst Du denken. Und siehst Mopsie! und Schottland. Es wird bestimmt alles gut werden. Zu Dienstag (Berlin) möge der Herr Dir Kraft verleihen, das muss schwierig sein.
Wir waren erst einmal am Strand! Kannst Dir denken, wie wir schuften. Also morgen kommt Peter. Ich schreibe dann wieder. Dein Ast.“[15]
28. Juli 1939. Schaefer schreibt von Prerow aus an seine Tochter Susanne in England.
„Prerow, Freitag, 28. Juli.
Liebe Susanne, heute bekam ich Muttis Brief, dass sie schon Mittwoch abgefahren ist.[16] Na! Das müssen ja wunderschöne Tage gewesen sein in Ayr[17]. Mutti war auch ganz begeistert von der schönen Umgebung und vom Haus und von der lieben Familie Hamilton. Und von Craster und Dackelbaby. Wir leben auch noch immer ein rechtes Ferienleben, nur dass ich jetzt Luise mitgebracht habe aus Berlin, die jetzt für uns kocht. Heute gab es Bratwurst mit grünen Bohnen und neuen Kartoffeln. Hinterher Kirschkompott von eigenen Kirschen. Zum Frühstück gibt es Peters Radieschen, auch Saat hat er gepflanzt und seinen Sonnenblumenpfad, aber den kann man nicht essen. Als ich in Berlin war, um Mami an die Bahn zu bringen[18], da haben Peter und ein Freund von mir aus der Düsseldorfer Zeit allein gekocht, da gab es viel Makkaroni, Pellkartoffeln und Hering und Bratkartoffeln mit Ei. Ich habe noch eine große schwarze Bratpfanne (handgeschmiedet, man sieht jeden Hammerschlag) beim Dorfschmied gekauft, nun braten sie doppelte Portionen; und als Luise kam, musste sie zuerst Kartoffelpuffer backen. Nächstens schicke ich als Drucksache die Blumen und Bilder aus der „Dame“, die ich in Prerow gemalt hatte. Ich wünsche Dir noch recht schönes Wetter für deine Ferien[19] und grüße Dich herzlich. Dein Vater.“[20]
3.8.1939. Haushälterin Luise schreibt einen letzten Brief aus Prerow an „Susannchen“ in England[21].
1.12.1939 Eine Werbeanzeige in der Südwestdeutschen Handelszeitung weist auf das „Große Weihnachtsheft der DAME“ hin, in der Schaefer-Ast vertreten ist. Schaefer darf publizieren und verdient gut.
13. 12. 1939 trotz all dieser Entwicklungen, die ja ganz im Sinne der NS-Reichskulturkammer sind, fragt ein ganz Beflissener im Amt des Präsidenten der Kammer der bildenden Künste bei der GESTAPO nach, ob „Tatsachen bekannt sind, die auf weitere Beziehungen des Sch.-A. zu seiner früheren Frau schließen lassen.“ [22] Man traut ihm nicht. Vielleicht hatte man auch die Briefe vom 28.7. und vom 25.6. abgefangen und studiert.
Inzwischen aber hat Hitlers Wehrmacht Polen überfallen.
[15] Buck, a.a.O., S. 35, wie mag diese Karte wohl auf Steffie gewirkt haben?
.[16] Steffi hatte Tochter Susanne in Ayr/England aufgesucht
[17] das ist keineswegs sicher. Steffi war völlig mittellos, sie durfte nur mit 10 Reichsmark ausreisen und war auf die Freundlichkeit anderer Menschen angewiesen.
[18] Schaefer scheint ja seine Frau Steffi wenigstens zum Bahnhof gebracht zu haben.
[19] entweder macht Schaefer mit der Bemerkung „Ferien“ einen groben Scherz oder Susanne wusste tatschlich nicht, was eigentlich los war.
1890 in Barmen geboren. 1951 in Weimar gestorben. Ab 1938 in Prerow ansässig. Zweimal verheiratet. Die zweite Frau und die Tochter in England. Nach dem Krieg Professor an der neu gegründeten Hochschule für Baukunst. Hermann Henselmann hatte ihn nach Weimar geholt, der Bauspezi von Walter Ulbricht, dem wir den Berliner Fernsehturm, die ehemalige Stalin-Allee und den Strausberger Platz in Berlin verdanken.
In Prerow gibt es nun eine Initiative, Albert Schaefer-Ast in seinem ehemaligen Häuschen ein kleines Museum einzurichten. Das ist eine löbliche Idee, von der Prerow gut profitieren kann. Denn die Biografie und der Lebenslauf von Schaefer-Ast, der während der Weimarer Republik für die großen und weitverbreiteten Zeitschriften des Berliner Ullstein-Verlages (zum Beispiel für „Die Dame„) gezeichnet hat, ist interessant, reicht er doch von der Kaiserzeit über den Ersten Weltkrieg (Schaefer war Kriegsfreiwilliger wie so viele junge Männer und kam ohne rechtes Auge aus dem Krieg zurück), die Weimarer Republik, die NS-Zeit, den Zweiten Weltkrieg, die deutsche Kapitulation, die Besatzungszeit bis hin zum Kalten Krieg und der Gründung zweier deutschen Staaten. Ein „deutsches Leben“ sozusagen, mit all seinen Brüchen und Widersprüchlichkeiten.
Derzeit bin ich noch bei der Recherche; sowohl in England (Imperial War Museum) als auch in Deutschland (Bundesarchiv, Bauhaus-Archiv, Landesarchiv Berlin etc.) finden sich Hinweise, die gesammelt, sorgfältig überprüft und ausgewertet sein wollen.
Nach dem Krieg wurde von Schaefer-Ast gesagt, er habe während der NS-Zeit zu den verfemten Künstlern gehört, seine Kunst sei als „entartet“ eingestuft worden. Ich habe das an der Freien Universität in Berlin überprüft, dort sitzen die Spezialisten zur Frage der „Entarteten Kunst“ während der NS-Zeit. Es finden sich derzeit keine Belege für die Behauptung, Schaefer-Ast sei von den Nazis als „entartet“ eingestuft worden. Offensichtlich handelt es sich – wie bei vielen anderen – um eine nach dem Kriege aufgekommene Behauptung von Verwandten. Im Falle Schaefer-Ast von seinem Schwiegersohn John Buck.
