Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Kindertransporte 1939 (3). Der Bericht von Jakob J. Petuchowski über den Transport vom 21. Mai

Susanne Schaefer kam mit dem Kindertransport vom 21. Mai/22. Mai 1939 von Berlin nach London. Sie war 12 Jahre alt. Sie hatte ein Buch dabei: Fridolins Wanderzirkus. Gezeichnet von ihrem Vater Albert Schaefer-Ast. Das Buch findet sich nun im London-Museum, ich habe es für diesen Beitrag als Titelbild verwendet. Mit ihr im Zug saß ein 2 Jahre älterer Junge, Jakob J. Petuchowski. Ich habe seinen Namen auf der Transportliste gefunden, die Amy Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem in Jerusalem entdeckt hatte. Sie hatte mir die Liste freundlicherweise für meine Recherchen geschickt. Susanne reiste zusammen mit Jakob am nächsten Tag weiter nach Schottland.

Jakob hat sich an die Reise vom 21. Mai 1938 von Berlin über Hoek van Holland und Harwich nach London erinnert. Sein Bericht ist im Buch „Ich kam allein“, herausgegeben von Rebekka Göpfert1, abgedruckt. Im Folgenden soll er hier wiedergegeben werden, weil wir ihn als „Illustration“ des Transportes benötigen, der Susanne von Berlin nach London und weiter nach Schottland gebracht hat:

„Jakob J. Petuchowski (Cincinatti, USA). Aus Berlin

Was haben das Britische Museum, Bloom’s Kosher Restaurant und Charlie Chaplin gemeinsam? Nur das: daß sie alle dicht gedrängt im Zeitraum von nur ein paar Stunden während jener zwei Tage auftauchten, die mein Leben veränderten – und retteten.
In meinem Besitz befindet sich ein Dokument mit dem Titel „Aliens Order 1920“, ausgestellt am 30. Juli 1941 – an meinem sechzehnten Geburtstag – in East Lothian, in Schottland. Es bestätigt die Tatsache, daß ich am 22. Mai 1939 in Großbritannien eingereist bin, und bemerkt unter „Beruf oder ausgeübte Tätigkeit“: „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“. Ein Foto, das dem Dokument beiliegt, zeigt mich in der Arbeitskleidung eines Landwirtschaftsgehilfen. Mein Gesicht drückt alles andere als Freude aus. Vielleicht bin ich einfach nicht der geborene Landwirtschaftshelfer. Aber als ich am Ende die Landwirtschaftsschule in Schottland verließ, um meine rabbinischen Studien fortzuführen, bemerkte jemand: „Die Bauern werden immer sagen, daß du ein guter Rabbiner bist, und die Rabbiner werden sagen, du bist ein guter Bauer.“ Vielleicht hatte dieser Jemand recht. Jedenfalls trug mein Status als „Landwirtschaftshelfer in Ausbildung“ dazu bei, daß mir an meinem sechzehnten Geburtstag die Internierung erspart blieb.

Aber jetzt von vorn. Wir haben den 22. Mai 1939, den Tag meiner Ankunft in England, und nun kommen das Britische Museum, Bloom’s und Charlie Chaplin ins Spiel. Dieser Tag war auch der Geburtstag meiner lieben Mutter, ihr erster Geburtstag seit meiner Geburt, den ich nicht mit ihr zusammen verbrachte. Noch sollte ich jemals wieder einen ihrer Geburtstage mit ihr zusammen verbringen. Am Tag zuvor, am 21. Mai 1939, hatten wir uns tieftraurig voneinander verabschiedet – auf einem Bahnsteig in Berlin. Dort sah ich sie zum letztenmal. Sie ist ein Teil der „sechs Millionen“ geworden. Zu jener Zeit konnte das natürlich niemand voraussehen, obwohl seit 1933 schon so vieles geschehen war. Es gab die Hoffnung, daß wir uns in England wiedersahen – bald. Für ein Muttersöhnchen wie mich war es schlimm genug, aus seiner vertrauten Umgebung und den liebenden, verwöhnenden Armen der Mutter gerissen zu werden.

Die Eisenbahnfahrt nach Holland verlief ohne Zwischenfälle. Wir bestiegen die Fähre nach Harwich. Nachts überquerten wir den Ärmelkanal, und am nächsten Morgen trank ich an Deck meinen ersten Becher Tee mit Milch. Es schmeckte gar nicht schlecht. Aber aus irgendeinem geheimnisvollen Grund kann ich bis auf den heutigen Tag nur in England Tee mit Milch trinken. Überall sonst auf der Welt will mir dieses absonderliche Gebräu einfach nicht die Kehle hinunter.

Nach der Ankunft in Harwich wurde die gesamte Kinderhorde in einen Zug getrieben, der uns nach London brachte. Dort erwarteten uns Mitglieder des Flüchtlingskomitees und Betreuer, die uns an unsere nächsten Zielorte bringen sollten.

Was soll man in der Hauptstadt des britischen Empire schon anfangen mit Dutzenden von müden, ungewaschenen, hungrigen deutsch-jüdischen Flüchtlingskindern, die über vierundzwanzig Stunden unterwegs gewesen waren? Unser freundliches Empfangskomitee war um eine Antwort auf dieses Problem nicht verlegen: Mit Bussen wurden wir zum Britischen Museum gefahren, wo wir auf einer Führung all seine Schätze bestaunen durften. Allerdings weiß ich, ehrlich gesagt, nicht mehr, was wir sahen. Ich bin nicht einmal sicher, ob es mir gelang, während der ganzen Zeit die Augen offen zu halten. Jedenfalls wurde ich an jenem Tag, dem 22. Mai 1939, erstmals mit den kulturellen Reichtümern Großbritanniens bekannt gemacht. Im nachhinein erscheint es mir durchaus sinnvoll, daß man die Kultur damals vor das Essen an die erste Stelle setzte – obwohl wir Kinder gänzlich anders darüber gedacht haben dürften.

Schließlich durften wir die Busse wieder besteigen, und man brachte uns zu Bloom’s Kosher Restaurant, wo wir unsere erste richtige Mahlzeit nach dem Verlassen Deutschlands einnahmen. Ich erinnere mich nicht mehr, was es gab. Das wichtigste war, daß ich meinen Hunger stillen konnte; dafür waren auch alle anderen dankbar.

Ich erfuhr, daß ich nicht in London bleiben sollte. Mein Bestimmungsort war die Whittingehame Farm School in Schottland. Aber es war noch eine lange Zeit zu überbrücken, bis wir den Nachtzug nach Edinburgh besteigen konnten. Wir gingen also ins Kino und sahen Charlie Chaplin im „Großen Diktator“. Ein Jahr Englischunterricht an einer Berliner Jüdischen Schule reichte gewiß nicht aus, um den Dialog mit all seinen Raffinessen zu verstehen, aber Chaplins Schauspielkunst entschädigte mich vollauf für alles, was ich sprachlich nicht mitbekam. Und was es allein schon bedeutete, daß wir dreißig Stunden nach unserer glücklichen Flucht aus Nazi-Deutschland sehen konnten, wie man sich über den Führer lustig machte! Und daß wir ungestraft lachen konnten über das, was hinter uns lag! Jetzt hatten wir endgültig die Gewißheit, daß wir in einem freien Land angekommen waren, und wir atmeten auf.

Während der Eisenbahnfahrt nach Edinburgh in dieser Nacht fanden viele von uns Kindern keinen Schlaf. Die vielen neuen Eindrücke der letzten Stunden, ganz zu schweigen von den köstlichen koscheren Würsten bei Bloom’s – all das mußte schließlich verdaut werden; und die Zukunft war ungewiß. Am 23. Mai 1939 kamen wir pünktlich in Edinburgh an. Das Datum war in diesem Jahr der Vorabend des Wochenfestes, Schawout2. An der Whittingehame Farm School blieben jene, die es wollten, traditionsgemäß die ganze Nacht wach, um miteinander Abschnitte aus der Thora und andere Bibelschriften und rabbinische Texte zu lesen. Das Jahr, in dem ich Bar Mizwa hatte, war noch nicht vollendet, und ich war naturgemäß begierig darauf, als ein erwachsener Jude an diesem nächtlichen Gemeinschaftsstudium teilzunehmen. Wir hatten kaum das zweite der fünf Bücher Mosis beendet, – da überwältigte mich schließlich der Schlaf.

Seither bin ich oft im Britischen Museum gewesen; 1978 saß ich in der berühmten Bibliothek, um zu forschen. Ich habe viele köstliche Mahlzeiten bei Bloom’s verzehrt, und auch den „Großen Diktator“ habe ich später wiedergesehen. Aber die Wiederholungen reichen nicht an das heran, was alle drei Elrebnisse zusammen an jenem 22. Mai 1939 für mich bedeuteten. Damals standen sie für die Freiheit. Wenn ich heute daran zurückdenke, empfinde ich tiefe Dankbarkeit für jene, die mein Leben retteten.“

Soweit seine Erinnerung. Als wir am 30. April 2025 von Harwich kommend, auf den Spuren der Flüchtlingskinder in London ankamen, hatten wir ein etwas anderes Programm als die Kinder damals. Davon mehr im nächsten Beitrag.

  1. dtv Frankfurt 1994, Seite 66-69 ↩︎
  2. die mittlere von drei großen Ernte- und Wallfahrtsfeiern des Jahres, die zur Erinnerung an die Offenbarung am Berg Sinai im Mai oder im Juni stattfindet. ↩︎

Kindertransport 1939 (2). Von Berlin nach Hoek van Holland. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder

Kindertransport 1939 (2). Von Berlin nach Hoek van Holland. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder

Dienstag, 29. April 2025 Berlin – Amsterdam

8.06 Gleis 13 Berlin Hauptbahnhof. Der Interregio soll uns nach Amsterdam Centraal bringen (an 13.59). In Gedanken bin ich bei den Kindertransporten von 1939. Was wird man geredet haben beim Abschied auf dem Anhalter Bahnhof? Susanne wird wohl einen Zug später gefahren sein, als wir heute, denn in den Reiseberichten ist davon die Rede, dass man nach Ankunft in Hoek van Holland gleich auf die Nacht-Fähre gegangen sei.

Unser Zug hält zunächst in Spandau. Marie liest im Buch „Ich kam allein“1 den Reisebericht von Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925) vom 21.5.1939, jenem Zug, in dem auch Susanne saß, der unsere Reise von Berlin nach Hoek van Holland aus Sicht eines Transport-Kindes erzählt. Wir reisen bequem. Die Waggons für die Kinder waren Dritte Klasse, Holzklasse. Man hatte sie an einen normalen Zug angehängt. Im Zug waren SS-Wachleute, nicht selten schikanierten sie die Kinder.

