Den Wortschatz heben – heute: „Gutmensch“

Das Wort fiel heute früh in meine Schale. Schnell verbarg es sich wieder im Fluss der Worte des Tages, nun, am Abend, zeigt es sich erneut.
Einen Moment will ich dem Wörtlein nach denken.
Wie man bei der Gesellschaft für deutsche Sprache lernen kann, ist es ein relativ neues Wort. Man gebraucht es etwa seit 1985.

Wie ich im Laufe des Tages bei facebook in einem Kommentar erfahren konnte, gelten „Gutmenschen“ heutzutage als „nervig“. Man meint, sie fühlten sich anderen „moralisch überlegen“, also als „etwas Besseres“. So jedenfalls der Kommentar.
Das Wort selbst spricht nicht davon.
Es qualifiziert den Menschen, von dem doch eigentlich – oder doch nicht? – anzunehmen ist, daß er gut sei, ausdrücklich mit dem Präfix „gut“.
Weshalb?
Weil sich Ende der achtziger Jahre – es war die Zeit der großen friedens- und umweltpolitischen Debatten nach dem NATO-Doppelbeschluss – ein Gefühl in der Bevölkerung breitmachte, es könnte angesichts von Hochrüstung und ökologischer Bedrohung zuviele „schlechte“ Menschen geben?

Interessanter weise unterscheidet die Sprache zwischen „gute Menschen“ und „Gutmensch“, obgleich das Wort am Beginn seiner Laufbahn doch eher diejenigen bezeichnen sollte, die neben aller Pragmatik und betriebswirtschaftlichem Wachstumsdenken noch andere Maßstäbe an unternehmerisches und politisches Handeln anzulegen einforderten.
Nicht selten waren es politisch sehr interessierte, gebildete und wache Menschen, die mit jenem Wörtlein bezeichnet werden sollten, also eigentlich „gute Menschen“.

Nun hat sich der Gebrauch des Wortes mittlerweile aber verändert. Es ist zum Schimpfwort geworden.
Das ist ein interessanter Vorgang.
Ich weiß aus meiner Zeit im Parlament, daß das Wort „Gutmensch“ gern von Menschen in den Mund genommen wird, die es ablehnen, politische und wirtschaftliche Entscheidungen nach ethischen Gesichtspunkten zu beurteilen. Sie halten solches Denken für „Gedöns“, für unnütz, wenn nicht gar, für schädlich, jedenfalls für unangemessen.
Menschen, die kritische Nachfragen nach den tatsächlichen Folgen politischer und wirtschaftlicher Entscheidungen nicht länger dulden wollen, die eine „Herumnörgelei“, wie sie es bezeichnen, „satt haben“, bezeichnen jene, die dennoch darauf bestehen, daß politisches und wirtschaftliches Handeln nach mehr Kriterien beurteilt werden muß als nach pragmatischen, gern als „Gutmenschen“.
Gemeint ist: „halt endlich deine Klappe, du nervst“.

Nun also ist zu beobachten, daß sich offenbar solches Denken durchgesetzt hat: das Wort ist ein abwertendes Schimpfwort geworden.
Dies bedeutet ja wohl, daß sich jene als deutungsmächtig durchgesetzt zu haben scheinen, die der schlichten Pragmatik das Wort reden.
Es geht nicht an, daß „ständig“ mahnend an die Folgen kurzfristigen politischen Handelns erinnert wird.
Ökologen, Pazifisten, Menschen in Dritte-Welt-Gruppen – all diese werden gern von den Vertretern von Gewinn und Profit und kurzfristigem „Erfolg“ als „Gutmenschen“ bezeichnet.
Damit ist man fertig mit ihnen.
Man klebt ihnen jenes Etikett an die Stirn, brandmarkt sie damit – ähnlich dem Vieh, dem der Züchter sein Brandeisen ins Fell drückt – und versucht, sie auf diese Weise für „etwas spinnert“ zu erklären.
„Gutmenschen“ sind eben keine Realisten.
Solche „Träumer“ kann man nicht gebrauchen. Politik und Wirtschaft sind ein hartes Geschäft, nicht wahr, da geht es nach Mehrheiten und nicht darum, ob man „Recht“ hat.
Am Ende zählt „was unter dem Strich“ herauskommt; am Ende „zählen nur harte Zahlen“, nicht wahr.
Da kann man solche „Gutmenschen“ nicht gebrauchen.

Nun weiß die Psychologie, daß die Abwehr ein Anzeichen für ein eigenes Defizit ist.
Wenn also das Wort „Gutmensch“ in eher abwehrender, abwertender Bedeutung verwendet wird, deutet das darauf hin, daß derjenige, der es in diesem Sinne benutzt, sehr wohl wahrnimmt, daß sein eigenes Handeln möglicherweise nicht ausreichend begründbar ist und genauerem Nachfragen nicht standhalten würde.
Wer den anderen abwertet, tut es deshalb, weil er sich selbst damit aufwerten möchte, weil er ahnt, daß da etwas faul sein könnte bei ihm selbst.
Das Vor-Urteil funktioniert eben nach diesem Mechanismus. Im etikettierten anderen wehre ich den Anteil in mir ab, den ich selbst nicht sehen will.
Wohl, weil ich es nicht aushalten würde.

Wenn nun aber eine ganze Gesellschaft ein Wort in jenem abwertenden Sinne verwendet – wir sahen es eingangs -, dann sagt es eben etwas über diese Gesellschaft.
Wenn „Gutmensch“ im allgemeinen Sprachgebrauch zum Schimpfwort geworden ist, dann bedeutet dies, daß eine ganze Gesellschaft nicht zu sehen bereit ist, wozu ihr Verhalten führt, wenn sie sich wirklich kritisch selbst befragen würde.
Deshalb ist es leichter auszuhalten, diejenigen, die nicht selten mit klaren Worten und wachem Verstand auf die Folgen unseres Wirtschaftens und unserer an kurzfristigen Zielen orientierten, nicht selten nur noch mit „Schadensbegrenzung“ befassten Politik hinweisen, als „Gutmenschen“ zu diskreditieren.

Es ist ein wichtiges Wort.
Denn es weist auf einen Schatten hin.
Es mahnt.
Es ist unbequem.
Denn offensichtlich hat eine Gesellschaft, die das Wort vom „Gutmenschen“ in abwertender Intention verwendet, ein sicheres Gefühl dafür, daß am eigenen Handeln „etwas nicht stimmen“ könnte…..

