Das Manuskript stammt vom jüdischen Autor Salamon Dembitzer. Dr. Robert Kreibich hat es bei Recherchen über jüdische Spuren zwischen Bansin und Swinemünde eher als „Beifang“, wie er sagt, im Archiv vom Leo-Baeck-Institut gefunden.
Da sich bislang kein Nachfahre fand, der Rechte an dem Buch geltend machen konnte, hat die Evangelische Kirchgemeinde in Gestalt ihres Pastors Dr. Christian Pieritz und mit freundlicher Unterstützung vom Menzel-Verlag Kühlungsborn 90 Jahre nach dem Entstehen des Manuskripts die Initiative ergriffen und das Buch herausgebracht. Es ist in mehrfacher Hinsicht empfehlenswert: zunächst literarisch. Dembitzer versteht es, seine Zeitgenossen vom Strand in Bansin im Jahre 1932 präzise zu zeichnen. Es ist eine durchaus vergnügliche Lektüre über das Badeleben in Bansin und Heringsdorf Anfang der Dreißiger Jahre. Dembitzer hat ein ungewöhnliches Leben gelebt, über das im Anhang des Buches Auskunft gegeben wird: „Salomon Dembitzer, der 1964 in Lugano/Schweiz starb, war …. ein eigenwilliger, kompromissloser Individualist, weitgehend Autodidakt, ein scharfsinniger Psychologe und ein immer mitleidender Mensch. Bereits mit 16 Jahren begann er seine literarische Laufbahn in Kassel. … Seine Gedichte hatten großen Erfolg, sie erschienen vor und nach dem Ersten Weltkrieg in vielen jüdischen und deutschen Zeitungen und der spätere deutsche Reichskanzler Philipp Scheidemann, der zu dieser Zeit Chefredakteur des „Kasseler Volksblatt“ war, nahm sich des jungen Dichters an, der auch den „Dichterpreis der Stadt Kassel“ erhielt. Dembitzer konnte noch rechtzeitig vor den Nationalsozialisten aus Deutschland fliehen. Er ging zuerst nach Holland, dann nach Belgien, dann nach Portugal, nach New York (Anfang 1941). In den fünfziger Jahren erschienen zwei Romane in Australien, einer davon „Die Flucht der Juden aus Europa“ (Arbeitstitel) dürfte eines der allerersten Werke über dieses Thema sein. Dr. Herbert V. Evatt, ehemaliger australischer Außenminister und Vorsitzender der ersten Generalversammlung der UNO (1947) schrieb das Vorwort. Dembitzer starb 1964 in der Schweiz.
Wir sehen: es lohnt sich, sich mit Dembitzer zu beschäftigen, denn sein Leben zeigt die Folgen der Wirrnisse des Zwanzigsten Jahrhunderts wie in einem Brennglas.
Das Buch, um das es hier geht, „Sommergäste in Heringsdorf 1932“ ist noch in anderer Hinsicht interessant. Der Heringsdorfer Ortschronist Heinrich Karstaedt-Drews hat interessantes fotografisches Material zu jener Zeit in Heringsdorf beigesteuert. Wer also auch fotografisch dokumentiert sehen will, wie es zuging in Heringsdorf ein Jahr vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, wird im Büchlein ebenfalls fündig.
Man bekommt das Buch von Salamon Dembitzer „Sommergäste in Heringsdorf 1932“ unter der ISBN 978-3-946694-07-3 im Buchhandel oder bei der Evangelischen Kirchgemeinde Heringsdorf/Bansin.
Die letzte PISA-Studie hat gezeigt: die Lesekompetenz deutscher Schülerinnen und Schüler hat weiter nachgelassen. Wer aber nicht richtig lesen kann – und versteht, was er liest – der ist im Nachteil in allen anderen Bereichen. Lesen ist eine ganz zentrale „Grundkompetenz“. Wenn es da hapert, hapert es woanders auch.
Weshalb ich mich bei den Berliner Lesepaten gemeldet habe, um ein wenig zu helfen, daß Kinder, denen das Lesen aus verschiedensten Gründen nicht leicht fällt, Unterstützung bekommen. Der Kontakt kam – via Email – sehr schnell zustande, noch vor Weihnachten hatte ich das Große Polizeiliche Führungszeugnis im Briefkasten (man beantragt es beim Bürgeramt, die Kosten für die Lesepaten übernimmt das Amt), eine für mich passende Schule war ausgewählt und ein erster Kontakt zur Schule hergestellt.
Heute nun war ich zum ersten Mal in der Feldmark-Schule im Norden Lichtenbergs im ehemaligen barnimschen Dörfchen Falkenberg, das mittlerweile ein gewaltiges Neubaugebiet geworden ist. Hochhäuser, Neubaublocks, wohin man schaut, ich kann bequem mit der Straßenbahn dorthin fahren.
Die Feldmark-Schule liegt nicht mitten im Wohngebiet, sondern recht hübsch ganz am Rand der Falkenberger Krugwiesen, einem Naturschutzgebiet am Rande der Stadt. Man kann von hier aus sehr angenehm mit dem Rade nach Brandenburg hinein radeln, der Barnim beginnt hier und die Uckermark ist auch nicht weit.