Nächster Halt: Hannover. Draußen blüht der Raps. Die Windräder und großflächigen Solaranlagen auf den Feldern neben dem Gleis gab es 1939 nicht. Auch waren die Felder sehr viel kleinteiliger, nicht so riesig und ohne Hecken wie heute, insbesondere im früheren „Ostdeutschland“, also bis zur früheren Grenze bei Helmstedt. Unsere Reise findet 35 Jahre nach dem „Fall der Mauer“ statt. Deutschland war 40 Jahre geteilt, eine Folge des Zweiten Weltkrieges, der 1939 im September von Hitler begonnen wurde. Susanne konnte im Mai 1939 gerade noch rechtzeitig nach England entkommen.

Vom Flugzeug aus kann man an der Größe der Felder heute noch die frühere innerdeutsche Grenze sehen: große Felder im Osten, kleinere Felder im Westen.

Susanne wird vielleicht gar nicht aus dem Fenster geschaut, sondern sich mit anderen Kindern unterhalten haben. Vielleicht hat sie in den kleinen Büchern gelesen, die ihr Vater ihr mitgegeben hatte, oder sie war traurig, hat an ihre Eltern gedacht. Ob ihr Vater, der sich am 17. April hatte scheiden lassen, mit am Bahnhof in Berlin war, wissen wir nicht. Ihre Mutter Steffie wird dort gewesen sein.

Wir reisen bequem bei Sonnenschein und blauem Himmel auf reservierten Sitzplätzen in einem Intercity. Susanne reiste mit 117 anderen Kindern und Betreuern in der Holzklasse, angehängt an einem „normalen Zug“.
Hinten am Zug, da fuhren die Judenkinder.

Wie war eigentlich das Wetter am 21. Mai 1939 in Berlin? Ich lese bei chronik.net nach:

„Wetter, Berlin am 21. Mai 1939: wolkig mit etwas Regen, Temperatur 9.1°C bis 17.6°C, Luftdruck 1007.80 hpa, Sonnenstunden 8.00 Std., Niederschlag 1.90 l/m².“

Mir fällt beim Blick aus dem Zugfenster ein möglicher Buchtitel ein: „Rapsblüte“.

Marie schickt vom Zug aus ein Selfie und schöne Grüße von uns an ihre älteste Tochter in Hannover, während wir durch den Bahnhof dort fahren. Eine solche Technologie wäre damals eine großartige Möglichkeit gewesen, mit Eltern oder Kindern in Verbindung zu bleiben. Damals aber blieb nur die Post. Es gibt in britischen Museen erhaltene Postkarten, die manche Kinder noch aus dem Zug an ihre Eltern geschickt haben.

Ab 3. September 1939 gab es auch diese geringe Möglichkeit nicht mehr. Es blieb nur noch die Möglichkeit, über das Rote Kreuz Kurzbriefe zu schreiben. 25 Worte.  Solche „Rot-Kreuz-Briefe“ sind aus einem eventuellen Schriftwechsel zwischen Albert Schaefer-Ast, der nach der Scheidung in Berlin geblieben war und seiner Frau Steffie oder seiner Tochter Susanne nicht erhalten geblieben. Wenn es sie überhaupt gegeben hat.

Es ist extrem trocken in unseren Reisetagen. Auf einigen Feldern wird bereits jetzt im April beregnet. Nicht nur in Deutschland herrscht Dürre. Es sei schlimmer als 2018, sagt der Wetterdienst. Die Waldbesitzerverbände melden, etwa ein Drittel der Wälder müsse neu aufgeforstet werden.

Mir fällt zum ersten Mal auf: die Zugfahrt von Berlin nach Amsterdam dauert sehr lange. Wenn wir Erwachsenen das schon bemerken – die Kinder damals werden es ganz bestimmt bemerkt haben. Man kennt ja die Kinderfrage: „Wann sind wir denn da?“ Die Betreuerinnen im Zug vom 21. Mai 1939 werden alle Hände voll zu tun gehabt haben,  um die Kinder zu beruhigen. Wir wissen durch einen Fund vom Dezember 2024 in Yad Vashem, der der britischen Historikerin Amy Williams gelungen war, dass der Transport vom 21. Mai 1939 von folgenden Personen begleitet wurde:

Norbert Wollheim selbst, jener unermüdliche Helfer, der beinahe alle Kindertransporte organisierte, war mit an Bord. Er hat überlebt und nach dem Krieg einen Prozess gegen die IG-Farben angestrengt und gewonnen. Er hatte auf Entschädigung für die entgangenen Löhne als Häftling in Auschwitz, der für die IG-Farben gearbeitet hatte, geklagt. Der Prozess hatte großes Aufsehen erregt. Norbert Wollheim hat später über seine Arbeit für die Kindertransporte Erinnerungen aufgeschrieben und publiziert. Andere Helferinnen dieses Zuges kamen im KZ um. Adolf Eichmann hatte zur Auflage gemacht, daß die Helfer nach der Übergabe der Kinder in London zurückzukehren hätten, andernfalls wären die Transporte sofort eingestellt worden.

„Frau Davidsohn, wann sind wir denn da?“ werden nicht nur die kleinen Kinder im Zug oft gefragt haben. Wir wissen aus der nun gefundenen Transportliste, daß die jüngsten Kinder 6 Jahre und die zwei ältesten gerade 18 geworden waren. Die meisten Kinder waren im Alter zwischen 12 und 16 Jahren. Es fuhren mehr Mädchen (45) als Jungen (17) aus Berlin in diesem Zug.

Wie kann man sich die Atmosphäre in diesem Kinderzug vorstellen? Laut? Eher still? Hörte man Kinder weinen? Andere Kinder spielten und lachten vielleicht? Die gerade überstandene Aufregung jedenfalls war gewaltig. Norbert Wollheim hat die dramatischen Abschiedsszenen am Bahnhof beschrieben. Das Geschrei, die weinenden oder völlig verstummten Eltern, letzte Blicke, Angst. Mütter, die ihre Kinder nicht hergeben wollten. Die Szenen waren so schrecklich, daß Wollheim sich entschied, einen separaten Raum im Anhalter Bahnhof zu mieten, in dem der Abschied stattfinden konnte. Auch wollten die Nazis nicht, daß diese Abschiede öffentlich auf dem Bahnsteig stattfanden. Wenn sich Kinder und Eltern verabschiedet hatten, wurden die Kinder von den Begleiterinnen in den Zug gebracht. Das Gepäck war durch Gepäckboten extra verladen worden. Manche Eltern, so wird es in Zeitzeugenberichten geschildert, fuhren mit der S-Bahn voraus, damit sie den Kindern in der Station Bahnhof Zoo oder gar in Wannsee nochmals im Zug zuwinken konnten.

All das war da anwesend in den Waggons mit den Kindern. Dieser Zug war vollgepackt mit Emotionen, mit überbordenden Gefühlen von Unsicherheit, Angst, Trauer, Abschiedsschmerz, aber auch Neugier und Reisespannung.

Dann kam die Müdigkeit.

Wir merken schon ab Hannover, daß wir müder werden. Nun, Kinder sind anders, die halten länger durch, aber von Berlin nach Hannover ist schon mal ein gutes Stück Weg gefahren.

Der Zug hielt in Hannover, aber die angehängten Kinderwaggons blieben geschlossen. Niemand stieg ein, niemand stieg aus. Wir können uns die uniformierten Wachen auf dem Bahnsteig lebhaft vorstellen.

Im Zug die Kinder. Manche schliefen, manche spielten, die größeren lasen vielleicht oder schrieben eine Postkarte an die Eltern. Daß überhaupt Postkarten aus dem Zug an die Zurückgebliebenen geschrieben wurden, dürfte eine Anregung der Begleiterinnen gewesen sein, um den Kindern eine ablenkende Aufgabe zu geben.

Nächster Halt: Bünde in Westfalen.

In unser Zugabteil waren in Hannover Kinder zugestiegen und zwei ältere Juden, die englisch sprechen. Sie sind an ihrer Kippa zu erkennen. Vielleicht treffen wir sie auf der Fähre wieder?

Wir sprechen beide darüber, wie es den Kindern im Zug wohl gegangen sein mag? Marie meint, die Kinder werden wohl immer noch aufgeregt gewesen sein.

10.45 Uhr Osnabrück. Der Zug ist nun schon mehr als 2,5 Stunden unterwegs. Und die Kinder wissen immer noch nicht, was ihnen eigentlich bevorsteht.

In Westfalen blüht der Ginster. Wir fahren durch hügeliges Land. In Osnabrück kreuzen sich große Eisenbahnlinien. Unsere Ost-West-Strecke wird von der Nord-Süd-Strecke Hamburg-München gekreuzt.

Es waren auch Kinder aus Hamburg im Transport vom 21. Mai 1939, sie sind aber nicht in Osnabrück zugestiegen, sondern wohl erst direkt auf der Fähre in Hoek van Holland. Im Wirtschaftsbahnhof Osnabrück sind heute viele Auto-Züge mit verladenen AUDIs zu sehen und mir fällt die Unternehmensgeschichte von HORCH und AUDI ein, die 1910 vor Gericht entschieden worden war. Aus HORCH wurde das lateinische „AUDI“, was halt auch „horch!“ heißt. Geschichte begegnet einem überall, auch in Osnabrück auf dem Güterbahnhof.

Nächster stop: Rheine. Grünes Land, wenn ich aus dem Zugfenster schaue, kleine Wirtschaftshöfe.

Die Bauern werden damals vielleicht auch auf ihren Feldern gewesen sein. Ein Zug fuhr vorbei. Irgend so ein Zug, wie täglich viele hier vorbeifahren. Der hier hatte drei Waggons mehr als sonst. Die Bauersleute werden nicht wahrgenommen haben, wer da fuhr. Irgend so ein Zug halt.

„Ich bin in Berlin geboren“ denkt vielleicht die 12-jährige Susanne. „Ich bin Deutsche. Aber die anderen Deutschen wollen mich nicht mehr. Deshalb muss ich jetzt nach England.“ So wird sie vielleicht gedacht haben – es sind meine Gedanken. Jedenfalls hat Susanne schon erlebt, daß sie sich in der Schulklasse von einem Tag auf den anderen von den anderen Kindern trennen und auf die hinterste Schulbank setzen musste. Das Schulministerium hatte die Trennung von den anderen deutschen Kindern angeordnet. Jüdische Kinder durften nun auch nicht mehr mit den anderen die Schulpausen verbringen. Sie wurden „separiert“. Jüdische Kinder wurden schikaniert, angepöbelt, erniedrigt. Das Novemberpogrom war gerade mal ein halbes Jahr her. Judenkinder waren nicht mehr erwünscht in Deutschland.