Dennoch ist das Leben von Schaefer-Ast spannend. Er war beispielsweise- wie genau, prüfe ich derzeit im Bundesarchiv – in ein Verfahren am Volksgerichtshof gegen die Grafiker Erich Knauf und Erich Ohser (wegen Wehrkraftzersetzung) „verwickelt“, ist aber „irgendwie“ heil davon gekommen, während Knauf durch das Fallbeil hingerichtet wurde und Ohser sich – einen Tag vor der Eröffnung seines Prozesses am Volksgerichtshof – das Leben genommen hatte. Ohser war noch im Sommer 1943, kurz vor seinem Tod, in Prerow und hat seinen Freund Schaefer-Ast gezeichnet. Dieses Bild habe ich in Plauen im Museum für Erich Ohser auftreiben können.
Schaefer-Asts Tochter Susanne kam mit einem Kindertransport nach England. Auch das eine hochspannende Angelegenheit, auf die ich im Buch ausführlich eingehen will. Seine zweite Frau, die Jüdin Stefanie, geborene Nathan (ihr Vater war in Berlin angesehener Banker), folgte der Tochter noch im Juli 1939, zwei Monate vor dem deutschen Überfall auf Polen und dem Beginn des Zweiten Weltkrieges, obwohl eine „Ausreise“ damals schon mit gewaltigen finanziellen Verlusten und einer ganzen Reihe von zusätzlichen Schikanen verbunden war. Nach dem Krieg (ab 1946) kamen die drei wieder in schriftlichen Kontakt, es gab ein Treffen in Berlin, aber die Familie kam „nicht wieder zusammen“. Die genauen Umstände, weshalb Steffi nach England ging, Schaefer-Ast aber nicht, müssen untersucht werden – denn es gab in jenen Jahren auch andere Beispiele, da gingen die Familien gemeinsam ins Ausland.
Ich habe vor, eine etwas umfänglichere Studie zum Leben von Albert Schaefer-Ast als Buch zu machen. Es soll diejenigen unterstützen, die in Prerow ein kleines Museum für ihn einrichten wollen. Ein solches Museum ist eine gute Gelegenheit, sich sowohl mit Fragen der Kunst als auch mit deutscher Geschichte am Beispiel eines Künstler-Lebens zu beschäftigen.
Es war ein Außenlager der KZs in Ravensbrück und Neuengamme und war im „Borner Hof“, ehemals „Witts Hotel“ untergebracht, mir liegen sogar Namenslisten der Wachmannschaft vor. In verschiedenen „Schüben“, jeweils gruppenweise, waren Häftlinge aus Ravensbrück und Neuengamme auf dem Darss eingesetzt, um zum Beispiel im tiefsten Winter und im eiskalten Wasser stehend Schilf zu schneiden (für die Rohrmattenflechterei in Ravensbrück) oder um die Ernte einzubringen. Zuletzt waren gar über 100 russische Kriegsgefangene in der SS-Meilerei in Born eingesetzt. Sie mussten im Forst für die Forstverwaltung und SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss schuften. Es sind Namenslisten erhalten geblieben von einem der letzten „Rück-Transporte“ dieser Gefangenen, die wie „wankende Tote“ nach Ravensbrück zurückkehrten und dort umgebracht wurden oder aus Schwäche starben. Selbst „erfahrene Häftlinge“ hatten solche Gestalten noch nie gesehen, wie Zeitzeugenberichte überliefern. Ich habe diese Sachverhalte in zwei Büchernaufgearbeitet, die nach wie vor Interesse finden, was mich sehr freut.
Im Zuge meiner Recherchen, die hier auch im blog in Teilen nachzulesen sind, stieß ich auch auf Gruppen von Sinti und Roma, die auf dem Darss, von Born kommend und unter Aufsicht der dortigen Forstverwaltung, die Ernte einzubringen hatten. Die Wagen mit den Häftlingsfrauen waren offen, jedermann konnte sie sehen, wie Zeitzeugen überliefert haben. Als ich diese Hinweise fand, habe ich in einem Brief den Präsidenten des Zentralrats der Sinti und Roma in Deutschland, Herrn Romani Rose über meine Recherchen informiert, wofür er sich schriftlich herzlich bedankt hat. Gestern (10.9.24) nun fand ich, daß die Informationen in der zentralen Datenbank, die der Zentralrat der Sinti und Roma eingerichtet hat, ihren Platz gefunden haben. „Wir danken Ulrich Kasparick für den ausschlaggebenden Hinweis auf den Zwangsarbeitseinsatz der Sinti- und Roma-Frauen im Außenlager Born und die zur Verfügung gestellten Informationen. Der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (Monika Schnell) sowie dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstands (Ursula Schwarz) danken wir für die freundliche Überlassung von Dokumentenmaterial“ steht dort zu lesen. Mich freut, wenn meine Arbeiten einen kleinen Beitrag dazu leisten können, daß der Opfer der NS-Zeit angemessen gedacht werden kann. Über die Geschichte des Lagers in Born – mit besonderem Bezug zum Einsatz von Sinti und Roma – kann man hier weiterlesen.
Ich bin in diesen Herbsttagen wieder auf dem Darss und werde bei Gelegenheit schauen, ob sich inzwischen auch die Kommune #Born – ihrem eigenen Gemeinderatsbeschluss entsprechend – dazu aufraffen konnte, eine kleine Gedenktafel für die Häftlinge vom Darss einzurichten, die u.a. im „Borner Hof“ untergebracht waren.
„Seppl“ nannten in die Leute von Prerow, die bei Dr. Hans Beu am Kindersanatorium vorbei kamen, heute kennt man das Haus als „Seestern“. Richtig hieß er Josef Panski. 1911 als einziger Sohn jüdischer Eltern in Lodz geboren, kam er als Kind wegen einer „schwachen Lunge“ zu Dr. Hans Beu nach Prerow. Und der hielt Zeit seines Lebens seine schützende Hand über den Jungen, so gut er konnte.
Heute hat Seppl seinen Stolperstein bekommen, damit man sich an ihn erinnern kann; Josef und seine Frau Gertrud, geborene Kossak.
Sie wohnten in der Wasserstraße 80 in Stralsund.
Seppls Enkelin, Dr. Sabine Dievenkorn war anwesend mit ihrem Mann Shaoul aus Israel, wir hatten uns über das Internet kennengelernt, als Sabine meine Recherchen zu Dr. Hans Beu las, die ja hier im blog nachzulesen sind. Wir sind befreundet seither. Sie hatte ihre Tochter mitgebracht, die war extra zur Stolpersteinverlegung ihres Urgroßvaters aus Israel gekommen. Die Stadt Stralsund war prominent vertreten, das sei ausdrücklich lobend erwähnt und eine Klasse vom Hansa-Gymnasium in Stralsund war ebenfalls dabei. Man hatte sich – ihrem Geschichtslehrer sei’s gedankt, intensiv mit der Geschichte der Juden in Stralsund beschäftigt. Und Paula Westphal aus der 12. Klasse hatte sich besonders mit Josef Panski beschäftigt. Ihren Redebeitrag habe ich hier eingefügt.