Hier kommt das Bürgerradio – erstes Interview: Miriam Notten, Nimroz-Initiative

Miriam Notten von der Nimroz-Initiative
Miriam Notten von der Nimroz-Initiative

Das Internet macht’s möglich.
Wir kannten uns nur per mail, seit heute nun persönlich. Ich wollte Miriam Notten treffen, weil ich von ihrer Arbeit berichten und sie auf diese Weise unterstützen wollte.
Also hatten wir uns verabredet auf ein kleines Interview.
Im Café Maibach in Berlin.
Wir saßen in der Sonne und sprachen über Afghanistan, über Mevlana Rumi, über die ISAF und die etwa 20 Menschen, die jeden Tag ihr Leben verlieren…..
Immer politisch engagiert, bis sie merkte, daß all die vielen Interviews, Reden, die vielen Gespräche nicht wirklich etwas bewegen. „Ich wollte etwas Praktisches tun“ erzählt sie mir. Also ist sie über den Iran nach Afghanistan gereist, in ihre alte Heimat. Das war 2002. Seither fährt sie einmal im Jahr.
Eigentlich stammt Miriam Notten ja aus Kabul, „aber auch Nimroz ist meine Heimat“ sagt sie.
„Dem Taxifahrer hab ich gesagt: „Bringen Sie mich zur nächsten Schule!“ und dort bin ich zur Direktorin gegangen. Ja, so hat das angefangen“.
Über die Direktorin bekam sie Kontakt zum Gouverneur, der seither ihre Arbeit nach Kräften unterstützt. „Der Mann kam von der Nimroz-Front“ erzählt Frau Notten, das war die einzige nicht fundamentalistische Oppositionsgruppe dort.“
Sie hatte damals „gar nicht viel Geld“, nur etwa 13.000 Euro. Aber so eine Schule für 2.000 Schüler kostet etwa 23.000.
Also führte sie ein Grundprinzip ein: „Ich helfe euch, aber ihr müsst euch beteiligen.“
Der Gouverneur brachte das restliche benötigte Geld auf.
Die Schule wurde gebaut. Auch bei der zweiten Schule hat sich die regionale Regierung mit  50% an den Kosten beteiligt.
„Wissen Sie, nun wird die erste Generation unserer ersten Schule mit dem Abitur fertig. Sie glaube gar nicht, wie schön das für mich ist, das zu sehen!“

Im Juni 2012 wird Frau Notten wieder nach Nimroz fahren. Man kann sie begleiten, wenn man möchte! Die Tickets zahlt man selbst, aber um Unterbringung und Kontakte vor Ort kümmert sich Frau Notten. Ich habe sie gefragt, ob ich ihre e-mail-Adresse veröffentlichen dürfe. „Ja“ sagt sie, man kann mir ganz einfach eine mail schreiben. Die Adresse steht ja auch auf unserer Homepage.

„Wissen Sie, was mich geärgert hat?“ fragt sie und antwortet auch gleich:
„Als die Schule fertig war, kam die UNICEF und hat ein paar Spielgeräte für die Schule spendiert. Dafür hat sie aber ganz vorn im Eingangsbereich der Schule ein riesiges Schild errichten lassen, auf dem steht, daß die Spende von UNICEF ist. Nun denken die Leute, die ganze Schule sei von UNICEF…..“
Es ist nicht bei der Schule geblieben.
Mittlerweile ist die zweite Schule fertig. Bäckereien sind dazu gekommen, betrieben von Frauen – in der Schule zum Beispiel. „Da war eine Witwe, alleinstehend mit sechs Kindern. Ich hab ihr geholfen, in der Schule die Bäckerei einzurichten – nun kann sie nicht nur ihre Kinder ernähren, sondern kommt Schritt für Schritt über die Jahre zu einem kleinen bescheidenen Wohlstand.“
Andere Kleinprojekte sind dazugekommen: Mikrokredite zum Beispiel.
40 Familien unterstützt sie auf diese Weise. Alle kennt sie persönlich. Die Menschen verwenden die Kleinkredite zum Beispiel, um sich ein paar Kleintiere anzuschaffen, Ziegen oder Schafe etwa. Und dann kann eine kleine Herde wachsen. Frau Notten nimmt keine Zinsen auf den Kredit, der 2-3 Jahre „läuft“.
„Wie machen Sie das mit den Bürgschaften?“ will ich wissen.
„Ich spreche die Shoras an, die Provinzräte, die Autoritäten im Dorf; oder der Gouverneur muss bürgen, oder ein Dorfältester. Und das funktioniert. Denn die Menschen wollen ja nicht ihren guten Ruf riskieren. Das ist sehr zuverlässig.“
„Wenn ich noch mehr Geld zur Verfügung hätte, dann könnte ich helfen, daß die Menschen wieder Wasser haben. Durch die Provinz fließt ein großer Fluss, der größte Fluss Afghanistans, geteilt in zwei Arme. Und dazwischen gab es ein sehr feines Kanalsystem, das die Menschen zur Bewässerung ihrer Felder entwickelt hatten. Aber nun, nach dreißig Jahren Krieg, sind die Kanäle versandet.
Wenn ich nur einen Kanal wieder freilegen lassen könnte – dann würde das 200 Familien wieder Landwirtschaft ermöglichen!“ Und dann noch solar-Wasserpumpen dazu, um die Felder zu bewässern.
„Wissen Sie, Afghanistan hat ja eigentlich ausreichend Wasser, es kommt aus den Bergen. Aber es fließt eben nun ungenutzt in den Iran. Alle Flüsse Afghanistans fließen ins Ausland. Wenn wir einen Teil des Wassers wieder nutzbar machen könnten, das wäre eine große Sache!“

Nun, denke ich mir. Vielleicht kann ja das Internet ein wenig helfen.
Und die Netzwerke.
Deshalb hier nun dieser kleine Text.
Übrigens: daß Entwicklungszusammenarbeit in den Händen von Frauen besonders gut aufgehoben ist, kann man bei Miriam Notten sehr gut studieren!

Grade fand ich noch dies schöne Gedicht auf der Homepage von Miriam Notten:

Kinder der Freiheit
(Ein Gedicht von Azad) Afghanisches Kind
verwundetes Kind
afghanisches Kind
verbranntes Kind
schon gealtertes Kind
deine fragenden Augen
Menschen schweigen
deine schreienden Augen
die Menschen ignorieren es
afghanisches Kind
du streckst deine Hand aus
du liebst den Vogel
der Vogel explodiert
deine Hand reißt ab
die Welt ignoriert das
die Welt schläft
die Geschichte bleibt stehen
dein Blut, das fließt
verletzt die Erde
die Menschen ignorieren es
afghanisches Kind
Kind des Himmels
Afghanisches Kind
deine Augen erstarren
deine Augen fragen
die Menschen schweigen
die Menschen ignorieren das
afghanisches Kind
verlassenes Kind
freies Kind
afghanisches Kind
Kind der Freiheit

„…und der Zukunft zugewandt“ oder: etwas über das „Menetekel“

Eine Gruppe japanischer Journalisten wird nun in die Todeszone von Tschernobyl aufbrechen, um sich ein „Bild von der Zukunft“ zu machen.
So berichtete es am 4. April 2011 die abendliche „Tagesschau“.