Frau Schock ist an der Feldmark-Grundschule die Koordinatorin für die Berliner Lesepaten, sie war vor Jahren als Journalistin u.a. für die „Deutsche Welle“ unterwegs, wollte dann aber, wie sie mir sagte, „nochmal etwas Sinnvolles tun“ und hat sich als Seiteneinsteigerin für den Schuldienst gemeldet. Jetzt kümmert sie sich um die Lese-Paten. Ich frage sie, wie eine Schule an die Paten „herankommt“. „Das ist gar nicht so einfach“ sagt sie, „die Schule muss sich bewerben und der Bedarf ist sehr viel größer, als er im Moment gedeckt werden kann. Sie werden bald merken, was los ist.“
Das gilt auch für die Feldmark-Schule. Im Moment helfen drei Lese-Paten (jeweils für mehrere Kinder) – aber: „Wir könnten sehr viel mehr gebrauchen“, sagt Frau Schock.
Ich verabrede mit ihr, über meine Erfahrungen mit der Lese-Patenschaft zu schreiben. Damit noch andere ermutigt werden, „nochmal etwas Sinnvolles zu tun“ – und Lesepate werden. Für mich geht es am kommenden Dienstag los. Ich werde drei Kinder aus einer Zweiten und einer Dritten Klasse kennenlernen. Und dann schauen wir mal, ob wir gemeinsam was Gutes gebacken bekommen.
Übrigens: wer Lesepate werden möchte – zum Beispiel an der Feldmark-Grundschule in Falkenberg, der kann sich – über die Homepage der Schule – direkt an Frau Schock wenden. Sie regelt dann alles Weitere.
Ihr Programm „Der Klang der Erde ist Friede“ hatte sie zuletzt im November 2022 im Naumburger Dom aufgeführt. Als ich Veronika Otto anrief, fragte ich gleich, ob das denn hinzukriegen wäre mit der Akustik, der Naumburger Dom habe doch nun mal eine ziemlich andere Akustik als unser Musikzimmer. „Ach, das kriege ich hin“, war ihre fröhliche Antwort, „ich spiele ja nicht linear, sondern ich kreire Klang-Räume. Das klappt auch in Deinem Musikzimmer.“ Na, ich war neugierig. Und dann kam sie, bepackt mit ihren Instrumenten. Cello, mongolische Pferdekopfgeige und kasachisches Kobyz. Veronika Otto ist ausgebildete Cellistin, seit 1995 selbständig. Wenn sie spielt, spielt sie nicht irgendein „ein Stück“, sondern sie selbst tritt sofort als Person in den Raum. Sie spielt. Sie spielt nicht nach Noten (das kann sie selbstverständlich), sondern sie spielt mit Naturtönen.
Dafür sind Cello, Pferdekopfgeige und Kobyz ideale Instrumente, denn es sind „singende Instrumente“. Das Spiel mit den Naturtönen – zum Beispiel mit dem „Klang der Erde“, einem Ton, der unserem „G“ sehr nahe kommt – setzt sich fort im Obertongesang.
Veronika Otto begann ihren Abend mit einem Lied, genauer, mit einem gesungenen Gedicht aus dem Jahre 1915
„Lied der Mütter gegen den Krieg“
Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen,
Ich zog ihn auf als Stolz und Freude meiner alten Tage.
Wer wagt es, ihm die Waffe in die Hand zu drücken,
Damit er einer andern Mutter teures Kind erschiesst?
Es ist die höchste Zeit, die Waffen fortzuwerfen.
Es könnte niemals einen Krieg mehr geben,
Wenn alle Mütter in die Welt es schreien würden:
Ich habe meinen Sohn zum Krieger nicht erzogen!
Zum Hintergrund dieses Liedes weiß man: es war in Amerika aufgekommen (I didn’t raise my boy to be a soldier). Am 23. Februar 1915 wurde es in der Wiener Zeitung „Neue Freie Presse“ abgedruckt. Die erklärende Notiz dazu lautete: „Das Lied der Mütter gegen den Krieg. In New York wird jetzt in allen Varietés, Musikhallen, auf der Strasse und im Salon ein Protestlied gegen den Krieg gesungen, das in deutscher Übersetzung lautet…“
In seiner Nummer vom 2. März 1915 druckte der Brünner „Volksfreund die Notiz ab. Aus dem Brünner Blatt übernahm sie die „Volkswacht“ in Mährisch-Schönberg in ihre Nummer vom 5. März. Die Notiz wurde nirgendwo beanstandet. Der Beamte der Bezirkskrankenkasse Freiwalden, Karl Langer, schrieb das Gedicht ab, machte auf der Schreibmaschine acht bis zehn Abzüge, von denen er an Frauen, die in die Bezirkskrankenkasse kamen, einige verteilte.