Auf diesem Bild zeigen sie drei Fotos mit Bildern von Josef Panski und seiner Frau:
Josef Panski, der „Seppl“ von Prerow, der wie ein Pflegekind bei Dr. Hans Beu aufgewachsen war, bei dem Dr. Beu Taufpate und auch Trauzeuge war, wie die Kirchenbücher belegen – Josef wurde staatenlos unter den Nazis, seine Frau wusste, daß sie ebenfalls staatenlos werden würde, wenn sie als „Arische Frau“ den Judenjungen Josef heiraten würde. Sie tat es dennoch.
Josef ging, wohl auch, um seine Einbürgerung zu erleichtern und sich der Verfolgung zu entziehen (Dr. Beu (der übrigens seit 1933 NSDAP-Mitglied war!) war es bis dahin gelungen, die wahre Identität von Seppl so zu verschleiern, dass die Nazis ihn nicht finden konnten) – Josef ging freiwillig in Hitlers Armee. Er fiel als Kraftfahrer in Hitlers Armee im Jahre 1944. Sabines Großmutter überlebte mit ihrer Tochter, Sabines Mutter; man kam nach dem Krieg nach Wieck. Dort haben wir uns heute wieder gesehen und sind nach Stralsund gefahren, um an Josef zu denken.
Man nannte ihn „Seppl“.
Die Ostsee-Zeitung und auch Stralsund-TV werden über die Stolpersteinverlegung von heute (es wurden insgesamt 9 Steine verlegt!) am kommenden Freitag, 13.9.2024 berichten. Wenn es sich technisch machen lässt, werde ich den Beitrag dann hier einfügen. Mein Buch zu Dr. Hans Beu ist in Vorbereitung, das Manuskript ist beinahe abgeschlossen.
Zwei Jahre Pause bei den Recherchen. Corona kam dazwischen. Nun aber soll es weiter gehen. Etliches Material habe ich bereits zusammengetragen, Fotos, Dokumente, habe neue Gesprächspartner gefunden. So ganz allmählich zeichnet sich ab, was da werden könnte. 1. Eine Kindheit in Ribnitz (22. Januar 1865*)
2. ein Medizin-Studium in Rostock
3. Promotion in Leipzig (1890) und Assistenzarzt im Bürgerhospital Stuttgart
4. Praktischer Arzt in Gnoien (1891)
5. Hochzeit in Rostock (8.4.1892) mit Anna Maria Welge, die aber schon 1896 starb und drei Töchter hinterließ.
6. Praktischer Arzt in Dargun (1892)
7. 1897 ist Beu Einwohner von Prerow
9. zweite Hochzeit 1903 in Prerow mit einer Tochter der Kapitänsfamilie Schall aus Born.
10. Eröffnung des Kindersanatoriums in Prerow (1905)
11. Erster Weltkrieg und die Arbeit als Kinderarzt
11. Tod in Prerow (7. August 1947 im Alter von 82 Jahren).
So in etwa könnten die Recherche-Stationen liegen. Nun will ich sehen, wie ich diese einzelnen Abschnitte mit Dokumenten, Fotos, Aufzeichnungen, Erinnerungen anfüllen kann. Die Leitfrage wird sein: wer war dieser Kinderarzt, der während der Nazizeit in seinem Kinderheim mindestens ein jüdisches Kind versteckt hat ? Was hat ihn geprägt? Welche Überzeugung hat ihn ausgezeichnet? Wir werden auch auf die politischen Ereignisse eingehen müssen, denn die waren (von 1870 über die Kaiserzeit, Ersten Weltkrieg, Depression, Weimarer Republik, Naziherrschaft, Deutsche Teilung) allesamt tief einschneidend und Dr. Beu musste sich dazu verhalten. Gleich „nebenan“ in Born residierte ab 1924 der spätere SS-Generalmajor Franz Mueller-Darss – und wiederum gleich „nebenan“, in Zingst, arbeitete 1934 Dietrich Bonhoeffer. Größte politische Spannungen auf engstem Raum zwischen den Dörfern des Darss. Das ist das Spannungsfeld, in dem Dr. Hans Beu sein Kindersanatorium betrieben hat und ich will möglichst genau wissen, wie das ging, ohne sich den Nazis anzudienen. Denn darauf gibt es beim jetzigen Stand der Recherchen schon Hinweise: Beu hat sein privates Sanatorium nicht dem nationalsozialistischen Verband der Privatkliniken und Sanatorien angliedern lassen. (das Titelbild zeigt Dr. Hans Beu bei seiner Silberhochzeit mit seiner zweiten Frau Louise, geb. Schall. Das Foto stammt aus dem Privatarchiv U.Herrmann, Bremen).
ELAB 35/5155 ist die Personalakte des Konsistoriums zu Pfarrer Neuberg der zwischen 1935 und 1945 Pastor in Hohenschönhausen war. Er war Mitglied bei den „Deutschen Christen“ und aller Wahrscheinlichkeit nach auch „P.g.“, „Parteigenosse“, also Mitglied der NSDAP (das lasse ich momentan im Bundesarchiv prüfen). Ein Hinweis von Kurt Scharf in der Akte, Neuberg sei „P.g.“ gewesen und könne deshalb (nach dem Krieg) nicht wieder in Hohenschönhausen anfangen, nehme ich ernst. Neuberg galt auch in Gesprächen, die ich vor einiger Zeit mit älteren Gemeindemitgliedern in Hohenschönhausen führen konnte, als „besonders scharfer Hitler-Unterstützer“. Ich habe die Akte am 8.5.2023 eingesehen. Im Folgenden gebe ich die wesentlichen Stationen von Neuberg zunächst weitgehend unkommentiert wieder, die sich aus der Lektüre der Akte ELAB 35/5155 ergeben.