Ist das eine mögliche Zukunft? Nicht nur in Nordost-Japan?
Leben wir in einer Zeit, in der man in „Todeszonen“ erfahren kann, wie es in Zukunft aussehen könnte?
Die Worte versagen angesichts dessen, was in und um Fukushima geschieht.
Die Sprache hat dafür keine Worte.
„Fukushima“ selbst wird zu einem neuen, mit Erfahrung erfüllten Wort werden, vielleicht gar zu einem Symbol.
Worte entstehen, wenn Menschen ihren Erfahrungen Ausdruck geben.
Worte transportieren Erfahrung.
Wenn sich der gesellschaftliche Kontext verändert, verlieren Worte Bedeutungsinhalte. Manchmal geraten Worte gar ganz und gar in Vergessenheit.
„Fukushima“ klingt schon heute, etwa drei Wochen nach der Katastrophe, nach vielerlei: es klingt nach tausendfachem Tod; es klingt nach Verantwortungslosigkeit; es klingt nach Hilflosigkeit von Regierung und Wirtschaftseliten; es klingt nach unaussprechlicher Not; es klingt nach unabsehbaren Folgen, es klingt nach Zeitenwende, es klingt nach millionenfachem Protest, es klingt nach Ende einer Entwicklung.
Das Wort trägt Bilder von gewaltigen Demonstrationen gegen Atomenergie in sich; es trägt Bilder einer entsetzlichen Katastrophe in sich. Zerstörte high-tech-Anlagen heißen „Fukushima“; das mit radioaktivem Wasser verseuchte Meer heißt „Fukushima“.
Nun also heißt Fukushima auch „Zukunft“.
Die japanischen Journalisten wollen – ziemlich genau 25 Jahre nach der Katastrophe von Tschernobyl – besichtigen, wie die Zukunft um Fukushima sein wird.
Schon vor 25 Jahren sprachen einige vom „Menetekel“. Jenes „Zeichen an der Wand“, das König Belsazar nicht „lesen“ konnte, weshalb er einen Deuter kommen ließ, denn sogar die Weisen des Hofes konnten die Schrift nicht lesen.
Der König sah diese Schrift „während eines Festes“ (wer wollte nicht sehen, daß wir mit unseren Industriegesellschaften „auf der Höhe des Festes“ angekommen sind) plötzlich an der Wand, wie uns die alten Schriften überliefert haben.
Es ist eine grandiose uralte Erzählung, überliefert im Daniel-Buch.
Blind ist der König, denn er kann „die Schrift nicht lesen“.
Untauglich sind die Weisen des Hofes, denn sie können „die Schrift nicht lesen“.
Alle „Ehtikkommissionen“ werden der „Königin“ nicht raten können. Alle „Fachleute“ werden nicht weiterwissen.
Wir können es sehen. Täglich.
Wie sie improvisieren und fummeln und ausprobieren und ratlos mit leerem Blick vor die Kameras treten, um all das Elend, das sich da ausbreitet gebetsmühlenartig als „harmlos“ und „für den Menschen ungefährlich“ zu klassifizieren.
Und täglich wird es schlimmer.

Diese japanischen Journalisten jedoch wollen dem Spektakel, das ihnen da Regierung und TEPCO täglich vor Augen führen (spectaculum!), nicht länger folgen.
Sie wollen sich „ein eigenes Bild“ machen von der Zukunft.

Deshalb fahren sie nach Tschernobyl.
Was für ein Vorgang!
Sie holen sich Rat auf einem Friedhof.
Sie wollen sich einstellen auf eine mögliche Zukunft in ihrer Heimat.
Weil sie den Oberen nicht mehr länger glauben wollen, nehmen sie Kontakt auf mit Menschen, die die „Zeichen“ zu „deuten“ wissen: sie suchen das Gespräch mit Menschen von Tschernobyl.

Spät in der Nacht finde ich einen ersten Bericht über diese Reise bei den Tagesthemen und füge ihn hier ein.

Es bombt sich so schön vom Sofa aus. Oder:etwas von der Glaubwürdigkeit

Die Deutschen ziehen neuerdings wieder gerne in den Krieg.
Genauer: sie finden es gut, wenn andre das tun.
Deshalb schelten sie die Regierung wegen eines Abstimmungsverhaltens, sagen dann aber: man hätte zustimmen sollen, und man hätte dann ja noch mal und irgendwie reden können nicht wahr, dass das vielleicht und so weiter doch nicht so ganz gut sein könnte, nun den Worten auch Taten folgen zu lassen, nicht wahr und deshalb die eigenen Soldaten dann mal doch besser zu Hause blieben beziehungsweise in Afghanistan.
Oder so ähnlich.
Aber im Prinzip finden viele Deutsche den neuen Krieg gut.
Jedenfalls, wenn man der veröffentlichten Meinung glauben kann.
Glaubt man den Gazetten und liest man die darin veröffentlichten Artikel zum Thema, dann finden es sehr viele gut, wenn die NATO nun Bomben „gegen den Diktator wirft“.
In Afrika.
„Zum Schutz der Zivilbevölkerung“ versteht sich.
Man ruft – schön bequem vom Sofa aus – „Freiheit! Freiheit!“ und „die Demokratie muss siegen!“ und dann wendet man sich wieder anderen Dingen zu.
„Gib mal noch ne Pulle Bier. Wat kommt’n in‘ Fernsehn?“
Die abendliche Serie wartet.
„Bring ma noch’n paar Chips mit!“.

Wenn man nun aber, nur mit Worten ausgestattet, auf einen Skandal hinweist, an dem auch die Deutschen einen nicht unmaßgeblichen Anteil haben, ihrer Agrarsubventionen wegen und ihrer Bereitschaft, billig einzukaufen – dann wird es sofort ruhiger auf dem Sofa. Dass es da einen Zusammenhang geben könnte zwischen dem Einkauf im Supermarkt am Wochenende und den Flüchtlingenaus Afrika, nein soweit reicht es dann doch nicht auf dem Sofa.
Nimmt man das Wort „Lampedusa“ in den Mund, dann vermuten etliche einen neuen Brotaufstrich oder gar eine Südfrucht womöglich.
Dass es sich bei „Lampedusa“ jedoch um das sichtbare Zeichen europäischer Verlogenheit und Unmoral handelt, ersichtlich daran, wie Europa mit den Flüchtlingen umgeht, das, nein, das ist dann doch zu unbequem nicht wahr, da wendet man sich dann doch lieber wieder der Fernsehserie zu.
Und den Kartoffelchips.

In Österreich liest man ja auch die Zeitung, nicht wahr. Ähnlich wie in Deutschland ist das da.
Man liest dort folgendes: da protestieren Flüchtlinge. Und sie rufen „Freiheit! Freiheit!“. Man liest weiterhin, die Zustände auf Lampedusa seien „menschenunwürdig„.

Daraufhin erhebt sich ein Sturm der Entrüstung in den Gazetten der europäischen Mitgliedsstaaten. Petitionen werden geschrieben. Die Leute gehen auf die Straße und verlangen von ihren Regierungen, dagegen einzuschreiten.
So träumte mir.
Es war ein schaler Traum.

Die Wahrheit ist: man schweigt.
Oder schreibt unter jenen Artikel aus der Zeitung merkwürdige Kommentare.