Susanne wird an ihre Mutter Steffie gedacht haben, die sie an den Bahnhof gebracht hatte. Oder sie hat an Großmutter Hedwig gedacht, die schon bald nach Hongkong ausreisen würde und ganz bestimmt hat sie an ihren Vater gedacht, der ihr seine lustigen Kinderbücher mitgegeben hatte. Vielleicht war es so.

Längerer Halt in Rheine/Westfalen. Wir stehen beinahe 10 Minuten.

Amy Williams, die junge britische Historikerin, die voriges Jahr die Transportlisten in Yad Vashem entdeckt hat, schreibt bei Facebook in „Kindertransport Dialogue“, einer Facebook-Gruppe, der ich mich angeschlossen habe und die weltweit die Nachfahren der „Kinder“ zusammenführt, dass sie „immer noch nicht die Liste vom ersten Transport“ gefunden hätte, ihr läge aber ein britisches Dokument vor, daß der erste Transport „am Donnerstag, 1. Dezember 1938 um 15.59“ die Grenze (Deutschland bis Niederlande) bei Bentheim überschritten hat. Es geht um „8 Erwachsene mit 200 Kindern“.  
Ich war mit Amy Williams in direkten Mailkontakt getreten, als ich via New York Times von ihrem Fund in Jerusalem erfahren hatte und hatte sie gefragt, ob sie „zufällig“ die Liste vom 21. Mai 1939 gefunden hätte? Ja, die hatte sie und sie hat sie mir schon am nächsten Tag geschickt. Dadurch wissen wir nun, welche Kinder mit im Zug waren. Mit Namen und Anschriften. Ein Junge hieß Jakob J. Petuchowski. Er war 2 Jahre älter als Susanne. Er hat später, da war er schon in den USA, seine Erinnerung an den Transport vom 21. Mai 1939 aufgeschrieben, im nächsten Blogbeitrag werde ich ihn abdrucken.

Wir haben nun einen neuen Zugführer. Der spricht Deutsch, aber mit klar erkennbarem niederländischen Akzent.

Aus Berlin erreicht mich eine Mail vom Reisebüro mit einem link und einem QR-Code vom Hotel, mit dem wir uns morgen selber im Hotel einchecken sollen.

Hotel? Welches Hotel? Die Kinder haben kein Hotel. Man wird sie am Bahnhof abholen, manche werden in eine Art Kinderheim kommen, weil niemand sie abholt, wieder andere werden weiterreisen müssen.

Letzter Halt in Deutschland. Bad Bentheim. 11.45 Uhr.

Hier ist die SS-Begleitung ein letztes Mal durch den Zug gegangen.
Manche von denen haben die Kinder nochmal angerüpelt und verspottet, andere haben nochmal die Koffer der Kinder „kontrolliert“. Dann verließen sie den Zug.

Dann kam Holland.

Die Stimmung im Zug änderte sich schlagartig, so ist es von ehemaligen Flüchtlingskindern beschrieben worden. Die Angst löste sich allmählich. Etliche Kinder haben sich noch Jahre später daran erinnern können.

Die Grenze war überschritten. Deutschland lag hinter den Kindern. Susanne wird erst im Sommer 1951 für einen kurzen Aufenthalt nach Berlin zurückkehren, um ihren schwerkranken Vater zu treffen. Im September 1951, kurz nach dem Treffen mit seiner geschiedenen Frau Steffie und mit seiner Tochter Susanne, stirbt Alber Schaefer-Ast, der Professor für Grafik an der Bauhaus-Akademie geworden war, in Weimar. Ein erneuter, schwerer Schlag für Susanne, der seine Spuren in ihrer Seele hinterlassen wird.

Der Zug fährt weiter.

Haengelo. „Herzlich willkommen in den Niederlanden“ tönt es aus dem Lautsprecher.

Wir wissen aus Zeitzeugenberichten, daß die Kinder in Holland versorgt wurden. Es gab etwas zu trinken, es gab Süßigkeiten. Das niederländische „Kinder-Komitee“ kümmerte sich nun und unterstützte die Begleiterinnen im Zug. Vom niederländischen „Kinder-Komitee“ stammen auch jene Listen, die Amy Williams in Jerusalem entdeckt hat.

Ich schaue aus dem Fenster: ein kleiner Kanal am Bahngleis. Flaches, grünes Land, Pferdekoppeln, Gewächshäuser, flache Gebäude, maximal 5 Etagen hohe Wohnhäuser. Die Kastanien blühen.

Haengelo. 12.07 Uhr

Nach 4 Stunden haben wir den ersten Halt in den Niederlanden erreicht. Vermutlich gab es hier schon die erste Versorgung der Kinder. Noch 2 Stunden bis Amsterdam.

Halt in Waterplaats.

Ich schaue nach, wann Hitler Holland überfallen hatte: vom 10. – 28. Mai 1940 war das. Es ging „blitzschnell“. Die Rede von den „Blitzkriegen“ machte in Deutschlands Zeitungen die Runde. Die Deutschen müssen wie im Rausch vorgerückt sein. 18 Tage nur. Dann waren Holland und Belgien überrannt. Wer geglaubt hatte, er sei in Holland in Sicherheit vor den Deutschen, war im Irrtum. Schon ein Jahr nach Susannes Transport war Holland überrannt.

Hinter Waterplaats ein breiter Fluss, der offenbar schon zum großen Fluß- und Kanalsystem von Amsterdam gehört.

Halt in Apeldoorn um 12.58 Uhr.

Noch eine Stunde bis Amsterdam. Unsere Klimaanlage im Waggon ist ausgefallen, die Fenster sind nicht zu öffnen, wir müssen ein wenig Durchzug schaffen und die inneren Waggontüren offenhalten. Aber bald ist Abhilfe geschaffen, die Kühlung funktioniert wieder.

Kühlung? Welche Kühlung? Die Waggons der Kindertransporte kannten keine Kühlung. Bei denen konnte man – wenn das überhaupt erlaubt war – die Fenster herunterlassen. Die Kinder reisten Holzklasse. Da war nichts mit „Kühlung“.

Wir stellen uns vor, daß nun die Unruhe und die Aufregung in den Kinderwaggons wieder zunehmen. Denn es ist nur noch eine Stunde bis Amsterdam.

13.18. Uhr Amesfort Centraal. Hier zweigt eine Spur nach Rotterdam und Den Haag ab. Viele Menschen steigen zu. Englisch mischt sich mit Niederländisch.

Noch etwa 30 Minuten bis Amsterdam.

Nächster Halt: Hilversum.

15.40 Uhr: Leiden

16.14 Uhr an Schidam Centraal.

Wir fahren nun schon durch Marschland, von Kanälen durchzogen – Gärtnereien bauen auf Blumenfeldern Tulpen an. Tulpen aus Amsterdam.

Die „Wolkenkratzer“ in den Haag wirken ein wenig wie die Hochhäuser im Bankenviertel von Frankfurt, sie kommen überraschend in diesem flachen Land.

Delft. Der Bahnhof liegt unterirdisch, ähnlich einem U-Bahnhof.

In Schidam brauchen wir eine U-Bahn-Fahrkarte. Die muss man sich an einem Automaten ziehen, das ist nicht ganz so einfach, weil wir mit unserem Interregio-Bahnticket zunächst die Ausgangsbahnschranken überwinden müssen. Aber wir bekommen schnelle Hilfe von einer jungen Holländerin.

20 Minuten Wartezeit auf die Bahn, die uns zum Hafen bringen soll.

Natürlich sind wir in Gedanken bei den Kindern. Ihr Zug ist vermutlich direkt weitergefahren bis direkt an die Fähre. Sie mussten nicht umsteigen. Sie brauchten auch kein U-Bahn-Ticket, denn die Verhandler, die mit der britischen Regierung die Einreisemodalitäten für die Kinder verhandelt hatten, hatten ein „Pauschalvisum“ erreichen können. Die Kinder hatten eine Pappkarte um den Hals mit einer Nummer drauf. Diese Nummer erschien wieder in den Transportlisten, die von Deutschland aus mit London abgeglichen worden waren und für die man von britischer Seite das „Pauschalvisum“ erteilt hatte. Die Transportkosten mussten privat aufgebracht werden. Jüdische andere private Hilfsorganisationen (wichtig waren die Quäker) hatten mit Zeitungsannoncen und Spendenaufrufen dafür gesorgt.

Die Anfahrt von Berlin bis zum Hafen in Hoek van Holland muss für die Kinder überaus anstrengend und sehr aufregend gewesen sein. Wir merken es ja an unserer eigenen Müdigkeit. Die lange Fahrt von Berlin nach Hoek van Holland ist auch für Kinder strapaziös.
In manchen Erinnerungen der Kinder heißt es, dass sie erst am Folgetag, nach dem Besuch des British Museums (!) die erste warme Mahlzeit bekommen hätten. Sie hatten Hunger und sie hatten Durst. Aber die Reise ging immer weiter.

Susanne konnte nicht in London bleiben, sie musste gleich noch weiter nach Norden. Noch am Folgetag musste sie weitere 8 Stunden mit dem Zug nach Schottland. Die Kinder dürften völlig k.o. und am Ende ihrer Kräfte gewesen sein. Dann nahmen sie, wenn sie Glück hatten, Pflegeeltern in Empfang. Die aber sprachen kein Wort Deutsch……Für wen man keine Pflegeeltern gefunden hatte, der kam zunächst in ein Heim.

Uns geht es auf unserer Nach-Reise besser, als es den Kindern gegangen sein dürfte. Wir sind sehr früh am Hafen, erkundigen uns bei Stena Line über den Beginn vom check in und gehen dann zu einem nahegelegenen Restaurant. Stena Line übrigens, das sei hier erwähnt, hat sich an der Finanzierung der Kindertransport-Denkmale als Sponsor beteiligt, denn nicht wenige Kinder kamen mit einer Stena Line-Fähre nach England.

Ab 17.30 Uhr sitzen wir in der Sonne im Hafen von Hoek van Holland an den Lotsenbooten. Von hier aus kann man im Hintergrund schon unsere große Fähre sehen.

Die Bord-Tickets habe ich schon, nun essen wir eine Kleinigkeit, genießen die frische Seeluft. „TorpedoLoods“ nennt sich das Lokal. „Eat, dream and enjoy“. Wir genießen diese Pause nach der sehr langen Zugfahrt. Herrliche Seeluft. Frühsommerlich ist es, kaum Wind. Sieht aus wie Urlaub, fühlt sich an wie Urlaub. Um 10 Uhr geht die Fähre, ab 18.45 Uhr können wir an Bord.