Emil Hugo Albrecht Neuberg, Geb. 24.3.1901 in Zwickau (Sachsen) getauft am 28. April 1901 1905 Umzug nach Berlin „Ostern 1907“ kam er in die Schule, zunächst die drei Klassen der Dorfschule des Helmholtz-Realgymnasiums zu Berlin-Schöneberg, „bis ich Ostern 1910 umgeschult wurde, da meine Eltern nach Berlin-Steglitz verzogen. Ich wurde in die Sexta des dortigen Gymnasiums aufgenommen“.
konfirmiert am 19. März 1916 in der Kirche Berlin-Steglitz. Reifezeugnis („aufgrund des Ministerialerlasses vom 1. August 1914 – U II 1955 – wurde er der Notreifeprüfung unterzogen“ am 23. August 1918. „Er hat sich im landwirtschaftlichen Hilfsdienst als Jungmannenführer vorzüglich bewährt.“ Das Turn-Zeugnis vermerkt: „Er hat sich als Mitglied der Jugendkompagnie gut bewährt“. Neuberg verlässt nun das Gymnasium Steglitz, „um sich zunächst dem Vaterländischen Hilfsdienst zu widmen und späterhin Theologie zu studieren“. Im Namen der Königlichen Prüfungskommission unterzeichnet Direktor Dr. Lück, Königlicher Kommissar i.V. und Dr. Kroymann als Direktor des Gymnasiums. 30. 1. 1919Immatrikulation an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin 4.5.1919 Neuberg meldet sich als „Freiwilliger“ (obwohl der Krieg zu Ende ist!). Scheidet „auf eigenen Wunsch“ am 12.8.1919 wieder aus. 7. März 1921 Abgangszeugnis der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin („gez. Seeberg“) Mit Vorlesungsverzeichnis. Alte Geschichte hat er bei von Harnack gehört, neuere Kirchengeschichte bei Holl; Genesis bei Kurt Eissfeld; Neutestamentliche Theologie bei Seeberg; 1. März 1922 Abgangszeugnis der Universität Greifswald mit Vorlesungsverzeichnis 19. April 1922. Immatrikulation an der Theologischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin mit Vorlesungsverzeichnis und Abschlusszeugnis. 27. – 30. Oktober 1923. Erste Theologische Prüfung Berlin „im Ganzen gut“ (eine schriftliche Arbeit hatte er über „die katholische Lehre vom Bußsakrament“ abzuliefern). Das Fach Philosophie hat er mit „nicht völlig genügend“ absolviert, deutsche Sprache: im Ganzen gut; Exegese des AT „im Ganzen gut“; Exegese des NT „im Ganzen gut“; Kirchen und Dogmengeschichte „bestanden“, Dogmatik und Symbolik „bestanden“, Ethik „bestanden“, Praktische Theologie „im ganzen gut“. „Der Kandidat hat sich zur zweiten Prüfung nicht vor dem 30. April 1925 und spätestens an dem 30. Oktober 1927 zu melden.“
1.12.1923 – 30.11.1924 Lehrvikar in Berlin-Friedenau bei Pfarrer Vetter. Dort bekommt er am 29. Dezember 1924 von seinem Lehrpastor ein handschriftliches Zeugnis. „Der cand. theol. Albrecht Neuberg aus Steglitz, Beymestr. 3 ist vom 1. Dezember 1923 bis 30. November 1924 Lehrvikar in Friedenau gewesen. Er wohnte bei seinen Eltern in Friedenau, kam aber jede Woche 5 mal, dann 4 mal, ….außer sonnabends zu mir“. „Cand. theol. Neuberg ist überdurchschnittlich begabt, dabei sehr fleißig und von großem Eifer….“
1.12.1924 – 15.5.1925 Mitarbeit im Evangelischen Pressverband
6. Juni 1925 „Zeugnis“ vom Evangelischen Pressverband für Deutschland e.V., für den ja auch Jochen Klepper in Breslau gearbeitet hat. Dort steht zu lesen: „Herr Vikar Neuberg war vom 1. Dezember 1924 bis 15. Mai 1925 im Evangelischen Pressverband für Deutschland tätig. Er sich überraschend schnell in die mancherlei Aufgaben kirchlicher Redaktionsarbeit eingelebt und insbesondere bei der Herausgabe der Berliner Beilage des „Evangelischen Deutschland“ wertvolle von uns dankbar geschätzte Hilfe geleistet. Sein Austritt erfolgte auf eigenen Wunsch zum Zwecke der Ableistung des 2. Theologischen Examens.“ Unterschrieben von Direktor Hinderer.
9.- 12. Januar 1926 Zweite Theologische Prüfung in Berlin „im Ganzen gut“. (Die Akte 35/5155 enthält alle Prüfungsarbeiten aus dem Ersten und Zweiten Theologischen Examen in handschriftlicher Form; das macht die Akte sehr umfänglich, ist aber im Zusammenhang wenig ergiebig.)
„Wir haben Ihre Berufung zum Inhaber der Pfarrstelle in Neuhardenberg[1], Kirchenkreis Müncheberg, bestätigt und Herrn Superintendenten Beckmann in Müncheberg mit Ihrer Einführung beauftragt. …..Abschrift der von dem Patronat unter dem 15. April 1928 ausgestellten Berufung liegt bei. Tunlichst bald nach Ihrem Dienstantritt wollen Sie sich Ihrem zuständigen Herrn Generalsuperintendenten persönlich vorstellen“
Als Gehalt bezieht er 391,67 RM monatlich (Grundgehalt jährlich 4700 RM).
12. Juni 1928 Heirat mit Herta Neuberg, geb. Gaedtke (geb. 1. 11. 1905).
23. 6. 1936Berufung in die Pfarrstelle Hohenschönhausen
21. April 1937 „Dem Evangelischen Konsistorium der Mark Brandenburg teile ich mit, daß ich eine Kriegsbeorderung für den 6. Mobilmachungstag vom Wehrbezirksamt Berlin-Weissensee erhalten habe. Heil Hitler! Neuberg“
30.5.1941 „Hierdurch zeige ich an, dass ich heute einen Einberufungsbefehl zum 7. Juni d. J. erhalten habe. Heil Hitler!“ Vertretung ist an Herrn Pfarrer Knick übertragen.
5.6.1941 „Hierdurch zeige ich an, dass mein am 8. Mai d. J. geborener Sohn Wolfgang am 24. Mai gestorben ist. Geburts- und Sterbeurkunde liegen bei. Bemerken darf ich, dass das Sterbedatum auf der Sterbeurkunde – 25. Mai – auf Grund eines Versehens des Paul-Reyher-Krankenhauses in Berlin-Weissensee nicht richtig ist. Zur Berichtigung des Sterbedatums soll ich demnächst vor das zuständige Standesamt geladen werden. Heil Hitler! Neuberg“
17. 12. 1942 Anzeige der Geburt einer Tochter Christa. Neuberg dient da als „Gefreiter Neuberg“ in Teltow bei Berlin. (Kopie).