Die erzählen etwas von der Glaubwürdigkeit.

Ich traue den Deutschen nicht wirklich – etwas über das Internet

Vielleicht bin ich ja geschädigt. Hab mich mein mein ganzes waches politisches Leben lang mit dem Nationalsozialismus, seinen Ursachen und Folgen auseinander gesetzt.  Ich hab meine Abschlussarbeit an der Universität darüber geschrieben, mit sehr vielen Zeitzeugen gesprochen, unzählige Studien und Bücher dazu gelesen und ausgewertet.
Vielleicht hör ich ja deshalb schon das Gras wachsen. Aber vielleicht ist das auch gut so.
Der Lügenbaron ist also zurückgetreten. Die Kanzlerin beschimpft nun also weiter die Wissenschaft, die den Baron im wesentlichen zu Fall gebracht hat und meint, sie müsse sich „von niemandem“ Recht und Anstand beibringen lassen. Das sagt etwas. Über sie.
Das Kabinett ist umgebildet. Die Sache scheint erledigt.
Und doch macht sich der Eindruck breit, daß die Bevölkerung „der Politik“ schon lange nicht mehr traut.
Im Internet hat sich in einer solchen instabilen Situation innerhalb von zwei Tagen eine „Bewegung“ etabliert.
„Gegen die Jagd auf Dr. Karl-Theodor zu Guttenberg“ heißt die eine Plattform, die andere „Wir wollen Guttenberg zurück“.
Zusammen haben sie etwa 700.000 „Fans“. Das sind nicht alles echte Fans, sehr viele davon sind schlicht gekauft. Dennoch: da ist eine „Masse“ in Bewegung. Canetti hat darüber geschrieben.
Da gibt es also Leute mit Geld, die die Seiten pushen.

Und ich beobachte, daß die Seiten wachsen. Wie die Lemminge tragen sich immer mehr Menschen dort als „Fans“ ein – die hohe Zahl führt zu medialem Echo in den Prinmedien. Der „stern“ hat berichtet, die taz und andere Zeitungen auch. Wir kennen das aus zurückliegenden Kampagnen im Internet: es gibt eine wechselseitige Verstärkung der online- und der print-Medien. Je höher die Zahl der „Fans“ ist, um so größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß print und tv berichten. Und: sobald die berichten, steigt die Zahl der „Fans“.
Nun habe ich mir die Seiten einmal genauer angeschaut und finde, daß darauf rechtsradikale Propaganda getrieben wird. Da gibt es links, die heißen „Wir wollen Hitler wieder haben“. Da gibt es postins die heißen unter Bezug auf Guttenberg: „der begabteste Politiker seit Hitler ist zurückgetreten“ etc. pp.
Das ist nicht mehr lustig.
Wer sich in eine Debatte mit diesen „Fans“ begibt, wird aggressiv angegangen. Auf diesen Seiten geht es nicht um das Argumentieren. Deshalb ist der Versuch von Tissy Bruns im „Tagesspiegel“ zwar ehrenwert, aber vergeblich. Denn es geht gerade nicht um das Argument.
Es geht lediglich darum, eine möglichst große Masse zu erzeugen, um damit die mediale Aufmerksamkeit zu steigern.
Und es geht darum, auf diesen großen Seiten kostenlose Werbung für die Neue Rechte zu platzieren.
Das Internet wird zum Steigbügel für Nazis.

Nun versuchen zwar einige andere, eine eigene Gruppe „Wir sind gegen eine Rückkehr von Guttenberg“ zu etablieren. Das ist aller Ehren wert. Und es beginnt der „Kampf um Mehrheiten“.
Wer die meisten „Fans“ hat, so die Überlegung, der hat Recht.

Weit gefehlt.
Denn es geht der Neuen Rechten nicht um das Argument.
Es geht ihr um die Macht.
Die in der Bevölkerung tief verwurzelte Politikerverdrossenheit wird instrumentalisiert.
Gegen „die Politiker“ sind sie alle. Das ist mehrheitsfähig. Und auf dieses Holzpferd setzen die Rechten. Es ist ein Trojanisches Pferd.
Insofern hat Norbert Lammert Recht: das Verhalten von Guttenberg ist ein „Sargnagel für die Demokratie.“

Aus der Schweiz kommen besorgte Stimmen. Da werden Vergleiche angestellt zwischen dem Erstarken der Nazis mit Hitler und dem Rückhalt in der Bevölkerung, den zu Guttenberg hat.
Beides „verkrachte Intellektuelle“, der eine als „Weltkriegsgefreiter“ verhöhnt, der andere als „Betrüger“ entlarvt – und doch folgen ihnen die Massen.
Beide geübt im Verdrehen der Argumente: Schuld hat nicht der Täter, sondern der Ankläger.
Beide geübt im Umgang mit den Medien.
Denn: da gibt es mächtige Zeitungen und da gibt es Leute mit Geld, die sie stützen.
Man kauft sich das Volk. Man kauft „Fans“. Und erzeugt so mediale Aufmerksamkeit. Wir wissen aus den Anfängen der Naziherrschaft, daß die Verquickung von Medien, Geld und Beziehungen maßgeblich war für den Aufstieg des Verführers.
Die Deutschen haben „an ihn geglaubt„.
Wörtlich kann man in diesen Tagen Ähnliches über die deutsche Bevölkerung und zu Guttenberg lesen.

Manche sind der Ansicht, daß die beiden zitierten facebook-Seiten eigentlich eine bittere Satire seien.
Für mich ist das nicht so.
Ich halte diese Seiten für gefährlich. Und ich halte auch Guttenberg für politisch gefährlich, denn er ist in der Lage, die Bevölkerung zu verführen. Er ist ein Blender. Die Umfragen zeigen es.
Und ich traue diesen Deutschen nicht wirklich über den Weg.
Denn wir haben es nicht nur einmal erlebt, daß die Mehrheit den Verführern gefolgt ist – gegen jedes Argument.

Das Internet ist neutral.
Es gibt nur die Möglichkeit, daß sich Menschen miteinander verknüpfen. Aber durch diese Möglichkeit der blitzschnellen Verknüpfung  wird es zu einem politischen Instrument.
Nicht zuletzt der Aufstand der Akademiker (wann hat es das gegeben, daß innerhalb kürzester Zeit Tausende von Professoren öffentlich protestieren?), der mit Hilfe des Internets organisiert wurde, hat den Baron auf sein Schloß zurück geschickt.
Vorerst.
Denn heute schon sind die Stimmen unüberhörbar, die eine Wiederkehr wünschen.

Ich gehöre nicht zu ihnen.
Denn ich traue den Deutschen nicht wirklich.
Weil ich die Kraft des Internets kenne. Es ist ja gerade in diesen Tagen, an denen sich die „Internetgemeinde“ feiert, sie habe ganze Regierungen z.B. in Nordafrika gestürzt.
Wehe, wenn diese Macht den Falschen in die Hände fällt.

Nichts wäre mir lieber, als wenn ich mich irren würde.