Es gibt ein Denkmal hier ganz in der Nähe im Hafen von Hoek van Holland. Das Denkmal erinnert an die Kindertransporte, die von hier aus Europa verließen und die Kinder nach England brachten. Es ist gar nicht weit entfernt, wir gehen hinunter an den Kai und schauen uns das Denkmal an.

Frank Meisler hat – wie in Berlin Friedrichstraße – auch dieses Denkmal gestaltet. Wir werden seine Figuren bald in London wiedertreffen. London Liverpool Street Station. Hier kamen die meisten „Kinder“ an.

Uns gefällt diese Arbeit. Auch der Standort ist gut. Man kann von hier aus die Mündung des Rheins sehen – hier beginnt die Überfahrt. Man kann auch von hier aus im Hafen die große Fähre sehen – Endpunkt einer langen Bahnfahrt. Vergangenheit und offene Zukunft sind auch in der Skulptur zu sehen. Kinder, die zurückdenken; Kinder die nachdenklich stehen, was die nächste Zeit wohl bringen wird? Kinder, die recht optimistisch schauen. Da ist viel versteckt in den Kindergesichtern.

Frank Meisler weiß, wovon er in seinen Figuren spricht, er war selbst ein „Kindertransport-Kind“ und kam mit dem letzten möglichen Transport im August 1939 noch aus Danzig nach England.

Wir fahren – wie die Kinder im Mai 1939 – mit der „Nachtfähre“.
Sie legt um 22 Uhr in Hoek van Holland ab. Unser Schiff ist eine moderne Scandlines Fähre, die Kinder im Jahre 1939 hatten wahrscheinlich nicht mal ein Bett, sondern mussten in einem Raum, vielleicht auf Decken, vielleicht wenigstens die Schuhe aus, unter Deck schlafen. Wenn sie denn überhaupt schlafen konnten.

Wir genießen die Stunden des Sonnenuntergangs hoch oben auf dem Deck. Wir haben eine schöne Außenkabine in der elften Etage mit herrlichem Blick über die See.

Unsere Gedanken sind bei den Kindern. Wie mögen sie wohl das große Schiff, die vielen neuen Eindrücke, die vielen fremden Menschen, Hunger und Durst, die Müdigkeit, die Trauer, die Aufgeregtheit über das viele Neue erlebt haben?

Vielleicht sind sie wenigstens für ein paar Stunden vor Erschöpfung eingeschlafen. Morgen früh, wenn alles gut geht, wird die Fähre an Land anlegen. Die Station heißt Harwich. Harwich liegt in England.

  1. Rebekka Göpfert (Hg). „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern nach England 1938/39“ Aus dem Englischen von Susanne Röckel. dtv 1994, S. 66 ↩︎

Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Kindertransport 1939 (1). Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London.

Ich wollte mehr über Susanne Schaefer herausbekommen. Susanne, geboren am 28. Januar 1927 in Berlin, Tochter der Grafikerin Steffie Schaefer-Nathan und des Grafikers Albert Schaefer-Ast. Über ihren Vater, Albert Schaefer, hatte ich schon lange Monate recherchiert und auch geschrieben, das Buch über ihn kam Anfang 2025 auf den Markt.
Aber was war eigentlich genauer mit Steffie, ihrer Mutter und mit Susanne selbst? Und, beinahe so ganz nebenher, aber von zentraler Bedeutung: weshalb beschäftigt mich selbst denn diese Geschichte einer mir eigentlich völlig fremden Jüdin so sehr, dass ich Zeit und Geld investiere, um ihr zu folgen? Was verbindet mich mit ihr? Geht es vielleicht auch um meine eigene Familiengeschichte? Geht es bei der Lebenserzählung von Steffie und Susanne um das „zufällige“ Verweben dieser zu erzählenden Familien-Geschichten? Was haben Steffie (Jahrgang 1895) und Susanne (geboren 1927) eventuell mit meinen Eltern (1926 und 1929) zu tun? Beide Familien hatten rein äußerlich überhaupt gar nichts miteinander zu tun, die Erzählfäden laufen nur in meiner Person zusammen, da treffen sie sich, aber offenbar haben die Familien eben doch miteinander zu tun. Rein äußerlich haben Susanne und meine Eltern als fast gleichaltrige Kinder die Zeit des NS erlebt – auf sehr verschiedene, aber eben doch zusammenhängende Weise. Wir haben „miteinander zu tun“. Die Geschichten hängen irgendwie zusammen, sie begegnen sich – jetzt, 2025, bei dieser Recherche-Reise. Wie sie sich begegnen, weiß ich noch nicht. Ob es wirklich so ist, ist zunächst ebenfalls nur eine Vermutung. Wir werden diese wichtige Frage aber ständig im Blick behalten, wenn wir den Spuren von Steffie und Susanne folgen.

Ich wusste inzwischen, dass die 12-jährige Susanne am 21. Mai 1938 mit einem „Kindertransport“ von Berlin nach London und weiter nach Ayr in Schottland gekommen war. Genau das wollte ich genauer verstehen.
Wie kam ein Kind auf einen „Kindertransport“? Wie erfuhr man überhaupt von der Möglichkeit, Deutschland zu entkommen? Wer entschied, welches Kind nach England durfte und welches nicht? Etwa 10.000 Kinder kamen mit einem „Kindertransport“ nach England, aber Hunderttausende Kinder kamen nicht nach England, sondern – nach Auschwitz. Wie war das also genau mit Susanne, ihren Eltern und Großeltern, den Pflegeeltern in Ayr hoch oben im Norden Schottlands? Wie muss man sich einen solchen „Kindertransport“ vorstellen? Kann man sich einfühlen in die Kinderseele einer Zwölfjährigen, die ihre Eltern verlassen muss und in einer großen Kindergruppe von mehr als 100 anderen Kindern – aber doch allein – in die Fremde muss? Versteht dieses Kind, was vor sich geht? Wie wird es reagieren? Was für seelische Spuren werden in diesem Leben bleiben? Was kann man erfahren über jenes Kind, das da wohl von ihrer Mutter Steffie an den Anhalter Bahnhof in Berlin gebracht wurde, sich dort in einem separaten Raum verabschieden musste (die Nazis hatten den Abschied direkt auf dem Bahnsteig verboten, um Aufsehen zu vermeiden, die Szenen waren schrecklich) – kann man sich dem damaligen Geschehen überhaupt noch annähern?

Nun, es gibt autobiografische Zeitzeugenberichte von Kindern, die mit einem Kindertransport nach England kamen. Auch fand sich kürzlich die Transportliste exakt jenes Transportes vom 21. Mai 1938, in der Susanne Schaefer auf Seite 3 vermerkt ist, ich hatte hier im blog darüber geschrieben. Auch habe ich inzwischen einen „Reisebericht“ von exakt diesem Transport gefunden, den ein mitreisender Junge, der zwei Jahre älter als Susanne war, später aus dem Gedächtnis aufgeschrieben hat. Ich werde darauf zurückkommen.
Ich wollte Genaueres über Susanne wissen, wollte herausfinden, wie es ihr wohl vielleicht ergangen sein mag auf jener Reise, die zu einer endgültigen Trennung von Deutschland führen würde.

Also habe ich eine Reise nach England vorbereitet. Diese Reise sollte exakt auf der Route verlaufen, die der Kindertransport vom 21. Mai 1938 genommen hatte: von Berlin mit dem Zug nach Amsterdam, dann mit dem Zug weiter bis an die Atlantikküste in Hoek van Holland, dort auf die Nacht-Fähre nach England. Nach einer Nacht auf See am frühen Morgen des Folgetages Ankunft in Harwich. Von dort mit dem Zug weiter nach London. Endstation: Liverpool Street Station.
Diese Reise soll nun zunächst in weiteren Blogbeiträgen nachgezeichnet werden, bevor von Begegnungen in London zu berichten ist: der Begegnung mit Peter Lobbenberg (Jahrgang 1939) nämlich und von der Begegnung mit Susannes Söhnen Nick (Jahrgang 1957) und Tim (1960).

Die Reise begann am 29. April 2025 in Berlin. Der Interregio nach Amsterdam verließ den Berliner Hauptbahnhof um 8.06 Uhr (anders als die Kinder damals – ihr morgendlicher Transport begann am Anhalter Bahnhof, von dem heute nur noch Reste zu sehen sind).
Wir gerieten bei dieser Reise ab dem Folgetag in England mitten in die Vorbereitungen für den 80. Jahrestag des Sieges der Alliierten über den Hitler-Faschismus, die Erzähl-Ebenen begannen sich sofort zu kreuzen – das wird uns auf der ganzen Reise weiter begleiten. Diese Recherche-Reise wurde zu einem Geflecht zwischen gegenwärtiger Erinnerungskultur, Kriegsgedenken und genauer Recherche der damaligen Vorgänge.
Wie stehen wir Nachfahren zu denen in Beziehung, die vor uns waren?

Der Auslandskorrespondent von The Guardian, Julian Borger hat in seinem Buch „Suche liebevollen Menschen“, in dem er seiner eigenen „verschwiegenen“ Familiengeschichte nachgeht, den bemerkenswerten Satz gefunden: „Wir haben vielleicht den Wunsch, die Vergangenheit zu vergessen, aber das heißt nicht unbedingt, dass sie uns vergisst.“

Und Greg Iles, Chronist des amerikanischen Südens, schreibt: „Jeder von uns bewegt sich in Netzen, die schon lange vor unserer Geburt gesponnen werden, Netze aus Vererbung und Umgebung, aus Begierde und Konsequenzen, aus Geschichte und Ewigkeit.“
Von diesen „Netzen“ wird nun die Rede sein.

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

1939 – 2025. Auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Deutschland nach England

Es ist ein besonderes Jahr, dieses 2025.
80 Jahre Kriegsende. Amerikaner, Briten, Franzosen, Rote Armee hatten dafür gesorgt, dass die Hitlerei endlich ein Ende nahm. Die Deutschen waren dazu selbst nicht in der Lage. Dieses Unvermögen bleibt wohl ewige Schande. In diesem besonderen Jubiläumsjahr sorgt das deutsche Auswärtige Amt dafür, dass Vertreter Russlands nicht zum Gedenken des Kriegsendes eingeladen werden. Grund sei die Sorge des Amtes, russische Vertreter könnten das Gedenken „instrumentalisieren“. Es ist eine sehr verquere Debatte. Denn nun geschieht exakt das: eine Instrumentalisierung des Gedenkens unter Verbiegung historischer Fakten.
Die Enkel der Täter wollen doch tatsächlich den Enkeln der Opfer eine Teilnahme am Gedenken an die Opfer des Krieges untersagen. Glücklicherweise gelingt das nicht, wie man gerade in Seelow beim Gedenken an diese Schlacht und bei zahlreichen weiteren Veranstaltungen in Berlin und anderen Orten sehen kann.
Das alles findet statt auf dem Hintergrund einer bereits beschlossenen massiven Aufrüstung Europas, insbesondere Deutschlands, bei der vorgesehen ist, knapp 1 Billion Euro in Aufrüstung zu investieren. Es handelt sich um die massivste deutsche Aufrüstung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Was für ein Gedenkjahr!