Die Geburtsurkunde vom Standesamt Berlin-Wedding Nr. 6256 besagt: Christa Renate Neuberg ist am 4. Dezember 1942 in Berlin im Rudolf-Virchow-Krankenhause geboren. Vater: Pfarrer Emil Hugo Albrecht Neuberg, evangelisch; Mutter: Herta Viktoria Neuberg, geborene Gaedtke, evangelisch. Berlin, 8. Dezember 1942, der Standesbeamte. Gebühren bezahlt.
In der Akte ELAB 15/5156 findet sich ein weiterer Personalbogen, aus dem hervorgeht, daß Neuberg weitere Kinder hatte: 1. Brigitte * 12 November 1932 2. Gertraud *9. September 1936 3. Wolfgang * 8. Mai 1941; + 24. Mai 1941 4. Christa *4. Dezember 1942
Wehrdienst: 7. Juni 1941 bis 22. Juli 1945: Entlassung aus sowj. Kriegsgefangenschaft (eine für russische Verhältnisse sehr kurze Kriegsgefangenschaft!).
Neuberg tastet nach dem Kriege beim Konsistorium vor, ob er wieder als Pfarrer in Hohenschönhausen arbeiten könne, aber das Konsistorium bedeutet ihm, es sei wohl besser, wenn er sich woanders umsähe.
Schreiben 29. August 1945 Konsistorium an Pfarrer Neuberg in Blönsdorf Krs. Wittenberg „Wir übertragen Ihnen bis auf weiteres kommissarisch die Verwaltung der Pfarrstelle Niedergörsdorf (über Jüterbog 2). Tag des Dienstantritts soll 1. August 1946 sein.
24. Februar 1950 Brief Neuberg an Konsistorium „Als ich Ende Juli 1945 aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrte, stand ich vor der Tatsache, dass all mein äusseres Hab und Gut durch die Ereignisse der letzten Kriegstage in Berlin-Hohenschönhausen so gut wie vollständig verloren gegangen war[2]. Bei meinem Einzug in Kaltenborn wurde mir ein Schlafzimmer zur Verfügung gestellt. Nach der Währungsreform[3] musste ich dieses Schlafzimmer für 800 DM kaufen, da die bisherige Besitzerin Geld brauchte und es sonst anderweitig verkauft hätte. Die letzten Raten von 200 DM habe ich noch nicht bezahlt. Ausserdem habe ich in Jüterbog durch Vermittlung des Herrn Superintendenten und des Herrn Pfarrer Berzer alte, aber brauchbare Möbel kaufen können im Betrage von 490 DM, die teilweise auch noch nicht bezahlt sind. Natürlich bin ich jetzt nicht etwa luxuriös, sondern äusserst einfach eingerichtet. Jetzt wird in nächster Zeit der Fall eintreten, dass ich die wenigen Möbelstücke meines Amtszimmers, die von 1939 – 1946 unbenutzt und verkommend in einem Schuppen standen, kaufen muss. Die Möbelstücke, die ich vor der Währungsreform kaufen konnte, erwähne ich nicht. Alle diese Möbelkäufe nach der Währungsreform – bisher ca. 1300 DM – wollte ich gern mit meinem Gehalt bestreiten. Ich muss jetzt einsehen, dass das leider nicht geht und sehe mich daher genötigt, das Evangelische Konsistorium zu bitten, mir eine entsprechende Unterstützung gütigst gewähren zu wollen. Gehorsamst Neuberg, Pfarrer“. (Neuberg bekommt daraufhin 350 DM einmalige Beihilfe).
Am 6. Juni 1950 bekommt Neuberg eine neue Gehaltsbescheinigung, aus der hervorgeht, daß er nun 597,10 DM bekommt.
1. Januar 1952 Dienstantritt als Pfarrer einer Pfarrstelle in Bad Freienwalde/Oder, Kirchenkreis Bad Freienwalde.
21. April 1952 neue Gehaltsbescheinigung: 710 DM. Aus einer Erklärung gegenüber dem Konsistorium für das Rechnungsjahr 1952 (Kindergeld) geht hervor, daß Tochter Brigitte, (geb. 12. 11. 1932) seit 1. 10. 1950 am Seminar für kirchlichen Dienst in Dahme/Mark in Ausbildung ist.
Am 22. November 1952 fragt Neuberg beim Konsistorium an, ob er Beihilfe bekommen kann, denn: „Meine Frau und ich tragen sich mit dem Gedanken von einer Witwe aus einer meiner früheren Gemeinden, die 8 Kinder hat, von denen ich 3 konfirmiert habe, ein Kind in Pflege zu nehmen. Die 3 Mädchen dieser Witwe, die ich konfirmiert habe, wollen sämtlich Diakonisse oder Katechetin werden und wir möchten gern, daß wenigstens eines von diesen Kindern einige Jahre in einem evangelischen Pfarrhaus zubringt, bevor die eigentliche Ausbildung beginnt. …..Für den Fall, daß diese Pläne sich verdichten sollten, darf ich anfragen, ob mir dann auch für eins dieser Kinder Kinderbeihilfe und Lohnsteuerermäßigung zustehen würde……“ Das Konsistorium antwortet, die Voraussetzungen dafür seien „nicht gegeben“.
Neuberg wohnt 1952 in Bad Freienwalde, Uchtenhagenstraße 4/5
Dann taucht ein Zeitungsartikel in der Personalakte auf, der dem Konsistorium „zugesandt“ worden war, aus dem hervor geht, daß „Herr Pfarrer Neuberg“ kräftig geholfen habe, ein völlig verunkrautetes Rübenfeld wieder zu säubern. „Herr Pfarrer Neuberg aus Bad Freienwalde erklärte, daß es für ihn eine Selbstverständlichkeit war, die in Bedrängnis geratenen Staatsorgane durch seinen persönlichen Einsatz zu unterstützen[4]. Etwas unverständlich ist ihm jedoch die Zurückhaltung vieler Freienwalder Einwohner, von denen einige lieber einen Ausflug gemacht haben, als der Landwirtschaft in der Notlage zu helfen……..“ (im Konsistorium eingegangen am 14. Juli 1953)
Konsistorium an Neuberg in Bad Freienwalde: die Tochter Brigitte ist nun Katechetin und bekommt ab 1.9.1954 ein eigenes Gehalt, weshalb der Kinderzuschlag für sie entfällt
Im Januar 1955 beantragt er „zusätzlichen Urlaub“, den der Superintendent Dr. von Arnim genehmigt.