Ich habe nur die Worte – etwas über das bloggen

Politik sei die „Einmischung in die eigenen Angelegenheiten“ hat mein Freund Jürgen Fuchs immer gern zitiert. Solche Einmischung ist notwendig und keine Frage des Alters. Auch zeitweilige Pensionäre wie ich können sich daran beteiligen.
Ich habe kein Amt, ich habe kein Mandat – aber ich habe die Worte. Und das ist viel.
Denn jetzt – in meiner Sabbath-Zeit – habe ich ausführlich Muße zum Lesen, zum recherchieren, zum Verdichten der Argumente. Sehr viel mehr Ruhe und Zeit als ich es je im Berufsleben hatte. Ich genieße das sehr. Und mische mich ein. In die „eigenen Angelegenheiten“.
Zum Beispiel in den Streit um den Bundesverteidigungsminister. Ich mische mich ein in den Streit um die Werte Europas. Ich mische mich ein, wenn es darum geht, endlich gehbare Wege zu einer Weltinnenpolitik zu finden, die den armen Ländern dieser Welt etwas mehr Gerechtigkeit angedeihen lässt.
Ich habe nur die Worte. Aber das ist sehr viel.

Seit über einem Jahr befasse ich mich nun mit den Chancen und Möglichkeiten, aber auch mit den Gefahren des Internets und der sozialen Netzwerke. Ich lerne täglich dazu.
Wenn ich morgens an den Rechner gehe, beginnt der Unterricht. Es ist ein learning by doing, ein sehr praxisorientierter Unterricht.

Mittlerweile kann ich ein wenig auf diesem neuen Instrument spielen, so, wie ich in den Pausen auf meinem Flügel spiele, der nebenan im Wohnzimmer steht. Mir steht mittlerweile eine gewisse Fingerfertigkeit zur Verfügung. Das kommt vom Training….

Täglich staune ich über die Kraft des Internets und der sozialen Netzwerke. Ich beobachte in diesen Tagen, wie sich nun allmählich etwas sehr Besonderes ereignet: der Widerstand der Akademikerschaft gegen einen Lügner im Amt des Bundesverteidigungsministers.
Da gibt es das Wechselspiel zwischen klassischen Medien (Rundfunk, Fernsehen, print) und den sozialen Netzwerken. Sie befruchten sich gegenseitig, korrigieren sich, kommentieren sich, nehmen Anteil und Einfluß aneinander und aufeinander. Und beeinflussen damit natürlich auch das Geschehen in Parlament und Regierung.

Blogger haben eine große Kraft und großen Einfluss, denn sie können sich gegenseitig in Sekundenschnelle unterstützen. Blitzschnell wird aus einem einzelnen posting eine ganze Welle im Netz.
Wenn sie authentisch sind. Denn die Währung des Internets ist Authentizität.

In diesen Tagen, in denen die NATO über eine Invasion in Nordafrika nachdenkt; in diesen Tagen, in denen die deutsche Wissenschaft ihren guten Ruf zu verteidigen hat gegenüber einem Hochstapler und Verführer im Amt eines Bundesministers; in diesen Tagen hat das bloggen und posten eine besondere Aufgabe: es kann dazu dienen, dem mainstream entgegenzuwirken.
Die community wendet sich gegen die von der BILD behauptete Meinungsführerschaft. Und sie hilft, die Ehre der deutschen Wissenschaft zu verteidigen.
Ein offener Brief junger Promovenden an die Kanzlerin findet innerhalb weniger Tage viele Zehntausend Unterzeichner und verleiht dem Anliegen dadurch große Resonanz.
Eine Stellungnahme von über tausend Professoren findet innerhalb kürzester Zeit europaweite Verbreitung.

Ich habe nur die Worte.
Und einen Computer.
Und ein wenig politische Erfahrung.

Das Internet ist ein wunderbare Möglichkeit der politischen Teilhabe. Ich arbeite gern mit den neuen Medien. Ich lerne tägliche neue, interessante Menschen auf diesem Wege kennen, kann mich mit ihnen austauschen, argumentieren, zuhören. Es ist eine sehr große Bereicherung in meinem Leben.

Blogger sind keine „jungen Spinner“, wie es mancher in der Politik gern hätte.
Blogger sind Staatsbürger ohne Uniform. Aber mit Computer.

Unsere Demokratie kann dieses wunderbare Instrument der Teilhabe wirklich sehr gebrauchen gegenüber denen, die glauben, sich die Republik einfach kaufen zu können.
Wir werden ihnen unseren Widerstand entgegensetzen.
Diese Republik ist nicht käuflich!

Mit den vereinigten Armeen gegen Flüchtlinge …. etwas über die christlichen Grundwerte Europas

Still und klammheimlich kommt der Krieg. Man nennt ihn „Manöver“. Im April soll es beginnen. NATO-Generalsekretär Rasmussen hatte schon in der vergangenen Woche darauf hingewiesen, daß „einige der Aktionen“ dieses „Manövers“ „UN-Mandat haben sollten“. Das lässt nichts Gutes ahnen.
Heute ist zu erfahren, daß Amerika und NATO „prüfen“, die Überflugsrechte über Libyen einzuschränken. Damit verbunden ist die Aufkündigung eines Nichtangriffpakts zwischen Italien und Libyen, versteckt in einem „Freundschaftsvertrag“, der nun „ausgesetzt“ ist.
Zwei deutsche Fregatten sind bereits ins „Einsatzgebiet“ unterwegs, wir erfuhren in der vergangenen Woche davon. Ein Mandat des Bundestages gibt es dafür nicht.
Aber, das scheint ja auch egal zu sein, denn soetwas kann man sich ja noch nachträglich besorgen. Im Denken des NATO-Generalsekretärs wird ja deutlich, wie die Reihenfolge ist: „einige Aktionen sollten ein UN-Mandat haben“….sagt er. Und meint: na, dann „besorgen“ wir uns eben eins…..
Wie im verlinkten Text der „Süddeutschen“ zu sehen ist, laufen die außenpolitischen Aktivitäten auf höchsten Touren. Auch der Bundesaußenminister meint, „darüber“ müsse man „zunächst mit der UN reden“. Aber dann wird das schon. Und, wie die Italiener meinen: „keine Option ist ausgeschlossen“. Also auch eine Invasion nicht.

Worum geht es im Kern?
1. Man will die Flüchtlingsströme möglichst in Afrika halten. Sie dürfen auf keinen Fall nach Europa kommen. Denn das würde den europäischen Frieden nun doch sehr gewaltig stören. Die reiche Welt will die Folgen ihrer Politik nicht sehen. Denn: die europäische Agrarsubventionspolitik, die Waffenhilfe, die Öl-Geschäfte – all das hat mit dazu beigetragen, daß es eine große Ungerechtigkeit und Armut in Afrika gibt. Europa hat einen großen Anteil an der Armut in Afrika. Wenn nun die Flüchtlinge aus Nordafrika nach Europa wollen – dann geht das zu weit. Wer will schon gern an seine eigenen Fehler erinnert werden. Deshalb sollen die Flüchtlinge in Afrika bleiben.