Die Behörde erfuhr davon. Karl Langer wurde sofort verhaftet und wegen Verbrechens der Störung der öffentlichen Ruhe vor das Landwehrdivisionsgericht Krakau in Mährisch-Ostrau gestellt. Nach diesem Paragraphen macht sich der Störung der öffentlichen Ruhe schuldig, wer „zum Ungehorsam, zur Auflehnung oder zum Widerstande gegen Gesetze, Verordnungen (…) auffordert, aneifert oder zu verleiten sucht.“ Das Landwehrdivisionsgericht erkannte Langer für schuldig und verurteilte ihn zur Strafe des Todes durch den Strang! Im Gnadenweg wurde vom zuständigen Kommandanten die Strafe auf fünf Jahre schweren Kerkers herabgesetzt. (Wiener Arbeiterzeitung vom 26. Mai 1917.) Dies Zeitzeugnis fand sich im Band: „So war der Krieg! Ein pazifistisches Lesebuch“ Herausgegeben von S. D. Steinberg, Raschers Jugendbücher, Band 5, Zürich 1919.“
Damit war der „Rahmen“ für den Abend gesetzt, denn Veronika Ottos Stück „Der Klang der Erde ist Friede“ entstand, als der Ukraine-Krieg begann. Ihre innere Frage lautete in jenen Tagen: „Gibt es denn angesichts von immer neuen Kriegen und Konflikten nicht etwas, das alle Menschen eint?“ Ihre Antwort als Musikerin: es ist der Klang der Erde. Denn die rotierende Erde (eine Rotation ist nichts anderes als eine Schwingung) kann man hörbar machen. Wenn man die ursprüngliche Schwingung mehrfach oktaviert, wird sie hörbar. Es erklingt beinahe exakt ein Ton, den wir „G“ nennen. Die Erdbewohner „baden“ sozusagen – ohne dass ihnen das bewusst wäre – in einem Klang, im Ton „G“ nämlich. Der Jazz-Musiker Joachim-Ernst Berendt hat auf diese Zusammenhänge ebenfalls hingewiesen. Das Stück „Der Klang der Erde ist Friede“ ist deshalb und konsequenterweise eine Improvisation über den Ton G, vorgetragen auf dem Cello.
Die Hörerfahrung – von vielen Teilnehmern des Abends bestätigt – war: diese Musik „packt sofort zu“. Man kann sich ihr gar nicht entziehen. Und, es geht eine starke Ruhe von ihr aus, selbst im ersten Satz, der ja eher unruhig beginnt. Diese Hörerfahrung unterscheidet sich fundamental von der Hörerfahrung in einem „normalen“ Konzertsaal. Eben, weil da nicht „ein Stück“ vorgetragen wird, sondern weil da ein „Klangraum“ ganz neu entsteht, der nicht in Noten notiert ist, sondern spontan und im Augenblick entwickelt wird, besser noch: sich entfaltet.
Verstärkt wurde diese neue Hörerfahrung nach dem Vortrag von „Der Klang der Erde ist Friede“, als Veronika die Mongolische Pferdekopfgeige und dann das kasachische Kobyz zur Hand nahm, beides auch Streichinstrumente mit einem unglaublich wirkungsvollen Klang-Raum, obwohl beide Instrumente nur zwei Saiten haben. Die Bögen sind aus Pferdehaar gefertigt und so gespannt, dass der Spielende die Spannung des Bogens mit dem Daumen feinsteuern kann. Ergänzt wird das alles durch begleitenden Oberton-Gesang.
Wir haben hinterher geredet. Wir hatten Gäste aus der Ukraine und Italien, Musiker von der Komischen Oper Berlin waren da, ein interessiertes Völkchen hatte sich da bei uns im Musikzimmer versammelt und berichtete von ihren Hörerfahrungen mit der Musik von Veronika Otto. Es gab sehr sehr viel Zustimmung und Be-Geisterung (das Wort wird ihr gefallen).
Wer sich einmal auf ein „ganz anderes“ Hör-Erlebnis einlassen will, wer einmal einen „erfrischend anderen Konzertabend“ erleben will, wie sich eine Französisch-Lehrerin nach dem Abend in einer Mail an uns ausdrückte, dem sei Veronika Otto empfohlen. Man erreicht sie über ihre Homepage oder über Ihre Mail: ottonica@gmx.de
Musik erschließt sich manchmal nicht allein durch Hören, besser noch, durch vorbereitetes Hören, sondern auch durch persönliche Kontakte. Wenn man – wie im vorliegenden Falle – den Bratschisten des anstehenden Konzertes aus früheren Begegnungen kennt, dann ist man – mir jedenfalls geht es so – neugieriger auf den Abend, als bei einem anderen Konzertbesuch. Das gilt besonders in diesem Falle, denn zu hören war am 16.1.2023 im Foyer der Komischen Oper Berlin Musik von Rezö Kokai (1906-1962); Juro Metsk (1954-2022) und Paul Hindemith (1895-1963). Zu meiner Schande muss ich gestehen, daß ich die zeitgenössische Musik nur äußerst lückenhaft kenne, „kurz hinter Hindemith“ hört die genauere Kenntnis schon auf, insofern war der Abend auch ein gutes Stück Erkenntnisgewinn.
Fünf Musikerinnen und Musiker, allesamt aus dem Orchester der Komischen Oper Berlin hatten sich für dieses Konzert zusammengetan. Zu hören waren: Violine: Daniela Braun (im Bild ganz links) und Anastasia Tsvetkova (ehemals Kiew) (im Bild in der Mitte); Martin Flade, Viola (zweiter von rechts)(Spezialist für Neue Musik); Rebekka Markowski, Violoncello (zweite von links); Sebastian Lehne, Klarinette, (rechts im Titelfoto).
Martin Flade hatte uns bei einem Privatbesuch von dem bevorstehenden Konzert erzählt und damit war klar, daß wir kommen würden. Eine freundliche, beinahe heitere Atmosphäre vor Beginn des Konzerts oben im Foyer, man versorgte sich mit einer Kleinigkeit an Getränken und studierte schon mal den kleinen Programm-Flyer. Dann begann es mit dem Qartettino für Klarinette und Streichtrio von Retsö Kokai. Juro Metsk folgte. Martin Flade hatte eine hilfreiche kleine Einführung gegeben. Vieles wäre zum Gehörten zu sagen, ich will mich auf eines beschränken, das mich besonders berührt hat.