28.1.1955 Antrag des Konsistoriums auf eine „Erholungsmöglichkeit in einem Ihrer westdeutschen Heime“ an das „Hilfswerk der Evangelischen Kirche in Deutschland Hauptbüro Brandenburg zu Händen von Frau Dr. Urban, Berlin-Zehlendorf, Teltower Damm 93“ Es geht um Neuberg, der „vor Jahren eine inaktive Tbc durchgemacht“ habe und nun prophylaktisch eine 6-8wöchentliche Kur benötige.
1. Juli 1956 Der Bischof zu Greifswald (Krummacher) schreibt an den „lieben Bruder Scharf“ in Berlin: „….Nun macht mich Bruder Rieck auf einen Bruder Neuberg aus Bad Freienwalde aufmerksam, der in Ahlbeck als Kurpfarrer gewesen ist und vielleicht für das Pfarramt in Ahlbeck in Frage käme. Würden Sie mir freundlichst – zunächst vertraulich und persönlich – ein Urteil über Bruder Neuberg geben? …..“ Im Mai 1958 jedenfalls ist Neuberg immer noch in Bad Freienwalde und bittet um eine Urlaubsbeihilfe. Dann gibt’s eine anonyme Anzeige aus Bad Freienwalde gegen Pfarrer Neuberg. Das Konsistorium reagiert und bittet ihn zur Anhörung. Anwesend sind Rechtsanwalt Vogel als Untersuchungsführer und Frau Annemarie Brümmer als Protokollführerin. 24. Juni 1959: „Es erscheint gemäß Schreiben von 28. Mai 1959 Herr Superintendent Dietmar Voigt, Bad Freienwalde, und erklärt zu der anonymen Anzeige, soweit sie sich auf Pfarrer Albrecht Neuberg bezieht, folgendes: Mir ist seit geraumer Zeit bekannt, daß Pfarrer Neuberg gelegentlich zuviel Alkohol trinkt. Ich hab darüber schon im vergangenen Jahre mit Herrn OKR Dr. Fichtner gesprochen. Wir sind damals dahin übereingekommen, daß ich zunächst durch persönliche Vermahnungen versuchen sollte, Pfarrer Neuberg zu einem vernünftigen und pflichtgemäßen Verhalten zu veranlassen. Dies ist geschehen und ich habe auch feststellen können, daß nach zwei Gesprächen, die ich mit Pfarrer Neuberg wegen seines Alkoholgenusses geführt habe, eine wesentliche Besserung eintrat. Davon, daß Pfarrer Neuberg betrunken auf dem Marktplatz aufgefunden worden ist, weiß ich nichts. Ich werde versuchen, hierüber näheres zu erfahren. Richtig ist an der Anzeige, daß Pfarrer Neuberg auch bei einem Konfirmandenunterricht einmal angetrunken erschienen ist. Dies liegt aber bereits ein Jahr zurück und war mit Anlaß zu meinem Besuch bei Herrn OKR Dr. Fichtner. Sowohl die Amtsbrüder im Kirchenkreis als auch die Ältesten haben mich in dieser Sache mehrfach angesprochen, wir sind aber alle darüber einig gewesen, daß man zunächst versuchen sollte Pfarrer Neuberg durch persönliche Vorhaltungen auf einen rechten Weg zu bringen. Ich habe auch mit Frau Pfarrer Neuberg wegen der verschiedenen Vorkommnisse gesprochen; sie erklärte mir, daß ihr Mann den Alkoholgenuß übertreibe, weil er sich in seiner Amtsstellung nicht voll befriedigt fühle. Zu dem weiteren Inhalt des anonymen Schreibens, soweit er Vorwürfe gegen mich enthält, werde ich schriftlich Stellung nehmen. Pfarrer Neuberg wurde Abschrift des anonymen Schreibens ausgehändigt; er wurde gebeten, sofern möglich, Name und Anschrift der Absenderin festzustellen. Berlin 24. Juni 1959.
Seite 2 (Abschrift) „Es erscheint auf das Schreiben vom 28. Mai 1959 hin Herr Pfarrer Albrecht Neuberg und erklärt folgendes: Es trifft nicht zu, daß ich auf dem Marktplatz aufgelesen worden bin und betrunken nach Hause gebracht worden sei und zwar trifft das weder für Mai 1959 noch für einen anderen Zeitpunkt zu. Es ist richtig, daß ich manchmal Schnaps getrunken habe. Dies hielt ich für notwendig, weil ich mir in der Gefangenschaft eine Ruhrerkrankung zugezogen habe, an deren Folgen ich immer noch leide. Ich habe mich auch schon nach den Gesprächen mit Herrn Superintendent Voigt bemüht, jeden Alkoholmißbrauch zu vermeiden. Seit Erhalt des Schreibens vom 28. Mai 1959 habe ich mit Ausnahme eines Glases Wein überhaupt keinen Alkohol mehr getrunken. Unrichtig ist auch, daß ich vor Konfirmanden angetrunken erschienen bin, jedenfalls ist mir nicht bekannt, daß darüber Beschwerde geführt worden ist. Ich erlaube mir darauf hinzuweisen, daß man auch bei geringem Alkoholgenuß leicht den Eindruck erwecken kann, als ob man viel getrunken habe. Ich verspreche, in Zukunft jeden Alkoholmißbrauch während der Dienstzeit zu unterlassen. Berlin, den 24. Juni 1959“
Die Sache zieht sich jedenfalls über das Jahr 1959. Am 10. Juli 1959 schreibt Superintendent Voigt in der Sache nochmals an Rechtsanwalt Vogel, mit dem er am 24. 6. die Angelegenheit schon einmal „erörtert“ hatte.
Und am 11. August 1959 notiert das Konsistorium „In der Hauskonferenz am 10. August 1959 ist beschlossen worden, von weiteren Ermittlungen abzusehen. Die bisherigen Ermittlungen haben keinen hinreichenden Verdacht für einen disziplinaren Tatbestand ergeben. Es spricht aber viel dafür, daß Pfarrer Neuberg mehrfach zuviel Alkohol genossen hat. Es ist dementsprechend beschlossen worden, Pfarrer Neuberg nochmals vorzuladen und ihn ernstlich zu vermahnen, jeglichen Alkoholmißbrauch zu unterlassen, da sonst ein Disziplinarverfahren unvermeidlich wäre.“ Jedenfalls musste Neuberg nochmal in der Jebensstraße am Montag, dem 24. August 1959 in der Suff-Angelegenheit antanzen.
