„Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.“ Das waren die letzten Sätze im Abschnitt zuvor.

Wir sind um 19 Uhr an Bord. 11. Stock Außenkabine mit 5 Betten. „Hoffentlich kommt nicht noch jemand“, denken wir uns und der Wunsch wird erfüllt, wir haben die Kabine für uns .
Dann gehen wir aufs Oberdeck und sitzen in der Abendsonne.
Rhein und Maas strömen vor uns Richtung Meer, die Mündung ist sehr breit, hier können die ganz großen Pötte fahren.
Vor uns, tief unten, reger Schiffsverkehr. Riesige Frachter passieren die Hafeneinfahrt. Die ganz großen Pötte werden geschleppt. Auf dem anderen Ufer gewaltige Tanklager. Öl, Gas, Chemikalien. Alles, was die moderne Industriegesellschaft verlangt, ist hier gelagert.
Unter uns werden LKWs nach Harwich verladen. Handel zwischen Europa und der Insel nach dem BREXIT. Nach den LKWs kommen die Caravans. Prächtige Sonne immer noch, aber nur wenige Möwen, obwohl wir dicht am Meer sind.

Mittwoch, 30. April 2025

Hier ticken die Uhren anders.

Zehn vor 5 Uhr rüttelt das Schiff nach ruhiger Fahrt. „Wir sind da“ sage ich. Ein erster Blick aus unserer Kabine zeigt ein vor Anker liegendes kleines Segelboot.

Aber: welche Zeit? Wie spät ist es „wirklich“? Ach, ja richtig, Zeitumstellung!

Die Kinder werden nicht so bequem geschlafen haben wie wir. Vermutlich hatten sie nicht mal Schlafsachen an, haben sich nicht mal umziehen können zur Nacht. Sie werden irgendwo unter Deck gelegen haben, vielleicht die Schuhe aus, mehr ging nicht bei über hundert Kindern. Man kennt solche Nächte, die man leicht fröstelnd unter einer Decke, noch angezogen vom Tage, irgendwie hinter sich bringen muss.

Was mögen die Kinder gedacht haben?
Wir sind nun in einem fremden Land. England. Europa liegt hinter uns. Deutschland ist „weit weg“. „Mama und Papa“ sind nun auch weit weg – über eine Nachtfahrt übers Meer entfernt. Nur unsere Betreuerinnen sind noch da, aber die müssen wieder zurück in Hitlers Deutschland …..

Wir aber gehen zum Frühstück ins große Schiffsrestaurant. Zu unseren Tickets gehörten auch Voucher für ein kleines Frühstück. Wir such uns einen Platz mit Blick nach Osten in den Sonnenaufgang, das Frühstück ist schnell zusammengestellt.

Die Kinder hatten damals kein Frühstück. Sie bekamen einen Tee mit Milch, britischen Tee. Erst mittags gab es das erste Essen, wie sie sich viele Jahre später noch erinnerten.

Wir können beim Frühstück zusehen, wie unter uns die vielen LKWs den Bauch des Schiffes verlassen. Eine große Kolonne setzt sich da in Bewegung, muss noch diverse Zollformalitäten erledigen – viel Aufwand ist das nun, nachdem England den europäischen Wirtschaftsraum verlassen hat und für Europa wieder „Ausland“ geworden ist.

Ich hatte verschiedene Zugverbindungen nach London herausgesucht. Es hätte eine Verbindung mit einem Umstieg in Colchester gegeben, wo ich vor 25 Jahren mal mit Abgeordneten der letzten Volkskammer einen Intensiv-Englischkurs absolviert habe, aber wir entscheiden uns dann doch für den früheren Zug, der uns ohne Umstieg direkt nach London Liverpool Street Station bringen wird. Dort sind auch die Kinder damals angekommen.

Zum Denkmal in Harwich gehen wir nicht mehr.
Wir müssten dazu etwa eine Stunde Fußweg in einer Richtung auf uns nehmen, also mindestens zwei Stunden insgesamt, die Fotos vom Denkmal werde ich im Internet finden. Wir wissen ja, daß die Kinder hier in Harwich angekommen waren und ich bin auch in Verbindung mit Museen[1] in Harwich, die sich um die Geschichte des Ortes und insbesondere die Geschichte der Kindertransporte kümmern.

Wir gehen statt zum Denkmal direkt zum Bahnhof, der Ausstieg ist inzwischen sehr bequem gebaut, man geht von der Fähre direkt zum Bahnhof und zum Bahnsteig nach London hinüber. Der Umstieg ist sehr gemütlich, sogar ein paar Möwen lassen sich blicken.

Beinahe wären wir beim Ausstieg vom Schiff in eine chinesische Reisegruppe geraten, aber wir konnten gerade noch entwischen.