2. Man will weiterhin von den nordafrikanischen Öl-Quellen profitieren. Und man wird auch an den Agrarsubventionen nichts ändern. Europa will im Grunde weitermachen wie bisher. Nur eben: die Flüchtlinge stören.

3. Irgendwie muß „das da“ politisch stabilisiert werden. Deshalb wird von den Strategen gern davon gesprochen, es ginge um die „Sicherung der Demokratie“. Man verbreitet die Nachricht, eine NATO-Invasion finde ja nur statt, um „die Opposition“ zu stärken. Ah ja. Man ist dankbar für einen solch erklärenden Hinweis.

4. es geht also darum, daß die reiche Welt mit Hilfe ihrer vereinigten Armeen, die in der NATO zusammengeschlossen sind, eine Invasion in Afrika vorbereitet, um die Flüchtlinge möglichst in Afrika zu halten und doch den Zugang zu den Rohstoffen weiterhin zu sichern. Deshalb ist natürlich damit zu rechnen, daß die ganze „Aktion“ ein UN-Mandat bekommen wird. Klar. Denn die reiche Welt hat in der UN den größten politischen Einfluss.

Diese Invasion, die da derzeitig ganz im Stillen vorbereitet wird, während sich Deutschland über gewisse Promitionsverfahren aufregt, wird die Zustimmung in der deutschen Bevölkerung finden. Denn schließlich will niemand Flüchtlinge in der Nachbarschaft sehen. Sie stören den Sonntagsfrieden.
Schließlich will man weiterhin billige Bananen und Kaffee kaufen. Und man will weiterhin in Ruhe gelassen werden im reichen Europa…..da stören die Flüchtlinge einfach.

Daß die Vorbereitungen zur Invasion der reichen Welt in Nordafrika zu einem Zeitpunkt kommen, in denen peak-Oil überschritten ist, hat natürlich keinerlei Bedeutung. Es geht selbstverständlich überhaupt nicht darum, die letzten noch vorhandenen Öl-Reserven zu sichern. Nein, niemals! Es geht um die „Sicherung der Demokratie“ und die „Stärkung der Opposition“! So steht es in der Zeitung…..

Dieser sich abzeichnende Konflikt zeigt mit ungewohnter Direktheit und Brutalität den völligen moralischen Ausverkauf Europas und Nordamerikas.
Niemand redet gegenwärtig von einer eigentlich notwendigen Neuordnung der Weltmärkte. Niemand redet von der Abschaffung der europäischen Agrarsubventionen, niemand redet von der eigentlich notwendigen Unterstützung der nordafrikanischen und anderen afrikanischen Länder beim Aufbau einigermaßen tragfähiger wirtschaftlicher Strukturen.
Nein.
Es ist banaler: die Flüchtlinge dürfen nicht nach Europa, aber das Öl soll weiter fließen.

Das sind die eigentlichen Werte des christlichen Abendlandes.
Der Umstand, daß in der NATO nur Nationen verbunden sind, die sich „christlich“ nennen und auf „christlichen Grundwerten“ stehen, macht die Sache nicht besser.
Der Umstand, daß muslimische Länder oftmals zu den armen Ländern der Erde zählen, macht die Sache nicht besser.

Die reiche, christliche Welt, gegen die ärmere, muslimische Welt?
Geht es darum? Wird im Konflikt um Nordafrika eigentlich diese Schlacht geschlagen?
Wenn es so wäre, hätte Europa jetzt schon verloren.

„Niemand hat die Absicht…..“ oder: was macht ausgerechnet die NATO in Libyen?

Diplomaten drücken sich gern zurückhaltend aus. Weshalb man genau auf die Worte achten muss.

NATO-Generalsekretär Rasmussen formuliert: „Ich möchte zum Ausdruck bringen, daß die NATO als solche keine Pläne hat, in Libyen zu intervenieren. ….aber „einige Aktionen sollten ein UN-Mandat haben.“
Weshalb zu fragen ist: Was macht ausgerechnet die NATO in Liybien? Weshalb das Militärbündnis?
Was hat man vor?

Wir wissen seit vergangener Woche, das deutsche Kriegsschiffe in die Region unterwegs sind. Die offizielle Begründung heißt, sie seien nötig, um die etwa 160 Deutschen aus dem Lande zu holen. Ein Flugzeug habe man geschickt, das 100 Deutsche ausfliegen solle.
Weshalb also schickt man nicht ein zweites Flugzeug, sondern mehrere Kriegsschiffe?

Nun, Rasmussen formuliert: „bislang liegt keine Anfrage für einen NATO-Einsatz vor…..“.
Ich kenne das.
Das sagen Diplomaten, wenn sie genau diese Anfrage vorbereiten.
Sie sagen es zu einem Zeitpunkt, wenn sich die NATO auf eine solche Anfrage bereits vorbereitet.

Wir haben es in Afghanistan gesehen, wir haben es im Irak gesehen, wir haben es in Bosnien gesehen.
„Uns liegt noch keine Anfrage vor“.
Das ist der direkt Hinweis, daß diese Anfrage demnächst kommen wird.

Was also vollzieht sich da gerade?
Nordafrika brennt. Regierungen stürzen. Besonders dramatisch ist die Situation im Öl-Land Libyen.
Es fällt auf, daß die NATO jetzt erst „aktiv“ wird.
Sie wurde es nicht, als es um Marokko ging, nicht, als Ägypten den Diktator stürzte. Aber jetzt.
Denn: Libyen hat Öl.

Gleichzeitig bringt Europa FRONTEX in Stellung, jene Polizeieinheit, die vor allem Flüchtlinge abwehren soll. Auch deutsche Polizisten sind bei FRONTEX dabei.

Wir nehmen weiterhin wahr, daß die NATO beabsichtigt, sich aus Afghanistan zurückzuziehen. Die Dänen beginnen 2011 mit dem Rückzug, die Amerikaner ebenfalls, die Deutschen haben den Beginn des Abzugs für 2011 angekündigt.
Nun jedoch „liegt noch keine Anfrage“ wegen Libyen vor.

Weshalb reagiert das militärische Bündnis auf die Konflikte und nicht die europäische Außenpolitik?

Es liegt auf der Hand: es geht um Öl.

Deshalb frage ich die Abgeordneten des Deutschen Bundestages:
gibt es ein Mandat für die Entsendung von deutschen Kriegsschiffen Richtung Libyen?
Was weiß das Parlament über die Planungen der NATO?
Beabsichtigt das Parlament, einem UN-Mandat für ein „Engagement“ der NATO in Nordafrika die Zustimmung zu erteilen?

Noch zeichnen sich die Dinge erst unscharf ab, aber die Richtung ist deutlich.
Deshalb ist es gut, diese Fragen rechtzeitig zu stellen.