Mit Datum 11. März 1965 ist vom Evangelischen Konsistorium Berlin-Brandenburg in einem Schreiben an den Gemeindekirchenrat des Pfarrsprengels Bad Freienwalde zu erfahren:
„Wir haben Herrn Pfarrer Albrecht Neuberg auf Grund von § 59 Abs. 1 des Pfarrerdienstgesetzes[5] vom 11. 11. 1960 zum 30. Juni 1965 in den Ruhestand versetzt. Hinsichtlich der Wiederbesetzung der Pfarrstelle ergeht zu gegebener Zeit besondere Verfügung“.
Eine letzte Aktennotiz des Konsistoriums Berlin-Brandenburg vom 16. Februar 1971 „Betr. Pfarrer i.R. Albrecht Neuberg, 1501 Elsholz (bei Beelitz) Zur dortigen Information teilen wir mit, daß der Obengenannte im Februar dieses Jahres verstorben ist. Seine hinterbliebene Ehefrau Herta Neuberg erhält von uns ab 1. März 1971 Witwengeld.“
Soweit die personenbezogenen Daten, die sich aus der Akte ELAB 35/5155 zu Pastor Neuberg ergeben. Die Daten zu „Deutschen Christen“, „NSDAP“ etc. werden nach und nach ergänzt, soweit sie aktenkundig sind. Anmerkung: Ein „Entnazifizierungsverfahren“ – nach kirchlichem Sprachgebrauch ein Kammerspruchverfahren – hat es nach dem Krieg gegen Neuberg nicht gegeben, jedenfalls kennen die erhalten gebliebenen Akten der Spruchkammerverfahren den Namen „Neuberg“ nicht. Offenbar hat es der Kirchenleitung genügt, ihn in eine entfernte Pfarrstelle zu versetzen. In einem späteren Arbeitsgang will ich diese Daten mit den bereits ermittelten Daten aus dem Schriftwechsel der Kirchgemeinde Hohenschönhausen mit dem Konsistorium ergänzen und sie auch in den allgemeinen politischen Kontext jener Jahre stellen, damit sich so, Arbeitsgang für Arbeitsgang, allmählich ein Gesamtbild der gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Gegebenheiten in Hohenschönhausen in den Jahren 1933 – 1945 ergeben kann. Für diese Arbeitsweise habe ich mich entschieden, damit Leserinnen und Leser mit hoher Transparenz sehen können, wie ich vorgehe. Für Anregungen und Kommentare bin ich immer dankbar, dafür ist ein e-mail-Kontakt im blog eingerichtet.
[1] Der Patron der Pfarrstelle Neuhardenberg, Carl-Hans Graf von Hardenberg, wird schon bald versuchen, Neuberg wieder loszuwerden. Die eng nationalsozialistische Gesinnung des Pastors gefällt ihm nicht – Neuberg kommt nach Hohenschönhausen. Vgl. dazu https://www.academia.edu/8593812/ein_deutscher_Christ_in_Lichtenberg?fbclid=IwAR2FGu98HFtRl8XVMZL10XelnBXGMPw_VAr1d2fwAuGHmrmSC5sDN9bo2LA und weil Neuberg „vom nationalsozialistischen Gedankengut stark geprägt war“ (Horst Mühleisen, Patrioten im Widerstand. Carl-Hans Graf von Hardenbergs Erlebnisbericht, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 41, 1993, 419-477, 424); siehe auch: Klaus Gerbet, Carl-Hans Graf von Hardenberg, 1993, 41. EvDR 5, 18.19.1936 [9].
[2] Das Haus in der Hauptstraße 39 war aber intakt, was da „verloren gegangen“ sein könnte, muss genauer recherchiert werden. Offenbar hatte er z.B. die Möbel seines Amtszimmer „in einem Schuppen untergestellt“.
Am 30. 1. 1933 war Hitler Reichskanzler geworden. In großer Eile gingen die Nazis daran, demokratisch gewählte Vertretungen (Gewerkschaften, Parteien etc.) entweder zu verbieten, ihre Funktionäre in Gefängnisse und KZs zu stecken – oder sie „gleichzuschalten“. Das betraf auch die Evangelische Kirche. Durch Erlaß des „Staatskommissars“ für Kirchenfragen (August Jäger) vom 25. Juni 1933 galten die kirchlichen, demokratisch gewählten Körperschaften wie die Gemeindekirchenräte als „aufgelöst“, wie das folgende Dokument auch für Hohenschönhausen zeigt:
Quelle: Evangelisches Gemeindeblatt vom 1. Juli 1933 für Hohenschönhausen; aufbewahrt im Stadtmuseum Lichtenberg
Pastor Dr. Kurth bestellte den Land- und Amtsgerichtsrat Dr. Bork und den Diplomingenieur Dierstein mit in die Leitung der Kirchgemeinde, bis die „Körperschaften neu gewählt“ sein würden. Sowohl mit Dr. Bork – mit dem besonders – als auch mit Herrn Dierstein hat Dr. Kurth schwerste Auseinandersetzungen geführt. Beide Herren setzten alles daran, Dr. Kurth „loszuwerden“, aber dazu kommen wir noch ausführlicher in einem späteren Beitrag. Am 28. Juli 1933 werden die kirchlichen Körperschaften neu „gewählt“. Von freien Wahlen konnte allerdings überhaupt gar keine Rede sein, sogar Hitler selbsthatte noch am Vorabend der Wahlen über den Rundfunk zugunsten der „Deutschen Christen“ gesprochen. Entsprechend gingen diese „Wahlen“ aus: in Hohenschönhausen setzten sich die nationalsozialistisch gesinnten „Deutschen Christen“ zu 100% durch. Im evangelischen Gemeindeblatt heißt es lapidar: „Kampflos ist in unserem Ort die Kirchenwahl verlaufen. Bereits bei der vorigen Wahl hatte die Glaubensbewegung „Deutsche Christen“ die absolute Mehrheit erhalten…….“
Quelle: evangelisches Gemeindeblatt für Hohenschönhausen, 1. 7. 1933, Stadtmuseum Lichtenberg. Für unsere Untersuchungen sind nun die Namen der „Gewählten“ interessant. Zwei Gremien waren zu bestimmen: der „Gemeindekirchenrat„, also der eigentliche, innere Kern der Gemeindeleitung und zusätzlich die „Gemeindeverordneten„, die eine breite „Absicherung“ der Kirchgemeinde in der Gesamtgesellschaft in Hohenschönhausen sicherstellten. Zum engeren Leitungskreis um Pastor Dr. Kurth gehörten nun (allesamt „D.C.“) 1. Fritz Dierstein 2. Friedrich Hagen 3. Hannes Haak 4. Dr. Günther Bork 5. Fritz Koch 6. Emil Briesemeister 7. Johannes Moll 8. Heinrich Haehn 9. Hugo Trembinski 10. Johannes Leutke 11. Wilhelm Müller 12. Curt Papsdorf Von den Gemeindevertretern will ich die Nr. 21 hervorheben: RichardVahlberg. Das war der Ortsgruppenleiter der NSDAP in Hohenschönhausen. Vahlberg gehörte zu den „alten Kämpfern“ um Adolf Hitler. Er war schon 1931 „Sektionsleiter“ der NSDAP in Hohenschönhausen, wie das folgende Dokument nachweist: (Auszug aus der „Geschichte der NSDAP in Weißensee“. Aus der Festschrift zu 700 Jahre Weißensee im Jahre 1937, S. 97)
Nr. 25 unter den neu bestimmten „Gemeindevertretern“ findet sich Willi Hausen, war „Gemeindegruppenleiter der Deutschen Christen“, wie aus folgendem Dokument hervorgeht, auf das wir noch gesondert zu sprechen kommen: es handelt sich dabei um eine „Unterschriftenliste“, die Dr. Bork, ein Intimfeind von Pastor Dr. Kurth, im Jahre 1935 gegen den Pastor gesammelt hat, um seine Versetzung in den Ruhestand zu erzwingen. (Quelle: Kirchliches Zentralarchiv ELAB 14/5222)
Im nächsten Blog-Beitrag will ich etwas näher auf die „gesellschaftlichen Verhältnisse“ im Hohenschönhausen jener Jahre eingehen, weil sie für das Verständnis der vorliegenden Dokumente notwendig sind.