Das alte Bahnhofsgebäude von Harwich, aus dem schon kleine Bäume wachsen, hat wohl auch Susanne schon gesehen, es ist mindestens achtzig Jahre alt.

Wir haben noch ein paar Minuten Zeit, bis unser Zug kommt und schauen uns um. Man kann vom Bahnsteig aus noch unsere Fähre im Hafen liegen sehen, es ist alles dicht beieinander.

Im Zug haben wir gut Platz, sogar ein Fensterplatz ist frei. Ein letzter Blick zurück zum Schiff, dann geht es schnell durch grünes Land Richtung London. Wir kommen von Südosten gefahren, durch Colchester, einem Umsteigepunkt. Der Zug ist sehr pünktlich, sauber, jede noch so kleine Verspätung wird angesagt: „In 30 Sekunden fahren wir weiter….“. Auch hier blüht der Raps und der Ginster strahlt leuchtend neben den Gleisen.
Dann sind wir da: 9.15 an London, Liverpool Street Station.

Der große alte viktorianische Bahnhof aus der Zeit der Dampfloks ist oft beschrieben worden. Julian Borger, der Politikchef von The Guardian, schreibt in seinem Buch „Suche liebevollen Menschen“ über die Ankunft seines Vaters, Bobby Borger 1939 in diesem Bahnhof:
„Der Bahnhof war eine der Kathedralen des englischen Dampfzeitalters. Das hochgewölbte Dach aus Glas und Stahl bedeckte der Ruß aus vielen tausend Lokomotiven, die Heerscharen von Pendlern aus Essex und East Anglia hinaus- und wieder hineinbefördert hatten. Das war das schmutzige, lärmende Tor, durch das mein Vater und die anderen Kinder aus den Inseraten vom Manchester Guardian nach England gelangten. Großbritannien war für viele der Neuankömmlinge nicht die erste Wahl gewesen, aber es bot unmittelbare Sicherheit, Auskommen und Zuflucht, die sich als bemerkenswert zuverlässig erweisen sollten. …. Als Omi und Bobby im Bahnhof Liverpool Street eintrafen, wussten sie, dass sie recht lange getrennt sein würden, wenn auch keiner von ihnen ahnte, dass sie nie wieder wirklich zusammenleben würden. Omi, die Herrin in ihrem eigenen Haus und an der Leitung des Familiengeschäfts beteiligt gewesen war, stand im Begriff, ihre Stelle als Dienstbotin im Haus von Fremden anzutreten, deren Sprache sie nicht beherrschte.[2]

Das war auch Steffies Schicksal. Die anerkannte Grafikerin beim Ullstein-Verlag in Berlin, ehemals verheiratet mit dem Grafiker Albert Schaefer-Ast, die sich ein eigenes Hausmädchen leisten konnte, kam im Juli 1939 auch mit einem Visum als „Dienstbotin“ nach London, eine andere Möglichkeit hatte sie nicht mehr. Als ihre Tochter Susanne am 22. Mai in London ankam, wusste sie noch nicht, ob ihrer Mutter Steffie die Flucht aus Deutschland auch gelingen würde. Als Susanne ankam, war sie von Vater und Mutter getrennt, die Eltern hatten sich gerade vor vier Wochen am 17. April 1939 scheiden lassen. Das Kind dürfte in Einsamkeit und Müdigkeit versunken gewesen sein, die mehr als 24stündige Fahrt, die nun auch hinter uns lag, fordert Tribut.

Als wir nun, 86 Jahre später, beinahe auf den Tag genau, in Liverpool Street ankamen, fanden wir den alten viktorianischen Bahnhof vor allem laut und übervoll. Overground, British Railway, Underground – alle Stationen, Verkehrswege und Richtungen der Metropole kreuzen sich hier, Liverpool Street ist einer der größten Bahnhöfe der vielen Bahnhöfe, über die London verfügt.

1874 wurde Victoria Street eröffnet.
1939 kam Susanne mit über 100 weiteren Kindern hier an. Sie fuhr am nächsten Tag weiter nach Ayr hoch oben in Schottland. Nochmals über 8 Stunden Bahnfahrt lagen vor ihr und der kleineren Gruppe von Kindern, die nach Schottland weiterfuhren.

Wir aber wollten zunächst zum Denkmal.

Es befindet sich vor dem Haupteingang des Bahnhofs. Viele tausende Menschen sehen es täglich. Amy Williams, jene junge britische Historikerin, die 2024 in Yad Vashem die kompletten Transportlisten der Kindertransporte entdeckt hat, schrieb allerdings kürzlich einen ziemlich kritischen Beitrag in ihrem blog über die vielen Passanten, die „sehr achtlos“ an diesem Denkmal vorübergingen, sich „einfach darauf setzen, um ihr Frühstück zu verzehren, ihre Kaffeebecher dort stehen lassen“ etc. Sie war ziemlich empört. Gut aber ist, daß das Denkmal sehr zentral gelegen ist. Wer aufmerksam ist, kann es nicht übersehen und innehalten. Wir haben viele Menschen beobachtet, die genau das taten.