Der sehr langsame zweite Satz aus dem Klarinettenquintett op. 30 von Paul Hindemith, den man hier in einer anderen Aufnahme ab Minute 7.17 hören kann, hat mich – und, wie sich später zeigte auch andere -, besonders „angesprochen“. Das Stück wurde 1923 fertig und zum ersten mal aufgeführt – ein Jubiläum also. 100 Jahre opus 30 von Hindemith. 100 Jahre alte Musik – aber sie klingt in unseren von seltsamen Hörgewohnheiten übertölpelten Ohren immer noch „modern“, obwohl diese Musik inzwischen schon zu den klassischen Stücken der Musik nach der Jahrhundertwende gehört. Was also ist los mit unseren Hörgewohnheiten? Wollen oder können wir nicht wahrnehmen, was da seit der Jahrhundertwende im Reich der Musik vor sich gegangen ist? 1923. Der Erste Weltkrieg war erst vor Kurzem mit der Kapitulation der Deutschen zu Ende gegangen, Millionen von toten Menschen waren zu beklagen; in der jungen Weimarer Republik grassierte eine Hyperinflation. Von den „Goldenen Zwanzigern“ konnte nur reden, wer Dollars hatte. Die Not war groß im Lande. Und dann diese Klänge. Wer genau hört, kann das alles hören: den Krieg, die Not, die Klage. Und – die kommenden Braunen Horden. 10 Jahre später wird Hitler ´mit Hilfe konservativer politischer Kräfte die Macht an sich reißen.
Musik als Ausdruck der Zeit; als Verarbeitung von Erlebtem und Vorahnung von Kommendem. Joachim-Ernst Behrendt hat vor langen Jahren für den WDR Musikstücke großer Komponisten unter dem Fokus „Das Wunder des Spätwerks“ besprochen und ist der Frage nachgegangen, „was die Großen Meister wohl hören mögen“, wenn sie ihre Stücke, insbesondere letzte Stücke schreiben. Nach dem Ersten Krieg war die Musiziererei im „alten Stil“ für Männer wie Hindemith, Berg, Schönberg, für die Musiker der Zweiten Wiener Schule zerbrochen; tanzte man in der Jahrhundertwende noch nach dem Klang riesiger Orchester Walzer – dann hört man nun bei Hindemith zwar auch noch „Walzer“ – aber eben zerbrochene, in Klangstücke zerborstene. Die Katastrophe des Weltkrieges hatte zertrümmert, was da war, man musste neu beginnen. Nicht nur in der Literatur und Malerei, auch in der Musik. Langsam tastete man sich vor, probierte aus, suchte nach dem passenden Klang, der in der Lage war auszudrücken, was zu sagen war.
Nach dem Konzert saßen wir zusammen. Unten im Casino der Komischen Oper. Und ich hatte Gelegenheit, Fragen zu stellen. Ich wollte mehr wissen von diesem Hindemith und erfuhr: Hindemith war Militärmusiker als Soldat. Er hat unter anderem in Lazaretten gespielt. Er hat sehr genau gesehen, was da geschehen war. Er sah die Männer ohne Beine; die amputierten Arme; er sah die sterbenden jungen Männer, wie sie im Buch „Im Westen nichts Neues“ eindrücklich beschrieben worden sind. Alle diese Bilder und Eindrücke hat er in sich aufgenommen und „zur Sprache gebracht“. Zu seiner Sprache, der Sprache der Musik.
Ich hab den fünf Musikerinnen und Musikern sehr zu danken für den Abend. Mit dem einen oder anderen sind wir nun verabredet und sehen uns hoffentlich wieder. Es ist noch viel zu lernen über die „neue Musik“. Denn eine Frage drängte sich nach dem Abend ja geradezu auf: Wenn Männer wie Hindemith, Kokai und Metsk versucht haben, ihre jeweilige Zeit-Erfahrung in ihre persönliche Klang-Sprache zu bringen – wie klingt dann eigentlich unsere jetzige Zeit? Wie klingt denn das Jahr 2023 – hundert Jahre nach opus 30 von Paul Hindemith?
Es ist schön in Bansin und in diesem Jahr wollten wir uns mal wieder etwas ausführlicher mit dem wohl berühmtesten Sohn des kleinen Ortes, Hans Werner Richter, befassen, weshalb wir uns ausgiebig mit ihm sowohl im kleinen Museum im „Hans Werner Richter Haus“ (einem ehemaligen Haus der Feuerwehr) als auch mit seinen Büchern beschäftigen, insbesondere mit denen über die von ihm geleitete „Gruppe 47“, zu der so wichtige Autoren wie Günter Grass, Johannes Bobrowski, Ingeborg Bachmann, Walter Jens und viele andere gehörten, die für die literarischen Neuanfänge nach dem Ende des Hitlerschen „Reiches“ so ungemein wichtig geworden sind.
Hans Werner Richter hat in seinen autobiografischen Büchern (etwa in „Spuren im Sand“, auch in „Geschichten aus Bansin“ und „Die Stunde der falschen Triumphe“) nachdrücklich aufgezeigt, wo er politisch stand. Eher im „linken Milieu“, der Sozialdemokratie nahestehend, heute würde man vielleicht etikettieren „links-liberal“. Richter hat sich mit der Gründung der „Gruppe 47“ sehr um die deutsche Literatur-Sprache verdient gemacht, denn diese Sprache war nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weitgehend zerstört. Worte wie „Treue“, „Vaterland“, „Gehorsam“, „Heimat“, „Volk“ etc. waren unbrauchbar geworden, es galt, neu zu beginnen, weshalb bei den Treffen der „Gruppe 47“ vor allem scharfe Wort-Kritik geübt wurde. Der Nachkriegs-Literatur hat das sehr gut getan.