Wie kann man in diesem verwirrten, von Interessen geleiteten Gedenkjahr angemessen den Ereignissen nach-denken, die da vor 80 Jahren stattgefunden haben?

Wir, meine Frau und ich, haben uns entschieden, in diesem besonderen Jahr auf den Spuren jüdischer Flüchtlingskinder von Berlin nach London zu reisen. Am 21. Mai 1939, kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen und dann auf die Sowjetunion, fuhr ein „Kindertransport“ von Berlin über Hoek van Holland und Harwich zunächst nach London, später weiter nach Ayr in Schottland. Diesem Transport werden wir folgen.

Bald schon, am 29. April 2025, also beinahe auf den Tag genau 86 Jahre später, machen wir uns exakt auf der Route auf den Weg, den die Kinder damals genommen haben. Der Zug wird uns von Berlin nach Amsterdam, von dort nach Hoek van Holland bringen. Dort besteigen wir die Nachtfähre, die geplant 22 Uhr ablegen und am nächsten Tag früh morgens im englischen Harwich ankommen soll, so, wie es auch die Flüchtlingskinder erlebt haben. In Harwich steht heutzutage ein Pendant zum Kindertransport-Denkmal, das man vor dem heutigen Bahnhof Berlin-Friedrichstraße findet. Ein weiteres werden wir in London in der Liverpool-Street-Station finden, jenem Bahnhof, an dem die meisten der Transportzüge ankamen.
Der oben abgebildete Ausschnitt aus dem Berliner Denkmal zeigt ein Mädchen, das zu einem vielleicht zwei Jahre älteren Jungen aufblickt. Exakt dies kann sich im Zug vom 21. Mai 1939 zugetragen haben, denn nicht nur die 12-jährige Susanne Schaefer war im Zug, auf deren Spuren wir reisen, sondern auch der 14-jährige Jakob J. Petuchowski (geb. 30.7.1925), der später die Fahrt exakt dieses Zuges vom 21. Mai 1939 im Buch „Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern“, herausgegeben von Rebekka Göpfert (dtv. 1994) ausführlich beschrieben hat. Ich habe seinen Namen auf der Transport-Liste vom 21. 5. 39 gefunden, die Dr. Williams im Dezember 2024 in Yad Vashem sehr überraschend entdeckt hat, denn diese Listen galten bislang unter Historikern als verschollen. Ich hatte ein paar Beiträge weiter vorn davon geschrieben.

Wir begeben uns auf Spurensuche in diesem besonderen Jahr des Gedenkens.
Geplant ist unter anderem ein Treffen mit dem ältesten Sohn eines der Flüchtlingskinder, die damals in jenem Zug vom 21. Mai 1939 gesessen haben, Susanne Schaefer, Tochter der Zeichnerin Steffie Schaefer-Ast, geborene Nathan, die während der Weimarer Republik bekannte und anerkannte Zeichnerin unter anderem für „Die Dame“, den „Uhu“ und den „Querschnitt“ war, die vom größten Verlagshaus Europas, dem Ullstein-Verlag herausgegeben wurden.
Susannes Sohn und ich sind ein und derselbe Geburtsjahrgang. Eine britisch-deutsche Begegnung
80 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges steht uns bevor. Eine Begegnung der Enkel-Generationen. Die Generation unserer Großeltern hat erbitterten Krieg gegeneinander geführt, gegen die jüdische Bevölkerung war es gar ein Vernichtungskrieg, der im industriellen Maßstab geführt wurde; die Deutschen waren diejenigen, die die anderen überfallen hatten, der deutsche Luftkrieg auf London war verheerend.
Auf der anderen Seite des Tisches wird der Sohn eines Flüchtlingskindes sitzen, das damals – gleichsam im letzten noch möglichen Moment – Deutschland verlassen konnte und in Schottland Hilfe und Unterkunft fand.
Werden wir im Gespräch zueinander finden?
Es ist eine offene Frage kurz vor Beginn der Reise.

Wir werden von unseren Eindrücken hier im blog berichten.

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (6)

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (6)

Über Norbert Wollheim hatten wir gerade in Teil 5 gesprochen. Nun noch ein paar Worte über die in der Transportliste erwähnten „übrigen Begleiter“.

Dr. Erna Davidsohn. Von ihr wissen wir Folgendes:
„Dr. Sophie Erna Davidsohn wurde am 5. März 1897 in Berlin geboren. Sie war eine Kinderärztin und lebte mit ihren Eltern und ihrer Schwerster Ilse in der zweiten Etage der Crellestraße 1 (früher Bahnstraße 1–2). Dort hatte ihr Vater Dr. Heinrich Davidsohn eine Kinderarztpraxis.
Erna ging auf die erste höhere Töchterschule, die Chamisso-Schule nahe dem Barbarossaplatz, und machte 1918 ihr Abitur an der Königlichen Augusta Schule, der Vorgängerin der heutigen Sophie-Scholl-Schule. Sie studierte Medizin in Freiburg und Berlin, schloss im Jahr 1924 ihre Doktorarbeit erfolgreich ab. Sie arbeitete dann zunächst in der Praxis ihres Vaters und eröffnete dann eine eigene Praxis in der Tempelhofer Manteuffelstraße 21. Lange konnte sie diese Praxis aber nicht halten, da sie und ihr Vater wie viele andere jüdische Berliner_innen 1938 durch die Nationalsozialisten mit einem Berufsverbot belegt wurden. Die Familie Davidsohn wurde 1939 gezwungen, ihre Wohnung in der Crellestraße zu verlassen und zog zwangsweise in beengte Verhätnisse in die Marburger Straße 5.
Dr. Erna Davidsohn engagierte sich in der Jüdischen Gemeinde und begleitete mehrere Kindertransporte nach England und Schweden.
Auch Erna Davidsohn und ihre Schwester Ilse wollten auswandern, doch ihre Anträge wurden abgelehnt. Drei Versuche, eine Aufenthaltsgenehmigung für Schweden zu erwirken, um dort auf die Erlaubnis zur Weiterreise in die USA zu warten, scheiterten, trotz der Unterstützung schwedischer Ärzte, die sich für Erna Davidsohn verbürgten.
Erna Davidsohn und ihre Schwester mussten inzwischen Zwangsarbeit leisten, Erna in der Schneiderei der Firma Michalski in der Großen Frankfurter Straße.
Im September 1940 starb der Vater Heinrich Davidsohn im Alter von 75 Jahren. 1942 wurde die 77-jährige Mutter Martha Charlotte Davidsohn, geb. Jacoby, in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert und dort ermordet.
Am 9. Mai 1943 mussten Erna und Ilse Davidsohn die Vermögenserklärung ausfüllen, am 17. Mai 1943 wurden beide mit dem „38. Osttransport“ nach Auschwitz deportiert. Ilse Davidsohn wurde dort vermutlich kurz nach der Ankunft ermordet. Erna Davidsohn wurde als Ärztin mit zwei Kolleginnen im Lagerlazarett des sogenannten Zigeunerlagers eingesetzt und musste unter widrigsten Bedingungen die Inhaftierten versorgen. Die beiden Kolleginnen waren Dr. Paula Heymann und Dr. Lucie Aldelsberger, nur letztere überlebte und beschreibt in ihrer Veröffentlichung „Auschwitz ein Tatsachenbericht“ die Jahre in Ausschwitz. Sie nannte keine ihrer Kolleginnen namentlich, aber beschrieb deren Erkrankungen und qualvollen Tod.“ (Quelle: Stolpersteine-Berlin).

2. Edith Bähler und 3. Kurt Schaefer.
Die Recherche ergab bislang (8.4.2025) keine Ergebnisse.

4. Heinz Cohn. Heinz Albert Cohn wurde am 3. Oktober 1903 in der Großbeerenstraße 25 in Berlin-Kreuzberg geboren. Sein Vater, der Kaufmann Moritz Cohn, war bei seiner Geburt 46 Jahre alt und seine Mutter Lucia Cohn geborene Francken 33 Jahre. Heinz hatte zwei ältere Brüder, den 7-jährigen Alfred und den 4-jährigen Julius. Als Heinz 8 Jahre alt war, starb sein Vater Moritz Cohn am 25. Mai 1912 mit 55 Jahren. Seine Mutter wurde mit 42 Jahren Witwe. 
Sein ältester Bruder Alfred nahm mit 18 Jahren am Ersten Weltkrieg teil. Mit dem Verwundetenabzeichen und dem Eisernen Kreuz II. Klasse kehrte er 1918 aus dem Krieg zurück. Alfred studierte Medizin und wurde Arzt. Es ist anzunehmen, dass auch Heinz eine höhere Bildung genoss, leider konnte hierzu nichts recherchiert werden.

Als sein ältester Bruder im Dezember 1931 heiratete, wohnte Heinz zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder Julius in der Mainzer Straße 16 in Berlin-Wilmersdorf. 1936 zogen die drei in die Landhausstraße 36 in eine 3-Zimmer-Parterrewohnung im Gartenhaus rechts. Hier waren sie auch bei der Minderheiten-Volkszählung am 17. Mai 1939 gemeldet. 