Kirchengeschichte ist Teil der allgemeinen Geschichtsschreibung. Will man die Geschichte eines ehemaligen Dorfes im ehemaligen Landkreis Barnim in den Jahren zwischen 1933 und 1934 erkunden, muss man sich mit den Ereignissen in der evangelischen Kirchgemeinde befassen, denn sie waren wesentlicher Teil der Ereignisse im Dorf. Die Kirchgemeinde hatte in jenen Jahren immer noch großen Einfluss und es war nicht unerheblich für das gesamte Dorf Hohenschönhausen (seit 1920 Teil Berlins), wie der Pastor und der Gemeindekirchenrat dachten und sich verhielten. Umgekehrt ist die Darstellung der Verhältnisse in der evangelischen Kirchgemeinde auch Spiegelbild der allgemeinen Verhältnisse im ehemaligen barnimschen Dorf Hohenschönhausen, das 1933 seit 13 Jahren zu Berlin gehörte. Wesentlich waren in den zu beschreibenden Jahren zwei Pastoren: Dr. Julius Kurth und Pfarrer Albrecht Neuberg. Julius Kurth (von 1910 bis 1935 Pastor in Hohenschönhausen) gehörte seit 1933 zu den „Deutschen Christen“, Albrecht Neuberg (1936 – 1945 Pastor in Hohenschönhausen) galt im Urteil von Gemeindegliedern, mit denen ich Anfang der zwanziger Jahre unseres Jahrhunderts sprechen konnte, zu den „scharfen NS-Unterstützern.“ Wir werden uns im Folgenden mit beiden Pastoren, aber auch mit dem Gemeindekirchenrat und den kirchlichen Gruppen innerhalb der Gemeinde beschäftigen und versuchen, möglichst exakte Dokumente beizufügen. Wichtigste Quelle sind bislang die Unterlagen über die Kirchgemeinde im Zentralarchiv der Landeskirche und im Lichtenberger Stadtmuseum. Beginnen wir mit den Pastoren und ihren Porträts. Beide sind in der Sakristei der Tabor-Kirche aufbewahrt.
Dr. Julius Kurth war ein national gesinnter, konservativ eingestellter Privatgelehrter, der sich mit Fragen antiker Kunst bestens auskannte und dazu auch publiziert hat. Grosse-Leege hatte ihn – in seiner Eigenschaft als Patron der Kirchgemeinde – noch berufen.
Kurth ging mit einem Riesenkrach aus der Gemeinde Hohenschönhausen in Pension. Lange Jahre schon gab es Intrigen gegen ihn, er hat das Konsistorium – also seine vorgesetzte kirchenleitende Behörde – mehrfach schriftlich „um Schutz“ gebeten. In seinen letzten Berufs-Jahren 1933 – 1935 waren es vor allem Nationalsozialisten im Gemeindekirchenrat, die ihn „weghaben“ wollten, obwohl er zu den „Deutschen Christen“ gehörte, der hitlertreuen Mehrheit der Berliner Pastoren also. Allen voran ein Dr. Bork, der damals im Rathaus Hohenschönhausen wohnte. Aber auch der Ortsgruppenchef der NSDAP, Vahlberg, war Mitglied im Gemeindekirchenrat und arbeitete gegen Dr. Kurth. Wir werden dem im Einzelnen noch nachgehen. Zum Gemeindekirchenrat lässt sich sagen: er war schon im Sommer 1933 zu 100% deutsch-christlich, also „hitlertreu“. Allerdings muss man auch da genauer hinschauen. Das werden wir anhand der Dokumente tun. Der Ortsteil Berlins, um den es geht, war allgemein-politisch eher links: Kommunisten und Sozialdemokraten stellten bis 1933 die Mehrheiten. Das änderte sich allerdings mit der „Machtergreifung“ schlagartig. Ähnlich wie im „roten Wedding“ wurde, was ehemals „rot“ war, überraschend schnell „braun“. Die Rolle der Kirche dabei war nicht unerheblich. Denn man sprach im Dorf über das Verhalten, die Veröffentlichungen und auch die Predigten des Pastors und die Ereignisse im Gemeindekirchenrat. Das oben als Header eingefügte Titelbild stammt aus dem Jahre 1944. Ich habe es dem Band „1945. Nun hat der Krieg ein Ende. Erinnerungen aus Hohenschönhausen“, zusammengestellt und eingeleitet von Thomas Friedrich und Monika Hansch, herausgegeben vom Museum Hohenschönhausen 1995, auf Seite 145 entnommen. Die nächsten Texte zum Thema werden unter der Kategorie „Hohenschönhausen zwischen 1933 und 1945“ zu finden sein. Zeitgleich lege ich die Beiträge auf der dafür eingerichteten facebook-Projektseite ab.