Hans Werner Richter starb zwar in München, liegt aber – seinem Wunsch entsprechend – in Bansin begraben. Wir haben ihn besucht; auch das Haus, in dem er mit seiner Familie ab 1908 gelebt hat, „Villa Paula“ in der Seestraße 68 in Bansin, wollten wir sehen. Heute beherbergt das Haus eine Buchhandlung.
Seestraße 68 in Bansin. Hier hat Hans Werner Richter mit seiner Familie lange Jahre gewohnt.
Um das Haus auch von innen sehen zu können, mussten wir bis zum nächsten Tage warten, da war die Buchhandlung geöffnet. Was ich vorfand, hat mich erschreckt: sehr prominent, gleich unter Büchern zur „Gruppe 47“ präsentiert, der Kopp-Verlag. Der nun gehört zu den umstrittensten Verlagen überhaupt, DeutschlandradioKultur hat mehrfach umfänglich recherchiert und gesendet, u.a. in dem hier verlinkten Beitrag. Selbst Wikipedia widmet sich dem Verlag überaus kritisch. Man kann erfahren, der Verlag führe „rechtsesoterische, grenz- und pseudowissenschaftliche, verschwörungstheoretische sowie rechtspopulistische und rechtsextreme Titel.“
Soweit der Befund. Ich fand, der Verlag habe im ehemaligen Wohnhaus der Gründers der Gruppe 47 nichts zu suchen und schrieb deshalb an den Buchhändler: „Der Kopp-Verlag ist der führende Verlag der organisierten Rechtsextremisten nicht nur in Deutschland, sondern auch für Österreich und die Schweiz. Er munitioniert die AfD und gehört zu denen, die gern „Verschwörungsmythen“ verbreiten. Es wäre sicher nicht im Sinne von Hans Werner Richter, derlei Verlagsaktivitäten zu unterstützen. Meine Frau und ich haben deshalb darauf verzichtet, bei Ihnen zu kaufen“.
Dann kam eine Antwortmail, die mich nachdenklich gestimmt hat, denn darin war nicht nur das in solchen Fällen Übliche zu lesen, die Bücher seien nicht indiziert, sie seien auch nicht verboten, und was nicht verboten sei, könne gehandelt werden, sondern in der Antwortmail kam eine Verteidigungsrede. Darin heißt es u.a.:
„….vielen Dank für Ihre Mail.
In unserer Buchhandlung ist nicht nur der Kopp-Verlag vertreten, sondern eine große Auswahl von Verlagen mit unendlich vielen verschiedenen Titeln. Unsere Kundschaft wünscht auch diese Abwechslung, denn die gleiche Literatur, wie in vielen anderen Buchhandlungen Deutschlands ist für uns nicht ausreichend. Das ist ein Ausdruck von Vielfalt und Toleranz gegenüber verschiedener Standpunkte. Keines der Bücher in unserem Laden ist indiziert und so viel wir wissen, besteht in unserem Land immer noch Meinungs- und Pressefreiheit. … Wenn Sie der Meinung sind, dass der Kopp-Verlag rechtsextremes Gedankengut verbreitet, geben Sie uns doch bitte nur ein einziges Beispiel dafür. Der Zusammenhang mit einer Bundestagspartei und angeblichen Verschwörungsmythen erschließt sich uns nicht. Hans Werner Richter schätzen wir aus Darstellungen seiner Familie als einen weltoffenen, systemkritischen aber vor allem selbstdenkenden Autoren ein. Offenbar beziehen Sie allerdings Ihre sehr einseitigen und eingeschränkten Informationen immer noch aus den Massenmedien. Das tut uns sehr leid. Denn es gibt in der Zwischenzeit genügend Literatur, für Menschen, die der Wahrheit näher kommen wollen.“
Das ist AfD-Jargon. Da weiß jemand um „die Wahrheit“; da bezieht man seine Informationen nicht mehr „aus den Massenmedien“, Menschen, die das tun (zum Beispiel DeutschlandradioKultur zitieren), gelten als „sehr einseitig und eingeschränkt informiert“ etc. etc.
Schade. Ich habe mir für einen Moment vorgestellt, der alte Hans Werner Richter wäre aus seinem Grabe aufgestanden, um in seinem ehemaligen Wohnhaus mal nach dem Rechten zu sehen. Ich glaube, er hätte dem Buchhändler mit einem kurzen pommernschen Satze die Gedanken grade gerückt: „Lass den Schiet“. Dann wäre er grummelnd wieder die Seestraße hinauf gegangen und hätte sich wieder dort zur Ruhe gelegt, wo er nun schon seit 1993 liegt. In diesem Jahr übrigens feiert Bansin den 30. Todestag seines berühmtesten Sohnes. Zahlreiche Lesungen sind zu erwarten. Ich wünsche diesen besonderen Veranstaltungen viele Besucher.
mit Datum vom 16.7.2024 ist zum Sachverhalt zu notieren: Das Bundesinnenministeriums hat Compact verboten, weil die Zeitschrift „gesichert rechtsextrem“ ist.
Sofort nimmt mich die Atmosphäre gefangen. Hier geht es beinahe noch privat zu. Freunde der Musiker sind gekommen, man hat sich Advents-Plätzchen gebacken, man duzt sich, man kennt sich offensichtlich. Eine angenehme Atmosphäre schon gleich zu Beginn. Hier kommt man sich nicht fremd vor, hier ist man willkommen. Mitten in Berlin-Karlshorst, 5 Gehminuten vom S-Bahnhof entfernt, findet sich in der Dönhoffstraße 39 im ersten Stock eines denkmalgeschützten Gebäudes ein Kammermusiksaal.