In der bei seiner Deportation angelegten Vermögensakte fand sich ein Schreiben des Finanzamtes Wilmersdorf-Süd an den Oberfinanzpräsidenten, in dem mitgeteilt wurde, dass „Heinz Israel Cohn, Autovermietung“ für 1943 noch Vermögenssteuer in Höhe von 40 RM zu entrichten habe. „Nach dem Stande vom 1. Januar 1940 besaß der Steuerpflichtige ein Vermögen von 8.486 RM.“ Demnach verdiente Heinz seinen Unterhalt mit Autovermietung. Da ab dem 3. Dezember 1938 Juden das Führen und Halten von PKWs mit sofortiger Wirkung verboten war, konnte er diese Tätigkeit danach nicht mehr ausüben. Führerscheine und Kfz-Papiere mussten bis spätestens 31. Dezember 1938 zurückgegeben werden. Wann und wo Heinz Cohn seine spätere Ehefrau Flora kennenlernte, ist nicht bekannt. 
Die am 15. November 1907 geborene Flora Ball, Tochter des aus Galizien stammenden Eiergroßhändlers Abraham Ball und seiner Gattin Berta Erika Ball geborene Alexandrowitz, hatte zum ersten Mal mit 22 Jahren am 29. April 1930 den 23-jährigen Österreicher Karl Opat geheiratet. Schon drei Monate später kam ihr Sohn Victor Alexander zur Welt. 
1935 wurde auf der Heiratsurkunde mit einem Stempel vermerkt, dass die Ehe zwischen Karl Opat und Flora Opat durch das am 28. Juni 1935 rechtskräftig gewordene Urteil für aufgelöst erklärt wurde, wobei das auf dem Stempel vorgegebene Wort „geschieden“ durchgestrichen wurde. Es ist anzunehmen, dass Karl Opat sich als Opfer einer arglistigen Täuschung sah und deshalb den Antrag auf Aufhebung der Ehe stellte. Er selber gab später in Wien an, dass er nicht geschieden, sondern ledig sei.
In der von Flora bei der Deportation ausgefüllten Vermögenserklärung schrieb sie mehrmals, dass ihr mittlerweile 12-jähriger Sohn Victor „Geltungsjude“ sei. Karl Opat war Jude, deshalb kann davon ausgegangen werden, dass Victors leiblicher Vater nicht Karl Opat war. 
Nach Auflösung der Ehe zog Flora zu ihrer Mutter, die seit 1932 verwitwet war. Bei der Minderheiten-Volkszählung 1939 waren Flora, Victor und ihre Mutter Berta in der Madaistraße1 in Horst-Wessel-Stadt (heute Berlin-Friedrichshain) in der Nähe des Ostbahnhofs gemeldet. Von dieser Adresse wurde ihre Mutter am 8. September 1942 nach Riga deportiert.
Heinz und Flora heirateten am 18. Dezember 1941. Heinz wurde mit der Heirat Stiefvater von Victor. Erst nach der Deportation von Floras Mutter zog die kleine Familie im Oktober 1942 zu Heinz Mutter in 1 ½ Zimmer ihrer Wohnung in der Landhausstraße 36.
Heinz und Flora hatten seit 1941 Zwangsarbeit zu leisten. Heinz arbeitete wie sein älterer Bruder Julius als Maschinenarbeiter bei der Firma Heinrich Klüssendorf im Zitadellenweg 20 in Berlin-Spandau. Die Firma Klüssendorf war auch als Rüstungsbetrieb tätig und lieferte Teile für die Herstellung automatischer Waffen. Während des Zweiten Weltkriegs wurden zudem die Junkers Flugzeug- und Motorenwerke beliefert. Flora arbeitete als Stanzerin in der Firma Max Scheele in der Blücherstraße 37 in Berlin-Kreuzberg. Da die jüdischen Schulen 1941 schon geschlossen waren, wird Victor sich in der Wohnung bei Heinz‘ Mutter aufgehalten haben.
Als ersten der Familie Cohn deportierte die Gestapo Julius zusammen mit seiner Ehefrau Judith am 26. Februar 1943 aus der Martin-Luther-Straße 87 nach Auschwitz. Kurze Zeit später erhielten Heinz, Flora und Viktor den Deportationsbefehl. Im Sammellager in der Großen Hamburger Str. 21 mussten sie am 12. März 1943 die Vermögenserklärungen ausfüllen und danach auf ihre Deportation warten.
Heinz‘ Mutter Lucia hatte ihre Vermögenserklärung schon am 6. März 1943 ausgefüllt. Auf die Frage, welche Familienangehörigen schon ausgewandert seien, gab sie ihre beiden Söhne, Julius und Heinz mit der Bemerkung „abgewandert“ an. Mit dem 4. Großen Alterstransport wurde sie am 17. März 1943 mit 1.199 anderen vom Anhalter Bahnhof in Berlin nach Theresienstadt deportiert. 
Heinz, Flora und Victor blieben noch über einen Monat im Sammellager. Da Heinz ältester Bruder Alfred für die Reichsvereinigung der Juden arbeitete, wird er alles versucht haben, die Deportation seines jüngsten Bruders hinauszuzögern, allerdings ohne Erfolg. Am 19. April 1943 deportierte die Gestapo Heinz, Flora und Victor zusammen mit weiteren 685 Personen mit dem 37. Osttransport in das Vernichtungslager Auschwitz, wo sie sie ermordeten. Heinz Cohn starb mit 39 Jahren, Flora Cohn mit 35 Jahren und Victor Opat mit 12 Jahren. (Quelle: Stolpersteine Berlin).

5. Frau Irma Zancker. Frau Zancker ist bei den Hamburger Stolpersteinen dokumentiert. Dort heißt es kurz: Irma Zancker (geborene David) * 1901 Sierichstraße 46 (Hamburg-Nord, Winterhude) Irma Zancker, geb. David, geb. 25.6.1901 in Altona, deportiert am 23.6.1943 nach Theresienstadt, weiterdeportiert am 28.10.1944 nach Auschwitz, dort ermordet.
In einer auf der Seite der Stolpersteine Hamburg eingefügten Tondatei (Nr. 7 im hier eingefügten link) erfährt man noch etwas mehr über ihr Leben.

Irma Zancker war schon Begleitperson beim ersten Kinder-Transport am 29. November 1938, wie dieses Dokument belegt:

6. Schwester Thekla Picard. Wir wissen bislang nicht viel von ihr. Sie wird bei den Hamburger „Stolpersteinen“ als Fürsorgerin in der Jüdischen Gemeinde erwähnt. Diese Fürsorgestellen waren wichtig bei der Auswahl der Kinder, denn die Kinder mussten vorher einem Gesundheits- und Sozial-Check unterzogen worden sein. Die Fürsorgestellen hatten von jedem „Transport-Kind“ eine eigene Akte mit den notwendigen Papieren angelegt. (Quelle: Stolpersteine Hamburg).

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (5)

Der Kindertransport vom 21./22. Mai 1939 von Berlin nach London. Die Helfer (5)

Die 2024 in Yad Vashem gefundene Transport-Liste, die ich im März 2025 aus Großbritannien von Dr. Amy Williams erhielt, enthält auch die Namen und Anschriften der Helfer des Transports, in dem Susanne Schaefer nach England entkommen konnte. Die niederländischen Grenzbehörden registrierten als „Hoffdleider“ (Hauptleiter) des Transports Norbert Wollheim. Ihm sei dieser blogbeitrag gewidmet. Zu den anderen Helfern komme ich im nächsten Beitrag.

In Berlin war Norbert Wollheim Zeuge des Pogroms vom 9./10. November 1938 geworden und unterstützte in den folgenden Wochen jüdische Männer, die an diesen Tagen von der Gestapo ins KZ Sachsenhausen verschleppt worden waren. Sie wurden nun wieder entlassen, waren jedoch häufig verletzt, misshandelt und krank, und versuchten, zu ihren Familien zurückzukehren. „Damals begriff ich, dass Rabbiner Leo Baeck, der mein Lehrer und geistiger Mentor war, Recht hatte, als er sagte, dass die historische Stunde des deutschen Judentums zu einem Ende gekommen sei.“[1]

In seinen Vorbereitungen zur eigenen Auswanderung wurde Norbert Wollheim von Otto Hirsch von der Reichsvereinigung der deutschen Juden unterbrochen, der ihn bat, die Organisation der Auswanderung tausender Kinder[2] zu übernehmen, deren Aufnahme Großbritannien in Folge des Pogroms angeboten hatte.  a  Wollheim ließ sich überzeugen, diese Arbeit im Geiste der Jüdischen Jugendbewegung, in der er aufgewachsen war, zu übernehmen: „In der Jugendbewegung hatten wir gelernt zu helfen, wo es nur möglich war. Dies war unser Credo. Das, was man für sich selbst tut, ist nicht genug. Man muss versuchen, sich auch um Leute zu kümmern, die weniger Glück haben als man selbst, und Hilfe und Unterstützung brauchen. Also begann ich mit der Arbeit.”[3]

Nachdem eine hochrangige Delegation britischer Juden, unter ihnen Viscount Samuel, Lord Bearsted, der Oberrabbiner J. H. Hertz und Chaim Weizmann, vom britischen Premierminister Neville Chamberlain die Zusage für die Aufnahme der Kinder erhalten hatten, standen sowohl in England als auch in Deutschland die involvierten Wohltätigkeitsorganisationen und Helfer/innen vor zahlreichen organisatorischen Problemen. In England sammelte das Refugee Children’s Movement Spenden zur Finanzierung des ganzen Unternehmens und machte sich auf die Suche nach Pflegefamilien, seien sie jüdisch oder christlich. Gerade Pflegefamilien zu finden, erwies sich als schwierig, so dass viele Kinder nach ihrer Ankunft in England erst einige Zeit in dem für sie geschaffenen Auffanglager in Dovercourt untergebracht werden mussten.

In Deutschland war die Aufgabe zunächst, in ganz Deutschland jüdische Kinder zu finden, die die Kriterien erfüllten – unter 17 Jahre, gesund, mit Einverständnis der Eltern, da diese ja nicht mitgehen durften –, für sie die Ausreiseformalitäten zu regeln und festzulegen, wann sie von Berlin nach England reisen sollten. Während Wohltätigkeitsorganisationen in den jüdischen Gemeinden vor Ort die Kinder aussuchten und ihre Unterlagen nach Berlin schickten, war es Norbert Wollheims Aufgabe, die Listen der einzelnen Transporte zusammenzustellen und sie mit den Organisationen in England abzustimmen, was häufig nächtlicher Telefongespräche bedurfte, auf die er manchmal mehrere Stunden warten musste wegen der schlechten Verbindungen.

Die Kinder mussten sich einem Gesundheitscheck unterziehen und wurden daraufhin in den örtlichen jüdischen Gemeinden für einen der Kindertransporte ausgewählt oder abgelehnt. Es wurde auf diese Weise auch versucht, Jungen außer Landes zu bringen, die am 9./10. November von der Gestapo verhaftet worden waren und nur mit der Auflage wieder entlassen worden waren, das Deutsche Reich bald zu verlassen. Die Eltern brachten ihre Kinder aus ganz Deutschland nach Berlin,[4] von wo sie in besonderen Waggons abfuhren. Norbert Wollheim hatte mit Kindern und Eltern erst in Berlin bei der Verabschiedung am Bahnhof direkt zu tun. Hierfür mietete er im Schlesischen Bahnhof1 einen separaten Saal an, da die Gestapo den Eltern verboten hatte, ihre Kinder auf den Bahnsteig zu begleiten, um öffentlich sichtbare Abschiedsszenen zu vermeiden. In diesem Saal war es seine Aufgabe, mit einer kurzen Ansprache den endgültigen Abschied zwischen Eltern und Kindern einzuleiten.  b 

Weitere Helfer/innen wurden rekrutiert, um die Kinder zu begleiten, zunächst nur bis zur holländischen Grenze, aber bald gelang es, die deutschen Behörden davon zu überzeugen, dass es im Interesse aller sei, die Kinder bis nach London zu begleiten. Dies gestattete die Gestapo nur unter der Bedingung, dass alle Begleiter/innen sofort aus England nach Deutschland zurückkehren mussten; hätte eine/r die Reise nach England zur Flucht aus dem Deutschen Reich genutzt, wären die Kindertransporte von der deutschen Seite abgebrochen worden. Es lag also bei der Auswahl der Begleiter/innen eine große Verantwortung auf Norbert Wollheim. Er begleitete selbst vier oder fünf der etwa 20 Kindertransporte von Berlin nach England, auch einige nach Schweden, denn auch Schweden entschloss sich, jüdische Kinder aus Deutschland aufzunehmen. Die Reisen nach England nutzte Wollheim zudem für organisatorische Absprachen mit den Mitarbeiter/innen des Refugee Children’s Movement dort.

