So manch einer glaubt, das Ende der DDR sei mit den großen Demonstrationen des Jahres 1989 in Leipzig und Berlin gekommen. Die historische Wahrheit ist eine andere. Es gab eine „Bewegung hin“ zum Ende der DDR. Nicht ohne Einfluss darauf waren kirchliche Großveranstaltungen wie Kirchentage, Landesjugend-Sonntage, Werkstätten und ähnliche Formate.
Die „Jugendversammlung“ vom 12. – 15. Mai 1988 in Gotha gehört ganz sicher in die Reihe der Großveranstaltungen, die durch ihre Breitenwirkung ihren Beitrag zum Ende der DDR geleistet haben.
Im Folgenden sollen nun Dokumente über jene Versammlung zur Verfügung gestellt werden, allesamt aus meinem Privatarchiv. Die Idee ist, dass ehemalige Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Projekt, die über eigene Erinnerungen und Dokumente verfügen, diese hier im blog anfügen und ergänzen können, damit allmählich ein ungefähres Gesamtbild entstehen kann. Ich beginne mit den eigenen Dokumenten.
Es handelt sich um drei Arten:
1. Protokolle der Vorbereitungstreffen zur Jugendversammlung (sowohl maschinenschriftlich als auch handschriftliche Notizen)
2. Dienstpost zwischen Landesjugendpfarrer Jürgen Friedrich (Eisenach) und den mit der Vorbereitung befassten Mitarbeitern
3. Material von der Versammlung selbst
4. Reaktionen. Vor allem die der Staatssicherheit. Die Reaktionen der Stasi auf die Jugendversammlung entnehme ich zu einem späteren Zeitpunkt meiner Stasiakte, die unter der Bezeichnung „OV Schwarz“ geführt wurde.

Wir beginnen die Dokumentation mit den Vorbereitungen zur Versammlung.
Der erste Brief von Landesjugendpastor Jürgen Friedrich an mich stammt vom 10. Februar 1987.

Die Vorbereitungen zur Jugendversammlung begannen mehr als ein Jahr vorher. Zunächst waren wir drei angesprochen: Pastor Diethard Kamm, Stadtjugendpfarrer Ariberth Rothe (Erfurt) und ich. Die Sache war kompliziert, weil Erfurt nicht zur Thüringischen Landeskirche gehörte, also „über Landesgrenzen hinweg“ kooperiert werden musste.
Die Arbeitsbedingungen waren schlecht: ich verfügte nicht mal über ein Telefon (was die Stasi zu verhindern wusste), weshalb wichtige Absprachen schriftlich per Brief erfolgen mussten, oder ich musste zu jemandem gehen, „der ein Telefon hatte“. In der Johannisstraße 14 in Jena, wo sich meine Dienstwohnung befand, konnte ich eine Etage tiefer zur Diakonie telefonieren gehen – dort allerdings hörte die Stasi mit, wie wir mittlerweile wissen.
Drucken konnte man nichts, denn dafür waren staatliche Druckgenehmigung erforderlich. Wir waren darauf angewiesen, entweder mit „Durchschlägen“ (Schreibmaschinenblätter mit unterlegtem Blaupapier) oder mit „Matrizen“ zu arbeiten, die aber maximal 50 Abzüge erlaubten. (woraus sich die sehr schlechte Qualität etlicher Dokumente erklärt). „Gute Matrizen“, Wachsmatrizen also, hatten wir nur, wenn uns ein edler Spender aus der Patengemeinde versorgt hatte, wir hüteten diese besonderen Matrizen sorgsam.
Im Grunde mussten alle Arbeitsmaterialien selbst hergestellt werden. Der Button zum Beispiel, der noch Ärger mit dem Staat brachte:


Das Thema der Jugendversammlung war: „Umkehr führt weiter“. Man warf uns später vor, dieser Finger auf dem Button zeige „in Richtung Westen. Das sei eine Aufforderung zum Verlassen der Republik“ und andere Seltsamkeiten. Christhard Wagner, der gleich ins Spiel kommt, weiß mehr darüber zu berichten.

Diethard Kamm (Creuzburg) sagte zu, im Team mitzuarbeiten und brachte gleich noch jemanden mit: den damaligen Kreisjugendpfarrer Christhard Wagner.