Man steigt die Treppe hoch, am Eingang gleich die kleine Kasse, privat gehts zu: „Papa, wie ist es mit Studentenrabatt?“ ruft eine junge Frau in den Saal, in dem noch geräumt wird. Papa – das ist Thomas Hoppe und Thomas Hoppe ist nicht irgendwer.
Endlich hat er gefunden, wonach er gesucht hatte: einen schönen Saal für Kammermusik. 90 Plätze, gute Akustik, sogar ein kleiner Nebenraum ist vorhanden, da stehen Getränke bereit. Ein Gewinn nicht nur für Karlshorst, ein Gewinn für ganz Lichtenberg, denn solche Musik bekommt man in Berlin sonst eigentlich nur in Mitte: im Kammermusiksaal bei den Philharmonikern; am Gendarmenmarkt.
Der Kammersaal in der Dönhoffstraße 39 in Berlin-Karlshorst
Das, was da aber gestern am Vorabend des 4. Advent zu hören war, war erstklassig. Beethoven, Avner Dorman, Gieseking. Nebst Zugabe. Bitte mehr davon!
Die frische Art zu musizieren gefällt ganz unmittelbar. Ich kann sehen, wie sie zusammenspielen – man ist im Blickkontakt, freut sich, wenn dem anderen eine schwierige Stelle gelungen ist, lächelt sich zu beim Spiel. Da sitzen Profis, denen das Musizieren noch wirkliche Freude bereitet. Sowas ist selten geworden.
„Weils so einen Spaß macht“ heißt es denn auch am Schluß vor der Zugabe. Das ist zu spüren, das merkt man unmittelbar. Es geht heiter zu bei diesem Konzert, fröhlich, musikalisch hervorragend. Da ist nichts von der manchmal so steifen Kammermusik-Atmosphäre bei anderen Gelegenheiten. Hier kommen Musiker und Publikum zusammen, weil sie etwas Großes gemeinsam haben: Freude an der Musik.
Thomas Hoppe nutzt den schönen Saal in der Dönhoffstraße nicht nur für Konzerte mit seinem Ensemble 4.1 (ganz großartig auch gestern der „Jerusalem Mix“ von Avner Dorman), sondern gibt dort auch Musikstudenten Gelegenheit zur Probe und zu ersten eigenen Konzerten. Wunderbar.
Wir waren durch einen Tipp einer Freundin drauf gekommen: es gäbe da jetzt in Karlshorst so einen schönen Saal mit excellenter, frischer Kammermusik, da müsse man unbedingt mal hingehen und sich die Sache anhören.
Wir waren da. Und wir sind sehr angetan. Bitte mehr davon!
Götz Kubitschek unterhält sich mit Erik Lehnert über Jochen Klepper. Man kann das auf dem youtube-Kanal von Schnellrodaunter dem Datum 3. 2. 2021 sehen. Die Sache dauert etwa 1 Stunde und 45 Minuten. Worum es geht, erfährt man im letzten Satz des Videos: „Es ging uns mit diesem Beitrag darum, Klepper als einen von uns zu reklamieren“ sagt Erik Lehnert, der Geschäftsführer vom „Institut für Staatspolitik“, das seit 2020 vom Verfassungsschutz als Verdachtsfall eingestuft ist und entsprechend beobachtet wird.
Die Sache hat mich interessiert, weil ich gerade über Jochen Klepper, dessen Lieder mir seit Kindertagen vertraut sind, recherchiere und ein literarisch-musikalisches Programm vorbereite, das auch jüngeren Zeitgenossen diesen wichtigen Dichter nahebringen soll. Also hab ich mir die knapp zwei Stunden Video aus Schnellroda angetan. Und hab mich hinter gefragt, was die Sache soll? Man gibt sich belesen beim Schnaps aus Wilthen, hält das eine oder andere Buch in die Kameras; wenn es um Kriegstagebücher geht, gleich mehrere – und man endet damit, das Ganze habe deshalb stattgefunden, um Jochen Klepper „als einen von uns zu reklamieren“. Das kommt zwar erst als exakt letzter Satz, war aber von Anfang an klar. Was also soll das Ganze?
Denn Klepper war sicher national eingestellt, auch hatte er eine „Achtung vor dem Heer“, auch er hielt „Versailles“ für erniedrigend, wie es bei vielen insbesondere unter den Protestanten damals war, selbst bei solchen, die aktiv am Attentat gegen Hitler gearbeitet haben, anfangs sogar bei deutschen Juden, insbesondere bei den Weltkriegsteilnehmern. Aber eines war der Jochen Klepper ganz gewiss nicht: ein völkisch denkender, rassistisch argumentierender Mensch. Ganz gewiss war er kein Kumpan von Herrn Kubitschek und Herrn Lehnert, davon zeugt seine Biografie mehr als überdeutlich. Vielmehr hat sich Klepper das Schicksal der Juden zu eigen gemacht, er war verheiratet mit einer deutschen Jüdin, hatte deren Töchter Brigitte (geb. 1920) und Renate (geb. 1922) als Stieftöchter angenommen. Er hat, als die Repressionen gegen ihn zunahmen, abgelehnt, als seine Frau sich von ihm scheiden lassen wollte, „um seine Arbeit nicht weiter zu behindern“ und ist sehr bewusst bei ihr geblieben, bis in den Tod übrigens. Nein, Klepper ist das Gegenteil eines rassistisch und völkisch denkenden Menschen, dazu war er viel zu unpolitisch, wie er selber ja immer wieder betont hat. Aber er war ein sehr wacher Geist. Als die Olympiade im August 1936 in Berlin stattfand, hat der hochsensible Dichter Klepper statt der kraftstrotzenden Sportlerinnen und Sportler der Völkisch-Nationalen „Tote durch das Brandenburger Tor“ laufen sehen, wie es sein Freund Reinhold Schneider betroffen bemerkte, als er Kleppers „Olympische Sonette“ las. (vgl. dazu die ausgezeichnete Dissertation von Martin Wecht „Jochen Klepper. Ein christlicher Schriftsteller im jüdischen Schicksal. Düsseldorf und Görlitz 1986, S. 107 ff). Und als die Olympiaglocke Mitte August 1936 zum Ende der Olympiade läutete, hörte Klepper „die Totenglocke Europas“ läuten, weil er sah, worauf das Ganze hinauslaufen würde, auf einen totalen Krieg nämlich, den hat er schon 1935 sehr wach kommen sehen.