Ich teile nicht alle Einschätzungen und Urteile, die im folgenden blog-Beitrag geäußert werden, aber ich teile diesen blog-Beitrag, weil die Quellen gut zitiert sind, auf die er sich bezieht. Es ist eine kleine Hilfe zum Nachlesen.
Dass ich nicht gerade beruhigt bin, wenn in einer solchen Situation ein nachweislicher Lügner und Hochstapler das Amt des Bundesverteidigungsministers inne hat, brauche ich sicher nicht extra zu erwähnen…..

Zur Verteidigung der guten Wissenschaft in Deutschland – eine Streitschrift

Lange Jahre war ich auf Bundesebene mitverantwortlich für die Wissenschaftspolitik in Deutschland. Als Abgeordneter der Deutschen Bundestages im Forschungsausschuss, als stellvertretender forschungspolitischer Sprecher und als Parlamentarischer Staatssekretär. Es ist an der Zeit, sich schützend vor die gute Wissenschaft in Deutschland zu stellen. Denn offensichtlich sind die derzeitige Forschungsministerin und auch die Kanzlerin dazu nicht bereit. Der Verbleib eines Betrügers im Amt eines Bundesministers schadet dem Wissenschaftsstandort Deutschland auf fundamentale Weise.

Solange die Kanzlerin einen Minister, der die Wissenschaft auf betrügerische Weise geschädigt und sich seinen Doktortitel durch Betrug erschleichen wollte, im Amt lässt, solange ist jedes Reden der Kanzlerin, Bildung und Wissenschaft seien der wichtigste Rohstoff für die Volkswirtschaft und entscheidender Standortfaktor nichts als leeres Gerede.

Denn hier geht es nicht um eine Bagatelle. Nicht derjenige, der den Betrug kritisiert, kriminalisiert das Verhalten des Ministers, sondern derjenige verhält sich schädlich, der durch Betrug versucht, sich akademische Titel zu erschleichen.

Was macht die Bundesforschungsministerin? Sie schweigt. Und sie vergeht sich damit an der guten Wissenschaft in Deutschland.
Was macht die Kanzlerin? Sie schweigt und lässt den Minister im Amt – ein Schlag gegen alle, die sich um gute Bildung und Wissenschaft in Deutschland bemühen. Ein Schlag ins Gesicht all derer, die durch ausgezeichnete Forschung und akkurate wissenschaftliche Leistungen den Wohlstand in unserem Industrieland sichern.
Denn, wenn der Betrüger im Amt bleibt, ist dem Betrug in Wissenschaft und Forschung Tor und Tür geöffnet. Dann ist künftig alles egal. Dann darf kopiert, abgeschrieben, betrogen werden, ohne daß es Folgen hätte.
Das darf nicht passieren!

Unser Industrieland braucht eine exzellente und nach strengen Kriterien arbeitende Wissenschaft die der Mensch die Luft zum Atmen.
Ich war etliche Zeit Senator der Fraunhofer-Gesellschaft.
Deshalb weiß ich, wie zentral wichtig die Qualitätssicherung in der Forschung ist. Der globale Wettbewerb ist mittlerweile so hart geworden, daß nur noch höchste Qualität in der Lage ist, denn Wettbewerb zu bestehen. Raubkopien, Plagiate, billige Nachahmung der internationalen Mitbewerber machen dem Wirtschaftsstandort Deutschland schwer zu schaffen.
Es gibt nur einen Weg, diesen Wettbewerb zu bestehen: höchste Qualität in Wissenschaft und Forschung.
Deshalb ist es richtig, wenn die Lehrer, Hochschullehrer und Professoren bei ihren Schülern und Studenten von der Schule an streng auf exaktes, strengen wissenschaftlichen Kriterien genügendes Arbeiten achten.
Deshalb ist es richtig, wenn schon von der Schule an die kleinsten Versuche, durch Betrug oder Abschreiben zu „Ergebnissen“ zu kommen, streng bestraft werden.
Denn: es geht um den Wirtschaftsstandort (!) Deutschland. Nur exaktes, strengen Kriterien genügendes wissenschaftliches Arbeiten ist in der Lage, den globalen Wettbewerb zu bestehen.
Das muss in allen Bereichen gelten: in der Schule, in der Fachhochschule, an der Universität, in der Forschung.

Wenn die Kanzlerin und ihre schweigende Forschungsministerin nun einen Minister im Amt lässt, der sich offensichtlich durch Fälschung und Betrug den akademischen Grad eines Doktors der Wissenschaften zu erschleichen versucht hat – dann ist künftig alles Kopieren, Abschreiben, Betrügen und Mogeln eine Bagatelle, dann kommt es künftig „nicht mehr so drauf an“.

Die Bildungs- und Wissenschaftslandschaft in Deutschland ist gut. Und die deutschen Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen haben international einen guten Ruf. Einigen Universitäten gelingt es mittlerweile sogar, international im Wettbewerb mit den besten Universitäten der Welt zu konkurrieren. Das ist aber nur möglich, wenn auf höchste Standards geachtet wird.
Die Max-Planck-Gesellschaft, die Fraunhofer-Gesellschaft, die Gemeinschaft der Helmoltz-Zentren, die Institute der Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz, die Universitäten und Fachhochschulen – sie alle brauchen exaktes wissenschaftliches Arbeiten als entscheidendes Kriterium, um im internationalen Wettbewerb überhaupt bestehen zu können.
Wer schummelt, abschreibt, kopiert und sich Ergebnisse zu erschleichen versucht, wird nicht bestehen können gegen Yale und Oxford, gegen Oulu in Finnland und die starken Hochschulen in der Schweiz.

Deshalb geht es um keine Bagatelle.
Die Entwicklung des MP3-Standards durch ein Institut der deutschen Fraunhofer-Gesellschaft ermöglicht einen Jahresumsatz von mehreren Milliarden Euro.
Es ist die Entwicklung eines Professors mit seinem Team.
Man kann an diesem Beispiel sehen, wie zentral wichtig gute Wissenschaft für den Wirtschaftsstandord Deutschland ist.
Wissenschaft und Forschung leisten einen entscheiden Beitrag zu unserem Wohlstand.

Deshalb ist Wissenschaft keine Bagatelle.

Die Kanzlerin ist aufgerufen, einen nachweislichen Betrüger aus höchsten politischen Ämtern zu entfernen. Denn er hat versucht, sich akademische Lorbeeren durch Betrug anzueignen.
Es genügt nicht, wenn der Titel aberkannt ist. Denn solange er im Amt bleibt, ist sein betrügerisches Verhalten weiter legitimiert.

Die Bundesforschungsministerin ist aufgerufen, sich entschieden, klar und unmißverständlich vor die gute Wissenschaft in Deutschland zu stellen.
Wenn sie weiter schweigt, schädigt sie den Wissenschafts- und Forschungsstandort Deutschland auf unverantwortliche Weise.

„…eine Million Fliegen kann sich nicht irren“ – etwas über Sponti-Sprüche, Mehrheiten und das Internet.