Wir haben uns schon bald getroffen. Meine handschriftlichen Notizen von jenem Treffen zeigen, wie sehr wir um jedes Detail ringen mussten. Wir standen vor einem leeren Blatt Papier, hatten einen Arbeitsauftrag, eine Großveranstaltung für Jugendliche zu entwerfen, die irgendwie in einem Zusammenhang mit dem geplanten Kirchentag stehen sollte. Alles Weitere war unklar. Schon der Titel der Veranstaltung musste erst entstehen, wie das Protokoll sehr schön zeigt. Wir einigten uns schließlich auf „Jugendversammlung“. Und, da wir befürchteten, es könne eine „Veranstaltung von oben“ (der kirchlichen Mitarbeiter also) werden – dann war der entscheidende Gedanke geboren: „Ein Delegiertenprinzip wäre gut“. In meiner handschriftlichen Notiz vom 23. 3. 1987 liest sich das so:

Dieses „Delegiertenprinzip“ war uns aus kirchlichen Zusammenhängen vertraut, waren doch unsere Synoden durch gewählte Synodale besetzt. Im Konflikt und in der Auseinandersetzung mit dem Staat jedoch hatte dieses „Delegiertenprinzip“, also die „Basisorientierung“ etwas überaus Verdächtiges, denn es führte dazu, dass die Jugendversammlung mit einer gewissen Legitimierung sprechen konnte. Man muss auch sehen, dass die kirchliche Jugendarbeit prinzipiell verdächtig war, denn nach Auffassung von Margot Honecker kam die Bildung und Bindung der Jugend ausschließlich dem Staate zu.
Nun musste ein Veranstaltungsort gefunden werden. Landesjugendpfarrer Jürgen Friedrich kümmerte sich darum und frage in Gotha an. Dort musste der Gemeindekirchenrat über die Sache befinden und entschied sich, „prinzipiell“ als Gastgeber zu fungieren.

Wir wussten also am 16. April 1987, etwa ein Jahr vor der Veranstaltung, für welche Räume wir planen konnten. Etwa zeitgleich kündigte Jürgen Friedrich „den staatlichen Stellen“ unser Vorhaben an, denn es war davon auszugehen, dass nun eine ganze Reihe von „Gesprächen“ zwischen Staat und Kirche stattfinden würden. Wir sind so offen wie möglich mit unseren Planungen dem Staat gegenüber umgegangen, denn wir wussten, dass wir bespitzelt wurden und wir hatten keine Geheimnisse.

Das Thema von Kirchentag und Jugendversammlung war ein Skandal in den Augen des Staates.
Denn unsere Planungen für die beiden Großveranstaltungen fanden in einem Umfeld statt, dass von zunehmender Kritik am Staat, „aufmüpfigen Ausreisewilligen“ und vor allem von den Veränderungen in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow geprägt war. Während Gorbatschow die Sowjetunion „ausfegte“ und für „Perestroika und Glastnost“ eintrat, hielt die DDR-Obrigkeit krampfhaft am Bestehenden fest und dachte nicht im Traum daran „umzukehren“.
Der Ruf zur „Umkehr“ ist nun aber ein uralter jüdisch-christlicher Ruf schon aus der Zeit der Propheten. Wir waren also in sehr sicherem Gelände, als wir dieses Motto für die Großveranstaltungen wählten.
Er führte allerdings im Kontext der „real existierenden DDR“ in den Jahren 1987/88 zu starken Konflikten. 1987 konnten wir noch nicht sehen, was im Januar 1988 geschehen würde: die Rosa-Luxemburg-Demonstration in Berlin nämlich, bei der etliche Oppositionelle verhaftet und später ausgewiesen wurden. Es flammten überall im Lande „Fürbittandachten für die zu Unrecht Inhaftierten“ auf, die sich rund um die Friedensgebete zahlreicher Kirchgemeinden bildeten, die schon seit langen Jahren und meist in sehr kleinem Kreis üblich waren. Plötzlich aber wuchsen diese „Friedensgebete“ auf immer größere Teilnehmerzahlen, der Konflikt zwischen Basisgruppen, Kirche und Staat eskalierte, verschärfte sich; die kirchlichen Räume wurden zu klein – die Menschen gingen auf die Straßen.
Das aber ist ein kleiner Vorgriff, der aus dem Rückblick auf jene Jahre erlaubt ist.
Wir schließen diesen ersten Beitrag Anfang des Jahres 1987. Eine kleine Vorbereitungsgruppe hatte sich gefunden (Aribert Rothe, Stadtjugendpfarrer Erfurt; Diethard Kamm, Jugendpfarrer Creuzburg; Christhard Wagner als Kreisjugendpfarrer; Ulrich Kasparick, Stadtjugendpfarramt Jena); wir hatten eine Idee, wie die Veranstaltung heißen könnte: „Jugendversammlung“ nämlich. Und wir wussten, wo die Sache stattfinden konnte.
Nun begann die Arbeit.

3 Gedanken zu “Vom Ende der DDR. Die Ökumenische Jugendversammlung vom 12. – 15. Mai 1988 in Gotha (1)

  1. super spannend, danke für Teilen, freu mich auf die nächsten Folgen…..gut das Du das der Nachwelt so erhälst Liebe Grüsse Stefan

    1. immer gern. Jetzt, knapp eine Generation später, ist es an der Zeit, die Dokumente zur Verfügung zu stellen, damit keine Legenden entstehen oder bereits bestehende etwas korrigiert werden können.

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