Es kann auch überhaupt keine Rede davon sein, dass Klepper im „Vater“ „das Preußentum“ schlechthin verherrlicht habe, wie Lehnert und Kubitschek suggerieren, „Lieber Himmel, des „Vaters“ Regierung ist Kritik, nicht Verherrlichung des Heutigen“ notiert er in sein Tagebuch am 16. 1. 1934 (vgl. Wecht 83).
Was die beiden mit ihrem Schnapsglas in der Hand zum Verhältnis Kleppers zur „Bekennenden Kirche“ zu sagen haben, trifft ebenfalls nicht zu. Klepper hat die „Bekennende Kirche“ nicht bekämpft; er hat sie nicht zum eigenen Anliegen gemacht, er war kein Mann der „Bekennenden Kirche“, weil er einzelne Repräsentanten dieser innerkirchlichen Bewegung als zu laut und zu „aktivistisch“ fand, das war seine Sache nie; er las allerdings ihre Zeitschrift „Junge Kirche“. Seine Kritik an der BK war, sie käme „über den politischen Impetus nicht hinaus“ und wisse „wenig von der Bibel“. Das wars dann aber auch schon so ziemlich mit der Kritik. Nein, Klepper hielt sich für einen unpolitischen Menschen, wie im Tagebuch mehrfach bezeugt ist; er hielt nichts von lauten und „aktivistischen“ Menschen. Er war ein stiller, sehr wacher und aufmerksamer Mensch. Einen, den die „aktivistischen Menschen“ von der national-sozialistischen Ecke auf der Liste hatten. Sie haben ihn schikaniert, haben ihm gekündigt, haben seine Arbeit behindert und haben ihn und seine Familie schließlich in den Tod getrieben.
Bleibt also die Frage, was die Herren Kubitschek und Lehnert mit ihrem seltsamen Video bezwecken? Sie versuchen, Menschen, die in ihrem Denken dem Denken von Kubitschek/Lehnert diametral entgegengesetzt waren, „als einen von uns“ zu reklamieren. So hat man es schon unverschämterweise mit den Geschwistern Scholl getan, so hat man es mit der Kommunistin Rosa Luxemburg getan (man zitiert von ihr immer gern „Freiheit ist immer die Freiheit des Andersdenkenden“). Und nebenher will man vor allem Kriegstagebücher verkaufen, die man deshalb im Video auch ausführlich und breit in die Kamera hält; der Herr Kubitschek betreibt ja schließlich eine „Versandbuchhandlung“.
Interessanter Weise gehen die beiden Herren mitsamt ihren Schnapsgläsern auf den eigentlichen Kern der Klepperschen Dichtung, die Lieder nämlich, nur ganz zum Schluß und eher am Rande ein. Sie können einfach nichts anfangen mit Versen wie
Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern. So sei nun Lob gesungen dem hellen Morgenstern! Auch wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein. Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.
Es gibt Unterschiede beim öffentlichen Umgang mit der NS-Zeit. Manche Städte und Dörfer kümmern sich aktiv darum, historische Erkenntnis vor Ort so umzusetzen und öffentlich zu machen, dass sich auch Ortsfremde schnell in die Geschichte des Ortes einfinden und erfahren können, was im Ort vor sich gegangen ist. Prora ist so ein Ort. Ribnitz-Damgarten ist ein eben solcher Ort. Auch hier kümmert man sich aktiv um die Erforschung der Ortsgeschichte und lässt auch keine Epoche aus, wie in anderen Orten. Heute hatte ich Gelegenheit, mit dem stellvertretenden Leiter der Lokalredaktion Ribnitz-Damgarten der Ostsee-Zeitung zu sprechen. Und ich fand einen promovierten Historiker vor mir, der sich kontinuierlich und sorgfältig um Recherche und Aufarbeitung der Ortsgeschichte kümmert. Gemeinsam mit anderen tut er das. Da geht es um die frühe Vergangenheit von Ribnitz und Damgarten ebenso, wie um die Zeit zwischen 1933 und 45; die Zeit unmittelbar nach dem Krieg, geprägt von Flüchtlingen und Besatzungszeit ebenso, wie die Zeit der frühen DDR. Die DDR-Zeit ebenso wie die nun mittlerweile schon wieder 30 Jahre gesamtdeutscher Entwicklung. Die Redaktion hält bei all diesen Themen einen sehr engen Kontakt zur Bevölkerung, nimmt Anregungen auf, folgt verschütteten Spuren. Es ist eine gute Gemeinsamkeit geworden zwischen Arbeit in der Redaktion und Leserschaft. Dr. Edwin Sternkiker zeigte sich als bestens informierter, gründlich arbeitender Journalist, der sich einer sorgfältigen Geschichtsschreibung verpflichtet weiß. Diese Begegnung war für mich wie eine erfrischende Wohltat. Es ist nicht selbstverständlich, dass Zeitungen auf diese Art ihre Verantwortung wahrnehmen, aber es ist erwähnenswert.