„Leute, fresst Scheiße, denn eine Million Fliegen kann sicht nicht irren!“.
Das ist ein alter Sponti-Spruch. Mein Vater hat ihn immer gern zitiert während der Zweiten Diktatur, als sie alle mitmarschierten und ihre Fähnchen schwenkten und nur wenige noch da waren, die nicht bereit waren, ihren Kopf nur dazu zu verwenden, damit der neue Hut passt.
In Zeiten von online-Befragungen und Abstimmungen in Zeitungen hat er nichts an seiner tiefen Wahrheit eingebüßt.
Die „breite Unterstützung in großen Teilen der Bevölkerung“, frisch dokumentiert beispielsweise in der BILD, verführt die Kanzlerin sogar dazu, einen Hochstapler im Amt zu lassen.
Nun sind Mehrheiten ein hohes Gut in einer Demokratie. Ganz ohne Zweifel.
Aber: Mehrheiten lassen sich organisieren. Und sie lassen sich manipulieren.
Im Internet-Zeitalter scheint das ganz besonders schnell zu gehen. Wie sich gezeigt hat, wurden viele Tausend Stimmen von „Fans“ auf einer Seite, die den Hochstapler unterstützen soll – schlicht gekauft. Stimmen lassen sich kaufen. Es ist wie in einer finstren Diktatur irgendwann im vorigen (?) Jahrhundert hinter irgendeinem Busch in Timbuktu.
Die „moralische Rechtfertigung“ eines Hochstaplers versucht mancher durch die Beobachtung zu gewährleisten, daß „über 900“ Menschen bei einer Versammlung in Süddeutschland dem Hochstapler „zugejubelt“ hätten.
Umfragen haben – gerade vor Wahlen – immer eine besondere Aufmerksamkeit. Denn: Mehrheiten scheinen ein Garant dafür zu sein, daß man „richtig liegt“.
Wer die Mehrheit hat, hat Recht.

So scheint es.
Denn: Mehrheiten lassen sich organisieren und sie lassen sich manipulieren.
Es gibt zahlreiche Beispiele aus der jüngeren deutschen und internationalen Geschichte, die diesen Satz belegen.

Nun wissen wir seit gestern, daß in Deutschland Macht vor Moral geht.
Ein Hochstapler wird im Amt gelassen, weil er aus machttaktischen Gründen wichtig ist. Er habe die „Unterstützung großer Teile der Bevölkerung“.
Wir wissen auch seit gestern, daß sich der Hochstapler für die Unterstützung einer einflussreichen Zeitung mit der Schaltung einer teuren Anzeigenkampagne revanchiert.
Die Manipulation von Mehrheiten hat ausgereicht. Die Sache hat funktioniert.

So scheint es.
Und es steht zu befürchten, daß dieses Beispiel Schule macht.
Denn in einer Medien-Demokratie wie unserer reagieren die Menschen besonders schnell auf wechselnde Mehrheiten.
Der „main-stream“ ist entscheidend. Und die Bereitschaft, sich dem „main-stream“ anzupassen, ist enorm ausgebildet.
Wer im „main-stream“ mitschwimmt, ist nicht in der Gefahr, als „Außenseiter“ abgestempelt zu werden. Der „main-stream“ gibt Sicherheit.

So scheint es.
Denn es hat sich in der Vergangenheit gezeigt: die wirklich wichtigen Menschen für den Erhalt von Moral, Anstand, Aufrichtigkeit – und schließlich auch für politische Courage und Mut waren die wenigen.
Das war nicht nur so während der Zeit des Nationalsozialismus, als eine „breite Mehrheit in der Bevölkerung“ für den Hochstapler Hitler gestimmt hat, das war in der zweiten Diktatur so, als nur wenige anlässlich des 40. Geburtstags der größten DDR der Welt mit einem Rosa-Luxemburg-Zitat den Anfang vom Ende einläuteten.
Das war auch so, als Castellio gegen Calvin ins Feld zog: das Gewissen des Einzelnen gegen die Gewalt einer scheinbaren Mehrheit. Stefan Zweig hat großartig von diesem Konflikt geschrieben.
Das Schielen nach Mehrheiten gehört zur Demokratie.
Aber: es ist auch gefährlich.
Wie man aktuell sehen kann.
Denn wenn die Sicherung von Mehrheiten zum alleinigen Maßstab für politisches Handeln wird, dann sind der Verrottung von Anstand und Sitte Tor und Tür geöffnet.
Die causa Guttenberg ist nur ein weiterer Beleg für diesen Satz.

Was ist notwendig?
Bildung.
Nicht verstanden als Wissens-Vermittlung, sondern als Heranbildung einer selbständig denkenden, kritischen, selbst-bewußten Persönlichkeit, die in der Lage ist, die eigene Meinung aufrecht und gerade zu vertreten und die auch bereit ist, für die eigene Überzeugung Nachteile in Kauf zu nehmen.
Das kann die Schule nicht. Jedenfalls nicht die normale, auf „Leistung“ getrimmte Kaderschmiede unserer Tage.
Es scheint, als seien auch nur noch wenige Eltern in der Lage, ihre Kinder in einem solchen Sinne zu bilden.

Ich teile die Sorgen vieler Menschen, die sich in diesen Tagen äußern.
Die Angst um sozialen Abstieg, die mangelnde Fähigkeit, zu eigenen Überzeugungen wirklich zu stehen und dafür Verantwortung zu übernehmen, die zunehmende Unübersichtlichkeit gesellschaftlicher und politischer Prozesse – all das verstärkt die Sehnsucht der Menschen, sich in Mehrheiten aufgehoben zu fühlen.
Die Bereitschaft solch verunsicherter Menschen, sich anzupassen, nimmt weiter zu.
„Führer befiehl – wir folgen“. Wir kennen diesen Satz aus nicht allzu weit entfernter Vergangenheit.
Wir wissen aus der zweiten Diktatur, wie groß die Bereitschaft war, den neuen Verführern zu folgen.
Und wir sehen nun, wie groß die Bereitschaft vieler ist, sogar erwiesenen Hochstaplern weiter zu folgen.

Die politischen Heiratsschwindler und Hochstapler unserer Zeit wissen genau, wie man damit umgeht.
Sie hegen und pflegen diese Bereitschaft zur Unterwürfigkeit.
Gegebenenfalls revanchieren sie sich bei großen Zeitungen, die ihnen bei der „Sicherung von Mehrheiten“ behilflich sind, durch das Schalten von Anzeigen. Gegen cash versteht sich.

Die Hochstapler versuchen, sich die Republik zu kaufen.
Je länger ich politisch aktiv bin und mich in die Belange unserer Gesellschaft einmische, je unheimlicher wird mir dieser Versuch der politischen Heiratsschwindler und Hochstapler, die Demokratie durch „strategische Partnerschaften“ mit führenden Massenmedien zu untergraben.
Ich hoffe auf die kritischen Geister, die sich nicht nur mit irgendwelchen Spielchen in den Netzwerken tummeln, sondern die verstehen, daß sie mit social media ein politisches Werkzeug zur Verfügung haben, das mit helfen kann, den Totengräbern der Demokratie das Handwerk zu legen.