Man sieht: die Kinder verlassen nun „das alte Gleis“.

Neue Wege sind zu gehen. Angebracht sind seitlich Städtenamen von den Orten, aus denen die Flüchtlingskinder kamen.

Wir brauchen nach der Reise dringend eine Pause und setzen und gleich ganz in der Nähe ins „Green King Railway Tavern since 1799“ schräg gegenüber und nehmen einen englischen Tee. Mit Milch, versteht sich. Hektische Betriebsamkeit auf der Straße, wir sind mitten im Zentrum.
City of London. Hektische Business-Man eilen vorüber, blauer Anzug, braune Schuhe, Handy, Rucksack, kleiner Ring am Finger – immer busy busy. Hier wird Geld verdient, Zeit ist kostbar. Die Stadt rennt.

Susanne hatte damals kaum Zeit, sich umzusehen. Sie wurde mit den anderen Kindern nach ihrer Ankunft in Liverpool Street in einen Bus verfrachtet. Der brachte sie nicht etwa zum Essen oder zum Ausruhen, sondern – ins British Museum. Das erste ordentliche Essen für die Kinder gabs erst nach diesem Museums-Pflicht-Besuch. Ob die Kinder überhaupt mitbekommen haben, was da gerade mit ihnen geschah, ist wohl eher zweifelhaft. Die Müdigkeit dürfte gewaltig gewesen sein nach der langen Reise ohne Schlaf.

Uns bleibt diese Strapaze erspart. Wir nehmen die Circle Line bis St. James Park, die fährt alle 10 Minuten, die Oyster-Card hatte ich schon vorab von Deutschland aus besorgt und mir schicken lassen, damit wir keine Schwierigkeiten im Öffentlichen Straßenverkehr hatten. Die Sache mit der Oyster-Card ist sehr praktisch. Man lädt eine Summe auf und hält die Karte dann beim Einsteigen im Bus an ein Lesegerät – fertig. Bei der „Röhre“ (Tube) muss man ja ohnehin noch vor dem Betreten des Bahnsteigs eine Schranke überwinden – das geht nur mit der Card. Abgebucht wird je nach Tageszeit, es gibt teurere Fahrzeiten und günstigere. Ab 10 Uhr am Vormittag fährt man etwas günstiger, dann ist die rush hour vorüber.
Man fährt etwa 20 Minuten von Liverpool Street bis St. James Park. Von der Station St. James Park läuft man nochmal 5 Minuten. Ich hatte uns das Premier Inn gebucht, ein sehr einfaches, dafür aber noch bezahlbares Hotel mitten im Zentrum, zwei Minuten von Westminster Abbey entfernt. Hotels in London sind verflixt teuer, wenn im Stadtzentrum Quartier nehmen will. Am Stadtrand ist es etwas günstiger. Der Stadtteil Westminister war für Steffie wichtig, Susannes Mutter. Hier hat sie gelebt und gearbeitet, ihre Spur wollten wir aufnehmen, deshalb hatte ich das Hotel „mittendrin“ genommen.

Nach einer kleinen Pause machten wir uns dann auf einen ersten Stadtbummel auf den Weg: St. James Park (Downingstreet ist ganz in der Nähe), Westminster, Westminster-Bridge und dann am anderen Ufer weiter, House of Parliament lag schön als Silhouette vor der Abendsonne, an der langen Mauer vom St. Thomas Hospital entlang. Das St. Thomas Hospital gibt es schon seit 1215 und wan wird dort kostenlos behandelt. Florence Nightingale hatte hier eine Schule zur Ausbildung von Krankenpflegern eingerichtet. Die Mauer dieses bemerkenswerten Krankenhauses ist ein Nationales Denkmal an die britischen Opfer von Covid 19. Jedes der roten Herzen steht für einen an Covid gestorbenen Menschen und die Mauer ist sicher einen Kilometer lang:

Spät sind wir ins Hotel gekommen, ziemlich fußmüde, dort gabs noch eine Kleinigkeit als Nachtmahl. Morgen früh werden wir „richtig ankommen“ in der riesigen Metropole mit über 10 Millionen Einwohnern. Wir sind verabredet mit Peter Lobbenberg. Aber erst morgen Nachmittag.


[1] https://kindertransport-memorial.org/

[2] Julian Borger, Suche liebevollen Menschen, Molden Verlag 2024, S. 101 f.

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