Die Züge fuhren von Berlin zur holländischen Grenze, wo sie noch einmal den Schikanen der SS ausgesetzt waren, die häufig alles Gepäck der Kinder durchwühlten und diese terrorisierten.  c  In Holland wurden die Kinder von dortigen Hilfsorganisationen versorgt und fuhren dann weiter mit einer Fähre nach Harwich in England, wo der erste Kindertransport am 2. Dezember 1938 eintraf. Nach Einwanderungs- und Zollkontrolle  d  kamen die Kinder von dort entweder ins Auffanglager in Dovercourt oder fuhren weiter zur Liverpool Street Station, wo ihre Pflegeeltern sie erwarteten. Für viele Kinder war dieser Bruch in ihrem Leben eine traumatische Erfahrung, oft hatten sie Schwierigkeiten, sich an ihre neuen Familien in England zu gewöhnen, die oft ganz anders waren als ihre Herkunftsfamilien. In vielen Fällen waren die Aufnahmefamilien nicht jüdisch, oder, waren sie jüdisch, so lebten sie die religiösen Traditionen doch oft in einem anderen Grad, als es manche der Kinder gewöhnt waren. Es gab Kinder, die viele Anstrengungen unternahmen, ihre Eltern und auch Geschwister nach England nachzuholen, ihnen dort Jobs zu besorgen, die eine Einreise ermöglichten; einigen gelang dies auch. Die Eltern der meisten durch die Kindertransporte in Sicherheit gebrachten Kinder wurden jedoch in den NS-Vernichtungslagern ermordet; nur wenige hatten das Glück, ihre Eltern Jahre später, nach dem Krieg, wiederzutreffen.

Im Sommer 1939 hatte das Refugee Children’s Movement zunehmend Schwierigkeiten mit der Finanzierung der Transporte, im August ging das Geld ganz aus. Mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht in Polen endete im September 1939 jede Möglichkeit, weitere Kinder außer Landes zu bringen. Bis zu diesem Zeitpunkt war es nach Norbert Wollheims Aussage gelungen, etwa 6–7.000 Kinder aus Deutschland nach England und Schweden zu bringen.  e 

Ein letzter Kindertransport, der eigentlich für Anfang September vorgesehen war, hatte noch in den letzten Augusttagen nach England fahren können; bei diesem Transport war Norbert Wollheim schon nicht mehr als Begleiter dabei, da er fürchtete, evtl. nicht mehr zu seiner schwangeren Frau, Rosa Wollheim (geb. Mandelbrod), nach Berlin zurückkehren zu können. Ihm und seiner Familie gelang die Auswanderung nicht mehr, sie wurden im März 1943 nach Auschwitz deportiert, wo Rosa und ihr Sohn Uriel sofort nach der Ankunft ermordet wurden. Norbert Wollheim kam ins KZ Buna/Monowitz.

(MN)

Diesen Text habe ich der Seite Norbert-Wollheim-Memorial entnommen. Wollheim überlebte die Zeit im KZ, war später Zeuge im Auschwitz-Prozess, klagte gegen die IG-Farben und blieb ein Leben lang für Menschen engagiert, die Unterstützung benötigten.

  1. hier hat sich im zitierten Originaltext ein Fehler eingeschlichen. Die Kindertransporte starteten nicht am Schlesischen, sondern am Anhalter Bahnhof. ↩︎

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Der Kindertransport 21/22. Mai 1939 Berlin – London. Die Liste. Woher die anderen Kinder kamen (4)

Die Kinder kamen nicht nur aus Berlin. Wir sehen an der Liste, die mir die britische Historikerin Dr. Amy Williams im März 2025 dankenswerterweise in Kopie zur Verfügung gestellt hat – sie kamen auch aus Beuthen (heute Polen):

Sie kamen aus Hamburg:

und sie kamen aus einer ganzen Reihe anderer Städte in Deutschland: aus Breslau, Königsberg, Magdeburg, Chemnitz, Hamm, Gelsenkirchen, Würzburg, Bamberg und Stuttgart.

Diese im Dezember 2024 in Yad Vashem/Jerusalem entdeckten Transportlisten der Kindertransporte werden nun auch in zahlreichen Städten die Forschungen zur Herkunft jüdischer Familien und ihrer Nachfahren ergänzen und erweitern können. Ein wertvoller Fund.

Wer sich mit dem Thema „Kindertransporte“ etwas eingehender befassen will, dem sei folgende Literatur empfohlen:

  1. Wolfgang Benz (Hg). Die Kindertransporte 1938/39. Fischer-Taschenbuch 2024, 2. Auflage
  2. Rebekka Göpfert (Hg). Ich kam allein. Die Rettung von zehntausend jüdischen Kindern. dtv 1994
  3. Rebekka Göpfert. Der jüdische Kindertransport von Deutschland nach England 1938/39. Campus-Verlag Frankfurt/New York 1997
  4. Dorit B. Whiteman. Die Entwurzelten. Jüdische Lebensgeschichten nach der Flucht 1933 bis heute. Böhlau Verlag Wien.Köln.Weimar 1995
  5. Mike Levy: Get the Childen out! Sonderausgabe zum 85. Jahrestag der Transporte.
  6. Das neue Buch von Dr. Amy Williams zu ihrem Fund der Transport-Listen im Dezember vorigen Jahres in Yad Vashem wird im Sommer 2025 erscheinen.

Mike Levy hat sein Buch auch „Die unbesungenen Helden des Kindertransports“ genannt. Von denen wird im nächsten blog-Beitrag die Rede sein, denn die Liste vom 21./22. Mai 1939 nennt auch ihre Namen.

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Kindertransport 1939 Berlin – London. Die Mädchen aus Berlin (3)

Die Liste mit den Namen und Anschriften der Berliner Kinder, die am 21./22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland – Harwich nach London fliehen konnten, enthält 45 Namen Berliner Mädchen. Schaut man sich diese Liste genau an, fällt die größte Altersgruppe der 14-16jährigen Mädchen sofort auf.
Auch finden sich Geschwisterpaare. Die drei jüngsten Mädchen dieses Transportes sind 6, die beiden ältesten sind gerade noch 17 Jahre. Die Altersgrenze für die Transporte lag bei 17 Jahren … Man ahnt die Panik der Eltern, ihr Kinder „gerade noch“ auf den Transport bekommen zu haben.
Die jüdischen Hilfsorganisationen in Deutschland, bei denen die „Anwärter-Kinder“ angemeldet waren, mussten auswählen. Erschütternd ist heute, 95 Jahre nach jenen Ereignissen wahrzunehmen, nach welchen Kriterien die Kinder ausgesucht wurden: sie mussten gesund sein, blonde, 12jährige Mädchen waren bevorzugt in England, Jungen hatten es sehr viel schwerer. Behinderte Kinder hatten keine Chance. Zur Tragik der Kindertransporte gehört, dass die meisten Kinder eben nicht gerettet werden konnten. Aber, immerhin 10.000 konnten den Nazis nach England entkommen.

Die Kinder wurden auf englischer Seite entweder von „Pateneltern“ am Bahnhof abgeholt – oder sie kamen gleich in der Nähe von Harwich in ein eigentlich für Sommeraktivitäten gebautes Camp, das aber in den Wintermonaten ab Dezember 1938 nun als Kinder-Flüchtlings-Lager dienen musste. Die Verhältnisse waren entsprechend schlecht. Am Beginn der Transporte waren die Patenschafts-Fragen noch nicht verlässlich geklärt, weshalb es bei der Ankunft zu Szenen „wie auf einem Viehmarkt“ kam, wie ehemalige „Kinder“ in ihren Lebenserinnerungen geschrieben haben. Die Kinder waren aufgestellt und die Gasteltern konnten sich „ein ihnen passendes Kind aussuchen“. Natürlich blieben bei einem solchen Verfahren Kinder „übrig“ – um die sich dann die Hilfsorganisationen selbst kümmern mussten.
Schon bald allerdings waren die Transporte zunehmend professionalisiert. Auch hörten die dramatischen Szenen auf den Berliner Bahnsteigen auf, wenn sich die Eltern von ihren Kindern direkt am Zug verabschiedeten. Norbert Wollheim, von dem noch die Rede sein wird, sorgte dafür, dass sich die Eltern von ihren Kindern in einem eigenen großen Raum verabschieden konnten, bevor die Kinder den Zug bestiegen. Auch hatten die Nazis gefordert, dass diese „Verabschiedungsszenen auf dem Bahnsteig“ aufzuhören hätten, die Berliner Bevölkerung sollte nicht mitbekommen, was da vor sich ging.

Im Zug wurden die Kinder von Erwachsenen begleitet, die aber, so war die Bedingung der Nationalsozialisten, nach dem Transport von England nach Deutschland zurückkehren mussten. Falls jemand die Gelegenheit zur Flucht nutzen sollte, würde man die Transporte sofort einstellen.

Wir sehen hier an den Blättern zwei und drei (Blatt 3 enthält Susanne Schaefer, um die es bei der Recherche eigentlich geht) der Transportliste, dass die Kinder dieses Transportes nicht nur aus Berlin kamen.
Im nächsten Beitrag gehe ich näher darauf ein.