Alte Bilder erzählen Geschichten. Man muss aber genau hinschauen. Wir sehen einen jungen Mann. Er trägt eine Uniform. Auf dem Kopf eine Schirmmütze mit zwei großen, gut zu erkennenden „Knöpfen“ (Kokarden), kein Helm. Offenbar handelt es sich um eine „Ausgeh-Uniform“, darauf deutet auch die besondere Umgebung in einem Foto-Studio hin.
Wir wissen von diesem Mann, dass er 1876 in Wilhelmshaven geboren wurde. Er kann also frühestens mit 16 Jahren, im Jahre 1892 in die Armee eingetreten sein. Wahrscheinlicher ist aber, dass er – wie damals üblich – mit 20 Jahren, also 1896, zur Armee des Kaisers ging. Wehrpflichtig waren die Männer zwischen ihrem vollendeten 17. und ihrem 42. Lebensjahr.
Neben der Schirmmütze sehen wir Schulterklappen und Schulterstücken (Epauletten) – wir sehen folglich einen Offizier. Diese „Schulterstücken“ erweisen sich nach weiterer Recherche als sogenannte „Schwalbennester“ – und machen damit den Musiker kenntlich. Silberne oder goldene Unteroffizierstresse im Schwalbennest macht den Hoboisten kenntlich. DreiKnöpfe am Aufschlag des Uniformärmels, ein breiterer und ein schmaler Streifen am unteren Ende des Ärmels. Stehkragen verziert (ob gold oder silber ist nicht mehr zu erkennen). Schwarzes Koppel, Glacé-Handschuhe, dunkle Hose ohne Bügelfalten, Halbschuhe. Ein Orden links. Uniformrock mit sieben (wahrscheinlich 8) Knöpfen. Ein Knopf dürfte unter dem Koppel verborgen sein. Damit betreten wir die große Welt der Militärmusik.
Wir wissen über diesen jungen Mann, dass er „lange und gern – 12 Jahre“ Soldat gewesen sei. So hat es seine 1915 geborene Tochter im Jahre 1957 zu Protokoll gegeben. Wir wissen zudem, dass der junge Mann im Jahre 1915 geheiratet hat, der Weltkrieg war gerade ein halbes Jahr alt. Der junge Mann arbeitete damals schon als Geigenlehrer, wie dieses zweite Foto zeigt, das von unserem jungen Mann erhalten geblieben und in einem Foto-Atelier in Halle/Saale aufgenommen ist:
Walter, so hieß der junge Mann, erlebte die Weltwirtschaftskrise, die Machtübernahme der Nationalsozialisten und all das Elend, das darauf folgte. Er starb im Mai 1944 nachmittags halb zwei Uhr zu Hause in seiner Wohnung in Halle an der Saale an Lungentuberkulose. Die schweren Bombenangriffe auf Halle und Leuna, auf Leipzig und Merseburg im April 1945 hat er nicht mehr erleben müssen.
Walter war der Vater meines Vaters, ein Teil meiner Musikalität stammt offensichtlich von ihm.
Internet bedeutet für mich: täglich dazu lernen. Ich bemühe mich schon etliche Jahre, so einigermaßen auf dem Laufenden zu bleiben, aber die Möglichkeiten des Netzes sind so enorm gewachsen, dass ich gar nicht mehr hinterher komme.
Selbstverständlich nutze ich schon seit langen Jahren facebook, twitter, früher auch mal google+, instagram und pinterest, blogge, nutze soundcloud, youtube und all die neuen Möglichkeiten.
Aber dass ich jetzt meine Manuskripte von zu Hause aus sowohl als print als auch als ebook zur Verfügung stellen und dafür e-publishing samt seiner interessanten Vertriebswege nutzen kann, das ist schon eine prima Sache, dass muss ich schon sagen. Ich bin ja schließlich mal in einem Land auf die Welt gekommen, in dem man sich alles was länger als 20 Zeilen war, vom Staat genehmigen lassen musste – das bedeutet allerdings auch tägliches Weiterlernen. Learning by doing. Formatieren, layouten, produzieren lassen – all das. Aber was für großartige Möglichkeiten gerade für ehrenamtlich Engagierte, für Vereine, für Kirchgemeinde, für Kulturinitiativen sich dadurch ergeben! Ich bin immer noch begeistert.
Diejenigen, die beruflich in der Branche epublishing arbeiten, werden müde lächeln, wenn sie meine Zeilen lesen, ich bitte um Nachsicht, aber für mich sind das schon wichtige Entdeckungen, wenn ich zum Beispiel die Autorenseite bei #amazon entdecke. Oder wenn ich sehe, mit welchem großen Vertrieb #epubli arbeitet. Schließlich mache ich diese Sachen nicht beruflich.
Jedenfalls geht es mir immer noch so, daß ich mich täglich daran freue, was das Internet für überaus praktische Dinge für einen bereit hält und nutze sie gern. Und: dazulernen hat noch niemandem geschadet.