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Kindertransport 1939 Berlin-London. Die Liste (2)

Im Dezember 2024 hatte die britische Historikerin Dr. Amy Williams in Yad Vashem/Jerusalem „fast alle“ Transportlisten der „Kindertransporte“ aus den Jahren 1938/1939 gefunden – für Kenner der Materie eine Sensation, denn diese Listen galten bislang als verschollen. Ich erfuhr von diesem Fund Ende März 2025 durch einen Artikel in der New York Times, setzte mich sofort mit Dr. Williams in Verbindung und erhielt von ihr schon am Folgetag dankenswerter Weise die Liste in Kopie, die mich besonders interessiert: die Liste vom 13e Transport am 21/22. Mai 1939 von Berlin über Hoek van Holland nach London. Mit diesem Transport kam nämlich die einzige Tochter des Grafikers und Pressezeichners Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau, der Modezeichnerin Steffie, geborene Nathan, gleichsam „in letzter Minute“ nach Schottland in Sicherheit. Steffie selbst konnte noch im Juli 1939 als „house wife“ nach England emigrieren, Schaefer-Ast hatte sich im April 1939 von der Jüdin Steffie scheiden lassen und blieb in Berlin. Im Buch über Schaefer-Ast habe ich diese Fakten ausführlich beschrieben.

Über die Titelseite der Liste vom Mai-Transport hatte ich bereits im vorigen blog-Beitrag geschrieben, nun also die Seiten 1 + 2, wir finden zunächst die Namen und Adressen der Jungen, die mit diesem Transport fliehen konnten. Es handelt sich dabei um eine von holländischen Helfern ausgestellte und an die holländischen Grenzbehörden übersandte Liste, die erst am 17. Mai endgültig feststand:

35 Berliner Jungs waren im Zug. Insgesamt waren es 128 Kinder, auch aus anderen Orten als Berlin, die in Begleitung von mehreren Erwachsenen, über die wir noch sprechen werden, mit diesem Transport von Berlin nach London entkommen konnten. Im Zug waren nicht nur Berliner Kinder, wie wir noch sehen werden, aber wir beginnen zunächst mit den Berlinern, der Reihenfolge der Liste folgend.

Besonders aufschlussreich ist, dass mehr Mädchen als Jungen im Zug waren. Das wurde zum Merkmal der Transporte insgesamt: denn viele britische Gasteltern bevorzugten Mädchen, die „nicht schwierig“ waren; Mädchen, die sich eher angepasst und ruhig verhielten. Nicht wenige von ihnen wurden auch als Kindermädchen und Reinigungshilfen ausgenutzt, davon wird noch zu sprechen sein. Jungen hatten es da schwerer. Fliehen konnten nur Kinder, die noch keine 17 waren, die meisten waren sehr viel jünger, wie man leicht an den Geburtsdaten erkennen kann. Die Berliner Jungs in diesem Transport waren im Alter zwischen 6 und 17 Jahren, größte Teilgruppe waren die Jungs im Alter zwischen 13 und 14 Jahren.

Wer sich mit der jüdischen Geschichte Berlins beschäftigt, hat durch diese Liste nun einen weiteren Hinweis auf die Wohnorte jüdischer Familien im Mai des Jahres 1939 und eine Grundlage für weitere Recherchen.

Im nächsten Blogbeitrag schauen wir uns die Mädchen auf der Berliner Liste an, dann sehen wir uns die anderen Orte an, aus denen Kinder dieses Transportes kamen und schließlich werden wir uns mit den Helferinnen auf diesem Transport beschäftigen. Aber: eins nach dem anderen.

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Kindertransport 1939 (1). Die Liste

Es geht um Susanne Schaefer, geboren am 18. Januar 1927 als einzige Tochter des Pressezeichners und Grafikers Albert Schaefer-Ast und seiner zweiten Frau Steffie, geborene Nathan.

Ich wusste inzwischen, dass Susanne am 21. Mai 1939 mit einem „Kindertransport“ von Berlin via Hoek van Holland zunächst nach London und dann weiter nach Ayr in Schottland fliehen konnte. Aber ich kannte keine Details, denn auch nach intensivster Suche war keine Transportliste dieses Transportes zu finden. Alle Historiker, die sich mit dieser Thematik befasst hatten, waren der Ansicht, diese Listen seien verschollen und aufgrund von „Kriegseinwirkungen“ verloren gegangen. Am 31.3.2025 bekam ich eine Mail aus New York mit einem Artikel in der New York Times, der von einem „Sensationsfund“ berichtete. Der britischen Historikerin Dr. Amy Williams sei es Ende 2024 im Archiv in Yad Vashem gelungen, die Transportlisten der „Kindertransporte“ von 1938/39 zu finden. Die Listen seien „beinahe vollständig“.

Was für eine Nachricht! Ich fing sofort an, weiter zu suchen, um Dr. Williams irgendwie zu erreichen und noch in der Nacht konnte ich an Dr. Williams eine Mail schreiben mit meiner Frage, ob sie „zufällig“ auch die Liste vom 21. Mai 1939 von Berlin via Hoek van Holland nach London gefunden hätte?

Schon nach wenigen Stunden kam ihre Antwort. Tatsächlich ist diese Liste enthalten. Frau Dr. Williams wird über ihren umfänglichen Fund und die Auswertung des Fundes im Sommer diesen Jahres publizieren und dennoch schickte sie mir die Liste mit Susannes Namen – wofür ich ihr einen großen Dank sagen möchte. Solche Kollegialität ist nicht selbstverständlich.

Ich will im Folgenden etwas zu dieser Liste sagen. Heute Teil 1: Das Deckblatt vom 19. Mai 1939.

Die Übersetzung lautet:
DAS KINDER-COMITÉ
Amsterdam 19. Mai 1939
Heerengracht 466

an

Grenzschutz und Nationaler Ausländerdienst
Nassau Zuilensteinstraat 11, Den Haag

Nach dem Telefongespräch mit Frau Wijsmuller bestätigen wir hiermit, dass am Sonntag, den 21. Mai, ein deutscher Kindertransport bestehend aus
128 Kindern
um 16:51 Uhr über den Grenzbahnhof Oldenzaal durch unser Land fahren und von dort über Hoek van Holland (Ankunft 21:37 Uhr) noch am selben Abend mit dem Nachtschiff nach England reisen wird.

Zu Ihrer Information legen wir Ihnen eine Liste mit den Namen der Kinder und der Betreuer bei.

Wir haben die Leiter der Grenzstationen Oldenzaal und Hoek van Holland über diesen Transport informiert.

Mit freundlichen Grüßen, „Das Kinder-Komitee“

Angefügt ist die angekündigte 5-seitige Liste (verfasst am 17.5.1939) mit 128 Namen und Adressen der Kinder und ein Blatt mit den Namen der BegleiterInnen dieses Transportes. Darüber wird es einen eigenen Beitrag geben.

Ich bin derzeit bei der Vorbereitung einer Recherche-Reise nach London. Ich will exakt auf dem Weg reisen, den die jüdischen Flüchtlingskinder im Mai 1939 gereist sind: früh mit dem Zug ab Berlin nach Amsterdam, von dort weiter zum Hafen in Hoek van Holland, dann mit dem „Nachtschiff“ um 22 Uhr ab Hoek van Holland nach Harwich, von dort am Folgetag weiter nach London Liverpool Street Station.

Das Titelblatt der in Jerusalem gefundenen Liste verrät uns, dass „Frau Wijsmuller“ den Transport vom 21. Mai 1939 den Grenzbehörden schon telefonisch angekündigt hatte. Sie ist eine bemerkenswerte und sehr durchsetzungsstarke Frau gewesen, die sich unter größtem persönlichen Einsatz um die jüdischen Kinder gekümmert hat. Unter abenteuerlichsten Umständen ist es ihr noch im September 1939 gelungen, ein letztes Flüchtlingsboot außer Landes zu bringen, da wurde das Boot schon von Flugzeugen aus beschossen – aber die Kinder wurden gerettet. Ich werde in einem weiteren Beitrag ausführlich auf sie eingehen.
Der Transport wurde begleitet vom „Hauptführer“, wie das Dokument formuliert, Norbert Wollheim, der maßgeblich die Kindertransporte von Berlin organisiert, vorbereitet und begleitet hat. Auch er wird einen eigenen Blogbeitrag bekommen. Norbert Wollheim ist ein wirklich bemerkenswerter Mensch gewesen, der viel zu wenig bekannt ist. Wollheim kehrte immer wieder nach einem Transport aus London zurück, um den nächsten Transport durchzuführen, er kam ins KZ, überlebte, emigrierte in die USA. Er hat ausführlich über seine Arbeit für die „Kindertransporte“ geschrieben. Davon wird noch die Rede sein.

Zunächst also die „Titelseite“ der Transportliste vom 21. Mai 1939, angefertigt am 19. Mai 1939 in Amsterdam. Dort war „DAS KINDER-COMITÉ“ untergebracht, das den deutschen jüdischen Kindern half, den Weg in die Sicherheit zu finden. Viele Kinder haben noch aus dem Zug an ihre in Deutschland gebliebenen Eltern geschrieben und auf den Postkarten und in den Briefchen davon erzählt, wie herzlich sie in den Niederlanden aufgenommen und versorgt worden seien.

Die britische Regierung hatte sich nach den Novemberpogromen 1938 bereit erklärt, „wenigstens jüdische Kinder für eine begrenzte Zeit“ aufzunehmen, obwohl England kaum noch erwachsene Flüchtlinge aufnahm, man befürchtete, dass die deutschen Flüchtlinge „unseren Leuten die Arbeit wegnehmen“ (!) könnten. Auch waren die Ausreisen nach Palästina, das damals unter britischem Protektorat stand, begrenzt worden. Die jüdischen privaten Hilfsorganisationen, die zusammen mit den Quäkern in Deutschland und England die „Kindertransporte“ organisierten, mit denen „etwa 10.000 Kinder“ gerettet werden konnten, setzten deshalb darauf, dass man „wenigstens die Kinder für eine begrenzte Zeit“ außer Landes bringen müsse; die Helfer mussten alles privat organisieren, denn die britische Regierung hatte zur Bedingung ihrer Einreisegenehmigung gemacht, dass „dem Staat keinerlei Kosten“ entstehen dürften. Adolf Eichmann hatte unmittelbar nach dem Novemberpogrom 1938, als „wenigstens die Kinder“ gerettet werden mussten, den jüdischen Helfern einen ersten Transport unter der Bedingung genehmigt, dass er „noch im Dezember“ 1938 erfolgen müsse. Eine schier unlösbare Aufgabe. Aber: es gelang. Der erste Kindertransport verließ Deutschland noch im Dezember 1938. Die mediale Aufmerksamkeit insbesondere in Großbritannien für diesen ersten Transport war sehr groß, man findet zahlreiche Dokumente darüber.
Über die Helfer in Berlin und in Amsterdam ist weniger bekannt, „Frau Wijsmuller“ und „Norbert Wollheim“ sind nur Menschen bekannt, die sich intensiv mit den „Kindertransporten“ beschäftigt haben. Meine Beiträge sollen ein wenig helfen, dass sich das ändert.